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E-Book

Schritt für Schritt

Wanderungen durch die Weltgeschichte

AutorManuel Andrack
VerlagPiper Verlag
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl320 Seiten
ISBN9783492972918
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis14,99 EUR
Auf griechischen Ziegenpfaden, in Römersandalen und auf den Spuren der Fischweiber von Paris - auf rund sechzehn Touren erlebt Manuel Andrack Wendepunkte der Weltgeschichte nach. Indem er durch das Neandertal streift, wie Martin Luther gen Rom aufbricht und bei der Erkundung der »Schwedenlöcher« die Sächsische Schweiz durchquert, beleuchtet er die Bedeutung des Wanderns und seine verschiedenen Aspekte. So zeigt er bei einer Runde um den Thunersee, wo Sepp Herberger 1954 die Taktik für den Fußball-WM-Sieg entwickelte, auch, dass Gehen das Denken beflügeln kann. Anhand unterschiedlichster Themenbereiche stellt Manuel Andrack nicht nur Landschaften und Wanderziele vor, sondern marschiert humorvoll und sachkundig durch die Geschichte.

Manuel Andrack, 1965 in Köln geboren, lebt mit seiner Familie im Saarland. Er ist Autor und Moderator beim Saarländischen Rundfunk und schreibt neben seinen erfolgreichen Büchern regelmäßig für den Stern, DIE ZEIT, GEO Special u.a. Zuletzt erschienen von ihm die Bücher "Schritt für Schritt" und "Lebenslänglich Fußball".

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Leseprobe

Schritt für Schritt gehen wir am Rande eines hüfthohen Roggenfelds in Groß-Schöllersheide entlang. Unsere Blicke wandern über die weite Ebene gen Osten, auf der Suche nach wilden Tieren. Wir haben großen Hunger. Plötzlich direkt neben uns ein Geräusch. Ein Reh fährt hoch, nur zwei Meter entfernt, und flüchtet. Das hätte unser Mittagessen sein können, aber das Tier ist entwischt. Wir gucken uns blöd an und denken wahrscheinlich beide dasselbe: Das wäre einem richtigen Neandertaler niemals passiert, viele Gene scheinen wir nicht von dem Steinzeitmenschen übernommen zu haben.

Ich bin mit meinem Fitnesstrainer Daniel auf den Höhen oberhalb des Neandertals unterwegs. Wir haben uns vorgenommen, einen langen Tagesmarsch zu machen: 20, 25, vielleicht auch 30 Kilometer, das Tagespensum eines Steinzeitmenschen. Gewohnt hat der Neandertaler im gleichnamigen Tal in einer Höhle. Aber gearbeitet, gejagt, die Grundlage für sein Überleben gelegt hat er in der Rheinebene und in den Höhen oberhalb des Tals. Allerdings wäre der Neandertaler etwas professioneller zu Werke gegangen als wir. Nun gut, ein Roggenfeld hätte es vor 40000 Jahren nicht gegeben, Getreide ist eine Kulturpflanze des sesshaft gewordenen Menschen. Im wogenden Steppengras des Pleistozäns wäre das Reh weithin sichtbar gewesen. Aber unsere Fehlerliste ist enorm:

Erstens wären die Neandertaler nicht zu zweit, sondern in einer großen Gruppe von ungefähr 15 Leuten unterwegs gewesen. Alle mussten mithelfen, Frauen, Kinder; manchmal hat eine andere Sippe mitgeholfen, ein Tier zu jagen.

Zweitens hätten wir schon auf dem Weg zum Roggenfeld aufmerksamer sein können. Wie Fährtenleser hätten wir nach niedergedrücktem Gras, abgebrochenen Ästen und frischer Losung suchen müssen. Die Neandertaler hatten so was drauf.

Drittens hätten wir einen Plan haben müssen. Wohin wollen wir das Tier treiben, wenn wir es gefunden haben, damit es nicht flüchten kann? In einen Sumpf oder in eine tiefe Grube, die wir natürlich vorher hätten ausheben müssen?

Viertens sind wir dilettantisch ohne Waffen auf die Jagd gegangen, das wäre unseren Vorfahren vor 40000 Jahren nun überhaupt nicht eingefallen. Man hätte im Vorfeld wenigstens mal einen kleinen Wurfspeer basteln können, damit hätten wir das Reh vielleicht sogar erwischen können. Na ja, hätte, hätte, Fahrradkette. Wahrscheinlich müssen wir unseren Hunger also doch im Supermarkt bekämpfen. Wenigstens wollen wir dort nur Nahrungsmittel kaufen, die der Steinzeitnahrung entsprechen. So halbwegs.

