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Sintflut

Die Neuordnung der Welt 1916-1931

AutorAdam Tooze
VerlagSiedler
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl720 Seiten
ISBN9783641136765
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis14,99 EUR
Wie aus den Trümmern des Ersten Weltkriegs eine neue Welt entstand
Wie eine Sintflut riss der Erste Weltkrieg die alte Ordnung hinweg, wirbelte gesellschaftliche, politische und ökonomische Vormachtstellungen durcheinander, ließ ganze Reiche zerbrechen und neu entstehen. In einem weltumspannenden Panorama beschreibt Adam Tooze die fundamentalen Verschiebungen der Zwischenkriegszeit und legt dar, wie fatal sich vor allem die Rolle der USA auswirkte: Die neue Weltmacht scheiterte letztlich daran, dauerhaft für Frieden zu sorgen.

In seiner beeindruckenden Darstellung der Zwischenkriegszeit zeigt Adam Tooze, wie in den Jahren von 1916 bis 1931 eine neue Weltordnung entstand. Auch als das Töten auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs schon lange vorbei war, tobte der Kampf um Macht und Einflusssphären weiter. Am Ende der Epoche hatte sich die Welt fundamental verändert: Die Vereinigten Staaten waren Weltmacht - und wollten doch keine Verantwortung für die von ihnen geschaffene Friedensordnung übernehmen. So konnten radikale Kräfte, Kommunismus und Faschismus zunehmend an Einfluss gewinnen und die Welt bald unaufhaltsam einem zweiten globalen Konflikt entgegentreiben. Mit seinem glänzend erzählten Buch liefert Tooze eine neue Deutung der großen Umwälzungen und des verlorenen Friedens nach dem Ersten Weltkrieg.


Adam Tooze, geboren 1967, ist Professor für Zeitgeschichte und Direktor des European Institute an der Columbia University in New York. Nach einem Studium der Volkswirtschaftslehre in Cambridge und an der Freien Universität Berlin sowie einer Promotion in Wirtschaftsgeschichte an der London School of Economics lehrte Tooze viele Jahre in Cambridge und Yale. Er ist Autor zahlreicher Studien zur (Wirtschafts-)Geschichte, seine Arbeiten sind vielfach preisgekrönt. Bei Siedler erschien von ihm 'Die Ökonomie der Zerstörung' (2007) sowie zuletzt 'Sintflut' (2015).

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Leseprobe

Ein Krieg in der Schwebe

Von den Schützengräben an der Westfront aus konnte einem der Große Krieg durchaus statisch vorkommen: ein Ringen um ein paar Kilometer Geländegewinn auf Kosten Hunderttausender Menschenleben. Doch diese Perspektive täuscht.72 An der Ostfront und im Kampf gegen das Osmanische Reich waren die Schlachtlinien ständig in Bewegung. Im Westen hingegen veränderte sich die Front kaum, der Stillstand war darauf zurückzuführen, dass sich hier gewaltige Kräfte in einem fragilen Gleichgewicht gegenseitig neutralisierten und nicht voneinander lösen konnten. Von einem Monat auf den nächsten wechselte die Initiative von der einen auf die andere Seite. Zu Beginn des Jahres 1916 plante die Entente, die Mittelmächte durch eine Reihe konzentrischer Angriffe aufzureiben, die nacheinander von französischen, britischen, italienischen und russischen Armeen eingeleitet werden sollten. In einer Vorahnung dieses Ansturms rissen die Deutschen am 21. Februar die Initiative an sich, indem sie die Belagerung von Verdun begannen. Sie hofften, die Entente mit dem Angriff auf eine Schlüsselstellung in der französischen Kette von Befestigungsanlagen auszubluten. Die Folge war ein Kampf auf Leben und Tod, durch den zu Beginn des Sommers bereits mehr als 70 Prozent der französischen Armee gebunden waren und der die konzentrische Strategie der Entente zu einer Folge spontaner Entlastungsoperationen zu degradieren drohte. Um die Initiative zurückzugewinnen, willigten die Briten Ende Mai 1916 ein, ihre erste große Landoffensive des Krieges an der Somme zu starten.

