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E-Book

Störungen des Sozialverhaltens

AutorLioba Baving
VerlagSpringer-Verlag
Erscheinungsjahr2006
Seitenanzahl189 Seiten
ISBN9783540356851
FormatPDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis35,96 EUR

Tobende (Schul)Kinder, aggressive Jugendliche... Die Medien sind voll mit diesem scheinbar neuen Phänomen. Doch werden Kinder und Jugendliche tatsächlich immer schwieriger? Und wenn ja, woran liegt das? Wodurch unterscheidet sich ein 'normal bockiger' von einem dissozialen Jugendlichen? Was können Therapeuten tun? Hier finden Sie die Antworten: für alle, die mit 'schwierigen' Kindern und Jugendlichen konfrontiert sind. Der vorliegende Titel ist Teil der Reihe 'Psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter' mit drei wesentlichen Pluspunkten: interdisziplinär, praxisrelevant durch konkrete Tipps und Tricks, übersichtlich strukturiert.

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Leseprobe
3 Was erklärbar ist: Ätiologie und Entwicklungspsychopathologie (S. 17-19)

»Puzzleteile« zum Verständnis von Störungen des Sozialverhaltens finden sich auf unterschiedlichen Betrachtungsebenen, die jedoch untereinander in einem engen Zusammenhang stehen. Grundsätzlich – wie auch bei anderen kinder- und jugendpsychiatrischen Störungsbildern – geht man für die Störungen des Sozialverhaltens von einem biopsychosozialen Modell aus. Genetische und frühe psychosoziale Faktoren beeinflussen die Neurobiologie des Gehirns und damit die Erlebens- und Verhaltensweisen des Individuums. Biologische und psychosoziale Faktoren der Eltern interagieren mit biologischen und psychosozialen Faktoren des Kindes.

Oft ist es schwierig, die einzelnen Ebenen voneinander zu trennen. Die folgenden Beispiele sollen die Komplexität der Wechselwirkungen zwischen biologischen und psychosozialen Faktoren verdeutlichen.

Beispiele
Der Befund, dass in Familien, die aus einer sozioökonomisch benachteiligten Gegend wegzogen, weniger Störungen des Sozialverhaltens auftraten, kann einerseits als Beleg für die Bedeutung von Umgebungseinfl üssen interpretiert werden. Andererseits können aber auch Merkmale – biologische wie psychosoziale – einer Familie dazu beitragen, dass sie überhaupt in der Lage ist, eine Gegend mit ungünstigen Lebensbedingungen zu verlassen (Simonoff 2001).

Kinder von sehr jungen Müttern weisen ein erhöhtes Risiko von externalisierenden Verhaltensweisen im Kindesalter und von dissozialen Verhaltensweisen in der Adoleszenz auf (Jaff ee et al. 2001). Hierfür können – biologisch wie psychosozial bestimmte – Eigenschaften der Mutter bedeutsam sein, die sowohl die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft im Teenager- Alter als auch die Wahrscheinlichkeit dissozialen Verhaltens ihres Kindes erhöhen; die Mütter geben also ihre eigenen »Risikofaktoren« an ihre Kinder weiter. Andererseits sind auch die ungünstigen psychosozialen Folgen einer frühen Mutterschaft (z. B. für Ausbildungsniveau, sozioökonomischen Status, Belastung als Alleinerziehende) für die Lebensumstände der Familie und damit des Kindes, unabhängig von Merkmalen der Mutter, zu berücksichtigen.


Ein »Risikofaktor« erhöht die Wahrscheinlichkeit des Auft retens einer Störung bei einer Person, die von diesem Faktor betroff en ist, verglichen mit einer Person, die von diesem Faktor nicht betroff en ist. Unterschiedliche Risikofaktoren liefern eigenständige Beiträge zum Verständnis der Entwicklung von Störungen des Sozialverhaltens (Dodge 2001), und die Heterogenität der Störungen des Sozialverhaltens beruht u. a. auf interindividuellen Unterschieden in den Risikofaktoren wie auch Entwicklungswegen. Andererseits können verschiedene Risikofaktoren das gleiche Problemverhalten oder die gleiche Störung verursachen (Äquifi nalität). So wiesen – bei etwa gleich hohem Gesamtrisiko für die Entwicklung einer Störung des Sozialverhaltens – unterschiedliche Gruppen von Kindern mit unterschiedlichen Risikofaktoren dennoch ein vergleichbares Ausmaß aggressiven Verhaltens auf; dieses war aber bei manchen Kindern eher auf ungünstiges elterliches Erziehungsverhalten zurückzuführen, bei anderen Kindern dagegen eher auf negative Interaktionen mit Gleichaltrigen (Deater-Deckard et al. 1998).

