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Sturm und Drang

Epoche - Autoren - Werke

AutorChristine Künzel, Günter Oesterle, Holger Dainat, Marie Wokalek, Oliver Müller
Verlagwbg Academic
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl244 Seiten
ISBN9783534727407
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis23,99 EUR
Der Sturm und Drang umfasst als Epoche nur eine kurze Zeitspanne vom Ende der 1760er bis zum Anfang der 1780er Jahre. Auch waren die meisten Autoren nur vorübergehend »Stürmer und Dränger«, bevor sie sich anderweitig orientierten. Dieser Band entwirft in 13 Originalbeiträgen namhafter Wissenschaftler ein umfassendes Bild der einflussreichen Strömung. Genuin literaturgeschichtliche Fragestellungen werden mit neuesten Forschungsergebnissen zu Gruppenbildung, lokalen Zentren, medialer Präsenz und Wissenszirkulation zwischen Literatur, Philosophie, Theologie und Jurisprudenz verbunden. Die Unterschiede zu anderen, nahezu zeitgleichen Strömungen wie der Empfindsamkeit oder dem Göttinger Hain finden sich ebenfalls erläutert. Im Blickpunkt stehen insbesondere Goethe, Schiller, J.M.R. Lenz, Herder, Bürger, Hölty, Gerstenberg, Lavater, Möser, Klinger, Wagner, Maler Müller und Voss.

Oliver Müller, Dr., geb. 1968, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Neuere Deutsche Literaturwissenschaft des Fachs Germanistik der Universität Bielefeld.

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Leseprobe

Kai Kauffmann


Polemische Angriffe im literarischen Feld. Literatursatiren der Stürmer und Dränger (Goethe, Merck, Lenz)


Zum Wandel des Epochenbegriffs Sturm und Drang


Während die ältere, hauptsächlich geistesgeschichtlich orientierte Forschung den Sturm und Drang als fundamentale Abwendung von der europäischen Aufklärung beschrieb und in ihm den jugendlichen Aufschwung zu einer gänzlich neuen Großepoche der deutschen Literatur – der Blütezeit der deutschen Klassik und der deutschen Romantik – sah, wird er in der neueren Forschung seit den 1960er Jahren überwiegend als eine von mehreren unterschiedlichen ‚Strömungen‘ innerhalb des spannungsreichen Epochenzusammenhangs der Aufklärung begriffen. Dies heißt freilich nicht, dass von der neueren Forschung die unübersehbaren, von den Stürmern und Drängern selbst betonten Differenzen zu den um 1770 immer noch dominanten Strömungen der deutschen Aufklärung geleugnet würden. Von Gerhard Sauder stammt die treffende Formel, beim Sturm und Drang handele es sich um eine „Dynamisierung und Binnenkritik“ der Aufklärung.1

Sauder hat in seinen Beiträgen zur literaturgeschichtlichen Konzeptualisierung des Sturm und Drang auch angeregt, diese Periode als „Resultat einer Gruppenbildung“ aufzufassen.2 Noch nicht arrivierte Autoren der jüngeren Generation hätten sich zu kleineren Gruppen zusammengeschlossen und sich zugleich polemisch gegenüber Schriftstellern der älteren Generation(en) abgegrenzt, die in der literarischen Öffentlichkeit als führende Repräsentanten der Aufklärung und der Empfindsamkeit anerkannt gewesen seien. Zu den ‚strategischen Waffen‘ der Stürmer und Dränger im Kampf um die eigene Anerkennung in der literarischen Öffentlichkeit habe die Literaturkritik, aber stärker noch das Mittel der Literatursatire gehört.3 Dieser Ansatz ist in wichtigen Studien der letzten Jahre fortgeführt und weiterentwickelt worden.4 Als besonders fruchtbar erwies sich dabei, die Analyse der literarischen Kampfhandlungen mit der Theorie des ‚literarischen Feldes‘ zu verknüpfen, wie sie der französische Soziologe Pierre Bourdieu formuliert hat.

