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E-Book

Sterbenden nahe sein

Hilfreich begleiten

AutorDaniela Tausch
VerlagJ. Kamphausen
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl160 Seiten
ISBN9783899019919
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis6,49 EUR
Welche Erfahrungen machen Menschen, die Sterbende begleiten? Was können wir tun, wenn eigentlich nichts mehr zu 'tun' ist? Daniela Tausch, eine erfahrene Psychologin, selbst lange Jahre in der Begleitung Sterbender an führender Stelle in der Hospiz-Bewegung tätig, erzählt von ganz konkreten Fällen. Sie hat auf Erfahrungen gehört, die Menschen gemacht haben, die mit dem Sterben konfrontiert waren, hat die Berichte gesammelt und behutsam kommentiert. Im Umgang mit Sterbenden sind wir sehr hilflos - trotz oder vielleicht auch gerade wegen der innigen Gefühle, die uns mit ihnen verbinden. Dieses Buch zeigt, was Sterbende brauchen, was uns tatsächlich hilft, gemeinsam den letzten Weg zu gehen und auf eine gute, menschliche, liebevolle und würdige Art Abschied zu nehmen - voneinander und von diesem Leben.

Dr. Daniela Tausch, Dipl.-Psych., Autorin zahlreicher Bücher (Wenn Kinder nach dem Sterben fragen, Jeder Tag ist kostbar, In meinem Herzen die Trauer; alle bei Herder und zusammen mit L. Bickel), Initiatorin und bis 1997 Leiterin des Stuttgarter Hospiz-Dienstes. Sie arbeitet seit 2001 in Bremen in eigener Praxis, hält Vorträge und leitet Seminare.

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Leseprobe

Ich will vom Tod nichts wissen


Es gibt Menschen, sterbende Menschen, die vom Tod nichts wissen wollen, sie kämpfen manchmal bis zum Schluss gegen die immer weiterschreitende Erkrankung an. Auch wenn sie um die Schwere ihrer Erkrankung wissen, hoffen und planen sie weit in die Zukunft hinein, so als wenn sie nicht krank wären.

Das kann für uns, als Helfer, zuweilen schwierig sein: Sollen wir dem Anderen die Hoffnung nehmen? Sollen wir mitplanen, auch wenn wir selber nicht an die Gesundung glauben? Welches Recht haben wir, die Hoffnung zu nehmen? Manchmal zweifeln wir an unseren Fähigkeiten, mit dem Anderen zur so genannten Wahrheit vorzustoßen, tiefgehende Gespräche zu führen und ihm dadurch zu helfen, die Realität anzuerkennen und sich mit seinem Sterben auseinander zu setzen. Wir fühlen uns verunsichert, und es fällt uns schwer, dem Sterbenden in seinen Gedanken, die so anders sind als die unsrigen, zu folgen. Diese innere Entfernung schmerzt uns.

Es ist wichtig, dem Anderen zunächst in seine Gedankenwelt zu folgen, ohne ihn verändern zu wollen, ohne ihn zur „Wahrheit“ bringen zu wollen. Wenn er sich gehört und verstanden fühlt, kann ich, wenn ich denke, dass es hilfreich ist, meine Gedanken äußern, wie ich es erlebe, welche Gedanken und Hoffnungen ich habe. Ich kann ihn damit vielleicht zu einem weiteren Gespräch einladen, wenn er es will. Oder ich kann behutsam nachfragen, ob er wirklich an seine Hoffnungen glaubt oder ob da manchmal auch Zweifel sind. Bei diesen Angeboten ist es wichtig, dass wir respektieren, wenn er nicht auf das Gespräch eingeht.

Ich habe für mich folgendes Bild: Ich reiche dem Anderen die Hand, indem ich ihm ein Zeichen gebe, dass ich bereit bin, über sein mögliches Sterben zu sprechen, aber er entscheidet, ob und wann er diese Hand erreifen möchte, ob er sich auf das Gespräch einlassen möchte oder nicht. Wichtig ist für mich, dem Anderen immer wieder ein Zeichen meiner Bereitschaft zu geben, ohne Erwartung und ohne Enttäuschung, wenn er dieses Angebot nicht annimmt.

