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E-Book

Skrupellos

Manager auf dem Weg in das nächste Fiasko

AutorNicolas Lieven
VerlagUllstein
Erscheinungsjahr2018
Seitenanzahl336 Seiten
ISBN9783843718608
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis16,99 EUR

10 Jahre nach der Finanzkrise und 25 Jahre nach dem Erscheinen von „Nieten in Nadelstreifen“ sind Verantwortungsgefühl und Vorbildcharakter noch immer Mangelware. Die Skandale um Volkswagen, Deutsche Bank,  Ergo und Co. zeigen, dass sich trotz vollmundiger Versprechen nichts geändert hat. Dieses Buch zeigt: Fehlverhalten ist der Normalzustand. Schlimmer noch: Krisen haben ihren bedrohlichen Charakter verloren. Manager nutzen sie aktiv um interne Restrukturierungen zu rechtfertigen und Forderungen in der Politik und der Öffentlichkeit durchzusetzen: Stellenstreichungen, Sparpläne, Subventionen – bei gleichzeitiger Boniauszahlung.



Nicolas Lieven (*1968) ist Wirtschafts- und Politikredakteur beim NDR. Davor hat er lange als Redakteur bei der Financial Times Deutschland und als Medientrainer gearbeitet. Seit rund 15 Jahren ist er Kolumnist bei Radio Eins (RBB).

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Leseprobe

Zügellos statt kontrolliert

»Die Macht der Finanzmanager ist ungeheuer.
Und sie hat nach dem Zusammenbruch der amerikanischen Bank Lehman Brothers Millionen
von Menschen ins Elend gestürzt. Und wir haben es geschehen lassen. Und wir haben bisher nichts Durchgreifendes zustande gebracht.«

Helmut Schmidt, ehemaliger Bundeskanzler,
auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2014

Der Stoff ist so spannend, dass sich selbst Hollywood damit befasste. Im Jahr 2015 kam The Big Short in die Kinos – mit Starbesetzung: Brad Pitt, Christian Bale, Ryan Gosling.

Frühjahr 2008. Noch deutet nichts auf den Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers hin. Noch wird mit sogenannten Subprime-Krediten in den USA viel Geld verdient. Hypothekenbanken und Immobilienfinanzierer ­haben über Jahre hinweg jedem noch so bettelarmen Habenichts einen ­hohen Hauskredit zu scheinbar günstigen Konditionen auf­geschwatzt. Die Branche spricht von »Ninja-­­Krediten«: »no ­income, no jobs, no assets«. Übersetzt: kein Einkommen, keine Arbeit, kein Vermögen. Für einen Kredit in sechsstelliger Höhe reicht es aber trotzdem. Das alles passiert mit Wissen der US-Politik, die das Ganze sogar weiter forciert. Sie will den amerikanischen Traum des weißen Mittelstands aufrechterhalten. Jeder soll vom wirtschaftlichen Aufstieg profitieren können. Jeder soll Vermögen anhäufen können. Jeder soll sich sein Haus leisten können. Die beiden größten Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac haben praktisch den staatlichen Auftrag, die Geldschleusen zu öffnen, Häuser zu finanzieren und so bei den wichtigen Mittelklasse-Wählern für Ruhe zu sorgen.1 Es funktioniert – zumindest eine Zeit lang. Die amerikanische Wirtschaft ist stark, die Arbeitslosigkeit niedrig, die Zinsen ebenso. Kaum jemand äußert Zweifel daran, dass das immer so weitergeht. Ebenso viele glauben daran, dass die Zinsen weiter sinken werden. Auch deshalb erleben Darlehen mit variablem Zinssatz einen Boom.

