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Stadt, Land, Frust?

Eine Greifswalder Studie zur arbeitsbezogenen Gesundheit im Stadt- und Landpfarramt

VerlagEvangelische Verlagsanstalt
Erscheinungsjahr2019
ReiheKirche im Aufbruch (KiA) 26
Seitenanzahl260 Seiten
ISBN9783374060955
FormatePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis27,99 EUR
Kirche ist mittendrin - in abgelegenen, ländlichen Räumen. Diese Räume stellen für Gesellschaft und Kirchen eine große Herausforderung dar. Einsparmaßnahmen erzwingen Rückbau und die Fläche wird zum Problem. Die vorliegende Studie geht der Frage nach, wie es den Gemeindepfarrerinnen und -pfarrern in dieser Umgebung geht und welche Unterschiede es in der Arbeitsbelastung im Vergleich mit den Kolleginnen und Kollegen aus der Stadt gibt. Kommentatoren aus relevanten Fachgebieten und Kirchenleitungen ziehen erste Schlüsse für die Kirche heute. Auf diese Weise will dieses Buch zur Diskussion anregen und Ansatzpunkte liefern, um ein gutes, fröhliches und wohlbehaltenes Arbeiten im Pfarramt zu fördern. Mit Beiträgen von Gabriele Ahnert-Sundermann, Peter Böhlemann, Philipp Elhaus, Leslie Francis, Martin Grabe, Michael Lehmann, Gunther Schendel, Jürgen Schilling und Thomas Schlegel. [Are remote rural areas causing frustration? Well-being and stress among ministers in German] This book documents the research in peripheral rural areas. Peripheral or remote rural areas in Germany are concerned with certain issues, e.g. demographic change, weaknesses in the local economy and infrastructure. The church is affected by those negative trends and by a decline of the number of members, which causes a need for organisational adjustments. The question is, whether German ministers suffer extraordinary stress from this situation. The research helps to shed light on well-being as well as burnout-related stress among German pastors in remote rural areas. This book put forward some research-based suggestions, which can help to make working as minister healthier. Experts from inside and outside German churches comment on the research in order to find ways in which the results of the study can influence the church and ministry for the better.

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Leseprobe

Benjamin Stahl

Ländliche Räume als Herausforderung für kirchenleitendes Handeln


Thematische Einführung in die Studie und Beschreibung der Vorarbeiten zur Unterscheidung von Stadt und Land

1Einleitung


Kirchenleitungen nehmen ländliche Räume als Herausforderung wahr – für sich selbst und für die Gesellschaft. 2013 wurden hochrangige Experten aus Kirche, Kultur, Politik und Universität zum Gespräch eingeladen, um die Situation der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) zu diskutieren. Es zeigte sich, dass der Beitrag der Kirche zum gesellschaftlichen Leben als bedeutend eingeschätzt wurde; von der Kirche wird in dieser Hinsicht viel erwartet – zur Überraschung mancher Kirchenleute! Welchen Beitrag Kirche tatsächlich leisten kann, ist eine offene und gute Frage. Insgesamt war das Expertengespräch stark von dem Thema »entvölkerter Regionen« geprägt.1 Demographische Wandlungen durch Wanderungsbewegungen und Altersverschiebungen stellen die Organisation der Volkskirchen in Frage. Von der Lieth, Geschäftsführer der Hilfswerk Siedlung GmbH, dem Immobilienunternehmen der EKBO, bringt die organisatorischen Herausforderungen auf den Punkt:

»Ich glaube, dass im ländlichen Bereich die dreigliedrige Struktur aus landeskirchlicher Verwaltung, Superintendenturen und Kirchengemeinden nicht funktionieren kann. Diese Konstruktion funktioniert nur im städtischen Bereich. […] Ich kenne eine Kirchengemeinde, zu der ein Dorf mit 80 Einwohnern gehört. Zehn davon waren Kirchenmitglieder, von denen waren wiederum weit über die Hälfte über 80 Jahre alt. Dort ist ehrenamtlich organisierte Arbeit eigentlich nicht mehr möglich.«2

