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E-Book

Schwäbisch

Eine süddeutsche Sprachlandschaft

AutorHubert Klausmann
Verlagwbg Theiss
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl192 Seiten
ISBN9783806230055
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis15,99 EUR
Schwäbisch ist mehr als ein belächelter einfacher Dialekt. Schwäbisch ist ebenso auf dem Vormarsch wie die Schwaben selbst und ist längst zur Sprache der wichtigsten Investoren unserer Zeit geworden. Grund genug, sich mit seinen Eigenheiten zu befassen und so dem Schwäbischen ein wenig näher zu kommen. Fallen für Zugezogene gibt es genug. So ist der Teppich nicht nur der Wohnzimmerteppich, sondern auch eine Unterlage, wie man sie beispielsweise für Gymnastik verwendet. Also nicht wundern, wenn ein Schwabe Sie auffordert zum Sport einen Teppich mitzubringen! Hubert Klausmann, ein ausgewiesener Experte für Dialekte, bietet hier einen einzigartigen Beitrag zur regionalen Identität. Er geht dem Ursprung und der Entwicklung der schwäbischen Sprache auf den Grund und er fragt, weshalb es überhaupt Dialekte gibt, wie sie entstehen und warum sie an Dialektgrenzen einfach halt machen. Erfahren Sie, was das 'Kernschwäbische' ist und lernen Sie den kulturgeschichtlichen Hintergrund kennen.

Hubert Klausmann ist Dialektforscher und Sprachwissenschaftler an den Universitäten Bayreuth und Tübingen. Seit über 30 Jahren erforscht er Mundarten im süddeutschen Raum.

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Leseprobe

A. Allgemeiner Teil:
Zehn Fragen an die Dialektforschung


Am 8. Tag verteilte Gott die Dialekte. Als er mit allen Volksstämmen durch war, beschwerte sich der Schwabe, er hätte keinen abbekommen. Da besann sich Gott und sagte schließlich: „Ha, no schwätzat halt wie i!“

„Die Mehrsprachigkeit des Menschen“ – so lautet der Titel eines Buches, das der Tübinger Sprachwissenschaftler Mario Wandruschka vor vielen Jahren geschrieben hat. Darin legt der Autor dar, dass wir Menschen nicht nur mehrsprachig sind, wenn wir verschiedene Nationalsprachen wie Englisch, Französisch, Italienisch usw. sprechen, sondern dass wir auch ohne diese „Fremdsprachen“ mehrsprachig sind. Wer allein schon eine einzige Sprache spricht, der hat die Möglichkeit, innerhalb dieser Sprache je nach Situation, Thema und Gesprächspartner seinen sprachlichen Ausdruck zu verändern. Die sprachliche „Schublade“, die wir dabei öffnen, kann berufsbedingt sein, sodass wir von einer Fachsprache sprechen, sie kann aber auch gruppen- und altersspezifisch sein, wie dies etwa bei der Jugendsprache der Fall ist. Eine Schublade, in der die sprachlichen Besonderheiten der Region der Sprechenden versammelt sind, gehört den Dialekten. Wer einen Dialekt spricht, und dies ist im Süden des deutschsprachigen Raumes, also in Süddeutschland, in Österreich, in Südtirol, in Liechtenstein, in der Schweiz und im Elsass heute immer noch sehr häufig der Fall, der ist also bereits mehrsprachig, denn er kann neben dem Dialekt in der Regel stets auch auf die „Hochsprache“ zurückgreifen. Das Nebeneinander von Dialekt/Mundart – beide Ausdrücke meinen dasselbe – und „Hochsprache“ verläuft allerdings oft nicht spannungsfrei und es gibt so viele Missverständnisse und Vorurteile in diesem Bereich, dass es hilfreich erscheint, der Darstellung der verschiedenen schwäbischen Mundarten eine allgemeine Einführung in die Entstehung von Dialekt und Sprachräumen voranzustellen. Wir wollen versuchen, diese Problematik mithilfe von zehn Fragen besser zu erfassen.