Variabel heißt: Jeden Monat werden die Zinsen neu berechnet, angepasst unter anderem an die Leitzinsen der US-Notenbank, die aktuellen Kalkulationen der Finanzinstitute, die Nachfrage nach Immobilien und die Wirtschaftslage. Das ist gut in einer Zeit, in der die Zinsen tendenziell sinken und der Schuldner Monat für Monat weniger zahlen muss. Verheerend sind variable Zinsen allerdings für Kreditnehmer, sobald die Zinsen steigen. Denn dann verlangt die Bank Monat für Monat mehr Geld. Doch daran will vor Ausbruch der Finanzkrise keiner der gutgläubigen Verbraucher denken, zumal ja auch niemand auf die Risiken aufmerksam macht. Vielmehr bestärken geschulte Bankberater ihre arglosen Kunden. Selbst der damalige Chef der US-Notenbank, Alan Greenspan, gießt weiteres Öl ins Feuer. Er selbst wird später sagen, 70 Prozent seiner Entscheidungen seien richtig gewesen. 30 Prozent hätten zur Krise beigetragen.2

Der Mann mit der schwarzen Aktentasche und der dicken Hornbrille rechnet den Kreditnehmern mit festen Hypotheken­darlehen vor, wie viele Zehntausend Dollar sie hätten sparen können, wenn sie nur keinen festverzinslichen Kredit gewählt hätten, sondern einen mit variablen Zinsen. Aber noch sei es ja nicht zu spät. Noch könne man umschichten, lautet die Botschaft. Es wirkt. Wer kann, flüchtet aus den vermeintlich teuren – wenn auch sicheren – Verträgen, rein in die variablen Darlehen, die günstige Raten und ein gut situiertes Leben versprechen. Und wer sein eigenes Haus bereits abbezahlt hat und keinen Kredit mehr benötigt, der beleiht seine Immobilie, um dann das viele frische Geld für sich an der Börse arbeiten zu lassen. So wird aus nutzlos dahinsiechenden Holz- und Betonheimen eine private Zentrale zum Gelddrucken, ein persön­liches Finanzinstitut. Behaupten zumindest die Banken, und die müssen es ja wissen! Oder?

Je schlechter die Kreditwürdigkeit,
desto günstiger der Preis

Eins wissen die Finanzinstitute jedenfalls haargenau: dass hinter diesen Krediten Menschen stecken, die weder das Know-how haben, um die Risiken abzuschätzen, noch die finanziellen Mittel, um einen Rückschlag wegzustecken. Überwiegend handelt es sich um Leute, die alles verlieren werden, sobald die bis dato positiven Wirtschafts-, Zahlungs- und Zinsbedingungen abzuschmieren beginnen. Es sind Menschen, die eigentlich nicht kreditwürdig sind und sich von großen Schildern an den Highways haben locken lassen. Und weil die Geldinstitute das alles wissen, bündeln sie ihre Wackelkandidaten in Pakete, die sie dann anderen Geldhäusern und Finanzjongleuren anbieten. Der Deal: »Hier ist ein geschnürtes Bündel von Schuldnern. Gib mir einen Teil der ausstehenden Kredite und mach mit dem Rest, was du willst.«

Auf dem Papier sind für die Banken und Investoren als Käufer der gebündelten Kredite bis zu 50 Prozent drin, sofern alle Kreditnehmer zahlen. Je nach Risiko und Einstiegspreis mit­unter auch noch mehr. Kommt immer darauf an, wie arm die Schlucker sind, die hinter den Kreditpapieren stecken. Ob sie am Ende tatsächlich zahlen, ist an den Finanzmärkten erst einmal unwichtig. Wichtig ist, dass ein neuer Markt mit hohen Renditen entsteht. Es zählt die Aussicht, die Gewinnerwartung, die Hoffnung. Das ist es auch, was in den Büchern der Käufer steht: nicht der Kaufpreis, nicht das Risiko, sondern der erhoffte Ertrag. Für die Bilanz brillant, weil sich die Investition sofort positiv auswirkt – wenn auch nur auf dem Papier.

