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E-Book

Russland

Orientierung im Riesenreich

AutorManfred Quiring
VerlagCh. Links Verlag
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl208 Seiten
ISBN9783862842308
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis4,99 EUR
Manfred Quiring, seit über 30 Jahren journalistisch in Moskau tätig, schildert faktenreich, wie sich der Alltag des Riesenreiches in den letzten Jahren rasant gewandelt hat. Er beschreibt den Kontrast zwischen neuem Reichtum und verbreiteter Armut, zwischen Traditionalisten und westlich orientierten Reformern sowie zwischen der Metropole Moskau und der Provinz. Zugleich erklärt er aber auch, was man die 'russische Seele' nennt, welche Rolle der Wodka im Zusammenhang mit Gastfreundschaft spielt und warum die russischen Frauen als die schönsten gelten. Anhand der reichen Anekdotenkultur des Landes macht er manches verständlich, was auf den ersten Blick eher Kopfschütteln auslöst. Seine Tipps und Erklärungen helfen all jenen, die das Land bereisen oder einfach besser verstehen wollen.

Jahrgang 1948; aufgewachsen in Berlin; nach kurzem Zwischenspiel als Eishockeyspieler Journalistik-Studium in Leipzig, ab 1973 Redakteur der 'Berliner Zeitung' und zweimal deren Korrespondent in Moskau (1982-1987 und 1991-1995); er bereiste die ehemalige Sowjetunion von Kaliningrad bis nach Kamtschatka, von Norilsk bis nach Turkmenien, und erlebte alle Wechsel im obersten Staatsamt live in Moskau; 1989/90 ein Jahr Korrespondent der Nachrichtenagentur ADN in Athen, Korrespondent der 'Welt' von 1998 bis 2010 in Moskau.

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Leseprobe

Vorwort


Eine schwarze Krawatte und eine große Kiste Toilettenpapier gehörten zu meiner Ausrüstung, als ich im Sommer 1982 zum ersten Mal für längere Zeit nach Moskau reiste. Beides erwies sich als überaus nützlich. Im November starb Staats- und Parteichef Leonid Breschnew. Das Poltern seines Sarges, der dem Beisetzungskommando aus den Händen geglitten war und krachend in die Grube fuhr, habe ich noch heute im Ohr. Dem greisen Staats- und Parteichef folgten innerhalb von drei Jahren mit Juri Andropow und Konstantin Tschernenko zwei ebenfalls alte und kranke Generalsekretäre sowie zahlreiche weitere Mitglieder des gerontokratischen Politbüros. Deren Beisetzungen auf dem Roten Platz erforderten auch die Anwesenheit der Medien, die Investition in den schwarzen Halsschmuck amortisierte sich.

Auch das Toilettenpapier hatte ich nicht vergebens transportiert. Gehörten derlei Artikel zu sowjetischer Zeit doch zum permanenten »Defizit«. Trat der Ausnahmefall ein, und es gab überraschend eine Lieferung, liefen die Moskauer mit Girlanden aufgefädelter Klopapier-Rollen um den Hals nach Hause.

Mein geistiges Gepäck erwies sich als weniger hilfreich. Meine Kenntnisse waren gespeist aus propagandistischen Versatzstücken, in denen Begriffe wie Ruhm, Heroismus, Fünfjahrplan und Kollektivwirtschaft einen großen Raum einnahmen. Sowjetbürger, wie die Einwohner des inzwischen untergegangenen Landes in der DDR genannt wurden, schienen mir aufgrund der trockenen Berichte der DDR-Medien langweilig und weitgehend humorlos. Ein Vorurteil, das sich im sowjetischen Alltag sehr schnell auflöste.

