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Symbolik zwischen Leben und Tod

Jugendkultur als Ausdruck oder Korrektiv sozio-kultureller Strömungen

AutorAgnes Trattner
VerlagArchiv der Jugendkulturen Verlag
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl312 Seiten
ISBN9783945398005
FormatPDF/ePUB
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis16,99 EUR
Todessymbole wie Totenköpfe, Skelette und Knochen in Form von Tattoos, auf Kleidungs- und Schmuckstücken oder Accessoires sind seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fester Bestandteil verschiedener jugendkultureller Szenen. Seit dem Beginn des neuen Jahrtausends erfahren die Symbole eine neue Dimension, da insbesondere Emos sie mit Lebenssymbolen wie Blumen, Schmetterlingen, Herzen und mit grellen, bunten Farben kombinieren. Sie führen damit Leben und Tod zumindest auf einer symbolischen Ebene zusammen und verleihen einem gesellschaftlich tabuisierten Thema Ausdruck. Da die Lebensphase Jugend in der wissenschaftlichen Literatur nicht vor dem Hintergrund einer anstehenden Vergänglichkeitsbewältigung interpretiert wird, bleibt in den vielfältigen Studien zur Adoleszenz offen, wie Jugendliche mit der gesellschaftlichen Verdrängung des Todes bzw. der Verklärung von Jugend umgehen und welche Bedeutung in diesem Zusammenhang jugendkulturelle Symbole sowie jugendkulturelle Gemeinschaften haben. Die Arbeit nähert sich diesen Fragen mit einem historischen Blick auf die kulturellen Umgangsformen mit Sterben und Tod sowie auf die gesellschaftlichen Vorstellungen von Jugend. Dabei werden die Zusammenhänge der gesellschaftlichen Todesverdrängung und der Verklärung von Jugend herausgearbeitet. Der Idealisierung von Jugend wird die reale Situation, in der sich Jugendliche befinden, gegenübergestellt, wobei der Fokus auf der Bewältigung von Vergänglichkeit als zentraler Aufgabe der Adoleszenz gerichtet ist. In einer empirischen Studie, die qualitative und quantitative Methoden verbindet, kommen Jugendliche, die eine Affinität zu Todessymbolen aufweisen, selbst zu Wort. Eine besondere Aufmerksamkeit erfährt die aktuelle und international verbreitete Jugendszene der Emos.

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Leseprobe

EINLEITUNG


Jugendliche Gruppen wie die Emos oder Satanisten sind Gruppierungen von Jugendlichen bei denen die Faszination des Abscheulichen im Vordergrund steht, sie wollen durch eine Überbetonung von Verzweiflung, Trauer, Auseinandersetzung mit dem Tod auf der einen Seite provozieren, weil sie selbst massiv gestörte Beziehungen untereinander oder zu ihren Ursprungsfamilien haben und es ist der Versuch auf sich aufmerksam zu machen und letztlich ist es ein Hilfeschrei nach Nähe und nach Beziehung. (Lüdke 2008, Min. 2:47-3:20)5

Diese Aussage steht repräsentativ für das massenmedial dargebotene Bild von Emos, einer seit dem Beginn des neuen Jahrtausends international verbreiteten jugendkulturellen Szene. Seinem Lebenslauf6 bzw. seiner Homepage7 zufolge ist Lüdke promovierter Erziehungswissenschafter sowie approbierter Kinder- und Jugendpsychotherapeut und zumindest für den Sender RTL ein Experte auf ganzer Linie.

Lüdke bedient in seiner Aussage sämtliche Vorurteile, die man bereits von den Gothics kennt. Beide Jugendszenen werden gerne in einem Atemzug mit Satanisten genannt. Ihre Szeneangehörigen seien übermäßig traurig und würden sich allzu viel mit dem Tod beschäftigen. Ihre angebliche Todesaffinität und Faszination am Abscheulichen resultiere aus einer Lust an Provokation, fuße in problematischen Beziehungen mit bzw. in ihrem Umfeld und sei ein pathologischer Versuch Aufmerksamkeit zu erregen. Darüber hinaus wird Gothics wie Emos gerne vorgeworfen, dass sie selbstmordgefährdet seien. Insbesondere den Emos wird unterstellt, dass zu einer authentischen Szenezugehörigkeit selbstverletzendes Verhalten wie Ritzen gehöre.

