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E-Book

Siebzehn Widersprüche und das Ende des Kapitalismus

AutorDavid Harvey
VerlagUllstein
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl384 Seiten
ISBN9783843710718
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis18,99 EUR
WORUM GEHT ES? Gibt es seit dem Ende des Kommunismus wirklich keine echten Alternativen zum Kapitalismus? David Harvey meint: Doch! Man muss allerdings das Wesen des Kapitalismus genau verstehen, um ihn durch einen revolutionären Humanismus ersetzen zu können, in dessen Zentrum nicht das Kapital, sondern der Mensch steht. Konkret untersucht Harvey die Anhäufung von Kapital, das fatale Wachstumscredo, den spekulativen Immobilienmarkt und den Raubbau an der Natur. Er beschreibt jedoch nicht nur Krisen, sondern zeigt auch Chancen auf. Denn gerade die Widersprüche im Kapitalismus können Anfangspunkte für neue politische und kulturelle Bewegungen sein. Die utopische Kraft dafür kommt aus den Städten. WAS IST BESONDERS? Eine fundierte, realitätsnahe Kapitalismuskritik und zugleich ein Manifest des Wandels - geschrieben von einem der führenden Sozialtheoretiker der heutigen Zeit. WER LIEST? • Jeder, der die globalen Machtverhältnisse kritisch sieht • Leser von Stéphane Hessel, Michael J. Sandel, David Graeber und Thomas Piketty

Wer schreibt? David Harvey, geboren 1935, zählt zu den bedeutendsten Sozialwissenschaftlern der Gegenwart. Er hat in Cambridge Geographie und Anthropologie studiert und in Oxford, Baltimore sowie London gelehrt. Heute unterrichtet er an der City University of New York. Harvey ist bekennender Neomarxist und forscht zu Urbanisierung, Geographie und Umwelt.

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Leseprobe

Prolog

Die jetzige Krise des Kapitalismus

Krisen sind wesentlich für die Reproduktion des Kapitalismus. Im Laufe von Krisen werden Instabilitäten erkannt und so gründlich umgestaltet, dass gleichsam eine aktualisierte Version des Kapitalismus entsteht. Vieles wird abgerissen und entsorgt, um Platz für Neues zu schaffen. Einst produktive Landschaften werden in industrielles Ödland verwandelt, alte Fabriken stillgelegt oder neuen Zwecken zugeführt, Arbeitersiedlungen luxussaniert. Andernorts werden kleinbäuerliche Betriebe und Pachthöfe von industrialisierten Großbetrieben oder hochmodernen Fabriken verdrängt. Inmitten vorstädtischer Reihenhaussiedlungen entstehen Gewerbegebiete, Entwicklungs-, Lager- und Logistikzentren, die durch ein Netz von Schnellstraßen miteinander verbunden werden. Metropolen überbieten sich beim Bau prächtiger Bürotürme und symbolträchtiger Kulturbauten, gigantische Einkaufszentren werden in den Stadtzentren und Vorstädten hochgezogen, einige sogar mit der zusätzlichen Funktion als Flughäfen, durch die sich ein unaufhörlicher Strom von Touristen und Geschäftsleuten in eine immer kosmopolitischere Welt ergießt. Die Golfplätze und bewachten Wohnanlagen aus den USA gibt es heute auch in China, Chile und Indien, wo sie in brutalem Kontrast zu den planlos wuchernden Slums, Favelas oder Barrios pobres stehen.

Bemerkenswert an Krisen ist aber nicht nur die Umgestaltung der Geographie, sondern auch die radikale Veränderung unserer Denk- und Sichtweisen, Institutionen und Ideologien, politischen Bündnisse und Prozesse, politischen Subjektivitäten, Technologien und Organisationsformen, sozialen Beziehungen, kulturellen Sitten und Vorlieben, die den Alltag prägen. Krisen erschüttern unsere Vorstellungen von der Welt und unsere Stellung in ihr bis in die Grundfesten. Sie erzwingen eine Anpassung an den Status quo – egal, wie klein unser Beitrag zum Weltgeschehen auch sein mag.