Während die Streitkräfte bis ans Äußerste ihrer Möglichkeiten gingen, bemühten sich die Diplomaten fieberhaft darum, weitere Länder in den Mahlstrom des Krieges hineinzuziehen. 1914 hatten Österreich-Ungarn und Deutschland Bulgarien und das Osmanische Reich auf ihre Seite gezogen. Ein Jahr später trat Italien auf der Seite der Entente in den Krieg ein. Japan hatte sich bereits 1914 angeschlossen und riss sich das deutsche Pachtgebiet in China auf der Halbinsel Shandong unter den Nagel. Ende 1916 lockten Großbritannien und Frankreich die japanische Flotte aus dem Pazifik bis ins östliche Mittelmeer, um dort den Begleitschutz gegen österreichische und deutsche U-Boote mitzutragen. Mit hohen Geldsummen und allen erdenklichen diplomatischen Mitteln wirkte die Entente auf Rumänien ein, den letzten neutralen Staat in Mitteleuropa. An der Seite der Entente konnte es zu einer tödlichen Gefahr für die Grenze Österreich-Ungarns werden. Doch schon im Jahr 1916 vermochte nur eine Macht das Kräftegleichgewicht wirklich entscheidend zu verändern: die Vereinigten Staaten – und zwar in wirtschaftlicher, militärischer und politischer Hinsicht. Erst im Jahr 1893 hatte Großbritannien seine Gesandtschaft in der amerikanischen Hauptstadt zu einer richtigen Botschaft aufgewertet. Nicht einmal dreißig Jahre später schien die europäische Geschichte von Washingtons Haltung im Krieg abzuhängen.

I

Der Erfolg der Strategie der Entente hing davon ab, eine Folge konzentrischer Angriffe mit der langsamen wirtschaftlichen Strangulierung der Mittelmächte zu kombinieren. Vor dem Krieg hatte die britische Admiralität nicht nur Pläne für eine Seeblockade ausgearbeitet, sondern auch für einen den mitteleuropäischen Handel vernichtenden Finanzboykott. Im August 1914 schreckten sie angesichts heftiger Proteste aus Amerika jedoch davor zurück, diese Pläne konsequent umzusetzen.73 So entstand eine für alle Seiten unbefriedigende Pattsituation. Großbritannien und Frankreich schränkten die Wirkung ihrer ultimativen Seekriegswaffe ein. Aber selbst die Teilblockade sorgte in den Vereinigten Staaten für Unmut. Die amerikanische Marine hielt diese für »nicht vereinbar mit dem bislang bekannten Recht oder Brauch der Seekriegführung …«74 Allerdings war die deutsche Reaktion auf die Blockade eine noch stärkere politische Belastung. Um das Kriegsglück zu wenden, setzte die deutsche Kriegsmarine im Februar 1915 bei ihrem ersten massiven Angriff auf die transatlantische Schifffahrt Unterseeboote ein. Sie versenkte fast zwei Schiffe pro Tag und eine Tonnage von durchschnittlich 100000 Bruttoregistertonnen im Monat. Doch Großbritannien verfügte über ein großes Schiffspotenzial, und sollte diese Form der Kriegführung über einen längeren Zeitraum andauern, würde das mit hoher Wahrscheinlichkeit früher oder später Amerikas Kriegseintritt zur Folge haben. Die Lusitania und die Arabic, versenkt im Mai und im August 1915, waren nur die bekanntesten Opfer. Um eine weitere Eskalation zu verhindern, machte die zivile deutsche Regierung Ende August einen Rückzieher. Mit der Unterstützung der katholischen Zentrumspartei, der linksliberalen Fortschrittlichen Volkspartei und der Sozialdemokraten gab Reichskanzler Bethmann Hollweg den Befehl, den U-Boot-Krieg einzuschränken. Wie die Blockade, die die Entente aus Angst, sich Amerika zum Feind zu machen, nicht konsequent durchgezogen hatte, scheiterte auch Deutschlands Gegenschlag aus diesem Grund. Stattdessen versuchte die deutsche Kriegsmarine im Frühjahr 1916 das Patt auf See zu überwinden, indem sie die britische Seeflotte in der Nordsee in eine Falle lockte. Am 31. Mai 1916 prallten in der Schlacht von Jütland 33 britische und 27 deutsche Großkampfschiffe aufeinander – die größte Seeschlacht des gesamten Krieges. Das Ergebnis war keines: Die Flotten schlichen zum Stützpunkt zurück, um künftig nur vom Rand des Geschehens als riesige stille Reserven maritimer Macht Einfluss auszuüben.