In der UdSSR, und das gilt mit einigen Abstrichen auch im heutigen Russland, blühte der scharfsinnige politische Witz. Das pfiffige Spiel mit Worten, leider in vielen Fällen nicht übersetzbar, hatte Hochkonjunktur. Besonders beliebt waren die fiktiven »Anfragen an der Sender Jerewan«. So fragt ein Hörer den Rundfunksender: »Kann man in der Schweiz den Kommunismus aufbauen?« Antwort: »Im Prinzip ja, aber schade um die Schweiz.« Überhaupt war die Kluft zwischen der kommunistischen Realität und den Versprechungen von einer »hellen kommunistischen Zukunft« ständiger Quell neuer Anekdoten, die man sich weitgehend offen erzählte. So klagt ein alter Bolschewik gegenüber einem Gleichaltrigen: »Nein, nein, mein Lieber, den Kommunismus werden wir nicht mehr erleben. Aber die Kinder, um die tut es mir leid.« Repressionen waren in den achtziger Jahren wegen dieser Anekdoten kaum noch zu befürchten. Es sei denn, man bot der Staatsmacht als Dissident die Stirn. Es herrschte eine unausgesprochene Übereinkunft: Ihr da oben kümmert euch um eure Angelegenheiten, wir hier unten um unsere. Oder in der Sprache eines politischen Witzes ausgedrückt, der auch in der DDR bekannt war: »Ihr da oben tut so, als würdet ihr uns bezahlen, und wir tun so, als würden wir arbeiten.«

Dass die politische Meinung selbst innerhalb der herrschenden Eliten nicht so monolith war, wie es nach außen den Anschein hatte, war ebenfalls eine überraschende Erkenntnis. Bei einer privaten Abendgesellschaft nahm mich der kulturpolitische Beobachter der Staatszeitung »Iswestija« ins Gebet. Nadein erklärte mir zu vorgerückter Stunde, die Teilung Deutschlands sei nur provisorisch. Es wäre lediglich eine Frage der Zeit, wann die beiden Teile wieder zusammengefügt würden.

Das war zu jener Zeit und für meine Ohren etwas nachgerade Sensationelles. Zumal die politischen Beobachter in der »Iswestija« einen hohen Rang in der Sowjethierarchie und Zugang zu den oberen Etagen der Macht hatten. Zeitweilig gehörte sogar der ehemalige Sowjet-Botschafter in Bonn, Valentin Falin, dazu, der später zum Leiter der ZK-Abteilung für internationale Beziehungen aufstieg.

Doch derlei private Treffen waren selten zu jener Zeit. Trotz aller Freundschaftsbeteuerungen galten auch die Leute aus der DDR in der Sowjetunion als Ausländer. Private Kontakte waren unerwünscht. Mitarbeiter des sowjetischen Außenministeriums beispielsweise folgten Einladungen zu mir nach Hause immer in Gruppen, und sie gingen auch immer in Gruppen. Weit tiefere Einblicke in das Alltagsleben gewannen die Studenten, die zum Teil auch in Provinzstädten wie Wolgograd oder Kasan studierten, und diejenigen, die mit einem russischen Partner oder einer russischen Partnerin verheiratet waren.

Themen für die Berichterstattung waren das ebenso wenig wie die politischen Vorgänge im Lande. Als damaliger Korrespondent der »Berliner Zeitung«, so das ungeschriebene Gesetz, hatte ich parteikonform über Land, Leute und Regionen zu berichten. Mit einer riesigen Schere im Kopf. Die reichte während der Perestroika-Zeit offensichtlich nicht mehr aus. Der Chefredakteur redigierte meine Reportagen höchstpersönlich, damit keine geistige Schmuggelware ins Blatt gelangte.

Die Politik blieb offiziellen Kanälen wie der Nachrichtenagentur ADN (Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst) vorbehalten. Vor und während großer Ereignisse – Parteitage, Staatsbesuche und Ähnliches – fand sich in Moskau die »Viererbande« zusammen, die schon am Vorabend das Ereignis des nächsten Tages in einem »lebensprallen« Bericht aufschrieb, in dem selbst »spontane« Freudenausbrüche vorausgeahnt wurden. Mit Viererbande waren die Chefkorrespondenten der Nachrichtenagentur ADN, des »Neuen Deutschland«, von Rundfunk und Fernsehen gemeint. Ihr Bericht ging dann an die Agitationskommission des Zentralkomitees der SED, die oberste Zensurbehörde. Dort wurde er entsprechend den an dem Tage gültigen Vorgaben und Tabus umgeschrieben und an die Nachrichtenagentur ADN weitergereicht, die ihn dann, mit einer 4000er Nummer versehen, verbreitete. Damit wusste jeder Redakteur, dass dieses Material im Wortlaut zu drucken war. Nur bei 2000er Nummern durfte redigiert werden.