So unterschiedlich die Szenen der Gothics und Emos auch sind, zeigen doch beide in ihrem Stil todesaffine Symbole wie zum Beispiel die Farbe Schwarz, Totenköpfe, Skelette oder Knochen. Derartige Todessymbole weisen in der abendländischen Geschichte eine lange Tradition auf und sind seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fester Bestandteil der Selbstinszenierung verschiedener jugendkulturell geprägter Szenen. So finden sich Totenköpfe, Skelette oder Knochen in Form von Tattoos, auf Kleidungs- und Schmuckstücken sowie auf Accessoires beispielsweise bei den Rockabillies, Skinheads, Punks, Heavy Metals oder Gothics. Diesen Todessymbolen und der Farbe Schwarz kommt insbesondere bei den Gothics eine besondere Bedeutung zu, die nicht von ungefähr auch als „Schwarze Szene“ bezeichnet werden. Im Unterschied dazu kombinieren Emos die bereits aus anderen Szenen bekannten Todessymbole mit Lebenssymbolen wie Blumen, Schmetterlingen, Herzen sowie mit grellen und bunten Farben.

Symbole zeichnen sich in Cassierers Definition durch „Vielseitigkeit und Wandelbarkeit aus“ im Gegensatz zum Zeichen, das damit, worauf es sich bezieht, „fest und eindeutig verbunden“ ist (vgl. Cassirer 1990, S. 64f.). Symbole verbinden „die gegenständliche mit der nicht-gegenständlichen, der imaginären oder geistigen Welt“ und sind laut Seifert eine „Reaktion des Individuums auf seine Umwelt“, denn „Wirklichkeitserfahrung und Wirklichkeitsbewältigung korrespondieren mit symbolischer und kreativer Aneignung bzw. Auseinandersetzung“ (Seifert 2004, S. 24). Seiferts Einschätzung zufolge artikulieren Jugendkulturen in ihrem symbolischen Ausdruck nicht nur gesellschaftliche Probleme, sondern suchen auch nach kreativen Lösungsstrategien, indem sie starre Zeichen verändern und damit neue Wege sichtbar machen. Mit ästhetischen Mitteln verhandeln sie – meist unbewusst – gesellschaftlich relevante Themen auf einer symbolischen Ebene (vgl. ebd., S. 18f.).

Die Symbole der Emos verweisen auf ein gesellschaftlich verdrängtes Thema, indem sie Leben und Tod auf einer symbolischen Ebene zusammenführen und so den Tod ins Leben zurückholen.

Die Symbole der Emos verweisen auf ein gesellschaftlich verdrängtes Thema, indem sie Leben und Tod auf einer symbolischen Ebene zusammenführen und so den Tod ins Leben zurückholen. Durch ihren expressiven Stil werden Emos auf der einen Seite von Gleichaltrigen wie Erwachsenen pathologisiert, auf der anderen Seite findet ihr Stil inzwischen für Angehörige jeden Alters Eingang in die Massenwarenindustrie.

Die Szene der Emos ist mit nur einem wissenschaftlich ernst zu nehmenden Werk von Büsser et al. (2009) noch kaum untersucht. Büsser et al. geben zwar einen interessanten Einblick in die Szene, der symbolische Ausdruck erfährt aber wenig Aufmerksamkeit. Todessymbole werden auch in den Beschreibungen anderer Szenen vernachlässigt. Meistens werden sie als Randthemen behandelt ebenso wie der gesamtgesellschaftliche Rahmen der Todesverdrängung. Eine Ausnahme stellt die Studie von Helsper (1992) dar. Im Vordergrund seiner Betrachtung stehen allerdings Zusammenhänge der Symbolik von Gothics und Heavy-Metals mit Satanismus und Okkultismus. Obwohl Jugendkulturen seit den 1990er Jahren im Allgemeinen auch als potentielles Lernfeld gesehen werden, beleuchtet Helsper – wie andere Studien auch – Szenen, die eine Affinität zu Todessymbolen aufweisen, letztlich wieder unter den Gesichtspunkten ihrer Gefährlichkeit bzw. Gefährdung. Zudem beziehen die Studien zu spezifischen Szenen kaum entwicklungstheoretische Grundlagen zur Adoleszenz mit ein.

