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E-Book

Rom

Eine musikalische Entdeckungsreise

AutorAndreas Pehl
VerlagLambert Schneider
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl160 Seiten
ISBN9783650730855
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis15,99 EUR
Komponierende Stararchitekten, eitle Gesangsvirtuosen und triumphierende Dirigenten: Das musikalische Rom bot vielen eine Bühne. Klangvolle Namen wie Palestrina, Händel, Mozart, Mendelssohn, Berlioz und Puccini waren darunter. Andreas Pehl, selbst Opern- und Oratoriensänger, hat sich auf den Weg gemacht, die großartige Musikstadt neu zu entdecken. Sechs Spaziergänge führen ihn zu den wichtigsten Schauplätzen des musikalischen Lebens quer durch die Jahrhunderte. Informationen zu Werk und Wirken der Musiker werden durch Wissenswertes aus Geschichte und Kunstgeschichte ergänzt. Zeitgenössische Kupferstiche lassen das historische Rom lebendig werden. Mit Hörempfehlungen zu allen Epochen!

Andreas Pehl studierte Theologie und Musik. Er ist Opern- und Oratoriensänger und leitet seit seiner Studienzeit Reisen nach Rom und Sizilien. Regelmäßige Tätigkeit als freier Autor für BR Klassik und Bayern2.

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Leseprobe

1. Spaziergang


Palestrina


Komponist und Geschäftsmann im Schatten des Petersdoms


S. Maria Maggiore – Palazzo del Quirinale – Kapitol – Villa Farnesina – Gianicolo – Petersdom

Am 2. Februar 1594 starb Giovanni Pierluigi da Palestrina im Alter von 68 Jahren in Rom in seinem Haus in der Via dell’Armellino. Noch am selben Abend wurde sein Leichnam in den Petersdom gebracht, begleitet von den Sängern der päpstlichen Kapelle, allen Musikern der Stadt und unter großer Anteilnahme der Bevölkerung. Er fand dort seine Ruhestätte in der Cappella Nova an der Seite seiner ersten Frau Lucrezia, seiner Söhne Rodolfo und Angelo, vier seiner Enkelkinder und seines Bruders Silla. Sein Leichnam war in einen Bleisarg mit der Aufschrift „Joannes Petraloysius Praenestinus musicae princeps“ gelegt worden – Fürst der Musik. Einzig der Ort seiner Bestattung war alles andere als fürstlich: Die Cappella Nova war bereits dem Abriss geweiht und sollte dem Hauptschiff des neuen, gewaltigen Petersdomes weichen.

Schon 1452 hatte man den baufälligen Zustand der alten Peterskirche aus dem 4. Jahrhundert erkannt, 1506 hatte dann Papst Julius II. den Grundstein zum Neubau gelegt – und mit dem entsprechenden Ablassbrief einen der Auslöser der Reformation geschaffen. Seitdem zankten sich Päpste, Kardinäle, Architekten und Bauleiter um die Baupläne. Diese Großbaustelle war Sinnbild der Macht, aber auch des großen Umbruchs in der katholischen Kirche, ein steinernes Zeugnis der Kirchenspaltung.

Das Engagement der Päpste für die Kunst und ihre oftmals überbordende Sucht nach Glanz und Prunk hatte Palestrina meist zu seinen Gunsten nutzen können. Durch geschickte Schachzüge war es ihm gelungen, seinen Ruhm Stück für Stück auszubauen und für die Nachwelt zu zementieren. Daneben hatte er es immer verstanden, als geschäftstüchtiger Unternehmer durch kluges Wirtschaften seine Güter zu vermehren. Die Baustelle des Petersdomes hatte er dabei zeitlebens im Blick.

Und so, wie die Bauarbeiten an der Peterskirche sein Wirken in Rom lebenslang begleiteten und beeinflussten, so ließen sie ihn auch nach seinem Tod nicht los. Bei der Errichtung der heutigen Chorkapelle wurde 1615 sein Grab zerstört, der Sarg mit den sterblichen Überresten ging dabei verloren.