! Jeder genetische wie auch psychosoziale Risikofaktor für sich betrachtet hat in der Regel keinen bedeutsamen Effeekt auf disruptives Verhalten, wichtig ist vielmehr die Kumulation mehrerer Risikofaktoren. Die Wahrscheinlichkeit disruptiven Verhaltens nimmt also mit dem Auftreten und Wirksamwerden von Risikofaktoren zu, die ihrerseits wiederum weitere Risikofaktoren begünstigen können.

Präventive Bemühungen streben somit eine Abnahme von Risikofaktoren und Zunahme von protektiven Faktoren an. Wichtig ist, dass die wissenschaft liche Untersuchung von Risikofaktoren ursächliche Faktoren erfassen sollte, die auslösend und aufrechterhaltend für Störungen des Sozialverhaltens sind, nicht dagegen solche Variablen, die lediglich Begleiterscheinungen von Störungen des Sozialverhaltens darstellen.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort9
Inhaltsverzeichnis11
1 Ein Blick zurück: Zur Geschichte der Störung13
2 Worum es geht: Definition und Klassifikation17
2.1 Definition18
2.2 Leitsymptome19
2.3 Schweregradeinteilung19
2.4 Untergruppen20
2.4.1 Untergruppen nach ICD-1020
2.4.2 Untergruppen nach DSM-IV24
2.5 Ausschlussdiagnosen25
3 Was erklärbar ist: Ätiologie und Entwicklungspsychopathologie29
3.1 Biologische Perspektive31
3.2 Psychosoziale Perspektive33
3.2.1 Kind/Jugendlicher in seiner Familie33
3.2.2 Kind/Jugendlicher und die Gleichaltrigen37
3.2.3 Kind/Jugendlicher und die Schule39
3.2.4 Kind/Jugendlicher und seine Familie im psychosozialen Umfeld39
3.3 Modellvorstellungen40
4 Der Blick auf das Besondere: StörungsspezifIsche Diagnostik43
4.1 Symptomatik44
4.1.1 Leitsymptome44
4.1.2 Klassifikation48
4.1.3 Psychischer Status des Kindes/Jugendlichen53
4.1.4 Aktuelle Lebenssituation des Kindes/Jugendlichen54
4.2 Störungsspezifische Entwicklungsgeschichte54
4.3 Komorbide Störungen55
4.4 Störungsrelevante Rahmenbedingungen60
4.5 Testpsychologische und somatische Diagnostik62
4.5.1 Fremd- und Selbstbeurteilungsskalen62
4.5.2 Altersbezogene Testdiagnostik63
4.5.3 Körperliche Untersuchung66
4.5.4 Drogenscreening67
4.6 Weitergehende Diagnostik69
4.7 Entbehrliche Diagnostik69
5 Unterscheiden ist wichtig: Differenzialdiagnose und multiaxiale Bewertung71
5.1 Weitere diagnostische Leitfragen72
5.2 Identifizierung weiterer Störungen und Belastungen72
5.2.1 Achse II des MAS: Umschriebene Entwicklungsstörungen73
5.2.2 Achse III des MAS: Intelligenzniveau78
5.2.3 Achse IV des MAS: Körperliche Symptomatik79
5.2.4 Achse V des MAS: Assoziierte aktuelle abnorme psychosoziale Umstände80
5.2.5 Achse VI des MAS: Globale Beurteilung des psychosozialen Funktionsniveaus80
5.3 Differenzialdiagnose und Hierarchie des diagnostischen Vorgehens80
5.3.1 Hierarchie des diagnostischen Vorgehens80
5.3.2 Differenzialdiagnose83
6 Was zu tun ist: Interventionen99
6.1 Auswahl des Interventionssettings100
6.2 Behandlungsprogramme und ihre Komponenten102
6.2.1 Krankheitsstadienbezogene Komponenten103
6.2.2 Psychoedukative Maßnahmen und Psychotherapie106
6.2.3 Schulbezogene Interventionen115
6.2.4 Therapieprogramme117
6.2.5 Pharmakotherapie119
6.2.6 Komorbiditätsbezogene Komponenten142
6.3 Besonderheiten bei ambulanter Behandlung144
6.4 Besonderheiten bei teilstationärer Behandlung148
6.5 Besonderheiten bei stationärer Behandlung148
6.6 Jugendhilfe und Rehabilitationsmaßnahmen161
6.7 Entbehrliche Therapiemaßnahmen169
7 Der Blick voraus: Verlauf und Prognose171
8 Was wir nicht wissen: Offene Fragen179
Anhang: Leitlinien183
Literatur185
Sachverzeichnis195

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