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SEK - ein Insiderbericht

Ein Insiderbericht

AutorPeter Schulz
VerlagBastei Lübbe AG
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl285 Seiten
ISBN9783838745152
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis8,99 EUR
Sie arbeiten im Verborgenen. In der Öffentlichkeit gelten sie wegen ihrer Maskierung als 'Männer ohne Gesicht'. Sie kommen dann zum Einsatz, wenn alle anderen polizeilichen Mittel am Ende sind. Wir verlassen uns darauf, dass diese Elitepolizisten für unsere Sicherheit sorgen. Eine trügerische Sicherheit, wie jetzt ein Insider berichtet.

Ob Mörder, Geiselnehmer, Terrorist oder psychisch kranker Extremgewalttäter - mehr als zwanzig Jahre hat Peter Schulz als SEK-Beamter mit den schlimmsten Subjekten zu tun, die die Gesellschaft hervorbringt.

Hier schildert er seine spektakulärsten Einsätze der letzten 25 Jahre.

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Leseprobe

DAS ERSTE MAL …


»Es ist besser, unvollkommene Entscheidungen durchzuführen, als beständig nach vollkommenen Entscheidungen zu suchen, die es niemals geben wird.«

Charles de Gaulle

                                                                  Das Piepen ist penetrant, und ich brauche einen Moment, um zu erfassen, was los ist. Mein Blick geht auf den Wecker neben meinem Bett, und der zeigt in roten Leuchtziffern 1:53 Uhr. Daneben liegt ein kleiner gelber Kasten, der die Quelle dieses piependen Geräuschs ist. Es ist ein sogenannter Eurosignalempfänger. Da es im Mai 1993 noch keine Handys bei der Polizei gibt, ist der Eurosignalempfänger meine permanente Verbindung zur Einsatzleitstelle der Polizei, welche bei Bedarf die Rufbereitschaftsgruppe des SEK alarmiert. Ich versehe Rufbereitschaft, das erste Mal bin ich als verantwortlicher Gruppenführer für eine solche Rufbereitschaftsgruppe des SEK eingeteilt. Meine Gruppe umfasst neben mir weitere sieben SEK-Beamte, die alle noch im Reich der Träume weilen, zumindest vermute ich das.

Als Gruppenführer wird man im Falle einer Alarmierung als Erster angerufen, um zu entscheiden, ob der Einsatz tatsächlich ein SEK-Einsatz ist oder die Voraussetzungen dafür nicht vorliegen.

Ich bin schlagartig wach, trotz der ungnädigen Uhrzeit, und tappe im Dunkeln zum Telefon im Wohnzimmer. Dort liegt bereits meine Einsatzmappe griffbereit drapiert. Ich wähle die Nummer des Dienstgruppenleiters der Einsatzleitstelle und melde mich zum allerersten Mal mit: »Schulz, SEK, ihr habt mich angepiepst?«

Ich ahne zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie oft ich diese Prozedur in den kommenden 18 Jahren noch durchlaufen werde. Dies ist mein erstes Mal, und ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen …

»Einsatzleitstelle, Wilhelm, entschuldige, wenn ich dich um diese Uhrzeit störe, aber ihr habt einen Einsatz.« Seine Stimme klingt tatsächlich ein wenig mitleidig, doch das dringt gar nicht zu mir durch.

»Was haben wir denn?«, frage ich betont ruhig, und obwohl ich tatsächlich ein wenig aufgeregt bin, merkt man mir das nicht an. Eine meiner offenbar angeborenen Eigenschaften, die mir bei meiner Tätigkeit beim SEK häufig von Nutzen war, ist die, je chaotischer die Situation sich darstellte, umso ruhiger zu werden und vor allem nach außen auch zu wirken.

