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Schwarze Flaggen

Der Aufstieg des IS und die USA

AutorJoby Warrick
Verlagwbg Theiss
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl416 Seiten
ISBN9783806235289
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis18,99 EUR
Es ist der 4. Februar 2015. Eine Frau wird gehenkt. Zusammen mit anderen IS-Kämpfern hatte sie eine Hochzeitsgesellschaft gestürmt. Bilder von zerfetzten Menschen gingen darauf durch das arabische Fernsehen. Warum fühlte sich diese Frau von der Terrororganisation und den Botschaften ihres Gründers Al-Zarqawi angezogen? Warum sind es so viele, die sich dem IS anschließen? Und was hat das noch mit Religion zu tun? Diesen Fragen ist der Reporter und zweifache Pulitzer-Preisträger Joby Warrick nachgegangen, er hat Gefängnisse besucht, mit Beamten, Terroristen und Agenten gesprochen. Warrick fördert dabei Unglaubliches zu Tage: In seiner wegweisenden Reportage beschreibt er die Beteiligung der US-Regierung unter George W. Bush und Barack Obama an der blutigen Karriere Al-Zarqawis! Der Blick auf die Wurzeln des IS zeigt auch, welche neue Kraft - anstelle der Religion - den Terror heute antreibt. Ein packend geschriebener, nuancierter Bericht, der durch Gründlichkeit und Präzision besticht.

Joby Warrick ist seit 1996 Reporter der Washington Post und zählt zu den wenigen Autoren, die zweimal den Pulitzer-Preis gewonnen haben. Beim ersten Mal als Journalist und jetzt als Autor von ?Schwarze Flaggen? für sein Arbeite über den IS.

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Leseprobe

Prolog


Amman, Jordanien, 3. Februar 2015


Kurz nach Einbruch der Dunkelheit traf im wichtigsten Frauengefängnis des Landes ein Vollstreckungsbefehl ein. Die Anweisung, Sadschida al-Rischawi hinzurichten, war von König Abdullah II. persönlich unterschrieben worden, der sich damals auf einem Staatsbesuch in Washington befand. Mit seinem Privatflugzeug hatte man den Befehl an den Königshof in der jordanischen Hauptstadt überstellt. Ein Angestellter gab diesen an das Innenministerium weiter, und von dort aus erreichte er die für das Justizvollzugswesen zuständige Abteilung. Hier sorgte der Vollstreckungsbefehl für Aufregung – eine staatliche Hinrichtung ist eine komplizierte Angelegenheit, die zahlreiche Verwaltungsgänge einschließt. Doch die Anweisungen des Königs waren unmissverständlich: Sadschida al-Rischawi sollte bereits am nächsten Tag bei Sonnenaufgang am Galgen hängen.

Der Anstaltsleiter ging schnell zu der Zelle, in der Rischawi bereits seit fast zehn Jahren in einer Form von selbst auferlegter Einzelhaft dahinvegetierte. Die Gefangene war inzwischen 45 Jahre alt und längst nicht mehr so schlank wie einst. Sie verbrachte die meiste Zeit damit, fernzusehen und in einer Taschenbuchausgabe des Korans zu lesen. Sie redete mit keinem, und falls sie sich über irgendetwas Gedanken machte, so blieben diese unter ihrem schmutzigen Hidschab, der Teil der Sträflingskleidung war, verborgen. Sie war nicht dumm, doch schien sie von dem, was sich um sie herum abspielte, nichts mehr mitzubekommen. »Wann darf ich wieder nach Hause?«, fragte sie ihren Pflichtverteidiger jedes Mal, wenn er sie in den Monaten nach ihrer Verurteilung zum Tode besuchte. Immer seltener kam der Anwalt vorbei, irgendwann gar nicht mehr. Als sich nun der Anstaltsleiter mit ihr zusammensetzte und ihr klarmachte, dass sie am nächsten Morgen sterben würde, nickte Rischawi, sagte aber nichts. Falls sie weinte oder betete oder fluchte, dann tat sie es so, dass niemand im Gefängnis etwas davon mitbekam.

