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E-Book

Show Me a Hero

Eine wahre Geschichte über Macht, Verrat und Gewalt

AutorLisa Belkin
VerlagUllstein
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl448 Seiten
ISBN9783843713344
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis12,99 EUR
Eine Kleinstadt im Norden New Yorks, Anfang der 80er Jahre: Inmitten eines bürgerlichen Viertels sollen Sozialwohnungen für die Unterschicht gebaut werden. Die dort ansässigen Bürger fürchten Kriminalität und Verrohung und steigen auf die Barrikaden. Der Konflikt spitzt sich immer weiter zu, und Nick Wasicsko, der jüngste Bürgermeister der USA, gerät angesichts der aufkommenden Unruhen und Rassenkonflikte unter Druck. Eines Tages geschieht ein Mord ... Show Me A Hero ist eine wahre Geschichte über Macht, Politik und Gemeinschaft, die all unsere Werte in Frage stellt. Ein packendes Sachbuch, erzählt wie ein Krimi, verfilmt von The Wire-Autor David Simon.

Lisa Belkin war Journalistin bei der New York Times und der Huffington Post, bevor sie 2014 zu Yahoo News wechselte. Sie hat mehre Bücher geschrieben, Radiosendungen moderiert und unterrichtet in Princeton kreatives Schreiben. Belkin lebt mit ihren Söhnen und ihrem Mann in Westchester County, New York.

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Leseprobe

1989


Ein Haus auf dem Hügel


Das Haus Nummer 75 an der Yonkers Avenue ist für jeden sichtbar gut versteckt. Es liegt an einer der am stärksten befahrenen Straßen der Westseite, oben auf einem kleinen Hügel, und ist von weithin zu sehen. Der einzige Weg diesen Hügel hinauf führt jedoch über eine steile Privatstraße, die nicht ausgeschildert und leicht zu übersehen ist. Es kann praktisch niemand finden.

Nur wegen eines Makler-Pfeils fuhren Nick und Nay überhaupt die ausgefahrene und dennoch imposante Einfahrt hoch. Sie waren zu dem Zeitpunkt gar nicht auf der Suche nach einem Haus. Sie befanden sich mitten in der Kampagne zu Nicks Wiederwahl und waren auf dem Weg zum Cross County Shopping Center auf der Ostseite, um ein paar Hände zu schütteln. Nick hasste inzwischen diese Wahlkampf-Stopps auf der anderen Seite des Saw Mill. Einige Wochen zuvor hatte ihn ein Passant in einer der Ost-Bezirke angespuckt, und er wäre sehr froh, den Highway nie mehr überqueren zu müssen. Wonach er suchte, war kein Haus, sondern eine Ausrede zum Umkehren. Als er das »Open House«-Schild des Immobilienmaklers sah, kehrte er über die vierspurige Straße um und fuhr den Hügel hoch.

Oben angekommen, war es Liebe auf den ersten Blick. Nick und Nay waren sofort von dem riesigen, ungepflegten Haus mit seinen verwitterten Schindeln und abblätternden grünen Ziegelsteinen verzaubert. Sie wussten, dass sie es sich nicht leisten konnten, und hatten keine Ahnung, wo man zuerst mit den Reparaturen anfangen sollte. Doch sie wussten auch, dass sie es kaufen mussten.

Nick, der noch nie vorher in einem Einfamilienhaus gelebt hatte, gefiel das große Raumangebot genauso gut wie der Gedanke, ein Haus zu besitzen. Doch am meisten liebten beide die Privatsphäre. Sie wohnten damals zur Miete in der oberen Wohnung eines Zweifamilienhauses. Jeden Abend, wenn sie nach Hause kamen, benutzten sie den einen Schlüssel, um die Haustür zu öffnen, dann erklommen sie die Stufen und benutzten einen weiteren Schlüssel für ihre Wohnungstür. Lange hatten sie sich in Sicherheit gewogen, bis sie eines Tages einen Aufkleber »Spallone für das Bürgermeisteramt« an ihrer Wohnungstür fanden. Danach war Schlaf nur noch ein seltener Luxus. Nick lag wach und machte sich Gedanken über den Wahlkampf. Nay warf sich im Bett hin und her, stand dann auf und überprüfte die Türschlösser.

