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E-Book

Sexualpolitik

Verflechtungen von Race und Gender

AutorGabriele Dietze
VerlagCampus Verlag
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl365 Seiten
ISBN9783593427980
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis30,99 EUR
Sexualpolitik ist eine Machttechnik. Sie reguliert Verhaltensweisen oder schließt Gruppen aus - das Feld Sexualität ist dabei besonders skandalisierbar. Angeblich problematische Sexualitäten werden nicht nur mit Geschlecht, sondern auch mit Ethnizität und Religion verflochten. Gabriele Dietze diskutiert diesen Zusammenhang in historischer, theoretischer und gegenwartsanalytischer Perspektive von feministischen Orientalismen der Ersten Frauenbewegung bis hin zu den Ereignissen von Köln in der Silvesternacht 2015.

Gabriele Dietze, PD Dr., ist Fellow der VolkswagenStiftung im Projekt 'Sexueller Exzeptionalismus' an der HU Berlin und Gastdozentin an der Universität Basel.

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Leseprobe

1.›Okzidentalismuskritik‹: Möglichkeiten und Grenzen einer Forschungsperspektivierung


»When a tolerant civilization meets its limits,
it says not that it is encountering political
and cultural difference, but that it is
encountering the limits of civilization itself.«

Wendy Brown

»So nimmt also die islamische ›Kultur‹
Züge eines Psychodramas an, und man
macht sich allen Ernstes daran, eine
Kultur zu erfinden, primär in der
Weise, dass Kennzeichen […] exotischer
Fremdartigkeit beschworen und proklamiert werden.«

Azis Al-Azmeh

Szene 1: Vor der Oper. Von einem engen Korsagenkleid und Stilettos behindert, arbeitet sich eine junge Frau aus dem Taxi. Der Begleiter hält sichtlich ungeduldig Handtasche und Autotür. Auf dem Bürgersteig läuft eine Gruppe von Frauen mit Kopftüchern vorbei. Die Opernbesucherin raunt: »Ich werde immer wütend, wenn ich diese Schleiereulen sehe.« Der Mann entspannt sich und hilft ihr freundlich die Treppen hinauf, indem er sie unter den Ellenbogen fasst.

Szene 2: Vor Gericht. Fereshta Ludin klagt über mehrere Instanzen, man möge ihr erlauben, als Lehrerin ein Kopftuch als Zeichen ihrer kulturell-religiösen Affiliation zu tragen. Die Klägerin verfolgt ihr Anliegen über fünf Jahre bis zur höchsten Instanz. Das Verfassungsgericht hält das Begehr für prinzipiell berechtigt, erklärt sich aber für nicht zuständig, da entsprechende Gesetze auf Länderebene fehlen. Mehrere Bundesländer haben daraufhin das Kopftuch verboten, fünf davon erlauben ausdrücklich jüdische und christliche Zeichen.43

Szene 3: Das Buch Mit dem Kopftuch nach Europa? Die Türkei auf dem Weg in die Europäische Union (Tibi 2005) wird bei amazon.de mit folgendem Werbetext angekündigt: »Im November 2004 hat der EU-Ministerrat offiziell beschlossen, mit der Türkei Verhandlungen über eine Vollmitgliedschaft in der Europäischen Union aufzunehmen. Diese Entscheidung stößt in vielen Staaten der EU auf massive Kritik. […] Nur eine Türkei, die sich zu europäischen Grundwerten bekennt, kann in den Kreis der Europäischen Union aufgenommen werden« (amazon.de 2004).

Die drei Szenen teilen einige Gemeinsamkeiten. Sie beschreiben individuelle, institutionelle oder politisch-diskursive Reaktionen auf ein religiös-kulturelles Zeichensystem, das Kopftuch. In allen Fällen dient der Verweis dazu, die kulturelle Überlegenheit einer nicht Kopftuch tragenden ›Kultur‹ zu manifestieren, und in allen Fällen wickelt sich dieser Diskurs über das Geschlechterverhältnis ab. Das heißt, die angenommene Unterdrückung einer Kopftuch tragenden Frau ist die Folie, auf der man sich einer ›Wertegemeinschaft‹ versichert, die auf einer Ablehnung ›orientalischer Sitten‹ basiert, oder anders ausgedrückt, einen ›Okzident‹ konstruiert.

Grundannahme für die folgenden Überlegungen ist, dass ›Okzidentalität‹ zu einer neuen Leitdifferenz44 in europäischen, insbesondere deutschen, Einwanderungsgesellschaften nach dem Mauerfall und verstärkt nach 9/11 geworden ist. Als ›Okzidentalismus‹ wird im Folgenden eine teils bewusste und teils im kollektiven Unbewussten stattfindende Referenz auf ›Abendländischkeit‹ der ›abstammungsdeutschen‹ Mehrheitsgesellschaft als ›überlegene‹ Kultur bezeichnet. Okzidentalismuskritik versteht sich in diesem Zusammenhang als systematische Aufmerksamkeit gegenüber identitätsstiftenden Neo-Rassismen, die sich über eine Rhetorik der ›Emanzipation‹ und Aufklärung definieren. Im Folgenden wird zunächst den Begriffen Okzident/Okzidentalität/Okzidentalismus etymologisch und begriffsgeschichtlich nachgegangen, dann ihre historische Verflechtung mit Kolonialismus und Rassismus verfolgt. Das Herzstück des Aufsatzes bilden einige Überlegungen zur systematischen Verschränkung von Okzidentalitäts- und Geschlechtskonstruktionen. Daran schließt eine methodologische Überlegung zum Status einer Forschungsperspektive Okzidentalismuskritik an.45