Einerseits erscheint die kirchliche Organisationsstruktur als unangemessen für die gegebene Situation in ländlichen Räumen und andererseits sind die personellen Ressourcen auch im Bereich des Ehrenamtes dünn. Für Berlin-Brandenburg ergeben sich solche Situationen, weil Regionen derzeit eine höchst unterschiedliche Entwicklung durchlaufen. Von den 2,5 Millionen Brandenburgern leben 50 % in der Nähe Berlins. Bis 2030 wird die Bevölkerungszahl in Brandenburg um 300 000 Personen abnehmen. Dieser Rückgang findet jedoch mehrheitlich in den Regionen statt, die weit ab von Berlin liegen.3 Genau dies setzt kirchliche und gesellschaftliche Institutionen und Infrastrukturen unter Druck.

Hier werden strukturschwache Räume mit Reduktion kirchlicher Präsenz und dem Erhalt einer Grundversorgung in Verbindung gebracht.5 Damit geraten auch hier einerseits die abgelegenen, ländlichen Räume als potentiell gefährdete Teilgebiete der kirchlichen Organisation in den Blick. Andererseits werden auch die »Ländliche[n] Räume im engeren Umfeld von Verdichtungsgebieten – Kirche mit Wachstumsperspektive« wahrgenommen.6

So kann an dieser Stelle festgehalten werden: Die Wahrnehmung der ländlichen Räume changiert demnach zwischen Wachstumsaussichten und bedrohlichen Schrumpfungsszenarien. Weiterhin wird eine differenzierte Sichtweise hinsichtlich der Unterschiedlichkeit von Regionen eingefordert.

2Ländliche Räume aus Sicht der Geographie und Soziologie


Nach Henkel ist der ländliche Raum ein »komplexer Kulturbegriff«, der sich einem definitorischen Zugriff nahezu sperrt.8 Nach einem Durchgang durch historische Definitionen formuliert Henkel:

»Zusammengefaßt ist der ländliche Raum damit ein naturnaher, von der Land- und Forstwirtschaft geprägter Siedlungs- und Landschaftsraum mit geringer Bevölkerungs- und Bebauungsdichte sowie niedriger Wirtschaftskraft und Zentralität der Orte, aber höherer Dichte der zwischenmenschlichen Bindungen.«9

Henkel betont, dass diese induktive Definition sehr traditionell orientiert ist und derzeitige Wandlungsprozesse in ländlichen Räumen dieser Definition widersprechen. Gerade die Zuschreibung der höheren Dichte zwischenmenschlicher Beziehungen oder die Prägung durch Agrar- und Forstwirtschaft können heute nicht mehr ohne weiteres als gegeben angesehen werden. Die Soziologin Neu kommt zu dem Ergebnis: »Die agrargesellschaftliche Trias von ländlichem Raum, Landwirtschaft und ländlicher Gesellschaft hat sich (fast) gänzlich aufgelöst.«10

»Die Definition des ländlichen Raumes als der nicht-städtische Kulturraum, der die verschiedensten Siedlungstypen umfassen kann, erspart es uns, den schwer definierbaren Begriff der ländlichen Siedlung genau zu fixieren.«11

Damit wird deutlich: Der ländliche Raum ist in der allgemeinen Wahrnehmung eine Konstruktion aus traditionellen Zuschreibungen, deren Grundlagen (Landwirtschaft, sozialer Zusammenhalt, etc.) jedoch heute kaum noch von prägender Bedeutung sind. Faktisch haben die Grundlagen solcher Zuschreibungen aufgrund unterschiedlichster Wandlungsprozesse kaum noch definitorische Kraft, denn die Gemeinsamkeiten dieser Raumkategorie sind geschwunden. Ländliche Räume sind deswegen vor allem durch Heterogenität gekennzeichnet. Einfach gefragt: wie viele Gemeinsamkeiten hat ein Dorf in der Nähe Münchens mit einem Dorf in der Uckermark? Beides würde man als ländliche Wohnlage bezeichnen, jedoch wird die Lebensführung, Sozialstruktur und wirtschaftliche Lage mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten zu Tage fördern.