In entwicklungspsychologischen und pädagogischen Werken finden die symbolischen Ausdrucksformen von Jugendlichen ebenfalls kaum Beachtung. Die Adoleszenz wird nicht als eine Zeit der intensiven Konfrontation mit Vergänglichkeit im Kontext der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Todesverdrängung und Idealisierung von Jugend erklärt. An mancher Stelle wird zwar darauf hingewiesen, dass durch die neue Fähigkeit zur Selbstreflexion in der Adoleszenz existentielle Fragen wichtig werden und damit auch die Auseinandersetzung mit dem Tod und dem Sinn des Lebens, dennoch bleiben diese Verweise mehr oder weniger an der Oberfläche. Die Themenkomplexe Jugend und Tod werden im erziehungswissenschaftlichen Diskurs außerhalb eines pathologischen Zusammenhangs kaum zusammengeführt. Spielt dieser Zusammenhang in den Überlegungen einschlägiger AutorInnen eine Rolle, werden in erster Linie die Themen Suizid, Depression und selbstverletzendes Verhalten untersucht. Erfolgt eine Verknüpfung der beiden Themen abseits pathologisierender Betrachtungen, dann meist in quantitativen Studien, die religiöse, ethische oder moralische Einstellungen der Jugendlichen messen, ohne sie in den sozialen Kontext der gesellschaftlichen Todesverdrängung einzubetten und ohne eingehende theoretische Fundierung der Lebensphase Jugend selbst.

In der entwicklungstheoretischen Sichtweise auf Heranwachsende kommt die Aufgabe der Bewältigung von Vergänglichkeit nicht vor. Daher bleibt in den vielfältigen Studien zur Adoleszenz offen, wie Jugendliche mit dem Thema Vergänglichkeit und der gesellschaftlichen Verdrängung des Todes bzw. der Verklärung von Jugend umgehen und welche Bedeutung dabei den Todessymbolen und den jugendkulturellen Gemeinschaften zukommt. Ungeklärt bleibt auch die Frage, ob die Todessymbole aus dem jugendkulturellen Kontext durch ihre Verweise auf Vergänglichkeit zu einer Enttabuisierung des Todes beitragen oder ob sie die gesellschaftliche Todesverdrängung bestätigen.

Um sich diesen Fragen anzunähern, beleuchtet die Arbeit in einem ersten Schritt die zentralen Unterschiede im Umgang mit Jugend und Tod zwischen vormodernen und modernen Gesellschaften. Dieses Kapitel zeichnet die Veränderungen in der Bewertung der Lebensalter in der abendländischen Geschichte nach, zeigt die Gegensätze zwischen einem vormodernen zyklischen und dem modernen linearen Weltbild auf und stellt die Entwicklung von der Akzeptanz und Vergegenwärtigung des Todes zum Kampf gegen ihn dar. Die Jahrhunderte währende Tradition der symbolischen Vergegenwärtigung, der religiös-ritualisierten Einbettung und Sinnbelegung des Todes weicht dem säkularisierten Bild vom „natürlichen Tod“, das ihn mit dem Stillstand einer Maschine gleichsetzt. Die daraus entstehenden Machbarkeitsutopien der Todesüberwindung finden in den medizinisch-technischen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts ihre Fortsetzung.

Die Verschärfung des strukturellen Zusammenhangs zwischen der Verdrängung des Todes und der Verklärung von Jugend in der zweiten Moderne wird im nächsten Schritt herausgearbeitet. Auf der einen Seite wird die Weiterführung des modernen Bildes vom „Tod als Feind“ zum „Tod als Räuber“ näher verfolgt und auf der anderen der bis heute wirksame Jugendkult, zu dessen Entstehung die Jugendbewegung der Wandervögel und deren Rezeption von erwachsener Seite wesentlich beigetragen haben. Im jugendbewegten Zeitgeist der Wandervögel entstehen die ersten wissenschaftlichen Theorien zur Jugend. Die Arbeit geht der bis heute etablierten ambivalenten wissenschaftlichen Sicht auf Jugend nach, die sich zwischen einer verklärend-idealisierenden und einer problematisierenden, pathologisierenden Darstellung...

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