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E-Book

Soziologie und Nationalsozialismus

Positionen, Debatten, Perspektiven

VerlagSuhrkamp
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl611 Seiten
ISBN9783518738986
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis23,99 EUR
Das Verhältnis der deutschen Soziologie zum Nationalsozialismus ist merkwürdig: Trotz der gesellschaftlichen Bedeutung des Themas gibt es nur vereinzelte soziologische Analysen. Warum ist das so? In welchen Bereichen des Fachs fand überhaupt eine Auseinandersetzung mit dem »Dritten Reich« statt? Was könnte die Soziologie zur Erforschung des Nationalsozialismus und des Holocaust beitragen? Und was wäre der Gewinn für das Fach selbst, wenn es sich mit diesen Themen beschäftigte? Der Band versucht erstmalig, Antworten auf diese Fragen zu finden. Mit Beiträgen von Michael Becker, Henning Borggräfe, Michaela Christ, Helmut Dahmer, Christian Gudehus, Peter Imbusch, Kobi Kabalek, Carsten Klingemann, Beate Krais, Nina Leonhard, Elissa Mailänder, Ludger Pries, Karl-Siegbert Rehberg, Christoph Reinprecht, Gerhard Schäfer, Sonja Schnitzler, Hans-Georg Soeffner, Erhard Stölting und Maja Suderland.

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Leseprobe

35Erhard Stölting
Masse, Führerkult und Propaganda


Frühe soziologische Arbeiten zum Nationalsozialismus

Der deutsche Nationalsozialismus ist ein komplexes, folgenreiches und unabgeschlossenes Forschungsgebiet. Immer wieder sind in den letzten Jahrzehnten neue Perspektiven aufgetaucht, die andere Aspekte akzentuierten und neue Themen formulierten. Das ist nicht nur rezeptionsgeschichtlich bemerkenswert, es verweist zugleich auf Veränderungen des historischen Bewusstseins und auf neue gegenwärtige Konfliktlagen in Deutschland und anderswo. Die Perspektivenverschiebungen sind nicht nur erwartbar, sie können selbst wiederum andere Sichtweisen stimulieren.

An den analytischen oder deutenden Texten zum Nationalsozialismus, die vor September 1930 beziehungsweise vor und um 1933 geschrieben wurden, fällt auf, wie vieles von dem, was den NS dann ausmachen sollte, in jener frühen Phase kaum thematisiert wurde – oder wenn es thematisiert wurde, dann mit einem gewissen neugierigen Interesse, vielleicht mit leicht angewiderter Distanz, aber ohne besondere Besorgnis. Die Leerstellen sind durchgängig bemerkenswert; offenbar war das, was kommen sollte, kaum vorstellbar.

Vor den Reichstagswahlen vom September 1930, bei denen sich die NSDAP gegenüber 1928 von 2,6 Prozent auf 18,3 Prozent steigerte, beziehungsweise bei den Wahlen vom Juni 1932, als sie 37,3 Prozent erreichte, war der Nationalsozialismus als solcher kaum Thema wissenschaftlicher Untersuchungen (Falter, Lindenberger und Schumann 1986). Und auch danach weckte er nur allmählich ein systematisches soziologisches Interesse. Erst mit den Wahlsiegen der NSDAP wird er offenbar als einheitliche politische Bewegung wahrgenommen, als eine Gefahr, die vielleicht soziologisch beschrieben oder reflektiert werden könnte, auch wenn sie unterschätzt wurde. Es kann also sinnvoll sein, nach den Umständen der Unsichtbarkeit oder der fehlenden Voraussicht zu fragen, die von heute aus gesehen so auffällig ist.

36Eine erste grundlegende These ist, dass der Nationalsozialismus vor 1930 kein eigenständiges Thema war, weil die NSDAP erst in diesem Jahr bei Wahlen sprunghaft zulegte und zu einem innenpolitischen Machtfaktor wurde. Das verstärkte sich natürlich 1932. Bis dahin war die NSDAP als radikale Kleinpartei angesehen worden, wie sie auf den politischen Vorder- und Hinterbühnen der Weimarer Republik nicht selten waren. Erst aus der heutigen Perspektive einer reichen und differenzierten historischen Forschung und mit dem Wissen, was danach geschah, kann die Nichtbeachtung als Blindheit erscheinen.