Doch nicht nur bei seinem Grab verlieren sich die Spuren schnell in den Windungen der Geschichte, auch die Zeugnisse seines privaten Lebens – fest verwurzelt in der ewigen Stadt – sind so spärlich, dass man nur schwer ein Bild des Musikers erhält, der bereits zu Lebzeiten eine Legende war, als Retter der Kirchenmusik stilisiert, zur Personifikation der Renaissancemusik und zum Vorbild aller Kirchenmusik nach ihm wurde – und als der römischste aller Komponisten gilt.

Geboren wurde Palestrina um 1525/26 möglicherweise im Stadtteil Monti im Herzen Roms. Sein Vorname: Giovanni, lateinisch Joannes. Sein Familienname: Pierluigi, lateinisch Petraloysius. Heute wird fast ausschließlich seine Herkunftsbezeichnung da Palestrina, lateinisch Praenestinus, als Name verwendet.

Über dem Petrusgrab stand zu dieser Zeit eine beeindruckende Bauruine. Nach einer fast zwanzigjährigen Pause an der größten Baustelle der Stadt hatte die Natur langsam wieder Besitz von den mächtigen Vierungspfeilern ergriffen, die Bramante errichtet hatte. Drohend standen die grasbewachsenen, einsturzgefährdeten Bögen über den Resten der teilweise noch intakten Basilika von Alt-Sankt-Peter, als wollten sie diese verschlingen. Der niederländische Maler Marten van Heemskerck hat dieses Bild in einer seiner Skizzen während seines Romaufenthalts ab 1532 festgehalten, auf der die bewachsenen Mauern zu erkennen sind. Über dem Papstthron und dem Petrusgrab hatte man zum Schutz eine provisorische Kapelle errichtet, nachdem 1506 das Dach der alten Kirche über der Vierung abgetragen worden war. Die Altarkerzen erloschen unter freiem Himmel und mehrfach mussten die liturgischen Feiern wegen Regen abgebrochen werden.

Abb. 1: Marten van Heemskerck: Blick von Norden auf St. Peter. Berlin, Kupferstichkabinett, Heemskerck-Skizzenbücher I, fol. 13r.

Aufgewachsen ist Palestrina wahrscheinlich in der Kleinstadt Palestrina, knapp 40 Kilometer östlich von Rom, denn es gab einen triftigen Grund für die Familie, die Ewige Stadt zu verlassen: den Sacco di Roma. Am 6. Mai 1527 waren deutsche Landsknechte und spanische Söldner in Rom eingefallen und hatten die Stadt geplündert.

Papst Clemens VII. hatte sich im Krieg um die Herrschaft über die reichen Städte Oberitaliens auf die Seite Franz I. von Frankreich und gegen Karl V., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, gestellt. Daraufhin fielen 24.000 wütende und disziplinlose Landsknechte, die Karl V. als Söldner verpflichtet hatte, quasi führerlos in die Ewige Stadt ein. Die marodierende Meute raubte, vergewaltigte, folterte, schändete Kirchen und tötete bis zu 40.000 Menschen. Das Resultat: leichengepflasterte Straßen, Anarchie, ein Schaden von 10 Millionen Dukaten (etwa 1,5 Mrd. Euro), eine durch Seuchen nahezu unbewohnbare, hungernde Stadt. Das Petrusgrab war aufgebrochen, der Papst eingeschlossen in der Engelsburg. Das gesamte Abendland war verstört. Wie konnte es sein, dass Menschen zu derartigen Taten fähig waren?

