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E-Book

Shakespeare in Kabul

Ein Aufbruch in drei Akten

AutorStephen Landrigan, Qais Akbar Omar
VerlagUnionsverlag
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl250 Seiten
ISBN9783293308411
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis14,99 EUR
Die Welt horchte auf, als nach der Befreiung von der Talibanherrschaft eine Gruppe afghanischer Schauspielerinnen und Schauspieler Shakespeares Verlorene Liebesmüh in Kabul aufführte. Zum ersten Mal seit über dreißig Jahren standen Männer und Frauen - unverschleiert - gemeinsam auf einer Bühne und spielten eine Liebeskomödie! Nichts hätte die Welle der Hoffnung, die in der Zeit nach den Taliban durch das Land zog, mitreißender verdeutlichen können. Aber während der intensiven Proben tauchen ungeahnte Konflikte und neue Bedrohungen auf. Für jeden einzelnen Teilnehmer wird das Projekt zu einer existenziellen Herausforderung. Die Schauspielerinnen und Schauspieler bringen sich und ihre Familien in Gefahr. Die europäische Regisseurin findet sich bei der Arbeit nicht zurecht in den afghanischen Traditionen. Alte Wunden und traumatische Erfahrungen aus der Kriegs- und Terrorzeit brechen wieder auf. Shakespeares Text, der dramatische Alltag in Kabul und die globalen Konflikte der Kulturen überkreuzen sich mit dem Schicksal der Beteiligten. Bis zuletzt ist unsicher, ob die Premiere zum Triumph oder zur Katastrophe wird.

Stephen Landrigan schreibt Theaterstücke und war als Journalist u. a. für The Washington Post und BBC Radio tätig. Er verbrachte fünf Jahre als Entwicklungshelfer in Afghanistan. Für die Produktion von Verlorene Liebesmüh versammelte er ein Übersetzerteam um sich, um Shakespeares Dichtung in die Landessprache Dari zu übertragen. Er lebt in Massachusetts.

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Leseprobe

Prolog


Für Kabul war die Luft des späten Nachmittags ungewöhnlich mild, besonders im Garten, in dem wir standen. Es war ein paar Tage nach Nouruz, dem zoroastrischen Neujahrsfest, das auf den Tag des Frühlingsanfangs fällt. Die Mandelbäume standen in Blüte, und das schräg über einen kleinen Hügel in der Nähe einfallende Licht mengte sich mit ihrem zarten Duft.

Flügel und Hauptgebäude eines anmutigen Herrenhauses, das vor anderthalb Jahrhunderten ein Adliger hatte bauen lassen, umschlossen den Garten auf drei Seiten. Eine hohe Mauer begrenzte ihn auf der vierten. Eine Landschaft aus Terrassen, Balkonen, Nischen und großzügigen Treppenaufgängen vermittelte den Eindruck eines Ortes, an dem etwas Besonderes stattfinden sollte.

Alles an dem Garten stand in heftigem Gegensatz zur Straße draußen. Wir waren über eine steile Gasse heraufgekommen, die schlammig aufgeschwemmt war vom Abwasser aus den Häusern der Anwohner. Sorgfältig hatten wir darauf geachtet, wo wir unsere Füße hinsetzten, um die Schmutzwasserbäche zu meiden und den Taxis auszuweichen, die die schmale Straße als Abkürzung nutzten. Während wir uns nach oben kämpften, kamen uns bergab rasende Fahrräder und Kinder an den Händen von Frauen in weißen oder blauen Burkas entgegen. Die Frauen klammerten sich an die Hände der kleinen Jungen oder Mädchen an ihrer Seite, waren sie doch auf deren Augen angewiesen, da sie selbst nicht sehen konnten, wo sie hintraten.

Von weit unter uns drang wütendes Hupen von der Salang Watt herauf, einer der belebtesten Straßen Kabuls. Busse, Autos und mit Gemüse und Früchten beladene Handkarren wetteiferten um jeden Zentimeter Vorankommens. Ein Polizeiwagen mit plärrender Sirene steckte in dem Wirrwarr fest wie alle anderen. Jeder wollte so schnell wie möglich nach Hause. An den Geschäften ließ man die Metallgitter herunter, Jugendliche rannten in die Bäckereien, um noch schnell frisches Brot für das Familienabendessen zu besorgen. Die Muezzins riefen von den Türmen der Moscheen zum Abendgebet. Die Luft war angefüllt mit Qualm und Staub und dem Gestank von Schweiß und offenen Rinnsteinen.