Nicht immer muss das mögliche Sterben angesprochen werden. Oftmals gibt es auch ein gemeinsames Wissen, im guten miteinander schweigen, wo die Wahrheit in der Stille gelebt wird. Manchmal wird das Wissen um den baldigen Tod in symbolischer Sprache angedeutet. Bilder werden uns zu Wegweisern in eine andere Dimension.

Vielleicht geht es hier oft weniger um das Sagen als darum, die Zeichen des Anderen sensibel wahrzunehmen, ohne in Vorstellungen gefangen zu sein und den Anderen in seinem So-Sein zu achten.

Er hoffte und plante


Die Begleitung, über die ich berichten möchte, verlief über anderthalb Jahre. Der Mann war vierundsechzig Jahre alt, krebskrank und galt als „austherapiert“, das heißt, er konnte wegen einiger Komplikationen nicht mehr operiert werden.

Er hatte darauf bestanden, aus dem Krankenhaus entlassen zu werden, obgleich sich seine Frau, die durch ein schmerzhaftes Bandscheibenleiden behindert ist, sehr ängstigte und sich fragte, ob sie den Belastungen einer häuslichen Betreuung gewachsen sei.

Sie stand vor dem Problem, keinen Hausarzt in der Nachbarschaft zu haben, der ihren Mann hätte betreuen können. Aber sie fand einen Arzt, der diesen aus ärztlicher Sicht „hoffnungslosen Fall“ übernahm und auch bereit war, Hausbesuche zu machen. Sie hatte außerdem ein Krankenbett und einen Nachtstuhl besorgt. Sie hatte die Zusage der Diakoniestation erwirkt, dass eine Schwester zur täglichen Pflege ins Haus kommen sollte, die auch Spritzen verabreichen würde. Und schließlich wartete sie auf den Besuch einer Hospiz-Begleiterin, die ihr zum allgemeinen seelischen Beistand angekündigt war.

Ich war bereit und entschlossen, mich ganz auf die Situation und das Lebensgefühl des Kranken einzulassen. So kam ich ins Haus und glaubte, völlig offen zu sein! Dennoch stellte ich sehr schnell fest, dass ich voreingenommen war. Ich glaubte natürlich zu wissen oder hatte bestimmte Vorstellungen, welches „Lebensgefühl“ ein so schwerkranker Mann haben würde.

Ich war der Meinung,

... dass wir nun tiefgehende Gespräche führen würden,

... dass Ängste zu bewältigen wären,

... dass wir Vorstellungen über Sterben und Tod, vielleicht auch religiöse Fragen, besprechen würden.

Doch da musste ich ganz schnell umdenken! Ich begriff – staunend zwar – aber auch voller Bewunderung, dass ich hier einen Menschen vor mir hatte, der sich nicht mit der Bedrohung durch seine Krankheit auseinander setzen wollte. Er hoffte vielmehr aufs Gesundwerden. Er plante, möglichst bald wieder sein Rentnerdasein aufzunehmen. Er träumte davon, selber wieder Auto zu fahren, und er malte sich Reisen und kleinere Ausflüge aus.

So absurd diese Gedankengänge, gemessen an dem Befund, manchmal erschienen, so erlebte ich doch einen Menschen, der von Tag zu Tag aufblühte, weil er einfach subjektiv glücklich war.

Er war zu Hause!

Das bedeutete für ihn, dass man ihm seine alltäglichen Wünsche viel besser erfüllen konnte als im Krankenhaus. Zum Beispiel kochte ihm seine Frau alles, was er nur wünschte, und das war wichtig für ihn, denn er war ein großer Genießer. Auch auf seine Beschwernisse konnte man rund um die Uhr ganz individuell eingehen.