Dass der Nationalsozialismus unbeachtet blieb und als Gefahr unterschätzt wurde, hat aber noch einen weiteren Grund. Von einer starken Massenbewegung wie der nationalsozialistischen in den 1930er Jahren erwartete man ein einheitliches Gedankengebäude, so etwas wie eine nationalsozialistische Ideologie, die es mit dem scheinbaren politischen Antipoden jener Zeit, dem Kommunismus, hätte aufnehmen können. Tatsächlich hatten ja in der Sowjetunion der 1920er und 1930er Jahre, wie schon in der kommunistischen Bewegung vor dem Oktoberumsturz 1917 in Russland, Fragen der theoretischen Vereinheitlichung, der Geschlossenheit und der ideologischen Unterordnung einen zentralen Platz eingenommen.

Dem entsprach das Bild, das die NSDAP und ihre sich schon vor 1933 ausdifferenzierenden Sonderorganisationen boten, nicht. Der Nationalsozialismus war vielmehr ein Konglomerat unterschiedlicher Ideologien, die nur teilweise miteinander kompatibel waren und die sich vielfach nicht auseinander ableiten ließen. Auch das widersprach dem Anspruch an die Ideologie einer Massenbewegung, der spätestens seit Lenin von allen organisierten Kommunisten akzeptiert worden war.

Seine ideologische Heterogenität und Inkonsistenz wurden dem Nationalsozialismus als Schwäche angekreidet, weil der Marxismus-Leninismus für sich gerade beanspruchte, das Gegenteil zu sein. Den marxistischen Autoren lag dieses Argument natürlich besonders, aber auch Theodor Geiger verwendete es. Erst spät und nur von wenigen – wie den Propagandatheoretikern – wurde erkannt, dass die Eklektik eine politische Stärke der NS-Bewegung ausmachte. Die Einheit der nationalsozialistischen Bewegung wurde nicht theoretisch, sondern in Symbolen und Ritualen hergestellt. Inno37vativ und erfolgreich war diese Bewegung zunächst vor allem im Bereich der Propaganda und der Massenmobilisierung.

Es gab gewiss politische Orientierungen, die die nationalsozialistische Bewegung als ganze charakterisierten; dazu gehörte aus damaliger Sicht – neben dem Kampf gegen die Weimarer Verfassung, gegen den Versailler Vertrag und gegen den Marxismus – der radikale Antisemitismus. Dass dieser den verheerendsten Aspekt des Nationalsozialismus ausmachen würde, weiß man seit dem Holocaust; man hätte es schon nach den ersten Pogromaktionen von 1933 wissen sollen. Die Unterschätzung des Antisemitismus lag offenbar mit daran, dass die NSDAP nicht die einzige antisemitische Organisation war. Viele Parteien waren antisemitisch, hatten antisemitische Flügel oder duldeten antisemitische Ausfälle ihrer Mitglieder. Solche Ausfälle finden sich bei genauem Hinsehen selbst bei Autorinnen und Autoren, die man auch heute nicht als antisemitisch bezeichnen würde. Der Antisemitismus saß in der deutschen Gesellschaft wie Wasser in einem Schwamm. Es gab einige Stimmen, unter anderem die Kurt Tucholskys, die ihn vor 1933 ironisierten und sich damit die Verachtung sensiblerer Beobachter einhandelten (Scholem 1975; Golomb 1997: 230 f.); es gab nur wenige, die ihn, wie Carlo Mierendorff, als Gefahr sahen (Mierendorff 1920, 1931). Das war bei manchen jüdischen Beobachterinnen und Beobachtern anders, für sie steht paradigmatisch Gershom Scholem (Scholem 1994).

