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E-Book

Schneller als der Tod erlaubt

Ein Rettungssanitäter berichtet

AutorGeorg Lehmacher
VerlagBastei Lübbe AG
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl300 Seiten
ISBN9783838719665
Altersgruppe16 – 99
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis6,99 EUR
In ihrem Beruf geht es oft um Leben und Tod. Ob Massenkarambolage oder Messerstecherei, die Arbeit der Rettungssanitäter ist nichts für schwache Nerven. Mehr als dreißig Jahre ist Georg Lehmacher nun schon im Dienst und hat dabei die unterschiedlichsten Geschichten erlebt: Tragische, als er traumatisierte Kinder betreut, die den Unfalltod des eigenen Vaters mit ansehen müssen. Aber auch solche, die von dem Glück erzählen, überlebt zu haben. So wird er zu einem völlig zerfetzten Unfallwagen gerufen, neben dem er die Autofahrerin und deren Sohn fassungslos und unverletzt antrifft. Erleben Sie mit, was passiert, wenn der Notruf geht - dieses Buch macht Gänsehaut!

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Leseprobe

Mein erster Tag in der Rettungswache


Drei weiße Hosen, drei weiße Hemden, eine Allwetterjacke in leuchtendem Orange. »Hier ist der Leihschein«, sagt Frank, ein schlaksiger Typ mit Schnauzbart, der mich in die Kleiderkammer im Untergeschoss der Wache begleitet hatte. »Zieh dich am besten gleich hier um, und dann kommst du wieder hinauf, Christian will dich einweisen.«

Christian war der Wachleiter, so viel wusste ich schon. Und dass man sich hier duzt.

Ich stecke den Leihschein in mein Portemonnaie und tausche Jeans und Pullover gegen eine Garnitur Dienstkleidung. Mit einem flauen Gefühl im Magen trete ich vor den großen Spiegel, der an einer Wand hängt … So übel sieht das gar nicht aus … Ich ziehe den Gürtel fest, stecke die restliche Kleidung in meinen Rucksack und mache mich auf den Weg zurück nach oben. So schnell geht der Wechsel vom Designstudenten zum Zivi einer Rettungswache, zumindest rein äußerlich …

Die helle Deckenbeleuchtung in den Fluren lässt die ohnehin glänzenden Parkett- und roten Steinfußböden der Rettungswache noch mehr erstrahlen, der Neubau war erst vor wenigen Monaten eingeweiht worden.

»Hallo Georg, ich bin Christian.« Der Leiter der Wachstelle, ein markanter Typ, winkt mich in den großen Aufenthaltsraum, in dem außer einer großen Couchgarnitur mit Tisch und mehreren Sesseln und Bürostühlen auch eine hellgraue Schrankwand, ein Regal und ein Sideboard stehen.

»Frank hast du ja schon kennengelernt. Diese Woche fährst du bei uns auf dem KTW mit.«

»KTW?«, frage ich nach.

»Krankentransportwagen.«

»Ja, klar.« Hätte ich auch so drauf kommen können, denke ich und spüre plötzlich ein Kribbeln wie vor einer Prüfung.

Doch dann kommen immer mehr Kollegen in den großen Raum, beinahe jeder hat eine Kleinigkeit mit Christian zu besprechen. Nachdem er mich ihnen vorgestellt hat, gerate ich erst einmal wieder aus seinem Fokus. Die Kollegen von der Nachtschicht berichten ihrer Ablöse von den Einsätzen. Ich lausche gespannt. Ein Obdachloser, der für die Nacht in einem Heim untergebracht werden konnte, ein Fehlalarm und ein Herzinfarkt-Patient, der im Klinikum sofort auf die »Intensiv« kam.

»Dienstbeginn der Frühschicht ist um sechs Uhr, also solltest du allerspätestens um zwanzig vor sechs da sein«, führt Christian seine Einweisung fort.