Mitten in einer Krise ist schwer zu erkennen, wie oder wann sie enden wird. Krisen sind keine singulären Ereignisse, sondern sie werden von langfristigen tektonischen Verschiebungen ausgelöst. Die Weltwirtschaftskrise, die mit dem Börsenkrach von 1929 begann, wurde endgültig erst in den Fünfzigerjahren überwunden, nach einer globalen Depression und einem Weltkrieg. Ganz ähnlich verhielt es sich mit der Krise, die sich in den Turbulenzen auf den internationalen Devisenmärkten Ende der Sechzigerjahre und den Straßenprotesten von 1968 (in Paris, Chicago, Mexiko City und Bangkok) äußerte. Sie fand erst Mitte der Achtzigerjahre ein Ende – nach dem Zusammenbruch der internationalen Währungsordnung von Bretton Woods, einem Jahrzehnt turbu­lenter Arbeitskämpfe und dem Aufstieg und der Festigung des Neoliberalismus unter Reagan, Thatcher, Kohl, Pinochet und, schließlich, Deng Xiaoping in China.

In der Rückschau ist es nicht schwer, die Indizien für eine bevorstehende Krise zu erkennen, lange bevor sie eintritt. So waren es in den USA beispielsweise die rasant zunehmende soziale Ungleichheit in den Zwanzigerjahren und die plötzlich entstehende Immobilienblase von 1928, die den Zusammenbruch von 1929 ankündigten. Tatsächlich birgt der Ausgang einer Krise schon den Keim kommender Krisen in sich. Die globale Finanzialisierung, die in den Achtzigerjahren begann, um das Problem der Arbeitskräfteknappheit durch eine gesteigerte Mobilität und Streuung des Kapitals zu lösen, führte zum Untergang der Investmentbank Lehman Brothers am 15. September 2008.

Zur Zeit dieser Niederschrift sind mehr als fünf Jahre seit dem folgenschweren Zusammenbruch von Lehman Brothers vergangen. Und wie die Vergangenheit zeigt, wäre es höchst naiv, bereits zum gegenwärtigen Zeitpunkt klare Hinweise auf die Beschaffenheit eines »neuen« Kapitalismus zu erwarten. Man sollte jedoch annehmen, dass es zumindest zahlreiche konkurrierende Diagnosen der Fehlentwicklungen und eine Vielzahl von Verbesserungsvorschlägen gibt – aber dem ist nicht so. Während die eine Hälfte der Welt (Europa und die USA) die neoliberale, angebotsorientierte und moneta­ristische Politik einfach fortsetzen möchte und in der Austerität die geeignete Medizin zur Heilung unserer Krankheiten sieht, macht sich die andere Hälfte (China) an die Neuauflage eines verwässerten, nachfrageorientierten und schulden­finanzierten Keynesianismus, ohne allerdings Keynes’ zen­trale Forderung nach einer Einkommensumverteilung zugunsten ärmerer Schichten zu berücksichtigen. Egal, welche Strategie befolgt wird, das Ergebnis kommt jenem Klub der Milliardäre zugute, der heute sowohl national als auch international eine Plutokratie mit ständig wachsender Macht darstellt. Überall werden die Reichen von Minute zu Minute noch reicher. Die 100 wohlhabendsten Milliardäre der Welt (aus China, Russland, Indien, Mexiko und Indonesien ebenso wie aus den traditionellen Wohlstandszentren Nordamerikas und Europas) stockten allein im Jahr 2012 ihr Vermögen um 240 Milliarden Dollar auf (genug, wie Oxfam errechnet hat, um die Armut in der Welt von einem Tag auf den anderen zu beenden). Im Gegensatz dazu stagniert das Wohlstandsniveau der breiten Bevölkerung – oder es verschlechtert sich dramatisch, wie in Griechenland und Spanien.

Neu ist lediglich die große Rolle der Zentralbanken und besonders der amerikanischen Fed. Seit ihren Anfängen (in England etwa 1694) kümmerten sich die Zentralbanken dabei immer um die Interessen der anderen Banken und nicht um das Wohlergehen der Menschen. Dass die USA im Sommer 2009 die Krise statistisch hinter sich lassen und dass sich die Aktienmärkte fast überall von ihren Verlusten erholen konnten, lag ganz allein an den Interventionen der US-Notenbank. Wenn der global operierende Kapitalismus tatsächlich von einer Diktatur der Zentralbanker gemanagt wird, die vor allem die Macht der Banken und Plutokraten schützen, besteht freilich kaum Aussicht, die gegenwärtigen Probleme der stagnierenden Volkswirtschaften und fallenden Lebensstandards in den Griff zu bekommen.

