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Tabuthemen als Gegenstand szenischen Lernens in der Pflege

Theorie und Praxis eines neuen pflegedidaktischen Ansatzes

AutorGisela Ruwe, Ingo Scheller, Uta Oelke
VerlagHogrefe AG
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl264 Seiten
ISBN9783456933238
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis26,99 EUR
Pflegende sind Grenzgänger, die alltäglich mit Tabus wie Alter, Krankheit und Tod konfrontiert werden. Ihre Arbeit verlangt ein hohes Maß an sozialer und personaler Kompetenz. Das szenische Lernen oder Spiel ist ein pflegedidaktischer Ansatz, der sich hervorragend zur Förderung dieser Qualifikationen eignet. Szenisches Spiel als Arbeit an und mit der inneren und äußeren Haltung entspricht der für Pflege zentralen Gefühls- und Körperarbeit. Die Autoren beschreiben Grundlagen und zahlreiche Anwendungsbeispiele dieses neuen pflegedidaktischen Ansatzes.

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Leseprobe
Teil II
2. Übungen zur Selbstreflexion
von Ingo Scheller

2.1 Krankheit

Krankheiten sind Ausnahmen im Alltag. Sie durchbrechen die Routine, schränken die Bewegungsfreiheit ein, setzen eingefahrene und angeeignete Verhaltensweisen außer Kraft. Sie beeinträchtigen die physische und psychische Leistungsfähigkeit und stellen vieles von dem in Frage, was wir alltäglich zur Gestaltung und Aufrechterhaltung unseres Lebens und unseres Selbstbewusstseins tun. Und weil Krankheiten uns nicht oder nur eingeschränkt erlauben, über unseren Körper, unsere Sinne und unser Denken selbstverständlich zu verfügen, sind sie häufig mit Regressionen verbunden. Wir fühlen uns hilflos und allein gelassen, sehnen uns nach Zuwendung und Unterstützung, müssen uns als Männer wieder «bemuttern» oder als Frauen von Männern anfassen lassen.

2.1.1 Eigene Erfahrungen

Als ich zum ersten Mal mit einer Nierenkolik ins Krankenhaus eingeliefert wurde, fühlte ich mich allein und dem Betrieb ausgeliefert. Ich wurde auf ein Bett gelegt, in einen großen Raum geschoben, wo ich den Arzt erwartete, der aber nicht kam. Immer wieder von Schmerzanfällen überwältigt, entdeckte mich nach ca. zwanzig Minuten eine zufällig vorbeikommende Schwester und veranlasste, dass ich eine Spritze bekam. Welche Krankheit ich hatte und wo die Schmerzen herkamen, wurde mir nicht gesagt. Stattdessen wurde ich zu einem alten Herren in ein Zimmer geschoben, der wegen seiner Schwerhörigkeit ständig laut nach dem Pflegepersonal rief und diesem Vorhaltungen machte, weil man ihn, der doch eigentlich gesund sei, ins Krankenhaus gebracht habe. Um mich kümmerten sich viele und keiner.

Obwohl die Schmerzen am folgenden Tag abgeklungen waren, durfte ich nicht aufstehen und wurde ohne Begründung wie ein kleines Kind behandelt, wobei unklar war, wer mich eigentlich behandelte. Bis zu 14 Pflegepersonen «kümmerten » sich am ersten Tag um mich. Sie kamen rein, übernahmen eine Funktion (Wecken, Bett machen, Fieber messen, Frühstück bringen usw.), ließen, ohne einen Blick auf mich zu werfen, ein paar verbale Floskeln fallen und verschwanden wieder. Wer sie waren, woher sie kamen und wohin sie gingen, warum sie was mit mir machten, war mir genauso unerfindlich wie mein eigener Krankheitszustand. Keiner schien sich für mich zu interessieren. Im Wesentlichen schmerzfrei, erlebte ich mich als Objekt von Pflegetätigkeiten, die ich, jedenfalls meiner Befindlichkeit nach, gar nicht brauchte. Ich fühlte mich hilflos, allein, überflüssig. Erst am zweiten Tag gelang es mir nach einer heftigen Intervention, die zuständige Ärztin an mein Bett zu bekommen und von ihr zu erfahren, welche Krankheit ich hatte, wie mein Gesundheitszustand war und zu welchem Zweck ich hier im Krankenhaus war.

Ganz anders die Erfahrung, die ich zwei Jahre später bei einer weiteren Kolik in einem Krankenhaus auf Zypern machte: Obwohl die Situation chaotisch war, nahm mich sofort eine Pflegerin in Empfang, führte mich in eine Kabine, half mir auf eine Liege, hielt meinen Arm, als sich die Schmerzen verstärkten, redete beruhigend auf mich ein und fragte – mich freundlich anschauend – nach meinen Schmerzen. Dann nickte sie verständnisvoll, drückte mir aufmunternd den Arm, holte ein schmerzstillendes Mittel und erklärte mir, was es leisten könne, bevor eine intensivere Untersuchung vorgenommen werden müsse. Während der ganzen Zeit sah sie mich an, sprach mit ruhiger freundlicher Stimme und vermied hektische Bewegungen. Sie strahlte so viel Ruhe und Verständnis aus, dass ich mich fallen lassen und entspannen konnte.

2.1.2 Reflexionsfragen und -ziele

Wie nehmen Pflegende, die täglich mit kranken Menschen umgehen müssen, Krankheiten und das Verhalten kranker Menschen wahr? Welche Krankheiten und welche Verhaltensweisen lösen bei ihnen welche Empfindungen aus und mit welchem Verhalten reagieren sie darauf? Können sie nachvollziehen, welche Angst und Panik Menschen befallen kann, die unvorbereitet von einer ihnen unbekannten Krankheit überrascht werden? Welches Schutz- und Abwehrverhalten entwickeln sie, um sich auf bestimmte Krankheiten und die damit verbundenen Gefühle, Bedürfnisse und Verhaltensweisen von PatientInnen nicht oder nur reduziert einlassen zu müssen?

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