Im Sommer 1916, als sich die Entente bemühte, die Initiative an der Westfront zurückzugewinnen, war die Frage der Atlantikblockade immer noch ungelöst. Als die Franzosen und Briten den Druck verstärkten, indem sie amerikanische Firmen, die angeblich »mit dem Feind Handel trieben«, auf eine schwarze Liste setzten, konnte Präsident Wilson seinen Zorn kaum zügeln.75 Das sei »der letzte Tropfen« gewesen, bekannte er gegenüber seinem engsten Vertrauten, dem weltmännischen Texaner Oberst House. »Ich bin, das muss ich zugeben, fast am Ende meiner Geduld mit Großbritannien und den Verbündeten.«76 Wilson beschränkte sich nicht auf Proteste. Die amerikanische Armee mochte klein sein, aber bereits im Jahr 1914 war die amerikanische Flotte eine Streitmacht, mit der man rechnen musste. Es war die viertgrößte Flotte der Welt, und im Gegensatz zur japanischen und zur deutschen Flotte konnten die Amerikaner stolz darauf verweisen, dass sie schon anno 1812 erfolgreich der Royal Navy die Stirn geboten hatten. Für die Anhänger Admiral Mahans, des großen amerikanischen Theoretikers der Seemacht, bot der Krieg eine unschätzbare Gelegenheit, die Europäer beim Schiffbau zu übertreffen und eine unumstrittene Kontrolle über die Seewege zu errichten. Im Februar 1916 gab Präsident Wilson ihren Forderungen nach und startete eine Kampagne, um die Zustimmung des Kongresses zum Bau der, wie er stolz verkündete, »unvergleichlich größten Flotte der Welt« zu erhalten.77 Sechs Monate später, am 29. August 1916, unterzeichnete Wilson das aufsehenerregendste Flottenprogramm der amerikanischen Geschichte mit einer Höhe von knapp 500 Millionen Dollar über drei Jahre, in dessen Rahmen 157 neue Schiffe gebaut werden sollten, darunter 16 Großkampfschiffe. Nicht ganz so aufsehenerregend, aber langfristig ebenso folgenschwer war die Einrichtung der Emergency Fleet Corporation im Juni 1916, um den Bau einer Handelsflotte zu beaufsichtigen, die sich mit der britischen messen konnte.78

Zu stolz zum Kämpfen: Oberst House und Woodrow Wilson, 1915.

Als Oberst House mit dem Präsidenten im September 1916 über die zu erwartenden Folgen einer Aufstockung der Flotte für die anglo-amerikanischen Beziehungen diskutierte, äußerte Wilson ganz unverblümt seine Meinung: »Bauen wir doch einfach eine größere Flotte als ihre und schalten und walten dann nach Belieben.«79 Diese Aussage war für Großbritannien deshalb eine reale Bedrohung, weil die Vereinigten Staaten, fingen sie einmal damit an, im Gegensatz zum Deutschen Reich oder zu Japan eindeutig die Mittel hatten, die Drohung wahr zu machen. Binnen fünf Jahren erreichten die USA den Status einer Großbritannien ebenbürtigen Seemacht. Das fügte dem Krieg aus britischer Sicht im Jahr 1916 eine grundlegend neue Dimension hinzu. Hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Eindämmung Japans, Russlands und Deutschlands in den strategischen Überlegungen des Empire oberste Priorität gehabt, zählte seit August 1914 nur noch die Niederlage des Deutschen Reiches und seiner Bündnispartner. Nun eröffnete Wilsons offensichtlicher Wunsch, eine amerikanische Flotte zu bauen, die ebenso stark wie die britische war, eine alarmierende neue Aussicht. War schon in guten Zeiten eine Herausforderung durch die Vereinigten Staaten beängstigend, so war sie in Anbetracht der Anforderungen des Großen Krieges geradezu ein Alptraum. Und Amerikas Ambitionen zur See waren nicht die einzige grundlegende Herausforderung, mit der die Europäer im Jahr 1916 konfrontiert waren.80 Die wachsende Wirtschaftsmacht Amerikas hatte sich seit den 1890er Jahren deutlich abgezeichnet, aber erst während des Krieges zwischen der Entente und den Mittelmächten verlagerte sich das Zentrum der Finanzwelt schlagartig auf die andere Seite des Atlantiks.81 Dieser Wechsel war aber nicht nur ein Ortswechsel, sondern auch eine Neudefinition dessen, was die finanzielle Führungsmacht tatsächlich bedeutete.

Die europäischen Staaten begannen den Krieg allesamt...

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