Dass sie hingerichtet wurde, war indes keine Überraschung. 2006 hatte ein Richter Rischawi zum Tode verurteilt, weil sie mitverantwortlich für den schlimmsten Terroranschlag war, den Jordanien je erlebt hatte: Drei gleichzeitig in verschiedenen Hotels gezündete Bomben hatten damals 60 Menschen in den Tod gerissen, von denen die meisten einer Hochzeitsgesellschaft angehört hatten. Rischawi war die Selbstmordattentäterin, die überlebt hatte. Später wurde die ungelenke, sonderbar wirkende Frau mit den buschigen Augenbrauen vor die TV-Kameras gezerrt, wo man sie ihren defekten Sprengstoffgürtel präsentieren ließ. Damals kannte jeder in Amman ihre Geschichte: Wie die 35 Jahre alte unverheiratete Irakerin eingewilligt hatte, einen Fremden zu heiraten, mit dem zusammen sie sich in die Luft sprengen wollte. Wie sie in Panik geraten und davongerannt war. Wie sie sich im Taxi völlig orientierungslos durch die Außenbezirke der Stadt fahren ließ. Wie sie Passanten nach dem Weg gefragt hatte, ihre Kleidung und Schuhe noch immer blutbefleckt.

Aber all das war nun fast zehn Jahre her. Die Hotels waren wieder aufgebaut und umbenannt worden, und Rischawi war im Labyrinth des jordanischen Strafvollzugssystems verschwunden. Innerhalb des Dschuwaida-Frauengefängnisses war sie so etwas wie eine verblasste Berühmtheit, fast wie ein Exponat im Museum, das man so gut kennt, dass man es gar nicht mehr wahrnimmt. Die älteren Angehörigen des Staatssicherheitsdienstes nannten sie hin und wieder noch »Zarqawis Frau« – eine spöttische Anspielung auf den berüchtigten jordanischen Terroristen Abu Mus‘ab az-Zarqawi, der die Anschläge auf die Hotels angeordnet hatte. Die jüngeren erinnerten sich kaum noch an sie.

Doch innerhalb weniger Wochen sollte sich all das radikal ändern. Wie sich herausstellte, hatten Zarqawis Anhänger Sadschida al-Rischawi nicht vergessen. Die Terroristen hatten sich im Laufe der Jahre neu organisiert und waren in Jordanien inzwischen unter einem anderen Namen bekannt – dem arabischen Akronym »Daesh«, auf Deutsch: ISIS. Im Januar 2015 verlangte ISIS Rischawi zurück.

Die Forderung ihrer Freilassung kam mitten während der schlimmsten innenpolitischen Krise, die Jordanien seit Jahren erlebt hatte. Ein Jet der jordanischen Luftwaffe war über Syrien abgestürzt, und der überlebende junge Pilot war von ISIS-Kämpfern gefangen genommen worden. Die Terroristen hatten Fotos verbreitet, auf denen der Pilot verängstigt und halbnackt von grinsenden Dschihadisten vorgeführt wird. Einige von ihnen strecken die Arme aus, um das großartige Geschenk zu umarmen, das Allah ihnen direkt vom Himmel in den Schoß hatte fallen lassen.

Vom König und seinen Beratern im Palast bis hin zu den Sicherheitsbehörden machte man sich auf weitere schlechte Nachrichten gefasst. Allen war klar: Entweder würde der Pilot öffentlich von ISIS hingerichtet werden, oder die Terroristen würden als Gegenleistung für seine Freilassung einen Preis verlangen.

Wie erwartet verkündete ISIS seine Entscheidung auf ziemlich makabre Weise. Kaum eine Woche nach dem Flugzeugabsturz erhielt die Familie des entführten Piloten Zuhause einen Anruf vom Handy des Piloten aus. Am anderen Ende der Leitung teilte ein Fremder auf Arabisch mit irakischem Akzent die einzige Forderung der Gruppe mit.

»Wir wollen unsere Schwester Sadschida«, sagte der Anrufer.