Der damalige Chef der Zensurbehörde, Heinz Geggel, von DDR-Journalisten auch »Dr. Geggels« genannt, regierte auch direkt in die Arbeit der Redaktionen hinein. Selbst die Seitenspiegel wurden im ZK parallel zu denen in der Redaktion angefertigt, um gegebenenfalls genau anweisen zu können, wo welche ADN-Meldung – andere existierten nicht – in welcher Länge zu platzieren war. Der Journalismus, so lautete das Selbstverständnis von Oberzensor Geggel, ist eine Waffe, und so benutzen wir ihn auch: Auf Befehl! Das war wörtlich zu nehmen. Über ein Direkttelefon hing die Redaktion unmittelbar am »heißen« Draht der Behörde.

Das Telefon in der »Berliner Zeitung« stand in einem Großraum, wo auch der diensthabende Chefredakteur des Spätdienstes saß. Vormittags allerdings noch nicht. Und so begab es sich, dass eines schönen Tages gegen elf Uhr das Telefon klingelte und niemand ranging. Bis es einem Handwerker, der gerade mit Reparaturarbeiten beschäftigt war, zu viel wurde und er den Hörer abnahm. Der Mitarbeiter des ZK bekam nahezu einen Schlag. Kann denn da jeder an das Telefon gehen? Die Chefredaktion wurde zusammengefaltet und versprach Abhilfe. Ein Tresor wurde angeschafft, eine kleine Ecke von der Tür abgefeilt, damit das Kabel keinen Schaden erleide, und das Telefon eingeschlossen. Jeder der Chefredakteure bekam einen Schlüssel. Und dann geschah, was geschehen musste: Eines Tages klingelte das Telefon, eine wichtige Anweisung sollte übermittelt werden, aber keiner von den Anwesenden hatte einen Schlüssel.

Eingedenk all dieser Erfahrungen griff ich 1991 mit beiden Händen zu, als sich erneut die Chance auftat, in der damals noch existierenden Sowjetunion zu arbeiten. Berichten, ohne das ZK im Nacken zu wissen! Der neue Herausgeber des Blattes, der ehemalige langjährige »Spiegel«-Chefredakteur Erich Böhme, diese Zusammenhänge nicht ahnend, sagte vor meiner Abreise verwundert: »Sie sind also der arme Mensch, der da freiwillig nach Russland geht?« Leider traute ich mich damals nicht, die Situation auszunutzen und um eine Gehaltserhöhung zu bitten.

Das alles ist jetzt mehr als 15 Jahre her. Deutschland, aber vor allem Russland, seine Hauptstadt Moskau und auch die Menschen haben sich gründlich verändert und sind sich treu geblieben. Für jüngere Moskauer sind das Geschichten aus einer anderen Welt, die sie so nie kennengelernt haben. Die Älteren dagegen erinnern sich nur allzu gut der zahlreichen Schicksalsschläge, von denen sie in den letzten Jahrzehnten gebeutelt wurden und die sie mit erstaunlichem Stoizismus ertragen haben. Der Zusammenbruch eines Weltreichs, der KGB-Putsch 1991, die Beschießung des Parlaments 1993, Hyperinflation und Wirtschaftschaos der neunziger Jahre, der zweimalige Verlust aller Ersparnisse, der rauschhafte Aufstieg infolge der Preisexplosion auf dem Erdgas- und Erdölmarkt – all diese Ereignisse haben kaum weniger intensiv auf die Russen gewirkt als der Zweite Weltkrieg, der auch der Große Vaterländische Krieg genannt wird.

Fünf Jahre habe ich in der Sowjetunion und insgesamt 15 Nachwende-Jahre in Russland verbracht. Dieses Buch ist ein Versuch, die Veränderungen zu beschreiben, die sich hier vollzogen haben, und sie mit eigenen Erinnerungen und Erfahrungen zu verbinden. Ein persönlicher Blickwinkel ist also durchaus gewollt. Russische Bekannte fragen mich manchmal, ob ich ihr Land liebe, weil ich schon so lange hier lebe. Die Antwort fällt mir schwer. Ich mag Russland, ich habe viele Freunde hier, mehr inzwischen als in Deutschland. Aber kann man ein Land lieben? Ich halte es da eher mit dem Ausspruch des einstigen Bundespräsidenten Gustav Heinemann. Gefragt, ob er Deutschland liebe, sagte er: »Ich liebe meine...

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