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E-Book

Tamerlans Erben

AutorPeter Boehm
VerlagPeter Boehm
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl216 Seiten
ISBN9783955771669
FormatePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis4,99 EUR
ÜBER DAS BUCH: Der unerlässliche Begleiter für eine Reise nach Zentralasien.TAMERLANS ERBEN enthält Reportagen aus Kasachstan, Turkmenistan, Usbekistan, Kirgistan und Tadschikistan zum Beispiel zum zentralasiatischen Essen, der neuen kasachischen Hauptstadt Astana, dem Massaker in Andischan, dem verschwindenden Aral-See, Buzkaschi, Samarkand, dem Brautraub, Selbstverbrennungen von Frauen, dem usbekischen Verkehr, u.v.m. ÜBER DEN AUTOR: Peter Boehm ist Autor der Reise&Abenteuer-Bestseller AFRIKA QUER und IM KÖNIGREICH DER FROMMEN. Er war fast zehn Jahre lang Auslandskorrespondent der Berliner tageszeitung, taz, in Nairobi, Taschkent und Los Angeles und hat für viele renommierte deutschsprachige Zeitungen geschrieben und Features für das öffentlich-rechtliche Radio produziert. In Englisch hat er für den Londoner Independent geschrieben und den Christian Science Monitor.

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Leseprobe

das Buch „auf einer Stufe mit dem Koran und der Bibel“ sieht, mag der eine oder andere noch Zweifel haben. „Die Menschheit hat sich für die spirituelle Orientierung immer nach Asien gewandt. Die Bibel, der Koran und nun... Das heiligste Rukhnama. Treten Sie bitte ein, um die Spiritualität Turkmenistans zu erfahren. Bekommen Sie den Geschmack für die Schätze dieses uralten Landes oder baden Sie in der Glorie der Turkmenischen Weisen.“

Dass das Buch von einem „Genie“ geschrieben wurde, versteht sich von selbst, aber dass „sich solches Vertrauen auf das nie dagewesene Interesse in vielen Ländern der Welt an dem optimistischen philosophischen Systems des Turkmenischen Führeres stützt“, ist schon wieder eine Meldung wert - nämlich von der staatlichen turkmenischen Nachrichtenagentur zur Veröffentlichung der englischen Ausgabe für ein „Multi-Millionen-Publikum“.

Keine Frage also, das Rukhnama muss ein besonderes Buch sein. Und es sieht auch schon so aus. Der Einband ist schmutzig-grün mit schweinchen-rosa Rand. Auf dem Deckel ist des Baschis goldenes Konterfei abgebildet, unterstützt von einem fünfköpfigen Adler auf der Vorder- und Rückseite.

Und dann geht´s los. In jedem in Turkmenistan veröffentlichten Buch muss der Text der Nationalhymne und der Eid des Landes abgedruckt werden. Danach ist das Land die „große Kreation des Turkmenbaschi“ – so lautet die erste Zeile in drei Strophen –, und dass es „meine Nation“, also die des Baschi ist.

Aber erst der Eid spricht wirklich Klartext: „Turkmenistan, mein geliebtes Vaterland, Turkmenistan mein geliebtes Heimatland/Du bist immer bei mir, in meinen Gedanken und meinem Herzen/Für das kleinste Böse gegen Dich lass mich meine Hand verlieren/Für die kleinste Verleumdung gegen Dich lass mich meine Zunge verlieren./Im Moment des Verrates gegenüber meinem Vaterland, seiner geheiligten Flagge, dem großen Saparmurat Turkmenbaschi, lass meinen Atem enden.“

Na gut, hier werden also Fragen von Leben und Tod abgehandelt. Und man mag sagen, was man will, das Buch der Seele hält sich nicht fern von den großen Themen. Das Rukhnama ist eine Ansammlung des Offiziellen und des Privaten, des Sachlichen und Sentimentalen, Banalen und Bizarren, Aufschneiderischen und Phantastischen, sowie des Anti-Russischen und Chauvinistischen – so chauvinistisch gar, dass, hätte der Baschi nicht schon die Wirtschaft, die Infrastruktur und die Armee seines Landes ruiniert, man sich wirklich Sorgen machen müsste.

Am gruseligsten ist aber wohl der Aufbau des Buches: sein Mangel an jeder erkennbaren Struktur, sein ständiges Springen zwischen Dingen, die irgendwie mit allem und nichts zu tun haben, von Plethi zu Chrethi und vom Hundertsten ins Tausendste. Natürlich verweist das auf den Autoren. So als ob der selbst einmal mit einem Rukhnama aufgezogen worden wäre.

