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E-Book

Simple Wahrheiten und warum ihnen nicht zu trauen ist

AutorMarianne Gronemeyer
VerlagPrimus
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl208 Seiten
ISBN9783896788894
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis15,99 EUR
Alle Tage wird man mit den unterschiedlichsten Selbstverständlichkeiten und Patentlösungen, mit geradezu litaneihaft wiederholten ?Richtigkeiten? konfrontiert. Jeder kennt dergleichen Satzwahrheiten, die in den Medien tagtäglich zu lesen, zu hören, zu sehen sind: »Wachstum schafft Arbeitsplätze«, »Kinder brauchen Kindergärten«, »Mehr Schule erzeugt mehr Bildung«, »Erfolg gibt recht«, »Leistung braucht Konkurrenz«, »Vorbeugen ist besser als heilen«, »Vertrauen ist gut, Garantie ist besser«. Die Grundfrage, die dieses Buch immer wieder stellt, lautet: Und wenn es nun ganz anders ist? Kann man, sollte man derartigen ?Wahrheiten? nicht grundsätzlich misstrauen? Marianne Gronemeyer stellt in ihrem engagiert geschriebenen Buch allgemein akzeptierte ?Wahrheiten? auf den Prüfstand, ihr Anliegen ist es, deren trügerischen oder sogar betrügerischen Kern offen zu legen. Es geht somit um die Umstülpung von Denkgewohnheiten und darum, die Grundannahmen, die unser politisches und persönliches Handeln leiten, zu erschüttern, ja geradezu auf den Kopf zu stellen: Wachstum vernichtet Arbeitsplätze. Schule macht Bildung knapp. Eine Gesellschaft, die für 100 Prozent ihrer Kinder Kindergartenplätze vorhält, ist möglicherweise kinderfeindlich usw.

Marianne Gronemeyer, geb. 1941, war Professorin für Erziehungswissenschaft an der Fachhochschule Wiesbaden.

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Leseprobe

Vertrauen ist gut – Garantie ist besser


„Denn alle Lust will Ewigkeit …“ (Friedrich Nietzsche), das ist natürlich ein vermessener Wunsch, über dessen Unerfüllbarkeit sich alle klar sind. Aber ebenso sicher scheint es, dass diese Sehnsucht eine Gemeinsamkeit ist, die alle Menschen aller Zeiten und allerorten verbindet, dass sie nämlich Verlangen tragen nach der Unvergänglichkeit des gelungenen und genossenen Augenblicks. Und man könnte alles menschliche Treiben, die ganze so genannte Fortschrittsgeschichte als das Bemühen ansehen, Lust – oder sagen wir es anders, weniger missverständlich und bedeutungsoffener: Leichtigkeit des Seins – auf Dauer zu stellen.

Worum es in der ganzen Geschichte der technischen und sozialen Errungenschaften geht, ist, dass das, was einmal gelungen ist, garantiert wieder möglich sein soll. Die garantierte Wiederholungsmöglichkeit ist ja eine Art kleiner Verewigung im Diesseits. Und so entstehen Rezepturen, Verfahren, Methoden, Techniken, Automaten. Jedes Kuchenrezept ein Versuch, dem Gelingen das Zufällige zu nehmen, jedes Verfahren soll reibungslosen Ablauf wieder und wieder sicherstellen, jede Methode soll meinen Handlungserfolg voraussehbar und kalkulierbar machen, jeder Automat ist ein Wunderwerk der Präzision der in die Maschine eingeschriebenen Wiederholbarkeit. Und hier ahnen wir bereits etwas von der Trübsinnigkeit der ‚verewigten Lust‘.