So verblieben drei weitere Kriterien zur statistischen Abgrenzung ländlicher Räume: Bevölkerungsdichte, Zentralität und Strukturschwäche.13 Allerdings beklagt sich Henkel über die eher willkürlich anmutende Setzung dieser Marker und deren Grobmaschigkeit.14

Von diesen Gebieten allein als »ländlich« zu reden wäre ein unsauberer Gebrauch des Begriffs, da es auch viele florierende ländliche Räume gibt.

Abbildung 1: »Ländlichkeit«.

Anschaulich wird dieser Gebrauch der Begriffe, wenn er an den Karten des Bundesinstitutes für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) nachvollzogen wird.16 Als Erstes geht es hier um den Marker für »Ländlichkeit«, gemessen an der Einwohner- und Siedlungsdichte (Abb. 1). Hier ergeben sich drei Raumordnungskategorien: Es gibt »ländliche« Gebiete, »teilweise städtische« Gebiete und »städtische« Gebiete.

Abbildung 2: »Lage«.

Als Zweites gibt es den Indikator für die Lagegunst in Relation zu den Oberzentren (Abb. 2). Hier geht es um die erreichbare »Tagesbevölkerung«.18 Nach Erläuterung des komplexen Rechenvorgangs werden vier Klassifizierungen vorgenommen, die zulassen »sehr periphere«, »periphere«, »zentrale« und »sehr zentrale« Lagen voneinander zu unterscheiden. Insofern »periphere Gebiete« die Relation zu Oberzentren abbilden, umfassen diese Gebiete durchaus kleinere Städte und Mittelzentren. Eine periphere Lage bildet deswegen kein ländliches Siedlungsgebiet im klassischen Sinne ab.

Spangenberg/Kawka verweisen darauf, dass »[e]rste empirische Befunde […] allerdings darauf schließen [lassen], dass die ›ländliche Prägung‹ weniger einen negativen Einfluss auf regionale Entwicklung ausübt, als die periphere Lage.«20

3Ländliche Räume in der praktisch-theologischen Forschung


Trotz der noch einigermaßen übersichtlichen praktisch-theologischen Forschung zum Thema »Land« ist kein einheitlicher Begriff für ländliche Räume auszumachen. Einerseits sind Arbeiten zu nennen, die der bundesdeutschen Raumordnung folgen und die Heterogenität der ländlichen Räume betonen sowie besonders periphere, ländliche Räume betrachten.21 Andererseits sind Publikationen zu nennen, die in Kenntnis der Raumordnung eher einen traditionellen Landbegriff verwenden bzw. mit dem Landbegriff lediglich als Metapher arbeiten.22

Am umfassendsten und treffendsten wurden die Problemlagen von Alex/Schlegel beschrieben:24

– Soziologisch gesehen laufen in peripheren, ländlichen Räumen Prozesse verschärft ab: Demographischer Wandel führt zu Überalterung, Binnenmigration und Unterjüngung. Peripherisierung bezeichnet einen Prozess der umfassenden Schwächung und Abkopplung dieser Räume. Dies wird über großflächige Schrumpfung wahrgenommen. Auch die Kirche ist hier mit der Aufgabe des Rückbaus ihrer Strukturen konfrontiert, wobei »Kirchen in diesen Räumen in etwa 2–3 × so schnell schrumpfen wie die Bevölkerung an sich.«25

– In diesen Regionen ist die Kirche jedoch auch von außen gefordert: »Die Peripherisierung entlegener Gebiete appelliert an das gesellschaftliche, pädagogische und kulturelle Handeln der Kirche, vor allem aber an die gute Nachricht von der Auferstehung Jesu Christi.«26 In der Studie »Landaufwärts« konnte gezeigt werden, wie stark kirchliche Initiativen sind, die ihr missionarisches und diakonisches Potential entfalten.27 Hier konnte nachgewiesen werden, dass gegen alle Erwartungen gerade an der Peripherie Neues entsteht, das Bedeutung für die Zukunft der ganzen Kirche haben kann. Die in dem...

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