Ich rechne: Die Bus- und Straßenbahnfahrt eingerechnet, muss ich um kurz nach vier aufstehen. Und das im Winter bei Schnee und Eis. Puhhh …

Als hätte er meine Gedanken erraten, sagt er: »An das frühe Aufstehen gewöhnst du dich schon. Dienstschluss der Frühschicht ist um vierzehn Uhr, wenn kein Notfall dazwischenkommt. Warte kurz, ich frag mal nach, wann du für die Schulung eingeplant bist.« Die weiße Dienstkleidung lässt ihn wie einen Arzt aussehen. Wie einen gut aussehenden Arzt … Jetzt fällt mir auch ein, wem Christian ähnelt. Cary Grant, dem US-Schauspieler, der in Filmen wie Über den Dächern von Nizza gespielt hat. Ein gepflegter Typ, dem man den Chef gleich ansieht.

»Mitte Februar.« Christian schüttelt verärgert den Kopf, als er zurückkommt. »Das geht natürlich überhaupt nicht. Wir müssen sehen, dass wir dich vorher irgendwo unterbringen, notfalls in einer Schule, die weiter weg ist. Maximal solltest du zwei Wochen als dritter Mann ohne Schulung mitfahren, wenn es vier sind, okay. Aber zweieinhalb Monate, das können wir uns nicht leisten.« Seine Augenbrauen heben sich, so als wäre ihm gerade eine Idee gekommen. »Verstehst du was von Autos? Kannst du in der Werkstatt aushelfen?«

»Eher nicht. Aber vielleicht kann ich es ja lernen?«, höre ich mich sagen.

Christians Augenbrauen ziehen sich zusammen. Dann winkt er verständnisvoll ab.

»Frank«, ruft er dem Schnauzbart zu, »erklärst du dem Neuen den KTW und alles, was so für den Anfang wichtig ist? Ich hab hier noch eine Stunde zu tun, dann fahren wir in die Stadt und holen ihm ein paar Bücher.«

Frank lotst mich durch einen langen Gang und eine schwere Metalltür in die Fahrzeughalle. »Hier steht der große Rettungswagen und die Krankentransportwagen. Am Wochenende ist nur der RTW in Betrieb, der hat mehr medizinische Geräte an Bord, unter der Woche fahren auch die KTWs.«

»RTW, KTW …«, wiederhole ich.

»Und NAW«, sagt Frank. »Der Notarztwagen. Ein Rettungswagen mit Notarzt an Bord. Aber davon haben wir hier draußen keinen. Es gibt überhaupt nur einen hier in der ganzen Gegend, der fährt in der Stadtmitte. Die haben aber nicht nur den Notarzt, sondern auch ein paar Medikamente mehr dabei. Zum Beispiel Opiate, die dürfen Rettungssanitäter ohnehin nicht verabreichen. Und ein EKG. Aber«, jetzt strahlt er über das ganze Gesicht, »das haben wir in unserem RTW auch. Als einziger RTW in der ganzen Gegend.«

Ich lasse meinen Blick durch die Halle schweifen. Kaum vorzustellen, dass jetzt plötzlich Hektik ausbrechen könnte, weil ein Notfall ruft.

Frank nickt mir zu, der Rundgang geht weiter. »Wir haben außerdem dieses Wasserrettungsfahrzeug … Und die beiden Autos dahinten gehören zum Katastrophenschutz. Die sind aber zum Glück länger nicht im Einsatz gewesen.«

Die Fahrzeuge, wie auch die Wache insgesamt, alles sieht nagelneu aus, überhaupt scheint hier alles in einem Topzustand und wie geleckt, doch als mich Frank zu »unserem« Krankentransportwagen für den heutigen Tag führt, entdecke ich beim Einsteigen leichte Rostspuren.

»Der kommt bald weg. Hat schon 430.000 Kilometer drauf«, sagt Frank.

Ich schaue ungläubig.

»Ein Diesel …«

Im Wagen liegt ein Hauch von einem alkoholischen Desinfektionsmittel in der Luft, und als ich meine Nase genauer befrage, meine ich auch ganz leicht kalten Tabakduft zu riechen.

