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E-Book

Streit am Hof im frühen Mittelalter

VerlagV&R Unipress
Erscheinungsjahr2011
Seitenanzahl435 Seiten
ISBN9783862348848
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis70,00 EUR
Im frühen Mittelalter war der Hof ein zentraler Ort der Begegnung geistlicher und weltlicher Fürsten. Kaiser-, Königs- und Papsthöfe vereinten die Fürsten der verschiedenen Reiche und wurden daher auch zu Kristallisationspunkten des Streits. Der Hof als Zentrum der Herrschaft tritt für uns vor allem dann als Phänomen hervor, wenn das Mit- und Zueinander am Hof durch eskalierende Auseinandersetzungen infrage gestellt wird. An der Streitsituation lassen sich die Vorstellungen der Beteiligten, die impliziten Ansprüche, die an König und Große herangetragen werden, sowie die Wirkungsweise des Hofes besonders deutlich machen. Zudem können Mechanismen frühmittelalterlicher Streitkultur an dem besonders exponierten Ort des Hofes zutage kommen. Die verschiedenen Aspekte des Streits am frühmittelalterlichen Hof werden in diesem Band betrachtet und analysiert. In the early middle ages the court was a centre for meetings of secular and clerical princes. At the court of emperors, kings, and popes, the princes of different lordships met and the court was therefore at the centre of conflict. The court as centre of rule is especially important at the moment when the cooperation at the court is questioned by escalating quarrels. In the situation of conflict the notions of the princes emerge more clearly, the implicit demands the princes were subordinated to as well as the political mode of functioning at the court. In situations of conflict the mechanism of culture of debate in the early middle ages can be observed. Different aspects of conflict at court in the early middle ages were discussed at this international congress.

Prof. Dr. Matthias Becher studierte Geschichte und Politische Wissenschaften in Konstanz und ist seit 1998 Professor für Mittelalterliche und Neuere Geschichte an der Universität Bonn. Von 2016 bis 2021 war er Sprecher des Sonderforschungsbereichs 1167.

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Leseprobe
Streitschlichtung am Hof. Versöhnungsrituale, Eide und Historiographie im 9. Jahrhundert (S. 247-248)

Thomas Scharff

Gestritten wurde an den Höfen und zwischen den Höfen der Karolinger häufig und in wechselhaften Konstellationen. Die Könige, die Herrscherfamilie und die mit beiden auf unterschiedlicheWeise verbundenen geistlichen oder weltlichen Großen trugen miteinander Konflikte aus, die während und nach der Regierungszeit Ludwigs des Frommen immer heftigere Formen annahmen und in der Herrscherabsetzung sowie im ,Bruderkrieg‘ einen ersten Höhepunkt erreichten.

Jene Zeitgenossen, die sich als Historiographen oder auf andere Weise schriftlich mit den Ereignissen auseinandersetzten, nahmen diese Konflikte intensiv wahr und brachten den von ihnen erlebten Niedergang des Reiches immer wieder mit der mangelnden Einigkeit der Karolinger untereinander in einen ursächlichen Zusammenhang. Die inneren Streitigkeiten waren aus ihrer Sicht für die äußere Schwäche des Reiches verantwortlich und luden Gegner wie die Normannen geradezu ein, über die Franken herzufallen.

Obwohl sie fast immer selbst Teil der Auseinandersetzungen waren, entwickelten hohe Kleriker gegen diese Konflikte so etwas wie eine Theologie der Einheit. In Fürstenspiegeln, in theologischen Traktaten, aber auch in historiographischen Exempla legten sie den Machthabern dar, wie man das Verhältnis zwischen dem König und dem Volk, demHerrscher und seinen Söhnen oder den Königssöhnen untereinander innerhalb der christianitas zu gestalten habe, um erfolgreich auf dem Weg des göttlichen Heilsplans voranzuschreiten.3 Dabei spielte neben der Befolgung bestimmter Verhaltensnormen die Versöhnung nach Konflikten eine zentrale Rolle.

Theologisch betrachtet ging es bei ,Versöhnung‘ (reconciliatio) zunächst einmal um die Versöhnung desMenschen mit Gott. Hier galt im Frühmittelalter die von Augustinus übernommene Redemptionslehre: Ihr zufolge besitzt der Teufel dieMenschen zu Recht, weil diese ihm ja mit freiemWillen zugestimmt haben. Die einzigeMöglichkeit zur Befreiung der Menschen besteht in der Erniedrigung, der Inkarnation Gottes selbst und in seinem unschuldigen Tod.

Auf diese Weise wird die Menschheit erlöst bzw. mit Gott versöhnt. Dieser grundsätzlich versöhnte Zustand zwischen Gott und den Menschen wird freilich durch die Menschen und deren Sünden immer wieder gestört. Er kann dann nur durch die Vermittlung des Klerus und durch die Buße wieder hergestellt werden. Von den Gliedern der christianitas wurde vor allem gefordert, dass die Menschen in Eintracht miteinander lebten. Dieser Anspruch wurde immer wieder erhoben; er erklärt auch, warum die Bruderkriege mit ihren komplizierten Loyalitätsbindungen so sehr als Katastrophe empfunden wurden.