Im Laufe der folgenden, größtenteils recht einseitigen Verhandlungen wurde diese Forderung immer wieder aufs Neue wiederholt, und weitere kamen hinzu. All diese Forderungen wurden an die Zentrale des jordanischen Geheimdienstes Muchabarat weitergeleitet, wo sie zuletzt auf dem Schreibtisch des Brigadiers landeten, der die Anti-Terror-Abteilung leitete. Mit seinen 47 Jahren war Abu Haytham immer noch eine imposante Erscheinung: Er hatte den stämmigen Körperbau eines Straßenkämpfers, war äußerst hart im Nehmen und innerhalb der Behörde berüchtigt für seine Zähigkeit. Seit Jahren kämpfte er gegen ISIS sowie dessen viele Inkarnationen, und er gehörte zu den wenigen, denen es gelungen war, einige Top-Funktionäre der Gruppe im Verhör weichzuklopfen. Zarqawi höchstpersönlich hatte eine Zeit lang in Abu Haythams Arrestzelle gesessen, genau wie Sadschida al-Rischawi – die Frau, die ISIS jetzt befreien wollte.

Außerhalb von Jordanien machte diese Forderung wenig Sinn. Rischawi war als Kämpferin oder Anführerin wertlos, sie taugte nicht einmal als Symbol. Jeder wusste, dass sie an einem einzigen Terroranschlag beteiligt gewesen war, und den hatte sie verpatzt. Sie war mitnichten »Zarqawis Frau«; tatsächlich hatte sie den Mann, der den Anschlag befohlen hatte, nie getroffen. Hätte ISIS ihren Namen nicht plötzlich aufs Tapet gebracht, so hätte sie wohl ihr restliches Leben still und leise im Gefängnis verbracht; ihre Hinrichtung wäre immer wieder aufgeschoben worden, da es ja keinen triftigen Grund gegeben hätte, diese durchzuführen.

Doch Abu Haytham verstand genau, was los war. Mit dem Namen Rischawi erinnerten die Terroristen an die Anfänge ihrer Gruppe, an eine Zeit vor ISIS und vor dem Bürgerkrieg in Syrien; bevor es zum Zusammenbruch des Irak kam, der der Bewegung solchen Auftrieb gegeben hatte; sogar bevor die Welt von einem Terroristen namens Zarqawi gehört hatte. Die Männer des Muchabarat hatten versucht, diese Terrorgruppe daran zu hindern, Fuß zu fassen. Und sie hatten versagt – manchmal, weil sie selbst Fehler gemacht hatten, noch häufiger aber wegen den Fehlberechnungen anderer. Jetzt hatte sich Zarqawis Dschihad-Bewegung zu einem eigenen Staat erklärt, mit territorialen Ansprüchen auf zwei von Jordaniens Staatsgrenzen. Und Rischawi, die gescheiterte Selbstmordattentäterin, war eine von vielen alten Rechnungen, die ISIS nun begleichen wollte.

Indem dieser, schon fast in Vergessenheit geratene Geist heraufbeschwört wurde, weckte ISIS die Erinnerung an eine der schrecklichsten Nächte in der Geschichte des Landes – einen Moment, der sich für immer ins Gedächtnis von Abu Haytham und den Angehörigen seiner Generation eingebrannt hatte; Männern, die damals Nachrichtendienstler, Ermittlungsbeamte und Abgeordnete gewesen waren und die mittlerweile in die Führungsriege des Muchabarat aufgestiegen waren. Damals hatte Zarqawi Jordanien mitten ins Herz getroffen, und jetzt, wo ISIS einen jordanischen Piloten in seiner Gewalt hatte, schien sich die Geschichte zu wiederholen.

Abu Haytham war an jenem Abend vor Ort gewesen. Wenn er daran zurückdachte, konnte er sich an jedes noch so kleine Detail des Verbrechens erinnern, für das man Rischawi schuldig gesprochen und zum Tod durch den Strick verurteilt hatte. Der Geruch von Blut und Rauch stieg ihm dann in die Nase, er konnte wieder die Schreie der Verletzten hören.

Vor allem aber musste er an die beiden Mädchen denken.

Sie waren Cousinen, 9 und 14 Jahre alt, und er wusste sogar noch ihre Namen: Lina und Riham. Zwei Mädchen aus Amman, die zur Hochzeitsgesellschaft gehörten. Beide trugen sie weiß, ihre kleinen Gesichter waren hübsch und blass, vollkommen ruhig. »Wie zwei Engel«, fuhr es ihm durch den Kopf.

Sie trugen noch immer die fast identischen, mit Spitze verzierten Kleider, die ihnen die Eltern für das Fest...

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