Es gab noch etwas, warum sie dieses Haus anzog, etwas, das über die Privatsphäre, Sicherheit oder das Raumangebot hinausging, etwas, das sie beide dachten, aber niemand sagte. Yonkers Avenue 75 könnte ein großartiges Haus sein. Unter dem scheußlichen Linoleum und hinter den angeknacksten Akustikplatten lag das Haus eines Bürgermeisters. Vielleicht das Haus, das einem Senator würdig war, einem Gouverneur oder einem Federal Judge. Die Immobilie auf dem Hügel zu kaufen, wäre mehr als die übliche Investition in die Zukunft. Es wäre ein Statement, das Vertrauen darauf, dass es eine Zukunft gäbe. Wenn das angeschlagene, windgepeitschte Haus zu seiner früheren Pracht zurückkehren konnte, dann hieße das, dass Nick Wasicsko zu jenen Tagen kurz nach seiner Wahl zum Bürgermeister zurückkehren konnte, als ihm die Welt noch offenstand.

An dem Tag, als Nick und Nay das Haus auf dem Hügel sahen, war seit dem Abend, an dem Longo und Chema ihre Meinung geändert hatten, fast ein Jahr vergangen. Nick hatte angenommen – naiverweise, wie ihm klarwurde –, dass alles wirklich vorbei sein würde, wenn das Thema durch wäre. Stattdessen ging das Gefecht weiter. Grundstückseigentümer in der Nähe der Bauplätze reichten Klage ein, um das Vorhaben zu blockieren. Eine Gruppe von Konformitäts-Befürwortern verklagte die renitenten Ratsmitglieder wegen Pflichtverletzung auf Schadensersatz von 166 Millionen Dollar. Die »Save Yonkers«-Koalition stieß eine Petition an, um Nick Wasicsko abzuwählen, obwohl so etwas im Staat New York nicht zulässig ist. Ein ortsansässiges Kongressmitglied brachte eine Gesetzesvorlage ein, um die Geldstrafen zurückzuerstatten, die Sand für nicht erstattungsfähig erklärt hatte. Nur eine der vielen Klagen und Petitionen hatte Erfolg. Der Oberste Gerichtshof willigte ein, den Antrag auf Revision der vier Ratsmitglieder zuzulassen, die persönliche Geldstrafen erhalten hatten und ihre 3.500 Dollar zurückhaben wollten.

Inmitten des Ganzen – für den Fall, dass Nick nicht mitbekommen haben sollte, wie absurd sich diese Stadt aufführte – gab es Neuigkeiten von Laurie Recht. Nachdem sie ihren einsamen Appell für die Sozialbauten gehalten hatte, wurde Recht zu einer lokalen Berühmtheit. Die New York Times nannte sie eine Heldin, und sie wurde als Rednerin vor Absolventen des örtlichen Colleges geehrt. Doch das Scheinwerferlicht war nicht nur hell, sondern auch heiß, und in den neun Monaten nach ihrem Appell an die Menge erstattete Recht vierundzwanzig Mal Anzeige bei der Polizei. Die meisten wegen Drohanrufen, doch ein Polizeibericht handelt von einer Bombendrohung, ein anderer von einem Hakenkreuz vor ihrer Wohnung im dreizehnten Stock, und der dritte ist ein detailliert beschriebener Versuch, wie jemand ihr Auto von der Straße abdrängen wollte.

Die Polizei hörte heimlich ihr Telefon ab und installierte eine Kamera vor ihrer Wohnungstür. Kurz darauf berichtete Recht von drei Drohanrufen innerhalb eines Tages, doch das Abhörprotokoll hatte keine Anrufe verzeichnet. Die Videokamera zeichnete jedoch einen Täter auf. Als die Polizei sich das Video ansah, erkannte sie sehr deutlich eine Person, die sich umschaute und dann eine Drohbotschaft und ein Hakenkreuz an die Wand schmierte. Diese Person war Laurie Recht.

Wie passend, dachte Nick, dass die einzige Person, die sich für die Angelegenheit starkmacht, nun in Handschellen abgeführt wird.