Begriffsgeschichte


Der Begriff ›Okzidentalismus‹ bezieht sich auf die Annahme eines ›Okzident‹. Dieser wiederum steht in binärer Beziehung zu einem ›Orient‹. Von der Wortbedeutung her entlehnt sich ›Orient‹ dem Lateinischen ›oriens (sol)‹ – wörtlich ›aufgehende Sonne‹ oder entsprechend ›Land der aufgehenden Sonne‹ oder ›Morgenland‹. Lokal bedeutet das auch im Osten positioniert. Das zugrundeliegende lateinische Verb »oriri« heißt neben »aufstehen, sich erheben« auch »entstehen und entspringen«, was das Wort auch in die Nähe zu »origo‹ (Ursprung, Quelle, Stamm) setzt (Duden 1989: 502). »Okzident« oder »okzidental« ist als Kontrast zum »Orient« entstanden aus »occidens (sol)«, »Land der untergehenden Sonne‹ oder »Abendland«.46 Das verdankt sich dem zugrundeliegenden lateinischen Verb »occidere« (niederfallen, untergehen) (Duden 1989: 497).

Das Oxford English Dictionary spricht von ›occident‹ als »the countries, civilization, or culture of the West«.47 Damit wird Okzident zu einem politischen Begriff. Die Verwendung von ›Kultur‹ im Singular weist auf ein implizites Überlegenheitsverständnis hin: »[…] ›we‹ have culture while culture has ›them‹, or we have a culture while they are culture. Or we are a democracy, while they are a culture« (Brown 2008: 150–151). Interessanterweise verzeichnen einige deutsche Wörterbücher und Lexika das Wort ›Okzident‹ bis in die 1960er Jahre überhaupt nicht. Das weist darauf hin, dass ›Okzident‹ wie andere herrschende Prinzipien (zum Beispiel die männliche Form in der Grammatik) den Platz einer ›stillen Norm‹ einnimmt, die nicht bezeichnet werden muss, da sie das ›Allgemeine‹ verkörpert. Wenn im Folgenden von ›Okzidentalismus‹ gesprochen wird, ist der Aspekt einer ›stillen Norm‹ erkenntnisleitend. Die Verwendung des Neologismus ›Okzidentalismus‹ orientiert sich an der Wortprägung ›Orientalismus‹ (orientalism) eines der Gründerväter der postkolonialen Theorie, Edward Said, der darunter die ›epistemische Gewalt‹ okzidentaler Kolonialist_innen gegenüber einem von ihnen erfundenen ›orientalischen Anderen‹ verstand (Said 1978).

Nun kann man unterschiedliche Aspekte von ›Orientalismus‹ betonen. Man kann die Perspektive auf die Logik des ›Othering‹ zuspitzen, so wie Said die historisch spezifischen Phantasmen gegenüber einem zu erfindenden ›Orient‹ in der französischen und britischen Kolonialimagination betont hat. Oder man kann sich auf den Benefit konzentrieren, die solche ›Othering‹-Prozeduren für ein okzidental hegemoniales Selbst erbringen. Postkoloniale Intellektuelle mit lateinamerikanischer Geschichte – etwa Fernando Coronil mit venezuelanischem und Walter Mignolo mit argentinischem Hintergrund, beide in den USA lehrend – wandten dementsprechend ein, ›Orientalismus‹ benenne nur die ›Oriental_innen‹ und nicht die Orientalisierer_innen und den Prozess der Orientalisierung (Coronil 2002: 184f.).

Coronil denkt, so der Titel seines Aufsatzes, »Jenseits des Okzidentalismus«. Von einer ›post-okzidentalen Vernunft‹ (postoccidental reason) spricht Walter Mignolo (Mignolo 2000: 91f.). Beide Theoretiker sehen ihre Gegenwartsanalyse auch mit Begriffen wie ›Post-Orientalismus‹ (Lowe 1991) nicht ausreichend beschrieben. Mignolo zum Beispiel liegt daran, mit »subaltern knowledge« und »borderthinking« einen »third epistemological space« zu etablieren, der nicht nur eine Vernunft jenseits des Okzidentalismus, sondern auch eine Neufassung des Begriffs der Modernität (modernity) bedeutet.48

James G. Carrier veröffentlichte die Anthologie Occidentalism. Images of the West, die Okzidentalismus von drei Seiten aus ansteuerte: erstens als kritischen Begriff im oben verwendeten Sinne, mit dessen Hilfe Vorannahmen von westlichen Anthropolog_innen problematisiert werden, zweitens als Terminus für einen kulturellen Mix, der entsteht, wenn ›westliche‹ Elemente der Modernisierung in ›orientalische‹ Kulturen eingebaut werden, und drittens als phantomatische Konstruktion ›des Westens‹ durch ›den Osten‹ (Carrier 1995). Der dritte Punkt von Carriers...

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