Und fast alle machen mit: Banken, Versicherungen, Fonds, Immobilienfinanzierer, sogar deutsche Finanzinstitute springen auf den Zug auf, so ziemlich als Letzte. Nach dem Motto »Dabei sein ist alles«, und der Herdentrieb verstärkt diese Entwicklung. Das gilt auch für deutsche Banken, selbst Landesbanken, angelockt von den hohen Renditen und den großen US-Investmenthäusern. Aber Letztere spielen schon da zum Teil mit gezinkten Karten.3 Denn während die großen US-Finanzplayer noch für die Subprime-Kredite werben, bringen sich einige wenige hinter den Kulissen heimlich, still und leise in Sicherheit. Sie werden am Ende der Krise als Gewinner dastehen, weil sie zwar über mehr als ein Jahrzehnt genauso skrupellos agiert, im Gegensatz zu den Losern aber rechtzeitig die Reißleine gezogen haben. Clevere Kerle, was?

Über Jahre hinweg bildet sich diese Hypothekenblase. Vereinzelt wird über ein Platzen spekuliert, über die Gefahren eines Zusammenbruchs. Doch die Gier ist größer. Die meisten ignorieren die Warnungen und verpassen den rechtzeitigen Ausstieg, nicht nur Lehman Brothers. Als die Blase platzt, ist die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten. Zu viele haben mit ge­liehenem Geld investiert und müssen jetzt um jeden Preis verkaufen, um ihre Schulden zu bedienen. Dennoch platzen Tausende Kredite – Kredite, die längst von den Banken in Bündeln zusammengefasst und an den Finanzmärkten gehandelt wurden. Die spätere Bezeichnung »Schrottpapiere« spiegelt den verbliebenen Wert wider: praktisch null.

An der Börse verbrennen Billionen

Die Reaktionen sind drastisch. An den Finanzmärkten brechen weltweit die Börsen ein, vom Dow Jones in New York über den Deutschen Aktienindex in Frankfurt bis zum Nikkei in Tokio. In den kommenden Monaten verlieren die Indizes bis zu 30 Prozent.4 Hunderte Milliarden Dollar werden an der Börse ­verbrannt. Im September 2009 markiert die Finanz- und Wirtschaftskrise dann ihren Höhepunkt. Die Commerzbank veröffentlicht kurz darauf eine Studie mit den geschätzten Schäden und der Verteilung der Kosten (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1: Kosten der Finanzkrise

Das kapitalistische System steht vor dem Kollaps – weltweit. Denn die Ansteckungsgefahr ist immens, weil fast alle Banken miteinander vernetzt sind. Die Folge: Notenbanken und Regierungen greifen praktisch über Nacht ein und retten, meist mit Steuergeldern, die vor dem Zusammenbruch stehenden Banken. In Deutschland schnürt die Bundesregierung ein Rettungspaket über 480 Milliarden Euro, wie es heißt, zur »aktuellen Gefah­renabwehr«.5 Binnen zwei Jahren stellen die EU-Staaten fast 5 Bil­lio­nen Euro bereit – in Ziffern: 5 000 000 000 000 Euro. In Deutschland steigt der Betrag auf über 600 Milliarden Euro; 260 Mil­liarden Euro davon werden tatsächlich in Anspruch genommen. Mit dieser Summe werden in der Bundesrepublik unter anderem die Commerzbank, die IKB Düsseldorf, die Hypo Real Estate, die West LB und die HSH Nordbank gestützt, gerettet oder noch eine Zeit lang am Leben gehalten.6

Von den Bankmanagern ist in dieser Zeit wenig zu hören. Die Schuldfrage bleibt in der Regel an Einzelpersonen hängen, wenn überhaupt. Wohl auch deshalb, weil die Investmentabteilungen und Investmentbanker über Jahre hinweg für hohe Renditen gesorgt haben und Sonderstatus genießen. Bis heute fällt es Banken schwer, ihre Zockerabteilungen an die Leine zu nehmen oder auszugliedern, um zu verhindern, dass andere Be­reiche mit in den Abgrund gezogen werden, wenn die nächste Krise kommt. Über Jahre hinweg ist unter anderem auch der Deutschen Bank diese Trennung nicht gelungen. Vielleicht auch deshalb, weil bis heute klare rechtliche Vorgaben fehlen, die eine Trennung vorschreiben, und zwar zwischen dem Privatkundengeschäft auf der einen und dem Investmentbanking auf der anderen Seite. Ziel...

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