Es gibt auch viel Gerede über eine technologische Lösung der jetzigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Doch Tatsache ist, dass die neuen Technologien und Organisationsformen nie entscheidend zur Überwindung von Krisen beigetragen haben (was nicht heißt, dass sie gar nichts dazu beigetragen haben). Große Hoffnungen werden gegenwärtig etwa auf einen »wissensbasierten« Kapitalismus gesetzt (mit den Speerspitzen Bio- und Gentechnik sowie künstliche Intelligenz). Doch Innovation ist immer ein zweischneidiges Schwert. Schließlich führte die Automatisierung in den Achtzigerjahren auch zur Deindustrialisierung und zum Verlust zahl­reicher Arbeitsplätze. Seitdem wird Unternehmen wie Ge­neral Motors (das in den Sechzigerjahren gut bezahlte, gewerkschaftliche Arbeiter beschäftigte) von Konzernen wie Walmart (mit ihrer Riesenzahl von nicht organisierten Beschäftigten im Niedriglohnsektor) der Rang abgelaufen. Wenn der gegenwärtige Innovationsboom überhaupt irgendeine Richtung erkennen lässt, dann sicherlich in Hinblick auf schwindende Beschäftigungsmöglichkeiten für Arbeiter und die wachsende Bedeutung von ökonomischen Renten aus geistigen Eigentumsrechten. Aber wenn alle versuchen, von Renten zu leben und niemand in eine wie auch immer geartete Produktion investiert, dann wird die nächste Krise nicht lange auf sich warten lassen.

Dabei scheinen nicht nur die kapitalistischen Eliten und ihr akademisches Fußvolk außerstande zu sein, irgendeinen radikalen Bruch mit der Vergangenheit zu vollziehen oder ­einen gangbaren Ausweg aus wirtschaftlicher Stagnation, Staatsverschuldung und Arbeitslosigkeit zu zeigen. Auch die traditionelle Linke (politische Parteien und Gewerkschaften) ist einfach nicht in der Lage, der Macht des Kapitals einen nennenswerten Widerstand entgegenzusetzen. Dreißig Jahre ideologischer und politischer Diffamierung von rechts haben sie verschlissen. Der Zusammenbruch des real existierenden Kommunismus und der »Tod des Marxismus« nach 1989 haben die Situation noch verschlimmert. Die radikale Linke ist heute weitgehend marginalisiert und setzt ihre Hoffnung auf begrenzte Aktionen und lokalen Aktivismus, der sich eines Tages zu irgendeiner Form von befriedigender Makroalternative aufaddieren soll. Mit ihrer libertären und sogar neo­liberalen Ethik des Antietatismus folgt sie Denkern wie ­Michel Foucault und anderen, die die postmodernen Fragmentierungen im Zeichen eines weitgehend unverständlichen Poststrukturalismus versammeln, indem sie sich Identitätspolitik auf die Fahnen schreiben und die Klassenanalyse meiden. Autonome, anarchistische und lokale Perspektiven und Aktionen schießen aus dem Boden. Doch in dem Maße, wie diese Linke versucht, die Welt zu verändern, ohne die Macht zu übernehmen, konsolidiert die plutokratisch-kapitalistische Klasse weitgehend unbehelligt ihre Herrschaft. Unterstützt wird sie von einem Sicherheits- und Überwachungsstaat, der sich keineswegs scheut, jede Form des Dissenses mit Hilfe seiner Polizeikräfte zu ersticken.

In diesem Klima habe ich das vorliegende Buch geschrieben. Die gewählte Vorgehensweise ist insofern etwas unkonventionell, als ich mich an Marx’ Methode halte, aber nicht unbedingt an seine Rezepte – was manchen Leser irritieren mag. Doch wenn wir die derzeitige Flaute in der wirtschaftlichen Theorie, Praxis und Politik überwinden wollen, brauchen wir ein paar neue Gedanken. Schließlich läuft der Wirtschaftsmotor des Kapitalismus alles andere als rund. Mal stottert er mühsam dahin, mal droht er stehenzubleiben, und von Zeit zu Zeit ­explodiert er ohne Vorwarnung. Gefahrenzeichen finden sich auf Schritt und Tritt, während gleichzeitig die Aussicht...

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