Stellen wir uns vor, durch eine glückliche Fügung ist mir aus der Patsche geholfen worden. Ich habe zum Beispiel nicht auf meinen Benzinanzeiger geschaut, weil ich beim Autofahren auf eine Radiosendung gehört habe. Auf einmal fängt das Auto bedenklich zu rucken an, gibt ein paar gurgelnde Laute von sich, stottert, tottert, bleibt stehen. Ein freundlicher Autofahrer, den ich durch Winken auf meine Misere aufmerksam mache, hilft mir mit seinem Benzinkanister aus. Er lässt sich das Benzin noch nicht einmal bezahlen. Ich bin über diese wunderbare Erfahrung zutiefst beglückt. Sie gibt mir für einen Augenblick den Glauben an die Menschheit zurück. Und nun ziehe ich meine Konsequenzen: Ich fahre an die nächste Tankstelle, um mir nun meinerseits einen Benzinkanister zu kaufen, teils weil ich mich bei gegebener Gelegenheit revanchieren können möchte, wenn auch nicht gegenüber meinem Wohltäter, aber doch in der gleichen Situation; teils aber und vor allem, damit ich nie wieder in eine so peinliche Bedrängnis gerate. Das Glück, das ich gerade gehabt habe, soll nun nicht mehr dem Zufall überlassen bleiben. Ich will doch lieber darüber verfügen können und packe es mir als eiserne Ration in den Kofferraum. Jetzt kann es mir nicht mehr entkommen, ich habe es in Sicherheitsverwahrung genommen.

Es wäre ja aber auch eine ganz andere Schlussfolgerung denkbar. Die Tatsache meiner wunderbaren Errettung aus bedrängter Lage könnte mich ja auch in einer Art Sorglosigkeit bestärken, in dem Vertrauen darauf, dass das Leben offenbar so eingerichtet ist, dass es im Normalfall irgendwie weitergeht. Nun könnte man einwenden, das sei doch eine Art höheren Leichtsinns, denn wer wolle mir das garantieren, und außerdem sei es auch parasitär, sich immer auf die Wohltaten anderer zu verlassen. In der Tat, nichts garantiert mir, dass sich das Vertrauen in die gute Fügung rechtfertigt. Das kann allemal schief gehen; und auch das ist richtig, dass es ohne Gegenseitigkeit nicht geht. Aber wohlgemerkt: Gegenseitigkeit müsste ganz anders verstanden werden als das allfällige ,Do ut des‘: Ich gebe dir, damit du mir zurückgibst. Gegenseitigkeit hieße im Gegenzug, verlässlich zu sein für ,dich‘, wer immer und wo immer ,du‘ auch seiest in deiner Misere.

Diesen Unterschied zwischen dem rechenhaften, buchhalterischen ,Do ut des‘ und der Gegenseitigkeit habe ich auf eine bestürzende Weise auf einer Reise in das von Aids heimgesuchte Namibia leibhaftig erfahren. Rauna, diese gute Seele, die sich in unermüdlichem Einsatz um ihre kranken und desolaten Patienten kümmert, hat ihn mich gelehrt. Sie selbst ist nicht eben reichlich mit den Gütern des Lebens gesegnet, aber sie praktiziert mit einer unglaublichen Selbstverständlichkeit eine in ihrer Sorglosigkeit schon beinahe ärgerliche Freigebigkeit. Sie sagte dazu: „Es ist nun einmal so: Wenn ich alles weggegeben habe, dann kommt unverhofft von irgendwoher etwas Neues.“ Aber das klang nicht so, als empfinde sie das als Belohnung für eine gute Tat. Es war einfach eine oft bewährte Erfahrung, dass sich immer wieder Gelegenheit bietet. Ich könnte geradezu den Gegensatz zwischen wiederkehrender Gelegenheit und Garantie, deren Zweck ja darin besteht, dass etwas ein für allemal erledigt und geregelt ist, zum unterscheidenden Merkmal der subsistenten und der konsumistischen Gesellschaft machen. Keine Frage: die sich bietende Gelegenheit muss man beherzt beim Schopfe packen. Der Faulheit und dem Laissez-faire würde Rauna keinesfalls huldigen. Aber man muss die guten Gelegenheiten nicht festnageln wollen, sie haben einen unerhörten Freiheitsdrang. Man kann sie nicht kommandieren, und wenn man es doch versucht, büßen sie ihre Segenskräfte ein und werden unweigerlich zur Institution. In Institutionen haben Gelegenheiten nichts zu suchen. Hier wird geplant und kalkuliert und prognostiziert. Institutionen sind dazu da, dass es kommt wie vorgesehen.

