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Säuglingssozialisation im Wandel

Kulturelle Vorgaben und Deutungsangebote zu familiären Rollenbildern in den Elternbriefen der Pro Juventute an der Wende zum 21. Jahrhundert (1988-2006)

AutorSandra Kunz
VerlagTectum Wissenschaftsverlag
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl286 Seiten
ISBN9783828861695
FormatePUB/PDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis19,99 EUR
Im Kontext der Säuglingssozialisation im Wandel geht die Autorin der Frage nach, auf welche kulturellen Vorgaben und Deutungsangebote Eltern zurückgreifen können, um ihr Leben mit ihren Säuglingen zu gestalten. Die Elternbriefe der Pro Juventute werden untersucht im Hinblick darauf, inwiefern sie gesellschaftliche Entwicklungen abbilden und welche Verhaltensweisen zum Zusammenleben mit Kindern sie vorschlagen. Entstanden ist eine solide Untersuchung, die wichtige Fragen zur Kindheit angegangen und zu aussagekräftigen Resultaten gelangt ist.

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Leseprobe

2Sozialhistorischer Kontext

In diesem Kapitel sollen die in der Einleitung angesprochenen drei Forschungsfelder im Sinne eines historischen Kontextes, in welchen die nachfolgende Quellenauswertung eingebettet werden kann, vertieft aufgearbeitet werden. Es sind dies die Pluralisierung der familialen Lebensformen, die Verwissenschaftlichung des kindlichen Sozialisationsprozesses sowie die Konzeptualisierung des Kindes als Akteur.

2.1Pluralisierung der familialen Lebensformen

Um den Anforderungen in diesem Kapitel gerecht zu werden, soll vorerst die Entwicklung in Bezug auf Familie im Zeitverlauf der Jahrhunderte skizziert werden. Im daran anschliessenden Kapitel steht die traditionelle bürgerliche Kleinfamilie im Fokus, um in einem weiteren Kapitel den Wandel des bürgerlichen Familienverständnisses aufzuzeigen.

2.1.1Die Familie im Laufe der Jahrhunderte

In diesem Kapitel soll einerseits auf die Kindheit als soziales und historisch wandelbares Phänomen eingegangen werden, andererseits auf Familienzusammensetzungen und entsprechende innerfamiliäre Beziehungen im Laufe der Jahrhunderte.

Kindheit als soziales, historisch wandelbares Phänomen

Kinder und ihre Familien stellten in den Geschichtswissenschaften lange Zeit ein vernachlässigtes, kleines Feld dar - die historische Familienforschung ist eine verhältnismässig noch junge wissenschaftliche Disziplin.64 Die Emanzipation der Familienforschung als eigenständiges Forschungsfeld steht in engem Zusammenhang mit einem wissenschaftshistorischen Moment: Dem Erscheinen der „Geschichte der Kindheit“ von Philipp Ariès Anfang der 1960er-Jahre.65 Ariès untersuchte Kindheit und Familienleben im Ancien Régime und setzte den Grundstein für eine Historisierung der Kindheit. Dabei wird von ihm der selbstverständliche pädagogische Gedanke, das Heranwachsen sei seit jeher als „Erwachsenwerden“ verstanden worden, grundlegend angezweifelt. Ariès wollte mit seinem Werk zeigen, dass einerseits die Vorstellungen von der kindlichen Erziehungsbedürftigkeit, andererseits aber auch von der Eigenrechtlichkeit des Entwicklungsalters des Kindes zu einer eigentlichen Entdeckung der Kindheit gehören, die ihren Ursprung frühestens im Zeitalter der Renaissance hat. Mit seinen umstrittenen Forschungsergebnissen66 ist es ihm gelungen, die Wissenschaft, aber auch Diskurse in Medien und Politik jener Zeit, nachhaltig zu beeinflussen. Daraus folgte, dass sich die Kinderforschung neu ausrichtete, insbesondere auch im deutschsprachigen Raum. Vor diesem Hintergrund wurden Leitbegriffe wie die „Historische Sozialisationsforschung“ geprägt. Der in der Geschichte ganz neuartigen Vorstellung vom Kind gelang es, sich im Adel und dem aufkommenden Bürgertum der beginnenden Neuzeit mit einem doppelten Prozess durchzusetzen: 1. Privatisierung und Emotionalisierung des Familienhaushalts („familiarisation“) und 2. Parallele Ausdifferenzierung, Professionalisierung und Institutionalisierung von Einrichtungen zur Pflege und Belehrung der Heranwachsenden („scolarisation“). Diese „Verhäuslichung“ und „Verschulung“ bedeuteten also, dass eine Lebensphase institutionalisiert wird. Damit geriet die Kindheit als soziales Phänomen, das historisch veränderbar ist, in den Fokus der Forschenden.67 Ariès konnte mit seinem Werk zeigen, dass Säuglinge von ihren Eltern über die Jahrhunderte hinweg ein sich stark wandelndes Verhalten erfahren haben. Aus dieser sich verändernden Verhaltensweise gegenüber Kindern lässt sich schliessen, dass auch die Auffassungen darüber, was Kinder und Säuglinge im Speziellen brauchen und was unter dem Wohl des Kindes zu verstehen ist, einem zeitlichen Wandel unterworfen waren und immer noch sind und nicht etwa naturgegeben oder konstant sind.68 Die Forschung begann sich daraufhin mit unterschiedlichen Aspekten der Familiengeschichte69 zu befassen, die bis heute im Zentrum stehen: dem Familienbegriff70 im Allgemeinen, den sich wandelnden Familienformen71, der Mutterliebe72, der Vaterschaft73 oder auch dem Geburtenrückgang74 im Speziellen.