»Die Leitstelle W. hat nach einem SEK verlangt, auf einem Campingplatz in der Nähe von S. hat sich angeblich eine Person nach einem Familienstreit in ihrem Wohnwagen verbarrikadiert und droht sich und den Wohnwagen mit einer Campinggasflasche in die Luft zu sprengen.«

»Nicht gut«, denke ich sofort. Die verheerende Wirkung von Gasexplosionen ist sogar Laien nicht unbekannt, gehen doch gelegentlich Bilder von dadurch zerstörten Häusern durch die Medien. Ich bin allerdings kein Laie und weiß daher, dass die Explosion einer durchschnittlichen Campinggasflasche in einem so kleinen Gehäuse wie einem Wohnwagen unabsehbare Folgen für alle haben kann, die sich dort aufhalten. Und wenn wir der Person habhaft werden wollen, dann müssen meine Kollegen und ich uns wohl zweifelsohne in dieses Gehäuse vorarbeiten …

Aber so weit ist es ja noch nicht.

»Ok«, sage ich knapp und versuche zu überlegen, welche Informationen mir jetzt noch von Nutzen sein können.

»Ist jemand von der Familie vor Ort?«, frage ich den Kollegen.

»Soweit ich bisher weiß, ist die Ehefrau, mit der sich der Mann gestritten hat, noch auf dem Campingplatz, aber das kläre ich noch ab.«

»Gut«, höre ich mich sagen, »ich brauche eine Verhandlungsgruppe vor Ort, und die Kollegen auf dem Campingplatz sollen die Ehefrau in jedem Fall festhalten, bis wir eingetroffen sind, ich möchte sie selbst befragen. Gib bitte weiter, dass niemand – ich betone: niemand – versuchen soll, mit der Person in dem Wohnwagen Kontakt aufzunehmen, bis wir eingetroffen sind. Das gilt auch für die Verhandlungsgruppe, falls die früher da sind als wir. Bitte alarmiere meine Einsatzgruppe, die sollen zur Dienststelle kommen, ich mach mich jetzt auch auf den Weg. Wenn ich dort bin, melde ich mich.«

»Alles klar«, antwortet der erfahrene Kollege von der Leitstelle und legt auf. In Windeseile ziehe ich meine vorbereiteten Klamotten an, schnappe meine Mappe und springe ins Auto. Da mein Wohnort etwa 90 Kilometer von meiner Dienststelle entfernt liegt, habe ich auf der nun folgenden Autofahrt genügend Gelegenheit, die Situation zu durchdenken.

Vielleicht sollte ich dem geneigten Leser an dieser Stelle kurz die Illusion rauben, dass bei einem solchen Alarm den zur Dienststelle eilenden SEK-Beamten ein Dienstfahrzeug zur Verfügung stünde. Mitnichten. Jeder SEK-Beamte musste und muss auch heute noch in so einem Fall auf sein eigenes Fahrzeug zurückgreifen, was in vielerlei Hinsicht problematisch ist. Als Polizeibeamter im Einsatz ist er grundsätzlich berechtigt, Sonderrechte gem. §35 StVO in Anspruch zu nehmen. Er darf also zum Beispiel Geschwindigkeitsbeschränkungen missachten oder auch über rote Ampeln fahren. Allerdings ist er mit seinem Privat-Pkw wegen fehlenden Blaulichts und Signalhorns nicht in der Lage, andere Verkehrsteilnehmer zu warnen. Folglich ist die Wahrnehmung seiner Sonderrechte ein sehr theoretisches Unterfangen. Stellen Sie sich doch einmal vor, dass hinter Ihnen ein wild blinkendes, hupendes Zivilfahrzeug auftaucht, das versucht, Sie um jeden Preis zu überholen. Würden Sie dabei an ein Einsatzfahrzeug der Polizei denken?

Aber die Sache wird sogar noch besser. Falls der SEK-Beamte während der Alarmierungsfahrt einen Verkehrsunfall verursacht, läuft er Gefahr, seinen Unfallschutz zu verlieren, da eine normale Kfz-Versicherung solche Schäden nicht abdeckt. Und eine pauschale Versicherung für solche Fälle hat der Dienstherr, trotz vielerlei Anmahnungen, bis heute nicht abgeschlossen!