Es gibt eine ganze Literatur, die das Staunen der Europäer über seltsame Gewohnheiten der so genannten Primitiven belegt. Sie haben viel darüber gegrübelt, die Europäer, warum in Jäger- und Sammlergesellschaften, in denen doch allemal prekäre Lebenslagen den Alltag kennzeichnen, eine solche unvernünftige Verschwendungssucht herrschte. Waren die Jäger an einem Tag erfolgreich auf der Jagd, brachten sie also reichlich Beute heim, dann fand ein ungeheurer Festschmaus statt. Nicht dass sie einen Teil der Beute für die nächsten Tage, in denen ihnen das Jagdglück womöglich weniger hold wäre, aufbewahrten, nein, sie gaben alles her, sie schlugen sich die Bäuche voll, sie ,fraßen‘ bis zur völligen Erschöpfung alles auf, gingen von einem Gelage zum andern, bis nichts mehr übrig war. Man hat sich dieses unsinnige Verhalten erklärt als eine Strategie der Neidvermeidung, als Vernichtung des Reichtums, damit niemand den Neid anderer auf sich zöge. Mag sein. Aber mindestens ebenso plausibel ist eine ganz andere Deutung. Sie brachten ganz intuitiv die Beute in Windeseile zum Verschwinden, so dass die Vorstellung, Lust könne Ewigkeit wollen, sie nicht ereilte. Der bei weitem längste Abschnitt der Menschheitsgeschichte könnte frei gewesen sein von der Idee, dass Leichtigkeit des Seins auf Verewigung drängt.

Die Jäger und Sammlerinnen ,vernichteten‘ den eben erworbenen Reichtum, um nicht das Vertrauen in die Unerschöpflichkeit, in die allzeitige Gegenwart der guten Gaben des Lebens, zu gefährden. Sie waren vielleicht ‚besorgt‘ um ihre Sorglosigkeit. Jede Vorsorge für die nähere und fernere Zukunft, alles Horten, alle Rationierung, alle Bestandssicherung bedroht diese Sorglosigkeit. Das ist eine uns widersinnig anmutende Logik, eine ganz unerhörte Zumutung für unsere Vernunft, dass die Möglichkeit, sorglos zu sein, auf Gedeih und Verderb daran hängt, dass wir nicht versorgt sind. Wir sind im Gegenteil zutiefst durchdrungen von der Überzeugung, dass Sorglosigkeit und abgesicherte Versorgungsansprüche Hand in Hand gehen. Aber das ist nur die Folge davon, dass wir dem Zufall und den eigenen Fähigkeiten nichts zutrauen. Was heißt Zufall? Ist nicht der Zufall das schlechthin Unzuverlässigste, was es im Leben gibt, der Inbegriff der bösen Überraschung, manchmal zugegebenermaßen auch der guten – aber auch auf die sind wir nur bedingt scharf, denn sie stören allemal unsere Pläne.

Also der Zufall erscheint uns in jedem Fall als Anlass ernster Sorge. Zufälle sind doch nichts, worauf man bauen könnte. Sie stehen für Beliebigkeit, Willkür, für das Grundlose. Sie repräsentieren die kalte Gleichgültigkeit des Schicksals gegenüber unseren menschlichen Belangen. Wie nun aber, wenn der Zufall dasjenige ist, was uns zufällt, ganz einfach so, ohne unser Zutun, ohne dass wir es uns erleisten müssen? Der Zufall ist das ,Umsonst‘, das ,Von Selbst‘, gratis, gratuito. Also nicht das blinde Schicksal, sondern das Geschick, das, was uns geschickt wird, was freilich bedeuten würde, dass wir mit einem Absender rechnen. Nicht auszudenken, was sich ändern würde, wenn wir uns dem Zufall dieses Sinnes überließen. Dann würde sich in Windeseile herumsprechen, dass da etwas nicht stimmt mit der Behauptung, Menschen wären umso besser dran, je mehr Institutionen sich ihrer annehmen. Denn in Institutionen ist nichts umsonst, und da gibt es keine Zufälle, oder falls doch, dann sind sie...

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