Er hatte sich nie wirklich zu einer Wiederwahl entschieden. »Wahl oder nicht Wahl« – so stellte er sich mental diese Frage nie. Stattdessen sah er die Entscheidung als »durchhalten oder aufgeben« an. Von jemandem, der zum ersten Mal ein Amt innehatte, wurde erwartet, dass er wieder kandidierte. Alles andere wäre peinlich und glich einer öffentlichen Erklärung, versagt zu haben. Es gäbe Hank Spallone, der drohte ihn herauszufordern, zu viel Genugtuung. Nick hatte überhaupt keine Lust auf einen Kampf, aber so weit käme es noch, dass jemand meinte, er würde kampflos aufgeben.

Nachdem klar war, dass Nick kandidieren würde, wallte ein Teil des alten Adrenalins wieder auf. Es war eine andere Art der Energie als die, die ihn bei seiner ersten Kandidatur zum Bürgermeister angetrieben hatte, weil er nun ein anderer Mensch war, umgeschmiedet von den Feuern der letzten beiden Jahre. Er sah immer noch wie ein Teenager aus, doch im Inneren trug er die Narben des Krieges. Beim ersten Rennen ging es um ihn – würde er es schaffen, war er klug und geschickt genug, konnte er das sagen, was die Leute hören wollten? Es war der Wahlkampf eines Jungen auf dem Schulhof, der vielleicht zu kleinwüchsig für Basketball war, doch der etwas Undefinierbares an sich hatte, weswegen die anderen Kinder ihn »The Mayor« nannten.

Was der Wohnungsbau-Streit ihm jedoch gezeigt hatte, war, dass der Rausch des Sieges nur bis zum Wahlabend hielt. Danach musste man für etwas stehen. Nick hatte sein Amt mit Ambitionen übernommen. Während seiner Amtszeit hatte er Meinungen entwickelt. Sie war eine Reise, die ihn geerdet, aber nicht zu einem Heiligen gemacht hatte. Er wollte immer noch gewinnen. Er wollte immer noch der Bürgermeister sein, verzaubert von allem, was das Amt bedeutete und wohin es führen konnte. Und er war immer noch fest entschlossen, etwas zu beweisen, doch diesmal war es anders. Er musste beweisen, dass er recht gehabt hatte. Das erste Mal wegen dem gewählt, was er nicht war, wollte Nick diesmal gewinnen, weil er war, wer er war.

Das Erste, was er tat, war 15.000 Dollar für eine Umfrage auszugeben, in der Hoffnung, dass es eigentlich eine stille Mehrheit gab, die die Sozialbauten befürwortete. Doch so klar und deutlich war die Aussage nicht, stellte er fest. Damals, im August 1988, standen 42 Prozent der Wähler hinter den Ratsmitgliedern, die gegen die Sozialbauten waren, und 37 Prozent hinter Nick. Etwas ermutigender war die Tatsache, dass im Frühjahr 1989 48 Prozent sagten, es sei Zeit, die Anordnungen des Richters zu befolgen, während 39 Prozent weiterkämpfen wollten. Das nützlichste Umfrage-Ergebnis war, dass zwar bei der Wahl sich die Stimmen auf Nick (29 Prozent) und Hank (30 Prozent) aufteilten, die Demokraten in der Vorwahl – und das war es, was zählte – 40 Prozent Nick unterstützten und nur 29 Prozent Hank.

Die Wasicsko-Kampagne ließ Ergebnisse der Umfrage bewusst durchsickern und wartete auf den Fallout. Doch anstatt einfach aufzugeben, wechselte Hank Spallone die Partei und ging zu den Republikanern.

Nick eröffnete seinen Wahlkampf vor dem Rathaus. Einhundertfünfzig Menschen standen auf den Stufen um ihn herum, schwangen Besen und riefen »Reinen Tisch!«. Er war stolz auf seine Rede, ein Portrait einer Stadt am Scheideweg. »Unser Weg führt zu einem schönen Yonkers, in dem wieder Ordnung herrscht. Ihr Weg führt zu einem Yonkers, das wieder Ordnungsgeld bezahlt. Unser Weg führt zur Wahl eines Rates, der Gesetze verabschiedet. Ihr Weg führt zur Wiederwahl eines Rates von Gesetzesbrechern.«

Er versuchte die Tatsache zu ignorieren, dass siebenhundert Leute zu Hank Spallone kamen, als er seinen Wahlkampf eröffnete.

Nick wurde von einem Demokraten namens Dominick Iannacone herausgefordert, einem früheren Ratsmitglied, dessen letzte Kandidatur 1977 mit einer Niederlage gegen Angelo...

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