Wie passte nun ich in sein Weltbild hinein, wie begegnete er mir? Ohne jeden Vorbehalt! Er schien zwar zu wissen, dass vom Hospiz Sterbende betreut werden, aber was ging das ihn an? Für ihn war ich eine Stütze für seine Frau und mithin ein Rädchen in dem Getriebe, das ihm insgesamt ermöglichte, zu Hause zu sein.

Da ich seinen Hoffnungen niemals düstere Gedanken entgegensetzte, mochte er mich einfach, und ich glaube, er freute sich auf meine Besuche. Jedenfalls strahlte er eine große Herzlichkeit aus, wenn ich kam.

Ich versuchte, dem Lebensmut des Kranken so viel Raum wie möglich zu geben, und wenn er uns in seinem Optimismus und in seinem unbändigen Lebenswillen manchmal drängte, ihm doch einen Spaziergang oder eine Ausfahrt zu ermöglichen, so ermutigte ich die Ehefrau dazu. Rückblickend freuen wir uns, dass wir ihm einige Erfolgserlebnisse schenken konnten.

Später, als er immer schlechter laufen konnte, kam ein Rollstuhl ins Haus, und ich erinnere mich, wie glücklich er war über ein paar Minuten im Garten, als er die Sonnenstrahlen und ein bisschen Wind in sich hineinnahm, als ob dies Hoffnung auf den Frühling, Hoffnung auf Leben sei.

Zu Anfang meiner Begleitung kam ich fast täglich ins Haus. Doch bald hatte sich alles so eingespielt, dass ich auch etwas seltener kommen konnte, das heißt, ich kam nur noch zweimal in der Woche und blieb dann zwei bis drei Stunden. Meistens war es so, dass der Kranke aufgestanden war, dass wir eine Weile zu dritt am Kaffeetisch saßen, bis er sich wieder auf die Couch legen musste wegen seiner Schwäche, und dass wir uns über dies und das unterhielten. Wir haben auch viel miteinander gelacht.

Über einen so langen Zeitraum gibt es nicht nur Sternstunden und geistig-seelische Höhenflüge. So kommt viel Alltägliches ins Spiel. Aber vielleicht war es gerade das, was meiner Anwesenheit am Sterbebett eine solche Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit gab. So hatte über behutsam entstehende ‚Vertrautheit‘ nach und nach wirkliches Vertrauen wachsen können.

Das Vertrauen, das sich zwischen mir, dem Kranken und der Ehefrau aufgebaut hat, war umso tragfähiger, als es in der langen Zeit seines Sterbens auch kleinere Krisen und Unsicherheiten nicht ausklammerte und damit die ganze Palette des menschlichen Miteinander umschloss.

Ich hatte z. B. ein Problem mit mir selbst gehabt. Zeitweise schien es, als ob sich der Zustand des Mannes tatsächlich zum Guten wenden könnte. In uns keimte gegen alle Vernunft so etwas wie Hoffnung auf das viel beschworene Wunder. Das war eine Zeit, in der ich selbst begann, den Gedanken an den Tod zu verdrängen. Ich empfand fast wie eine Angehörige und hatte Furcht, wenn mir das Sterben dieses Mannes in den Sinn kam!

In dieser Zeit brauchte ich dringend die Supervision. Durch sie und die Konfrontation mit der Realität des Sterbens bei einer anderen Nachtwache, zu der ich eingesetzt war, konnte ich mich von meiner eigenen Befangenheit wieder befreien.

Es ergab sich noch ein weiteres Problem in dieser Zeit. Der Patient wollte niemals ein „wirkliches Gespräch“, auch dann nicht, als es begann ihm schlechter zu gehen. Er hatte anscheinend, oder auch nur scheinbar, seelisch nichts zu verarbeiten, dass er den Austausch darüber gesucht hätte. Und so sehr ich dies auch respektierte, so bekam ich doch Zweifel, ob meine Anwesenheit überhaupt sinnvoll und hilfreich war. Ich fürchtete, indem ich mich so völlig auf den Plauderton einließ, gar nichts beizutragen zur wirklichen Bewältigung seiner Probleme.

Doch ich habe von diesem Mann etwas gelernt und ganz tief begriffen, was mir...

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