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E-Book

Rotlichtkrieg

Auf Leben und Tod gegen die Hells Angels

AutorGianni Sander, Marc-André Rüssau
Verlagriva Verlag
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl224 Seiten
ISBN9783864132896
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis15,99 EUR
Gianni Sander will in Hamburg das große Geschäft machen. Sein Saunaclub 'Tropicana' soll das beste Bordell in der Hansestadt werden. Als Partner holt er die Hells Angels in den Laden. Ein Fehler: Schnell merkt er, dass die Rocker keine Partnerschaft wollen, sondern das alleinige Sagen. Als Gianni sich wehrt, wird der 30-Jährige im 'Tropicana' niedergeschossen und überlebt weitere Mordanschläge nur knapp. Als sich Gianni dann mit einem türkischen Rotlicht-Paten verbündet, der ebenfalls Rache an den Höllenengeln nehmen will, bricht ein offener Krieg aus: auf der einen Seite Gianni und die Türken, auf der anderen Seite die Hells Angels und die Albaner. In diesem Buch schildert zum ersten Mal ein aktiver Rocker und Zuhälter die Machtstrukturen im deutschen Rotlichtmilieu, in dem noch immer Millionen umgesetzt werden. Ein Menschenleben zählt da nichts.

JAN 'MIAMI GIANNI'SANDER, 34, fing mit 17 als Türsteher in Düsseldorf an, stieg dann in den Drogenhandel ein und wurde einer der mächtigsten Bosse im Rotlichtmilieu. In Hamburg eröffnete er einen Saunaclub und konkurrierte mit den Hells Angels und den Albanern um die Vorherrschaft, bis ein wahrer Krieg um Geld, Frauen und Einfluss ausbrach. Heute lebt er im Ruhrgebiet, wo er einen neu gegründeten Motorradclub unterstützt. MARC-ANDRÉ RÜSSAU, 32, ist Redakteur bei Bild am Sonntag. 2008 und 2009 recherchierte er im Hamburger Rotlichtmilieu und lernte so Gianni Sander kennen.

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Leseprobe

Aus der Hölle


Beim Frühstück im Internat sitzen wir 25 Jungs an einem Tisch im Speisesaal. Auf dem Tisch stehen kleine Schüsseln mit Nutella, Marmelade, Schokostreuseln. Jeder kann zugreifen, aber das Angebot ist natürlich begrenzt. Wenn 25 Jungs von den Streuseln essen, ist die Schüssel irgendwann leer. Wie bei einem Rudel Hunde frisst der Stärkste zuerst. Und für den 15. in der Hackordnung ist dann eben nichts mehr übrig. Der Barmherzige achtet darauf, dass etwas übrig bleibt. Aber der Egoist schlingt nur noch schneller, weil er nicht will, dass die anderen etwas abbekommen.

Am gierigsten von uns ist Markus. Er ist einer der Stärksten in unserer Gruppe, ein Psychopath, es bereitet ihm die größte Freude, die schwächeren Kinder zu quälen.

Eines Morgens wagt es Paul, ein Junge, der neu in der Gruppe ist, sich an der Schüssel mit den Streuseln zu bedienen. Paul ist klein und schlaksig, ein vorsichtiges und ängstliches Kind. Mit uns anderen hat er noch kaum Kontakt aufgenommen. Zu den Streuseln greift er wohl nur, weil er nichts über unsere Rangordnung weiß. Er hätte sich sonst sicherlich nie getraut, die Stärkeren zu provozieren. Das weiß Markus auch, aber er sieht die Chance gekommen, seine sadistische Neigung mal wieder an einem Schwächeren auszuleben.

Für alle hörbar sagt er zu Paul: »Wenn das Essen vorbei ist, werde ich dich schlachten.«

Die Erzieherin, die uns beaufsichtigt, interessiert sich nicht weiter dafür. Sie will das wohl einfach nicht hören. Weggucken ist schließlich bequemer, als sich einzumischen. Paul rührt nichts mehr vom Essen an. Er sitzt nur zitternd auf seinem Stuhl. Als alle fertig gegessen haben, müssen die Erzieherinnen ihn mehrfach ermahnen, vom Tisch aufzustehen und zu uns anderen zu gehen.

Es gelingt Paul den ganzen Tag, Markus aus dem Weg zu gehen. Aber am Abend, als wir auf unsere Zimmer müssen, nimmt sich Markus Paul dann vor. Er jagt den panischen Jungen quer über den Gang, treibt ihn in sein Zimmer. Da verprügelt er das wehrlose Kind. Als eine Erzieherin Pauls Schreie hörte, geht sie dazwischen.