1 Woher kommen unsere Dialekte?


Schwäbisch ist wie Bairisch, Fränkisch, Sächsisch, Thüringisch ein deutscher Dialekt. Wenn wir die Frage nach der Herkunft des Schwäbischen beantworten wollen, müssen wir uns deshalb kurz mit der Geschichte der deutschen Sprache beschäftigen.

Die deutsche Sprache gehört zur Familie der germanischen Sprachen, die ihrerseits zur Großfamilie der indogermanischen Sprachen gehört. Entscheidend für die Abtrennung des Deutschen von den übrigen germanischen Sprachen wie Dänisch, Holländisch, Schwedisch, Englisch usw. war eine Lautveränderung, die sogenannte zweite Lautverschiebung, bei der zwischen dem 5./6. und 8./9. Jahrhundert n. Chr. unter anderem die Laute p, t, k zu pf/ff, ts/ss und ch/kch verändert wurden. Da ein solcher Vorgang in Hunderten von Wörtern auftritt, wird das Erscheinungsbild einer Sprache massiv umgestaltet. Ein Vergleich von deutschen und englischen Wörtern macht den Unterschied sofort deutlich. Es stehen sich dann beispielsweise gegenüber: englisch water – deutsch Wasser, englisch apple – deutsch Apfel. Diese zweite Lautverschiebung wird traditionell in der Dialektforschung auch als Kriterium für die Einteilung der deutschen Dialekte verwendet. Entsprechend der Teilnahme an dieser Lautverschiebung werden die deutschen Dialekte in drei Gebiete eingeteilt (Karte 1):

1. das niederdeutsche Gebiet: Hier wurde wie in den übrigen germanischen Sprachen diese Lautverschiebung überhaupt nicht durchgeführt, sodass man zum Beispiel im Niederdeutschen heute noch ik für „ich“, maken für „machen“, Dorp für „Dorf“, Appel für „Apfel“ und Pund für „Pfund“ sagt.

2. das mitteldeutsche Gebiet: Diesen Raum kann man als Übergangsgebiet bezeichnen. Zwar hat man hier an der zweiten Lautverschiebung teilgenommen, doch wurden nicht alle Konsonanten verändert: So sagt man im Kölner Raum zum Beispiel ich, aber dat und Pund, während man im Süden des deutschsprachigen Raums das und Pfund spricht. Die Besonderheit im östlichen Teil des Mitteldeutschen besteht dagegen in der Aussprache von Pfund als Fund. Appel bleibt aber auch hier unverändert.

3. das oberdeutsche Gebiet: In diesem Raum wurde die zweite Lautverschiebung bis auf k- im Anlaut komplett durchgeführt. Die Verschiebung von k- zu kch- und ch- fand nur im Bairischen und Alemannischen statt, wo man die Aussprachen Kchind/Chind für „Kind“ noch heute in den südlichen Gebieten hören kann.

Die Sprache, in der diese Veränderungen zum ersten Mal auftreten, nennt man „Alt-Hochdeutsch“. Hierbei ist „Hochdeutsch“ ein geografischer Begriff, der – vom Meer aus gesehen – den Gegensatz zum Niederdeutschen („Plattdeutschen“) deutlich machen soll. Dieses „Althochdeutsch“ hat sich ebenfalls über die Jahrhunderte in seiner lautlichen und grammatikalischen Struktur verändert, sodass man spätestens im 12. Jahrhundert von „Mittelhochdeutsch“ spricht. Die Dialekte des hochdeutschen Raumes, also die mitteldeutschen und oberdeutschen Dialekte, bilden dann die natürliche Fortsetzung dieser mittelhochdeutschen Sprache.