Frank sieht sich im Wagen fachmännisch um. »Wir prüfen jeden Morgen, ob alles an seinem Platz ist. Und ob alles hygienisch einwandfrei ist. Dafür muss am Ende jeder Schicht gesorgt werden. Und freitags wird der Wagen komplett ausgeräumt und gesäubert.«

Franks Ton ist mir zu kasernenhaft, dennoch nicke ich wie zur Bestätigung seiner Worte freundlich.

Jetzt zieht er einige Seitenfächer der Reihe nach auf.

»Beatmungsbeutel …, die Brechschale, die braucht man manchmal sehr schnell …, Verbandsmaterial …, Medikamente … und alles für einen venösen Zugang …«

Ich schaue ihn groß an.

Er hält eine kleine Blisterpackung in die Höhe. »Die Nadel wird mit einem dünnen Plastikschlauch in die Vene gelegt. Dann wird sie wieder herausgezogen, der Schlauch bleibt liegen. – Darüber geben wir dann Medikamente und unsere Infusionen …« Jetzt klingt er wie ein Mediziner.

Er legt die Nadel zurück und öffnet die unterste Schublade. »… und hier ist das Zeug für die Intubation. Schon mal gehört?«

Ich schüttele den Kopf.

»Bei der Intubation schiebt man einen Schlauch in die Luftröhre. Dann kann man den Patienten während des Transportes sicherer beatmen. Selbst wenn er erbricht. Aber keine Sorge, das bleibt für dich Theorie. Das Zuganglegen und das Intubieren sind ärztliche Maßnahmen. Für uns Sanis ist beides streng verboten. Wenn du so was selbst machst und wenn dabei auch noch etwas schiefgeht, bekommst du es mit dem Staatsanwalt zu tun! Du musst nur lernen, was man dazu braucht, damit du dem Arzt assistieren kannst.«

Er schaut auf meine Hand, mit der ich mir unwillkürlich an den Hals gefasst habe. Die Vorstellung, einen Schlauch in den Atemwegen zu haben, hatte mir kurz den Atem stocken lassen. »Muss man da nicht erst recht erbrechen?«

»Das macht man natürlich nur, wenn der Patient nicht mehr bei Bewusstsein ist …« Frank grinst. »Oder man macht ihn eben vorher ›flach‹. Medikamentös.«

»Flach … – Aha«, sage ich. Meine Stimme ist brüchig. Frank hat die Bemerkung wahrscheinlich gar nicht gehört, er räumt alles zurück in die Schublade.

Ich hatte eigentlich gehofft, dass sich das flaue Gefühl in meinem Magen den Tag über verflüchtigen würde, doch jetzt ist es eher meine Neugierde, die nachlässt.

Frank öffnet eine Klappe, die sich weiter oben im Fahrzeug befindet. »Da sind noch Laken, um die Trage frisch zu beziehen, Ersatzmaterial und eine kleine Sauerstoffflasche. Die gehört …« Er schließt die Klappe wieder und zeigt auf ein Gerät an der Wand des Fahrzeugs. »… zu diesem Beatmungsgerät.«

Ich hätte gern mal eine Zwischenfrage gestellt, auch um diese Lehrstunde ein wenig aufzulockern, aber mein Kopf ist in dieser Hinsicht wie leer. Die vielen Details lassen keinen Platz mehr für Fragen.

»Wenn das Beatmungsgerät in der Halterung ist, erhält es den Sauerstoff aus der großen Flasche an der Seite links im Wagen. Und hier ist noch das Absauggerät und der Notfallkoffer.« Frank zieht ihn aus der Halterung und steigt damit aus. »Den zeig ich dir draußen, und dann holen wir die Trage.« Er stellt den Notfallkoffer auf einen Tisch, von denen es einige in der Halle gibt. »Hier ist noch einmal alles Wichtige drin, was man an einem Unfallort eventuell braucht.«

In meinem Schädel rauscht es. Hoffentlich benennt er nicht jeden einzelnen Gegenstand, das kann ich mir sowieso nicht alles auf einmal merken.

Doch er schließt den Koffer wieder und beendet seinen Vortrag mit den Worten: »Vor ein paar Jahren noch hat man die Patienten schnellstmöglich in...

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