»Was ist los?«, fragt sie.

Markus schaut sie wütend an, denn er ist enttäuscht, dass sein Gewaltexzess früher vorbei ist als gedacht. Dann sagt er: »Er hat mich beklaut. Er hat meine Sammelbilder genommen.« Die Fußballbilder aus den Hanuta-Packungen sind bei uns Jungs damals ein begehrtes Gut.

»Stimmt das?«, fragt die Erzieherin den verstörten Paul streng.

Der weiß, dass die Erzieherin wenig Interesse daran hat, sich für ihn einzusetzen. Und er kennt nun Markus, der ihn schlimm misshandelt hat, und ahnt, was ihm die nächste Zeit blühen wird, wenn er die Wahrheit sagt. Also gibt er sich einen Ruck und antwortet: »Ja, das stimmt.«

»Gib sie ihm zurück«, fordert die Erzieherin ihn auf und geht aus dem Zimmer. Uns andere Jungs, die auf dem Gang stehen, um das Spektakel mitzuerleben, schickt sie in die Betten. Damit ist die Sache für sie erledigt. Markus raunt Paul zu: »Wenn du was sagst, kriegst du es noch mal.«

Ich spüre Hass auf Markus in mir aufsteigen und auf die Erzieher, die ihn nicht stoppen. Mir wird klar, dass ich die Dinge selbst regeln muss, wenn ich für Gerechtigkeit sorgen will. Also beschließe ich, Markus’ Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Er soll es auch bei mir versuchen. Und das wird ihm nicht gut bekommen.

Beim nächsten Frühstück setzte ich mich Markus direkt gegenüber. Ich schaue ihm in die Augen, damit er das, was nun kommt, als Kriegserklärung versteht. Dann greife ich zu den Streuseln. Ich sehe, dass Markus das Blut vor Wut in den Kopf steigt. Doch er traut sich noch nichts zu sagen.

Später, beim Zähneputzen, stellt er sich im Waschraum an das Waschbecken neben mich. Er tritt gegen mein Bein. Einmal, zweimal, dreimal …

Dann packe ich seinen Hinterkopf, greife in seine Haare, schlage ihn mit dem Gesicht auf den gusseisernen Wasserhahn. Das geht so schnell, dass Markus sich nicht abstützen kann. Ungebremst knallt er gegen das Eisen. Er bleibt mit der Wange am Wasserhahn hängen, seine halbe Backe wird aufgerissen. Sein Blut spritzt über das weiße Waschbecken.

Markus kommt ins Krankenhaus, seine Wange muss genäht werden. Als er zurückkommt, ist er verändert. Zwar ist er weit davon entfernt, ein guter Mensch zu sein, der mit den Schwächeren teilt. Aber er ist vorsichtiger geworden. Er weiß, dass es auch für ihn Grenzen gibt.

Wie er sich im Waschraum verletzt hat, sagt er niemandem. Ich werde also nie von den Erziehern bestraft. Wenn du dich für eine gerechte Sache einsetzt, kommst du eben meistens damit durch.

Ich wurde in einem Boot auf dem Mittelmeer gezeugt. Mein Vater schmuggelte mit mehreren Segelbooten Zigaretten, Waffen, Kokain, Menschen – eigentlich alles, was Geld brachte. Als meine Mutter von Bord und zurück nach Deutschland ging, war mein Vater kurz darauf mehrere Wochen nicht erreichbar. Die spanischen Behörden hatten ihn aufgegriffen und in den Knast gesteckt, es gab wohl einigen Klärungsbedarf. Meine Mutter musste also warten, bis er sich freigekauft hatte. Erst dann konnte sie ihm die frohe Botschaft übermitteln, dass ich unterwegs war. Mein Vater nahm das zum Anlass, ihr einen Heiratsantrag zu machen.

Die beiden hatten sich im Zug aus der Schweiz nach Düsseldorf kennengelernt. Meine Mutter war in St. Gallen im Internat und auf dem Weg zu ihren Eltern, was mein Vater in Deutschland wollte, weiß ich nicht.

Mein Vater ist ein syrischer Christ. Seine Familie hatte über Jahrhunderte gelernt, sich als christliche Minderheit im arabischen Raum zu behaupten. Da war es überlebenswichtig, sich Wege am Rand der Legalität zu suchen. Klug, aufrecht, aber manchmal eben auch illegal. Wenn meine Vorfahren sich schon den Glaubensgesetzen der Herrscher nicht unterwarfen, warum dann deren weltliche Gesetze befolgen?