Wie wir soeben gesehen haben, sind die hochdeutschen Dialekte die natürliche Fortsetzung der mittelhochdeutschen Sprache. Im Gegensatz zum Germanischen, für das wir praktisch keine Texte haben, ist die mittelhochdeutsche Sprache gut überliefert. Die großen Dichter des Mittelalters wie Walther von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach haben in dieser Sprache ihre Werke geschrieben. Darüber hinaus liegt uns das Mittelhochdeutsche auch in zahlreichen Urkunden vor. Die Aufspaltung dieser ursprünglich relativ einheitlichen Sprache in die heutigen Großdialekte Bairisch (man schreibt den Dialekt mit einem -i-, das Land Bayern dagegen mit -y-), Alemannisch und Fränkisch ist in ihren wesentlichen Zügen erst nach dem Mittelalter erfolgt. Um nun die Entwicklung der einzelnen Dialekte zu beschreiben, fragen sich die Mundartforscher, was aus den einzelnen mittelalterlichen Lauten in den jeweiligen Dialekten geworden ist: Was wurde zum Beispiel aus einem mittelhochdeutschen langen u-Laut, den man damals als û notierte, in einem Wort wie hûs „Haus“? Man stellt dann fest: Im Alemannischen ist dieses û als langer u-Laut erhalten geblieben, und man sagt dort auch heute noch Huus wie im Mittelalter, während dieses û im Schwäbischen zu einem -ou- wurde, sodass man dort Hous sagt. Im Fränkischen ist dieses û dagegen zu einem au geworden. Man sagt wie im Hochdeutschen (Standarddeutschen) Haus. Und was wurde aus einem mittelhochdeutschen ei in einem Wort wie breit im Dialekt des Ortes A, was im Ort B? In manchen Gebieten, so etwa im Ostschwäbischen, wurde dieses -ei- zu einem -oi-, sodass man das Wort jetzt als broit ausspricht, in anderen Gegenden wie etwa dem westschwäbischen Dialektgebiet wurde es zu -oa-, sodass man dort broat sagt usw. Arbeitet man alle Laute nach diesem Verfahren durch, erhält man das sprachliche Profil eines Ortes und kann für diesen eine Lautlehre erstellen. Dasselbe gilt auch für andere Teilbereiche wie die Grammatik, sodass am Schluss eine umfangreiche Beschreibung einer Ortsmundart entsteht.

Für die Einteilung von Sprachlandschaften legt man immer lautliche Veränderungen als Ausgangspunkt zugrunde, weil sie – wie oben erwähnt – stets in mehreren Wörtern auftreten. Wer für breit heute broit sagt, sagt auch hoiß für heiß, Goiß für Geiß, Loitere für Leiter usw. Dagegen betreffen Unterschiede im Wortschatz in der Regel immer nur ein Wort. Wenn zwei Ortschaften für ein und dieselbe Sache zwei verschiedene Benennungen haben, so muss dies bei der nächsten Sache nicht auch so sein. Es gibt allerdings auch den Fall, dass dort, wo sich besonders viele lautliche Gegensätze gegenüberstehen, ebenfalls Unterschiede im Wortschatz festzuhalten sind. Wir werden bei der Beschreibung der Außengrenze des Schwäbischen solche Sprachgrenzen mit Laut- und Wortgegensätzen noch kennenlernen.

2 Wie stehen Dialekt und „Hochdeutsch“ zueinander?


Wenn unsere Dialekte die natürliche Fortsetzung der alt- und mittelhochdeutschen Sprache sind, so kann man sie nicht – wie es häufig getan wird – als „falsches Hochdeutsch“ bezeichnen, da sie sich überhaupt nicht vom Hochdeutschen herleiten lassen. Dieses „Hochdeutsch“, das die Sprachwissenschaftler heute lieber Standarddeutsch nennen, hat seine eigene Geschichte. Es ist auf jeden Fall nicht – wie dies in anderen Ländern der Fall war – der verschriftlichte Dialekt der wirtschaftlich und politisch wichtigsten Region eines Landes und...

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