Politischer Streit und politische Vergehen, die andere Christen trafen, wurden auf diese Weise zu Sünde, weshalb nur Buße zur Besserung führen konnte.6 In extremer Form drückt sich dieses Denken in derHerrschaft Ludwigs des Frommen aus. Mayke de Jong hat ja kürzlich und zu Recht seine Herrschaft als „Penitential State“ beschrieben.7 Unter seinen Söhnen wurde das Zusammenwirken der ,Brüdergemeine‘ in den Begriffen von pax, concordia und caritas gefasst. Man fühlt sich hier in der Theorie an das Modell der Benediktsregel erinnert, in der dieMönche gehalten werden, nach einem Streit noch vor Sonnenuntergang zum Frieden zurückzukehren.
Blick ins Buch
Inhaltsverzeichnis
Title Page3
Copyright4
Inhalt5
Danksagung7
Matthias Becher: Gedanken zur Einführung9
Daniel G. König: Öffentliche religiöse Auseinandersetzungen unter Beteiligung spätantik-frühmittelalterlicher Höfe – Versuch einer Typologie17
Religiöse Auseinandersetzungen in der politischen Sphäre17
Der Hof und seine Verwicklung in religiöse Auseinandersetzungen23
Kontexte religiöser Auseinandersetzungen in der politischen Sphäre30
Ursachen religionspolitischer Auseinandersetzungen im spätrömischen Reich und seinen romanisch-germanischen Nachfolgern36
Roland Steinacher: Der vandalische Königshof als Ort der öffentlichen religiösen Auseinandersetzung45
Arianismus als politisches Instrument?49
Der vandalische Hof als Ort der öffentlichen religiösen Auseinandersetzung57
Die vandalischen Königstitel und ihre Implikationen für das Herrschaftsverständnis der Könige in Karthago61
Eine vandalische ‚Tracht` als Kleidung bei Hof? Anmerkungen zu Victors „habitus barbarus“ und der These von ‚Romanen` versus ‚Germanen` als Hintergrund der Konflikte im spätantiken Nordafrika66
Alheydis Plassmann: Interessenvertretung und Intrigen am ostgotischen Königshof75
Caspar Ehlers: Sachsen als sächsische Bischöfe. Die Kirchenpolitik der karolingischen und ottonischen Könige in einem neuen Licht95
I. Vorbemerkungen zum Raum95
I.1 Der geographische Raum96
I.2 Ordnungsmuster der Welt und der Kirche96
II. Vorbemerkungen zu den Personen101
II.1 Zur Begrifflichkeit: Was ist ‚indigen`?101
II.2 Vorschläge für weiterführende Ansätze102
II.3 Gab es Möglichkeiten, nur indigene Herrschaftsträger zu installieren?104
III. Die prägenden Personenverbände in Sachsen bis 1024106
III.1 Die Gruppen nach dem Konsens der Forschung: Indigene Verbände?106
III.2 Übersicht: Die Bischöfe in Sachsen nach ihrer gentilen Zuordnung (754–1024)108
III.2.1 Das engere Sachsen108
III.2.2 Vergleich mit Graf Finck von Finckenstein108
IV. Auswertungen109
IV.1 Indigene Bischöfe109
IV.2 Die Beziehungen der Gruppen untereinander: Indigener ‚sächsischer Stammesadel` und nicht indigener ‚fränkischen Reichsadel`?110
IV.3 Konflikt im Reich und ‚am Hofe`: Der Stellingaaufstand111
IV.3.1 Der Zeitrahmen111
IV.3.2 Die Bischöfe mit sächsischem Bezug im fraglichen Zeitraum113
IV.3.3 Schlussfolgerung114
V. Ergebnisse114
Anhang: Tabellen118
Daniel Eichler: Karolingische Höfe und Versammlungen – Grundvoraussetzungen121
Jennifer R. Davis: Charlemagne's Settlement of Disputes149
Eric J. Goldberg: Dominus Hludowicus serenissimus imperator sedens pro tribunali: Conflict, Justice, and Ideology at the Court of Louis the German175
Matthias Schrör: Aufstieg und Fall des Erzbischofs Ebo von Reims203
1. Einleitung203
2. Ebos Werdegang204
3. Erzbischof von Reims 816–835205
4. Die Absetzung als Reimser Erzbischof211
5. Ebos ‚Apologeticum`, seine Rückkehr nach Reims und die endgültige Absetzung216
6. Fazit221
Andrea Stieldorf: Adel an der Peripherie im Streit mit dem höfischen Zentrum223
Thomas Scharff: Streitschlichtung am Hof. Versöhnungsrituale, Eide und Historiographie im 9. Jahrhundert247
Versöhnung und Eid249
Eide, Versöhnung und Historiographie am Beispiel von Nithards ‚Historiae`253
Eide in den ‚Annales Bertiniani`256
Eide in den ‚Annales Fuldenses`258
Zusammenfassung261
Martina Giese: Kompetitive Aspekte höfischer Jagdaktivitäten im Frühmittelalter263
Linda Dohmen: …evertit palatium, destruxit consilium… – Konflikte im und um den Rat des Herrschers am Beispiel der Auseinandersetzungen am Hof Ludwigs des Frommen (830/31)285
Charles West: Evaluating conflict at court: a West Frankish perspective317
Introduction317
Royal centrality318
Violence and coercion320
Ceremony and protocol321
Processual approaches324
Conflicts of value326
Conclusion329
Manfred Luchterhandt: Bilder ohne Worte. Protokoll und höfischer Luxus in den Empfangszeremonien des mittelbyzantinischen Kaiserhofs331
Die Gesandtschaftsempfänge des 10. Jahrhunderts347
Florian Hartmann: Streit an der cathedra Petri oder Streit um die cathedra Petri? Konflikte um den Papstthron in der Deutung päpstlicher Quellen365
I.367
II.375
III.386
Jochen Johrendt: Eine Leiche vor Gericht. Streit vor und um Päpste in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts389
Abbildungen411
Beiträgerverzeichnis417

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