Gerade weil der Antisemitismus derart selbstverständlich zum politischen Leben in Deutschland vor 1933 gehörte, fiel er beim Nationalsozialismus nicht als besonders bedrohlich auf. Ausrottungsprogramme gegen Juden waren schon Ende des 19. Jahrhunderts in rechtsextremen Subkulturen verbreitet (Hermand 1988: 65-92; Goodrick-Clarke 1997). Vor 1933 wurden sie aber in den großen politischen und kulturellen Bewegungen noch nicht öffentlich propagiert, selbst wenn diese antisemitisch waren. Ausrottungsideen waren hingegen im kolonialen Rassismus und in sozialdarwinistischen Utopien weit verbreitet, die auch Vorstellungen einer biologischen Verbesserung von herrschenden Völkern und herrschenden Klassen beflügelten (Chase 1980, 68-175; Kühl 2014; Becker 1988; Weingart, Kroll und Bayertz 1988; Zimmerer 2008; Stone 2008). Selbst Karl Kautsky sah den kolonialen Genozid melancholisch als Folge eines sozialdarwinistisch zu verstehenden Rassenkampfes 38(Schwartz 1994: 555). Die Utopien der Massentötung wurden dann in den NS-Euthanasieprogrammen umgesetzt. Auch die biologisch begründeten Tötungsprogramme, die von nationalsozialistischen Medizinerinnen und Medizinern ausdrücklich vertreten wurden, fielen nicht sonderlich auf, da sie selbst in der ›gesellschaftlichen Mitte‹ als diskutabel galten.

Offensichtlich und auffällig am nationalsozialistischen Antisemitismus war jedoch seine Gewaltbereitschaft und Mordlust schon vor 1933. Allerdings enthielt das Parteiprogramm von 1920 davon nicht mehr als die Programme anderer rechtsextremer Sekten. Die Mordlust fiel – vor allem nach 1930 – auf, als die NSDAP zu einer großen und daher ernst genommenen Partei wurde. Das Thema war damit aber nicht mehr ›Antisemitismus‹, sondern ›Gewalt‹ beziehungsweise ›rechtsextreme Gewalt‹.

Der Antisemitismus war jedoch nicht die einzige Kampf- und Propagandarichtung, in der der Nationalsozialismus aktiv wurde. Dazu gehörten auch ein radikaler Nationalismus, die Forderung nach der Kündigung des Versailler Vertrages, nach der Wiederangliederung der im Osten an Polen verlorenen Gebiete und Danzigs oder die Rückgabe der deutschen Kolonien (Kershaw 1998: 173-190). Alle diese Forderungen fanden Resonanz in der deutschen Bevölkerung und waren nicht exklusiv für die NSDAP. Das galt auch für rassistische Konzeptionen über den Antisemitismus hinaus. Nicht einmal die biologische Deutung der Sozialstruktur und die aus ihr abgeleitete Forderung nach Eugenik (›Rassenhygiene‹) und Euthanasie waren spezifisch nationalsozialistisch. Derartige Vorstellungen waren nicht nur in dem Geflecht extremer Subkulturen verbreitet, sie waren sehr stark in der deutschen Ärzteschaft und fanden – in gemäßigterer Form – Widerhall auch in der Sozialdemokratie, etwa bei Alfred Grotjahn (Stölting 1987: 169).[1]

Andere Themen wurden jeweils unterschiedlich intensiv angesprochen. Die Blut- und Boden-Ideologie interessierte weder Ärztinnen und Ärzte noch Ingenieure oder Wirtschaftsführer, das Zinsproblem der Landwirtschaft interessierte primär die Landwirtinnen und Landwirte, die Feindschaft gegenüber moderner Kunst und Literatur war kein Thema für die Bäuerinnen und Bauern und so weiter.

39Was die nationalsozialistische Bewegung nach 1930 und vor 1933 auffällig machte, war gerade ihre symbolische Macht und ihr Widerhall bei der jüngeren Generation. Einer der Ersten, der sich die Frage stellte, wie aus einer kuriosen kleinen Münchener Zwergpartei eine siegreiche Massenbewegung werden konnte, war Herbert Wehner. Er versuchte, sie im schwedischen Exil 1942/1943 zu beantworten, und begründete damit seinen Abschied vom Kommunismus (Wehner 1994). Aus seiner Perspektive errang die NSDAP ihre Erfolge, weil sie keine Klassenpartei war, sondern mehrere Klassen mit ihren jeweils spezifischen Interessen ansprach, weil sie ihre...

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