Die Dinge manchmal nicht ganz nach dem Wortlaut des Gesetzes zu regeln, habe ich wohl eher von der Familie meines Vaters. Meine Mutter stammte aus einer Architektenfamilie, ihr Vater hatte einige bedeutende Bauten hochgezogen und bekam in den 70er-Jahren das Bundesverdienstkreuz verliehen. Sie war behütet aufgewachsen, ein ordentliches Mädchen. Aber die ordentlichen Mädchen verlieben sich nun mal gern in die wilden Jungs.

Allerdings hielt meine Mutter den Lebensstil meines Vaters nicht lange aus. Während sie allein mit dem Baby in einer Dreizimmerwohnung saß, fuhr mein Vater in der Welt herum, um seine Geschäfte zu regeln. Als ich drei Jahre alt war, ließ sie sich scheiden. Mein Kontakt zum Vater beschränkte sich in der Folge darauf, hier und da gemeinsam am Wochenende zu McDonald’s zu gehen oder in den Zoo. Er sagte mir einmal, dass er auch nicht genau wisse, warum die Ehe gescheitert sei. Als Kind hört man so etwas gerne.

Vielleicht wäre meine Kindheit trotzdem ganz okay gewesen, hätten es nicht Freunde meiner Mutter so übermäßig gut mit uns gemeint. Die konnten die arme, alleinerziehende Mutter in ihrem Freundeskreis einfach nicht ertragen. Da musste doch ein Mann ins Haus. Und irgendeinem fiel dann mein späterer Stiefvater ein, wahrscheinlich kannten sie sich aus dem Rotary-Club oder vom Golf. Seine Frau war an Krebs gestorben, er war Witwer mit zwei Kindern und als Direktor einer Bergbau-Schachtanlage äußerst wohlhabend.

Fix wurden die beiden verkuppelt. Der reiche Witwer und die junge Alleinerziehende aus gutem Haus. Es passte so gut. Aber für mich hat da das Drama angefangen.

Die beiden heirateten und mein Stiefvater kaufte uns einen alten Bauernhof an der niederländischen Grenze. Er steckte viel Geld in die Renovierung, schließlich musste ja alles standesgemäß aussehen. Von außen betrachtet war dann auch alles super. Breite Einfahrt mit hellen Kieseln, dicke Autos in der Garage, jedes Kind hatte sein eigenes Zimmer. Materiell fehlte es an gar nichts. Nur was im Haus passierte, das passte nicht zur Fassade, und meine Eltern haben auch alles dafür getan, damit das niemand mitbekam.

Wir hatten Pferde, Ponys, sogar Hühner und Enten. Weil meine Mutter meinem Stiefvater gesagt hatte, dass das ihr Traum wäre: mit einer großen Familie und Tieren zusammenzuleben. Ganz häuslich.

Was natürlich Quatsch war. Meine Mutter langweilte sich sehr schnell als Hausfrau. Also fuhr sie mit dem Porsche, den ihr mein Stiefvater gekauft hatte, durch die Stadt und machte die Männer verrückt. Sie war jung, hatte braune Haare, blaue Augen und tolle Kurven. Sie hatte also ausreichend Auswahl für ihre zahlreichen Affären. Nur ein paar Abenteuer, von denen ich weiß, weil ich sie mitgekriegt habe: der Klavierspieler vom 50. Geburtstag meines Stiefvaters. Der Chauffeur. Der Kellner des Lieblingsrestaurants meines Stiefvaters in dem Ort in Spanien, in dem wir öfters Urlaub machten.

Außer an der Rumvögelei hatte meine Mutter eine perfide Freude daran, einen Keil zwischen mich und meinen Stiefvater zu treiben. »Er hasst dich, weißt du?«, sagte sie gerne zu mir. »Er ist so eifersüchtig.«

Da war, das weiß ich heute, nichts dran. Denn meinem Stiefvater war ich herzlich egal. Wir Kinder bekamen sowieso nicht viel von ihm mit. Wenn er abends heimkam, setzte er sich vor den Videotext und schaute sich Aktienkurse an. Dabei machte er eine Flasche Wein auf und war dann schnell nicht mehr ansprechbar. Aber ich glaubte meiner Mutter natürlich, welches Kind glaubt seiner Mutter nicht? In all den Jahren in dem Haus hatte ich stets das Gefühl, dass mein Stiefvater mich misstrauisch beäugte.

Für meine Mutter hatte meine Unsicherheit natürlich einige Vorteile. Ich musste mich...

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