Möglicherweise hat der kleine Giovanni in Palestrina von all dem nur wenig mitbekommen. In der beschaulichen Kleinstadt war er von Kindesbeinen an von Musik umgeben, von Volksmusik, volkstümlichreligiöser Musik, aber auch zeitgenössischer polyphoner Kirchenmusik und gregorianischen Gesängen. An der Kathedrale S. Agapito in Palestrina gab es ein reiches musikalisches Leben. Die Bischöfe der Stadt stammten aus den großen Adelsgeschlechtern Roms, wie etwa Andrea della Valle. Dieser wurde 1534 Erzpriester der Basilika S. Maria Maggiore und nahm den jungen Palestrina als Sängerknaben zur Ausbildung mit in die große Stadt. Sieben Jahre nach der Plünderung, einem schweren Hochwasser und einer sich anschließenden Malariaepidemie blühte Rom wieder auf und zelebrierte sich und seine wiedererlangte Stärke und Pracht: „Roma resurgens“, eine Stadt, die auch wieder in die Künste investierte. Geistliche wie weltliche Musik war allgegenwärtig.

Machen wir uns nun auf den Weg, Palestrinas Spuren an seinen Wirkungsstätten und im Rom seiner Zeit zu entdecken. Es ist ein Spaziergang, der immer wieder neue Blicke auf den Petersdom freigibt, auf den Dreh- und Angelpunkt in Palestrinas Leben und Schaffen. Unsere erste Station ist die Basilika S. Maria Maggiore. Im Chor dieser Kirche erhielt Palestrina im Alter von etwa 8 Jahren seine erste Gesangs- und Musikausbildung.

Der Legende nach erschien die Jungfrau Maria dem römischen Patrizier Johannes und Papst Liberius in der Nacht auf den 5. August 356 und beauftragte sie, ihr zu Ehren eine Kirche an der Stelle zu errichten, an der des Morgens Schnee liege. Tags darauf war der Esquilinhügel mit einer Schneedecke überzogen. An dieses Wunder wird jedes Jahr erinnert, indem auf die Gläubigen weiße Blütenblätter aus der Kassettendecke herabregnen. Tatsächlich hängt der Bau der Kirche mit einem kirchengeschichtlichen Ereignis zusammen: 431 wurde auf dem Konzil von Ephesus Maria als Mutter Gottes proklamiert. Einzigartig sind an den Seitenwänden die Mosaiken aus dieser Zeit.

Der Überlieferung nach ist das Gold der Kassettendecke das erste Gold, das aus Amerika nach Europa kam. Isabella und Ferdinand von Spanien hatten es Papst Alexander VI. geschenkt. Große Verehrung genießt das Gnadenbild Salus Populi Romani in der Cappella Paolina im linken Seitenschiff, eine Marienikone, die der Überlieferung nach der Apostel Lukas gemalt haben soll.

Das erste Dokument, das Palestrinas Namen erwähnt, ist ein Versorgungsvertrag zwischen dem Kapitel der Kirche S. Maria Maggiore und dem Kantor Giacomo Coppola aus dem Jahr 1537, in dem von einem „Ioannes de pelestrina“ als Sängerknabe die Rede ist. Die Knaben, die mit etwa sieben Jahren dem Chor beitraten, erhielten als Ausgleich für ihre Dienste im Chor von S. Maria Maggiore, der Cappella Liberiana, Unterkunft, Verpflegung, Kleidung und Ausbildung. Sie lernten Grammatik, Latein, Gregorianik und polyphonen Gesang, Kontrapunkt und Komposition. Gemeinsam mit hauptberuflichen Sängern taten sie hier in der Kirche täglich Dienst im Rahmen der Liturgie. Auch einige andere Kirchen Roms unterhielten solche cappelle, die renommierteste darunter war der Privatchor des Papstes, die Cappella Pontificia. In ihm sangen als einzigem Chor Roms keine Knaben. Die Sopran- und Altpartien wurden von Countertenören und ab der Mitte des 16. Jahrhunderts zunehmend von Kastraten übernommen. Diesem Chor gehörten die renommiertesten Musiker der Zeit als Sänger an, darunter Guillaume du Fay oder Josquin des Prez. Letzterer hatte von der Sängerkanzel der Sixtinischen Kapelle für Papst Alexander VI. Borgia gesungen und – dort heute noch zu sehen – seinen Namen in den Putz geritzt.

Die Kapellmeister der Stadt waren auch als Komponisten tätig und standen in der Tradition der sogenannten franko-flämischen Schule. Deren Vertreter hatten die...

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