Mauern aus Lehmziegeln erhoben sich zu beiden Seiten der Gasse, ohne dass sich erahnen ließ, was sich hinter ihnen verbarg. Vor uns, wo das Sträßchen nach links bog, lag ein kleiner Friedhof mit einem Dutzend Gräbern, die durch aufgeschichtete Steine gekennzeichnet waren und durch grüne Fahnen, die in der Abendbrise flatterten. Einst hatte der Friedhof weit außerhalb der Stadt gelegen: Die Toten hatten erwartet, hier in Frieden zu ruhen. Doch die ausufernde Stadt hatte sie vereinnahmt, und jetzt standen direkt neben ihren Gräbern fahrbare Verkaufsstände, an denen man Telefonkarten, Kaugummi, kalte Getränke und Zigaretten erstehen konnte.

Vor dem Friedhof befand sich zu unserer Rechten ein großes Tor in der Mauer. Die dicke Holztür, die sich von all den anderen in der Gasse unterschied, stand weit offen. Darüber prangte ein Schild mit der Aufschrift: Foundation for Culture and Civil Society.

Jetzt standen wir im Innern. Die reiche afghanische Familie, der das Haus gehörte, lebte anderswo und vermietete das Anwesen für gutes Geld an die Kharidschi, die Ausländer. In dieser Zeit nach dem 11. September hatten sich Fremde aus Dutzenden von Ländern in Kabul eingefunden. Sie waren nach Afghanistan gekommen, um sich am Aufbau zu beteiligen. Ich war einer von ihnen. Vor einem Jahr war ich eingetroffen, ohne irgendetwas von Afghanistan zu wissen, doch in der Hoffnung, helfen zu können.

Ich war in Begleitung von Corinne Jaber, die in Kabul einen Freund besuchte. Es war ihr erster Aufenthalt in Afghanistan. Vor ein paar Wochen waren wir uns begegnet und hatten festgestellt, dass uns unsere Theaterleidenschaft verband. Sie war eine in Paris lebende Schauspielerin, ich ein Dramatiker, der mit dem Stück, das er vor zwei Jahren geschrieben und inszeniert hatte, große Verluste einfuhr. Um meine Geldgeber, denen die ausgezeichneten Kritiken nicht genügten, befriedigen zu können, hatte ich einen Job angenommen und arbeitete nun hier für ein von den USA finanziertes Bildungsprogramm.

Corinne und ich waren gerade aus der im Norden gelegenen Stadt Mazar-i-Scharif nach Kabul zurückgekehrt. Dorthin gereist waren wir mit getrennten Freundesgruppen, um Nouruz zu feiern, das traditionelle afghanisch-persische Neujahrsfest.

Zufällig hatten wir beide Zimmer in einem Gästehaus gebucht, das unter der Leitung der Vereinten Nationen steht. Wir gehörten zu dem Schwarm von Ausländern, die sich in den hohen Räumen dieses aus der Zeit König Edwards stammenden alten Herrenhauses sowie in den kleinen Ferienhäuschen rund um die Gärten drängten. An den großen Tischen, an denen wir zusammen aßen, hörte man ein Dutzend verschiedener Sprachen.

Jeder hatte Geschichten über seine Arbeit und seine Erlebnisse in Afghanistan zu erzählen. Alle blickten positiv in die Zukunft an dieser Wende zum Jahr 1384 des muslimischen Kalenders. Das traditionelle Nouruz reicht freilich mindestens ein Jahrtausend weiter zurück in den vorislamischen Zoroastrismus.

Nach der zwischenfallsfrei verlaufenen Präsidentschaftswahl vor sechs Monaten war Afghanistan von blindem Optimismus erfasst. Nach drei Dekaden voller Krieg und Aufruhr war das Land auf dem Weg in eine bessere Zukunft; alle waren davon überzeugt.