Um zehn Uhr morgens bin ich mit Daniel am Neanderthal Museum angekommen. Ich möchte Daniel aus unterschiedlichen Gründen auf einen Neandertaler-Memorial-Marsch mitnehmen. Zum Ersten ist er als Fitnesstrainer so durchtrainiert, wie ich mir einen durchschnittlichen Steinzeitmenschen vorstelle. Zum Zweiten kennt er sich hervorragend mit Diäten aus, vor allem mit der berühmt-berüchtigten Paleo-Diät, weiß also ungefähr, was unsere Vorfahren jeden Tag gegessen haben. Und zum Dritten ist seine Optik zurzeit großartig. Ich brauche einen richtigen Mann an meiner Seite, einen Mann mit Bart. Denn hat man je einen glatt rasierten Neandertaler gesehen? Teil unserer Versuchsordnung ist es, keinen Proviant mitzuschleppen. Für eine »normale« Wanderung ist es immer vernünftig, ausreichend Wasser und eine Kleinigkeit zum Essen mitzunehmen, Rucksackverpflegung nennt man das. Es gibt unter den Wanderern regelrechte Rucksackverpflegungsfetischisten, die jede Form von Einkehr rigoros ablehnen. Ich halte das normalerweise für Blödsinn. Aber um halbwegs neandertaler-authentisch unterwegs zu sein, verzichten wir auf Rucksackverpflegung. Denn der Urzeitmensch wollte ja etwas erjagen und nicht etwas aus der Höhle mitnehmen. Das heißt aber auch, dass wir für die Nahrungsaufnahme auf das angewiesen sind, was wir am Wegesrand finden.

Das Neanderthal Museum hat gerade geöffnet. Wir schauen uns im Foyer den grinsenden Neandertaler an, Daniel soll doch wissen, auf wessen Spuren wir uns bewegen. Er ist begeistert, ich soll unbedingt mit seinem Handy ein Foto von ihm mit dem Herrn Neandertaler machen. Als die beiden so nebeneinanderstehen, fallen die Ähnlichkeiten sofort auf: Die nach hinten gekämmten Haare und der Bart kommen ganz gut hin. Die Hautfarbe des Steinzeitmenschen ist deutlich dunkler, klar, der war ja draußen zu Hause, während Daniel fast den ganzen Tag nur im Fitnessstudio herumsteht. Außerdem ist Daniel sehr viel größer. Er meint: »Wenn man sich so einen Neandertaler anschaut, sieht der nicht aus, als hätte er genug Nährstoffe zu sich genommen. Vielleicht ist er ja wegen fehlenden Essens ausgestorben.« Umso unverständlicher, dass im 21. Jahrhundert vernunftbegabte Menschen versuchen, die Nahrungsaufnahme der Steinzeit zu imitieren, doch dazu später mehr. »Wie hat denn der Neandertaler gelebt, überlebt, gejagt, wie muss ich mir das vorstellen?«, löchert mich Daniel. Ich will eigentlich mit unserem Marsch starten, hole aber aus meinem Auto noch schnell das GEOkompakt-Heft über den Neandertaler. Das Spannende bei der Steinzeitforschung ist, dass sich in den letzten Jahren – durch die Fortschritte in der Gentechnik und neue Knochenfunde – fundamental neue Erkenntnisse über den Neandertaler ergeben haben. »In der Paläoanthropologie, sagen Spötter, gebe es mehr Theorien über den Stammbaum des Menschen als Knochenfunde, um sie zu beweisen«, meldet die FAZ. »Tatsächlich wird es in der Paläoanthropologie langsam unübersichtlich. In den letzten 15 Jahren ist eine Flut neuer Fossilien zutage gefördert worden und hat die Forscher zu permanentem Umdenken gezwungen«, ergänzt die FAS. Das GEOkompakt-Heft hat den Stand der Dinge populärwissenschaftlich, aber unterfüttert mit dem Know-how aller Koryphäen dieses Fachs zusammengefasst. Wir setzen uns auf eine Bank vor dem Museum, und ich setze Daniel erst einmal in Kenntnis über den Stand der Forschung, indem ich mit meinem Wissen aus dem Magazin prahle:

»Forscher haben berechnet, dass die gesamte Population maximal 70000 Individuen umfasste, wahrscheinlich weitaus weniger. – Die Jagd bestimmte den Alltag der Neandertaler, denn eine Jahrtausende währende Kaltzeit hatte Europa im Griff, pflanzliche Nahrung fanden die Urmenschen kaum. Und so war Fleisch, etwa von Pferden oder Rentieren, ihre wichtigste Energiequelle. Auf die Pirsch gingen nur die Starken, Gesunden. In der kalten Jahreszeit musste jeder bei der Suche nach Wild helfen. Egal, ob Mann oder Frau. Mit Fellen, die sie sich um die Füße banden, schritten sie über den hart gefrorenen Grund. Behutsam kreisten sie das Tier ein; sie umstellten die Beute wie ein Rudel Wölfe. Mühelos fanden die Jäger den Weg zurück zu ihrer Höhle im Neandertal, orientierten sich an auffälligen Felsen und Sträuchern. Viel zu selten zogen Pferde, Rentiere oder Bisons durch die Umgebung und boten die Chance, größere Mengen Fleisch zu erbeuten. Häufig kehrten die Urzeitjäger nach Stunden im Gelände mit leeren Händen ins Lager zurück. Es war offenbar kein dramatischer Genozid, bei dem der Homo sapiens die Neandertaler gewaltsam auslöschte. Vielmehr verebbte deren Zahl allmählich.«

Daniel nickt gemächlich, dann fragt er: »Wie alt wurde denn so ein Neandertaler? Und was haben die eigentlich getrunken? Nur Wasser? Und haben die sich gewaschen?« Was soll das geben, wenn es fertig ist? Wieso, weshalb, warum – wer nicht fragt, bleibt dumm? Leicht entnervt gehe ich zurück ins Neanderthal Museum und frage mit Blümchen in der Stimme am Infotresen nach, ob, aber nur falls er im Haus sei und wir nicht stören würden, ob also der Leiter des Museums, Herr Professor Weniger, uns nach unserer Tour eventuell ein paar Minuten für die bohrenden Fragen meines Fitnesstrainers zur Verfügung stehen würde. Man verspricht mir, das Beste zu tun. Und dann gehen wir, ich kann es kaum glauben, endlich los. Nach Neandertaler-Fotoshooting, Kurzvortrag und Hinterlassen eines Terminwunsches.

Schon wenige Hundert Meter hinter dem Museum haben wir eine wildromantische Stelle des Tals erreicht. Rechter Hand sprudelt der Bach, unser Weg schlängelt sich um eine Felsformation herum. So ungefähr muss man sich das Tal vorstellen, als es der Herr Neander entdeckte und berühmt machte. Ich war lange so naiv zu glauben, das Neandertal sei nach dem Fluss benannt, der in dem Tal fließt: die Neander. Die Neander kann man lange suchen, die gibt es nämlich nicht. Durch das Neandertal fließt die Düssel, die südlich von Velbert entspringt und in einer Großstadt, deren Namen mir gerade entfallen ist, in den Rhein mündet. Aber es gab im 17. Jahrhundert den Pastor Joachim Neander. Der fand dieses wilde Tal mit den Höhlen, Wasserfällen und beeindruckenden Felsformationen so spektakulär, dass er dort sogar Predigten hielt. Und im 19. Jahrhundert, als die Schönheit des Tals zerstört wurde, setzte sich für den kurzen Talabschnitt der Düssel die Bezeichnung »Neandertal« durch.

Der industrielle Aufschwung des Rheinlands forderte Unmengen an Baumaterial, und der Kalksandstein im Neandertal konnte praktischerweise in der Nähe der Ballungszentren abgebaut werden, eine Eisenbahnlinie von Mettmann nach Düsseldorf durch das Neandertal brachte den Kalk an seinen Bestimmungsort. Innerhalb von 30 Jahren wurde das Tal durch den Steinbruch im wahrsten Sinne des Wortes platt gemacht. Aber ohne den Steinbruch wäre nun mal auch nicht der Neandertaler gefunden worden. Pfarrer Neander hätte sein Tal nicht mehr wiedererkannt und der Steinzeitmensch, der nach dem Tal benannt ist, erst recht nicht. Denn für Letzteren war das Neandertal ein perfekter Rückzugsort: Mindestens neun...

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