Literarische ‚Avantgarde‘ der 1770er Jahre


Bourdieus Theorie, die in seinem Buch Les règles de l’art (dt. Die Regeln der Kunst)5 ausführlich dargelegt ist, erklärt die Handlungslogik von gesellschaftlichen Akteuren, die auf dem Feld des modernen Literatur- und Kunstbetriebs um die Gewinnung, Vermehrung oder Bewahrung eines eigenen ‚symbolischen Kapitals‘ als Künstler kämpfen. Ihr zufolge ist jeder Künstler, der noch kein symbolisches Kapital besitzt, gezwungen, im Namen einer neuen Ästhetik gegen die anerkannten Repräsentanten der herrschenden Kunstrichtungen zu revoltieren und deren Kunstnormen anzugreifen, und zwar solange, bis er sich selbst einen Platz auf dem Olymp erobert hat. Da die ‚jungen‘ Künstler im Unterschied zu ihren arrivierten Gegnern noch über keine institutionellen Machtmittel im Literatur- und Kunstbetrieb verfügen (etwa Publikationsorgane, Professorenämter, Akademiemitgliedschaften u. dgl.) ist es für sie besonders wichtig, kleine, aber in sich verschworene Gemeinschaften zu bilden, die sich jeweils als Avantgarde der Kunst verstehen und sich auf schlagkräftige Weise in der Öffentlichkeit präsentieren. Allerdings ist der Zusammenhalt solcher Gruppen immer dann bedroht, wenn ein Mitglied die von allen gewünschte Anerkennung gewonnen hat, andere aber nicht oder doch nicht im gleichen Ausmaß. Aus der Handlungslogik, der die einzelnen Akteure unterworfen sind, folgt, dass immer neue Avantgarden entstehen und dadurch das gesamte System der modernen Kunst eine Dynamik fortgesetzter Innovation, wenn nicht Revolution, entfaltet.

Bourdieus Theorie, die am Paradigma des Pariser Literatur- und Kunstbetriebs des 19. und 20. Jahrhunderts entwickelt worden ist, überzeugt als literatursoziologisches Modell für die Avantgarde-Bewegungen der Moderne. Die Frage, ob sie bereits auf die Periode des Sturm und Drang angewendet werden kann, ist mit gewissen Einschränkungen zu bejahen. Die wichtigste Voraussetzung für die Applikation der Theorie ist, dass gerade in der Phase, als die Stürmer und Dränger das ‚literarische Feld‘ betraten, die literarische Öffentlichkeit in Deutschland zunehmend von der Konkurrenz freier, für den expandierenden Bücher- und Zeitschriftenmarkt arbeitender Schriftsteller geprägt wurde. „In dem Sturmund-Drang-Jahrzehnt von 1770 bis 1780 verdoppelt sich die Zahl der Schriftsteller in Deutschland von ca. 3000 auf ca. 6000“, veranschlagt Franziska Herboth,6 wobei in dieser Rechnung die noch deutlich größere Gruppe der ‚gelehrten‘, nur für ein akademisches Publikum schreibenden Autoren ausgeklammert wird.7 Die rasch wachsende Zahl von freien Schriftstellern hing hauptsächlich mit einer starken Ausweitung der belletristischen Produktion zusammen. Diese Veränderungen sprengten die Sozialform und den Diskurstypus der gemeinsamen ‚Gelehrtenrepublik‘, der sich noch die meisten aufklärerischen Schriftsteller zugehörig fühlten, und schufen umgekehrt den Freiraum für ein neues Selbstverständnis von Autoren, die als weitgehend autonome Künstler mit ihren Werken in der literarischen Öffentlichkeit auftraten und als solche nach Anerkennung strebten.