Viel besser und aus einsatztaktischer Sicht günstiger wäre es natürlich, wenn die Rufbereitschaft versehenden SEK-Beamten mit Dienstwagen ausgerüstet wären. Sie könnten dann von zu Hause aus, ohne Umweg über die Dienststelle, direkt zum Einsatzort fahren, da ihre Ausrüstung bereits im Fahrzeug verstaut wäre, und sie könnten sich per Blaulicht und Signalhorn ungehindert Vorfahrt verschaffen. Doch eine durch und durch sinnvolle Lösung heißt in Kreisen der Polizei noch lange nicht, dass sie auch zur Anwendung kommt. In diesem Fall stehen die Bedenken des Ministeriums entgegen, dass die Nutzung von Dienst-Kfz durch SEK-Beamte für eine Fahrt nach Hause im Rahmen des Rufbereitschaftsdienstes möglicherweise zu »Missbrauch«, d.h. privater Nutzung führen könnte oder sich die Fahrzeuge am jeweiligen Wohnort nicht sicher unterstellen ließen. Nun ja, jedem Spitzenpolitiker steht jederzeit eine Staatskarosse zur Verfügung, auch wenn das nur in den seltensten Fällen durch eine Situation gerechtfertigt ist, in der im wahrsten Sinne über Leben und Tod entschieden werden muss. Ich will darüber weiter gar nicht richten, aber dieses Missverhältnis sagt viel darüber aus, was Politik und höhere Beamtenschaft von den Spezialeinheiten halten.

Auf unserer Dienststelle eingetroffen, rufe ich die zuständige Einsatzleitstelle in W. an, um mir neueste Informationen einzuholen. Allerdings hat sich seit meiner Alarmierung nichts Neues ergeben. Die Kollegen des Streifendienstes, die sich vor Ort auf dem Campingplatz befinden und in sicherer Entfernung den Wohnwagen unserer Zielperson beobachten, haben nichts feststellen können und sich auch an meine Anweisung gehalten, keinen Kontakt zu der Person aufzubauen.

Ob das jetzt ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist, vermag ich beim besten Willen nicht einzuschätzen, wir werden es erleben, denke ich bei mir. Inzwischen sind alle Kollegen meiner Rufbereitschaftsgruppe eingetroffen und versammeln sich um mich, um zu erfahren, was genau los ist. Zwar hat Wilhelm – der Beamte der Leitstelle, der die Alarmierung durchgeführt hat – sie alle über den Grund grob informiert, aber genauere Informationen erwarten meine Kollegen jetzt von mir. Aber sonderlich mehr habe ich auch nicht zu bieten. Ich weise sie in die mir bekannte Lage ein und ergänze dann: »Wir fahren im Overall, offen, mit kolorierten Fahrzeugen, da wir uns auf dem Campingplatz wahrscheinlich über das Gelände an den Wohnwagen annähern müssen.« Übersetzt heißt dieses Fachchinesisch einfach, dass wir, im Gegensatz zu den allermeisten Fällen, in denen eine Rufbereitschaftsgruppe des SEK ausrückt, uns nicht in ziviler Kleidung und ebensolchen Fahrzeugen auf den Weg machen werden, sondern mit ebenfalls in unserem Bestand befindlichen Streifenwagen und bekleidet mit dem für Spezialeinheiten typischen graublauen Einsatzoverall, der ebenfalls bei der GSG 9 und einigen SEKs anderer Bundesländer getragen wird.

Ich teile die Fahrzeugbesatzungen ein. Neben unseren Streifenwagen führen wir noch einen in unserem Jargon als »Besteckwagen« bezeichneten zivilen Lieferwagen mit, in dem Utensilien gelagert sind, die bei einem SEK-Einsatz häufig benötigt werden. Dort finden sich neben Rammen in verschiedenen Ausführungen zum gewaltsamen Öffnen von Türen auch Brechwerkzeuge, ein ballistischer Schutzschild zum Schutz vor Beschuss aus Faustfeuerwaffen und einige Dinge mehr, die bei einem gewaltsamen Eindringen in Räumlichkeiten, unserem Hauptaufgabenbereich, von Nutzen sein...

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