Familienzusammensetzungen und innerfamiliäre Beziehungen

Die Forschenden konnten die Grossfamilie als Mythos entkräften und belegen, dass Kinder im nördlichen und westlichen Europa und auch in der Schweiz vom 17. bis ins 19. Jahrhundert konstant in Haushalten aufwuchsen, die, bedingt durch das späte Heiratsalter und die hohe Sterblichkeit, durchschnittlich vier bis fünf Personen - also meist nur die Kernfamilie75 beziehungsweise zwei Generationen - umfassten.76 Häufig kam es jedoch zu (temporären) unterschiedlichen Konstellationen, wenn beispielsweise die Familie Verwandte oder Dienstboten aufnahm oder Kinder auszogen.77 Die Kinder erlebten ihre Grosseltern nur selten, viele verloren auch bereits im Kindsalter einen Elternteil durch Tod. Bedingt durch die häufige Wiederverheiratung des verwitweten Elternteils wuchsen die Kinder dann oft mit einem Stiefelternteil und Halb- und Stiefgeschwistern auf. Die sogenannte Fortsetzungsfamilie ist also keine neue Erscheinung, nur ist der Grund für ihre Entstehung heute meist nicht mehr ein Todesfall, sondern eine Trennung oder Scheidung.78 Die Geschwister untereinander hatten selten eine emotionale Bindung zueinander: Oft waren die Altersabstände wegen Todesfällen gross. Viele Kinder verliessen schon früh, also bereits mit zehn bis zwölf Jahren, das Haus der Eltern, um ihre Jugend in einer anderen Familie zu verbringen und oft gestalteten sich die Beziehungen zu Stief- und Halbgeschwistern problematisch. Auch die Eltern-Kind-Beziehungen dürften wenig emotional gewesen sein. Da die Hälfte aller Kleinkinder wegstarb, lohnte es sich für Eltern nicht, zu viele Gefühle in sie zu investieren. Die Kinder der Ober- und Mittelschicht wurden von Ammen oder Dienstboten umsorgt, damit sich die Hausmutter „lohnenderen Geschäften“ zuwenden konnte.79 Über Jahrhunderte hinweg findet sich für eine gesunde Entwicklung des Kindes nirgends die Notwendigkeit der Fürsorge und Liebe der Mutter (und schon gar nicht des Vaters). Das Wohl des Kindes hing also nicht von der mütterlichen Zuwendung ab. Kinder wurden, wie oben gezeigt, schon früh weggegeben an andere betreuende Personen und zudem waren Kinder bereits im jungen Alter von drei bis fünf Jahren in den alltäglichen Arbeitsprozess eingebunden, was ihre ökonomische Wichtigkeit für eine Familie zeigte.80 Der emotional aufgeladene Begriff der Mutterliebe81 wird erst im 18. Jahrhundert mit dem Aufkommen der bürgerlichen Gesellschaft geprägt. Auf das bürgerliche Familienverständnis wird darum im nächsten Abschnitt eingegangen.

2.1.2Die traditionelle bürgerliche Kleinfamilie

Die Herkunft und Entstehung des bürgerlichen Familienideals82 in Europa ist in der Sozialgeschichtsforschung verhältnismässig gut erforscht.83 An dieser Stelle soll vorerst in Anlehnung an Gugerlis Aufsatz „Das bürgerliche Familienbild im sozialen Wandel“ ein kurzer skizzenhafter Abriss mit den zentralen Punkten betreffend des Familienbegriffs über das 18., 19. und 20. Jahrhundert gezeichnet werden, um anschliessend noch auf das Ideal der bürgerlichen Kleinfamilie einzugehen, welches in der Zeit zwischen 1945 bis Ende 1970 beziehungsweise anfangs 1980 für nur kurze Zeit in breiten Schichten der Bevölkerung gelebt wurde.84

Der Familienbegriff im 18., 19. und 20. Jahrhundert

Die Definitionsmacht betreffend Familie lag im 18. Jahrhundert noch bei den Geistlichen. Erst im 19. und 20. Jahrhundert wurde sie dann den Juristen übertragen. Prägend für das 18. Jahrhundert war, dass das Ehebild emotionalisiert wurde, die theoretisch partnerschaftliche Ehe basierte auf Liebe. Für die Sittlichkeitserziehung wie auch für die religiöse Erziehung der Kinder war die Instanz der Familie zuständig. Im 19. Jahrhundert stand dann die Erziehung der Kinder zu „nützlichen Bürgern“ im Vordergrund. Soziale Probleme mussten innerfamiliär gelöst werden, Abweichendes wurde marginalisiert. Die Ehe wandelte sich somit im Zuge der schweizerischen Matrimonialgesetzgebung von 1805 zu einem ordnungspolitischen Instrument, wobei die klare Rollenteilung zwischen Mann und Frau zur Norm wurde und als Nebenprodukt auch den Sozialtyp der Hausfrau hervorbrachte.85 Im 20. Jahrhundert schliesslich erfuhr der Familienbegriff vermehrt gesellschaftspolitische Kritik. Das 1912 in Kraft tretende Schweizerische Zivilgesetzbuch (ZGB) verdeutlicht den sozialen Wandel der Familie.86 Der Familienbegriff wurde zum sozialstaatlichen Instrument, die Familie diente sozusagen als Schutzschild vor der immer stärker werdenden Individualisierung. Der staatliche Einfluss auf die Familie führte zu einer familienzentrierten Sozialpolitik, in die zum Beispiel auch die staatliche...

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