Keiner war zuversichtlicher als der Direktor der Foundation for Culture and Civil Society, der Niederländer Robert Kluijver. Er war nach Mazar gekommen, um am Mulla-i-Gul-i-Surkh teilzunehmen, dem Fest der Roten Blume, benannt nach den wilden Tulpen, die überall in Afghanistan um die Zeit des Nouruz aufsprießen, und das mit Musik und Dichterlesungen begangen wird. Überall in den trockenen, steinigen Feldern entlang der Straße zwischen Kabul und Mazar blühen diese wilden Tulpen. Sie wachsen kaum höher als eine Handspanne und sind die Urahnen all jener Tulpen, die den Holländern ein Vermögen einbrachten.

Robert zieht diese Tulpen denen seines Heimatlandes vor. Er ist ein Abenteurer, ein Polyglott und ein Kenner der islamischen Kultur. Er spricht fließend Dari, eine der Hauptsprachen Afghanistans, hatte schon früher viele Jahre in Afghanistan zugebracht und war kurz nach der Vertreibung der Taliban gegen Ende des Jahres 2001 zurückgekehrt. Er war der festen Überzeugung, die Kunst müsse bei der Erneuerung Afghanistans nach diesen Jahrzehnten voller Brutalität und Krieg eine entscheidende Rolle spielen.

Ganz oben auf seiner Liste stand die Wiederbelebung des Erbes jenes als Rumi bekannten afghanischen Dichters, der 1207 wenige Meilen westlich von Mazar in der alten Stadt Balch geboren wurde. Rumis mystische Verse erlangten Weltruhm. Im Mittelpunkt des Festivals stand die Feier der Dichtung Rumis, die Robert organisiert hatte. Sie fand im Gouverneurspalast statt, wo Afghanen Rumi-Gedichte im persischen Original rezitierten und der amerikanische Lyriker Coleman Barks die englischen Übersetzungen vortrug.

Am nächsten Tag veranstaltete Robert ein Konzert zu Ehren der Ustads, der Meister der traditionellen Musik. Die hypnotischen Darbietungen wurzelten in den traditionellen Rhythmen, die vom Herzen Zentralasiens bis zum Indus verbreitet sind.

Ich war erstaunt über die hier gebotene kulturelle Vielfalt. Wie die meisten Ausländer, die nach Afghanistan kommen, hatte auch ich keine Ahnung von der lokalen Kultur.

Zwischen den einzelnen Darbietungen spazierten Corinne und ich durch die Sehenswürdigkeiten von Mazar, handelten in den Teppichläden, besuchten den Burka-Markt und fanden an jeder Ecke unerwartet Neues. Der Westen begegnete dem unverfälschten Osten, und wir waren völlig davon eingenommen.

Tausende von Afghanen aus dem ganzen Land kommen jedes Jahr zur Feier des Nouruz nach Mazar. Die Stadt brummte. Die Menschen in den Straßen waren freundlich, jeder wollte uns die Hand schütteln. Kaum gaben wir einem die Hand, kamen zwanzig andere, die uns auch die Hände entgegenstreckten. Rockstars wird diese Art von Vergötterung zuteil. Es war berauschend. Und die Beglückung war beiderseits, nach dem beseligten Lächeln auf den afghanischen Gesichtern zu urteilen: ein weiteres Zeugnis für die Euphorie, die Afghanistan in jenen glücklichen Monaten ergriffen hatte.

Im Zentrum von Mazar steht der blau gekachelte Schrein, dem die Stadt ihren Namen verdankt. Angeblich handelt es sich um das Grab von Hazrat Ali, dem Neffen und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, Friede sei mit ihm. Der Schrein wird vor allem von Schiiten verehrt, den Anhängern des Ali. Doch zum Nouruz verwischen sich in der Begeisterung, mit der die Gläubigen zu einem Ort pilgern, der allen Muslimen als heilig gilt, alle sektiererischen Grenzen.

Das erste Mal besuchten wir den Schrein bei Nacht. Er war mit blinkenden, tönenden Lichtergirlanden geschmückt; zu unserer Verwunderung erklangen blechern scheppernde Versionen von Jingle Bells und Santa Claus is Coming to Town. Derjenige, der die Lichterketten aufgehängt hatte, wusste gewiss nicht, um welche Melodien es sich da handelte.

Während des Tages kamen wir zurück und beobachteten die Straßenverkäufer, die billige Schals mit grün-weiß-roten Paisleymustern an die Pilger verhökerten. Mit diesen Tüchern wischten sie über den Schrein, um so den Segen des heiligen Ortes mit nach Hause nehmen zu können....

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