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Störungen der Krankheitseinsicht

AutorSiegfried Gauggel
VerlagHogrefe Verlag Göttingen
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl127 Seiten
ISBN9783844426564
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis19,99 EUR
Das Phänomen der gestörten Krankheitseinsicht (Anosognosie) tritt häufig nach einer Schädigung oder Erkrankung des Gehirns auf. Infolgedessen können die betroffenen Patienten vorhandene und für alle anderen Personen offensichtliche Störungen (z.B. Lähmungen, Gedächtnisstörungen) nicht mehr adäquat wahrnehmen. Sie überschätzen ihre Leistungsfähigkeit und offensichtliche Schwierigkeiten im Alltag werden ignoriert, bagatellisiert oder komplett abgestritten. Für ein differenziertes Verständnis des Phänomens und der Psychopathologie der betroffenen Patienten ist es wichtig, nicht nur die neuronalen Mechanismen zu betrachten, sondern auch psychologische Konzepte (wie z.B. Selbstkonzept, Metakognition und Selbstreflektion), und diese in eine umfassende Störungs- und Behandlungstheorie zu integrieren. Nur so wird letztendlich das Verhalten der betroffenen Patienten verständlich und eine zielgerichtete Behandlung möglich. Verständlich wird dann auch, warum das Phänomen einer gestörten Krankheitseinsicht nicht nur bei hirngeschädigten Patienten, sondern auch bei Patienten mit einer psychischen Störung (z.B. Anorexia nervosa, Alkoholabhängigkeit, narzisstische Persönlichkeitsstörung, Schizophrenie) auftreten kann.

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Leseprobe

2 Symptomatik


Das vorausgehende Fallbeispiel verdeutlicht die Schwierigkeiten von Patienten, die nach einer Hirnschädigung für andere Personen ganz offensichtliche Störungen und Alltagsschwierigkeiten teilweise oder vollständig nicht mehr erkennen können. Diese Beeinträchtigung der Wahrnehmung einer Erkrankung und/oder der Folgen einer solchen wird als Anosognosie (griechisch: „nosos“ (Krankheit) und „gnosis“ (Erkenntnis) bezeichnet. Synonym werden im deutschen Sprachraum auch die Begriffe „fehlende Krankheitseinsicht“, „mangelndes Störungsbewusstsein“ oder „gestörte Selbstwahrnehmung“ verwendet. Im angloamerikanischen Raum finden sich Begriffe wie „unawareness of impairments“, „unawareness of illness“, „lack of insight in impairments“ oder „impaired self-awareness“ (Prigatano, 2010).

|5|Symptomatik

Patienten bestreiten oder relativieren, dass sie eine Störung und daraus folgende Beeinträchtigungen im Alltag haben. Sie überschätzen ihre Leistungsfähigkeit und behaupten ganz oft, dass sie eine Aufgabe genauso wie gesunde Personen erledigen können. Wenn sie stellenweise Probleme einräumen, schreiben sie diese Schwierigkeiten häufig anderen Ursachen oder situativen Umständen zu. Sie sind logischen Argumenten und auch widerlegenden Demonstrationen nicht zugänglich. Teilweise produzieren sie dabei merkwürdige Erklärungen, um ihre Sichtweise zu verteidigen (z. B. Müdigkeit, Sehprobleme, „hatte schon immer ein schlechtes Gedächtnis“). Die betroffenen Patienten weisen in der Regel keine depressive Störung und auch keine Ängste auf. Im Gegenteil, sie wirken häufig ungewöhnlich unbeteiligt und unbesorgt. Insgesamt passt der Affekt oft nicht zu der schwierigen Krankheitssituation. Das Nicht-Erkennen einer Störung und deren Folgen kann sich selektiv auf eine bestimmte Störung (Hemiparese, Gedächtnisstörung, Verhaltensstörung usw.) und auf die damit einhergehenden Beeinträchtigungen beziehen. Für andere vorliegende Störungen und deren Folgen können durchaus eine Einsicht und ein Leidensdruck bestehen. Es ist nicht so, dass die betroffenen Patienten grundsätzlich alle nach einer Hirnschädigung vorhandenen Probleme abstreiten oder bagatellisieren.

Das Phänomen des Nicht-Wahrnehmens oder Nicht-Erkennens einer Erkrankung war in der Medizin des 19. Jahrhunderts schon länger bekannt (siehe z. B. Munk, 1881), wurde aber erstmals detailliert von den Neurologen Constantin von Monakow (1885) und Gabriel Anton (1898, S. 93) anhand einer von ihnen untersuchten Patientin (Ursula Mercz, 56 Jahre alt, Näherin, symmetrische Läsionen im okzipito-parietalen Cortex) beschrieben.