Die später als Stürmer und Dränger bezeichneten Schriftsteller, die Anfang der 1770er Jahre in Straßburg und an einigen anderen Orten einen Kreis von Gleichgesinnten bildeten, erhoben programmatisch den Anspruch, jeder wahre Künstler müsse ein Genie sein, das durch gleichsam göttliche Kräfte zum originellen Schöpfer einzigartiger Werke werde. Die Genialität und Originalität machten sie nicht nur zum Kriterium der eigenen künstlerischen Produktionen, sondern auch zur Messlatte für die Beurteilung anderer Schriftsteller. In der entscheidenden Phase der Jahre 1773/74 war – komplementär zur hymnischen Feier vorbildlicher Künstlerpersönlichkeiten der Vergangenheit – die polemische Auseinandersetzung mit tonangebenden Schriftstellern der Gegenwart von konstitutiver Bedeutung, und zwar eben so sehr für die Selbstverständigung der Künstlergruppe wie für die Außendarstellung als neue, mit den Normen der aufklärerischen und empfindsamen Literatur brechende Kunstbewegung.

Herder, Goethe, Merck, Lenz, Wagner und die anderen so genannten Stürmer und Dränger waren zu Anfang der 1770er Jahre Schriftsteller der jungen Generation, die mit dem Programm einer radikalen Genieästhetik gegen die etablierten Autoren und Konventionen der damaligen Literatur revoltierten. Im Lichte der Theorie Bourdieus erscheinen sie als eine historisch frühe Form von künstlerischer Avantgarde.8

Polemische Literaturkritik im Jahrgang 1772 der Frankfurter gelehrten Anzeigen


Mit Goethes Eintreffen in Straßburg, im April 1770, begann die Formierung eines literarischen Freundeskreises, zu dessen Treffpunkten in den nächsten Jahren auch Frankfurt, Darmstadt, Gießen sowie Zürich gehörten. Mit Ausnahme von Herder, der seit 1767 als Schriftsteller kontinuierlich publizierte, beschränkten sich die Angehörigen dieses Kreises zunächst auf die interne Kommunikation, wobei auch eigene Texte vorgestellt und diskutiert wurden. So trug Goethe seine Rede Zum Schäkespears Tag, die heute als frühe Programmschrift des Sturm und Drang gelesen wird, bei einer kleinen Feier im Frankfurter Zirkel vor. Der Aufsatz Von deutscher Baukunst, den der Darmstädter Freund Johann Heinrich Merck im November 1772 als einen anonym erscheinenden Einzeldruck in Auftrag gab, war das erste selbstständig veröffentlichte Werk Goethes.

Der erste von einigen Freunden gemeinsam unternommene Schritt in die literarische Öffentlichkeit war die Anfang 1772 erfolgte Übernahme der Redaktion der Frankfurter gelehrten Anzeigen, die zunächst von Merck, dann, von Juli bis Dezember 1772, von Johann Georg Schlosser geleitet wurde. Neben Merck und Schlosser zählten Goethe und Herder sowie eine Handvoll weiterer Jungautoren zu den regelmäßigen Beiträgern dieses reinen Rezensionsorgans. Zu den Besonderheiten des von den Stürmern und Drängern gestalteten Jahrgangs 1772 gehörte, dass zumindest ein Teil der Besprechungen kollektiv entstanden ist. Rückblickend berichtet Goethe in seiner Autobiographie Dichtung und Wahrheit über das gemeinsame Rezensieren: „Wer das Buch zuerst gelesen hatte, der referierte, manchmal fand sich ein Korreferent; die Angelegenheit ward besprochen, an verwandte angeknüpft, und hatte sich zuletzt ein gewisses Resultat ergeben, so übernahm Einer die Redaktion.“ (MA 16, S. 585)

Alle Rezensionen erschienen ohne Verfasserangabe in der Zeitung. Dies war für die Rezensionsorgane der Aufklärung keineswegs ungewöhnlich. Die Allgemeine Deutsche Bibliothek, die sich selbst als Forum der gesamten Gelehrtenrepublik verstand, begründete die...

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