„Die Kranke konnte nun Licht und Dunkel nicht mehr unterscheiden, nahm keinen Gegenstand mehr wahr, weder nahe, noch ferne, auch plötzliche Annäherung und rasches intensives Beleuchten lösten keinen Lidschlag aus. Der Blick war ins Leere gerichtet, eine Fixation war nicht nachweisbar.

Es war nun im hohen Grade auffallend, dass die Patientin von diesen hochgradigen und später vollständigen Ausfall ihres Sehvermögens gar nicht Notiz nahm. Die sonst so klaghafte Patientin wurde durch diesen Verlust fast gar nicht behelligt. Wenn ihr Gegenstände zum Benennen vorgehalten wurden, so tastete sie – offenbar nach jahrelanger Gewohnheit – sofort danach, gab sich nie Mühe, mit dem Blicke etwas zu erkennen. Wurde ihr der Gegenstand ferne gehalten oder wenigstens das Berühren verhindert, so nannte sie auf’s Geratewohl irgend einen Gegenstand; es war dabei wohl ersichtlich, dass sie hierin – wie langjährig Blinde – eine gewisse Uebung im Errathen erkennen liess. Dies zu constatiren, reichte uns ihr Sprachvermögen gewiss vollkommen aus. Wenn Sie direct befragt wurde über ihre Sehvermögen, so antwortete sie in vagen, allgemeinen Ausdrücken, „das sei eben so, in der Jugend sehe man besser“. Sie versicherte ruhig und treuherzig, dass sie vorgehaltene Gegenstände sehe, während die fast täglich Untersuchung das Gegenteil bewies. Sie erklärte auch Dinge zu sehen, die ihr gar nicht vorgezeigt wurden.

Die Kranke war sich des Verlustes des Sehvermögens nicht bewusst, es gab dieser Defect auch nicht Veranlassung zu weiteren Gedanken und Schlussbildungen, zu |6|Kummer, zu Unlust. Dies zu einer Zeit, wo ihr das Fehlen einer Wortbezeichnung, also der Erinnerung eines Sprachbildes sichtliche Pein verursachte.“

1914 prägte der Neurologe Babinski den Begriff Anosognosie für dieses Störungsbild („It is, I think, permitted to use a neologism to design this state and term it ,anosognosia‘, Papagno & Vallar, 2003, S. 178). Babinski bezog sich in seiner Publikation auf das Verhalten von Patienten, die nach einer rechtshemisphärischen Hirnschädigung Lähmungen der linken Körperhälfte nicht mehr wahrnahmen und das Vorhandensein dieser Störungen auf konkrete Nachfrage abstritten und leugneten. Mit dem Begriff Anosodiaphorie charakterisierte Babinski Patienten, die zwar eine Hemiparese nicht leugneten, dieser gegenüber aber ungewöhnlich unbeteiligt und indifferent wirkten: „I also observed some hemiplegics who, without ignoring the existence of their paralysis, did not seem to attach much importance of it, as if it was a minor disease. A similar condition could be termed „anosodiaphoria“ (adiaphoria, indifference).“ (Papagno & Vallar, 2003, S. 178). Tabelle 1 und 2 geben einen Überblick über wichtige Begriffe und historische Entwicklungsschritte in der Erforschung des Phänomens der verminderten Krankheitseinsicht.

Tabelle 1: Übersicht über die wichtigsten Begriffe, ihre Bedeutung und Autorenschaft in Bezug auf das Phänomen einer gestörten Krankheitseinsicht

Begriff

Definition

Jahr

Ursprung

Anosognosie

Fehlendes Krankheits- oder Störungsbewusstsein in Bezug auf eine linksseitige Hemiparese

1914

Joseph Babinski

(1857–1932)

Anosodiaphorie

Indifferenz oder Gleichgültigkeit gegenüber einer linksseitigen Hemiparese; abgeschwächte Form der Anosognosie

1914

Joseph Babinski

(1857–1932)

Anton-Syndrom

Patienten mit einer bilateralen kortikalen Läsion der Sehrinde, nehmen die eigene Blindheit nicht wahr.

1898

Gabriel Anton (1858 – 1933)

Verleugnung („denial“)

Psychoanalytischer Abwehrmechanismus, bei dem vom Betroffenen ein objektiver Sachverhalt geleugnet wird

1894

1936

Sigmund Freud (1856 – 1939)

Anna Freud

(1895 – 1982)

Verleugnung einer Erkrankung („denial of illness“)

...
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