Wenn man dem Buch der Seele glaubt, haben die Turkmenen eine über 5.000-jährige Geschichte. Um das zu belegen kopierte der Baschi einfach die fiktive Genealogie, die sich die Ottomanischen Herrscher im 15. Jahrhundert haben kreieren lassen. Der Prophet Noah wird so ebenso zum turkmenischen Vorfahren wie Ogus Han. „Wir kennen die weisen Geschichten und die Erzählungen unserer Propheten und Lektionen für uns von Ogus Han: ,Derjenige, der Respekt hat für die Älteren, wird der Führer; derjenige, der Respekt hat für den Führer, wird glorreich. Verkauf deine Straße an deinen Nachbarn, damit Du später wiederkommen kannst. Derjenige, der keinen Älteren hat, hat keine Jugend. Derjenige der nichts Altes hat, hat nichts Neues. Mein Landsmann ist mein Bruder. Ich habe einen Bruder, deshalb mache ich mir nie Sorgen. Ich habe einen Bruder, ich habe einen Unterstützer. Sieh Dich selbst als Milch und Deinen Freund als Sahne. … Ogus Han hat uns befohlen unseren Brüdern zu gehorchen, selbst wenn sie einen Tag älter sind.“

Dem Rukhnama nach haben die Turkmenen zuerst herausgefunden, wie man Werkzeuge aus geschmolzen Erzen herstellt. Sie haben die Kutsche erfunden und damit wohl oder übel das Rad. Und auch den Weizen hat ihnen die Welt zu verdanken. „Es ist offensichtlich, dass man keine Hinweise suchen muss, um zu beweisen, dass sie zu den Turkmenen gehören. Sie sind bei uns in aller Öffentlichkeit für alle zu sehen.“

Der Baschi parliert über die vermeintlichen turkmenischen Vorfahren und mit ihnen über ihr Leben und Wirken. Woher er jedoch ihre fast immer wörtlich zitierten Äußerungen genommen hat, bleibt unklar. Allerdings kommen so eine Menge wohlfeile Ratschläge zusammen. Die Turkemen sollen viel lachen – „Lasst mich in euren lachenden Gesichtern sehen, wofür ich gearbeitet habe!“ Und er gibt ihnen eine bemerkenswerte Definition von Freiheit mit auf den Weg: „Die Vorfahren der Turkmenen sagten: ,Dreh dein Gesicht in die Richtung, in die die Mehrheit ihr Gesicht dreht. Das ist Freiheit.“

An einer Stelle veröffentlicht der Baschi den Vertrag, mit der die Unabhängigkeit Turkmenistans vom UdSSR-Nachfolgestaat Russland besiegelt wurde, und am Ende des Buches ein Dokument, das sich wie ein Regierungsprogramm liest. Es enthält wild übertriebene Behauptungen, zum Beispiel dass Turkmenistan über dreißig Prozent der Öl- und Gasreserven der Welt verfüge. Dann wieder listet er seitenlang die Namen der über die Jahrhunderte regierenden Herrscher seines Volkes auf, fast ein Dutzend parallel: die Ogus-Turkmenen, die Seldschuken-Turkmenen, die Salyr-Turkmenen, usw. So werden alle Völkerschaften, die entfernt türkische Wurzeln haben oder einfach nur in der Region östlich des Kaspischen Meeres gelebt haben, zu Urvätern der Turkmenen. Ogus Han zum Beispiel, den der Baschi vorstellt wie einen alten Bekannten, ist eine mythologische Gestalt, von der niemand weiß, ob sie überhaupt gelebt hat. Außerdem berufen sich die meisten Völkerschaften mit türkischem und persischen Ursprung auf ihn.

Und die Tatsachen über die Geschichte der Turkmenen sprechen auch eine andere Sprache. Ihr Name taucht zum ersten Mal im 11. Jahrhundert auf. Wahrscheinlich sind sie ein türkischer Stamm, der im Gefolge der Seldschuken aus den Altay-Bergen, an der heutigen kasachisch-chinesischen Grenze, nach Turkmenistan einfielen.

In Turkmenistan finden sich tatsächlich viele alte historische Stätten, aber sie stammen aus der Zeit, als die Region noch zum weiteren persischen Reich gehörte. In Wirklichkeit lebte der Großteil der Turkmenen bis weit in die Zeit der Sowjetunion als Nomaden. Vor der russischen Kolonialisierung im 19. Jahrhundert, galten sie als zu fürchtende Räuber. Sie lebten vor allem vom Überfall auf Karawanen und die Siedlungen im Norden Persiens, deren Bewohner sie auf Sklavenmärkten verkauften. Arminius Vambéry, eine Reisender des 19. Jahrhunderts, berichtet, sie „würden nicht zögern den Propheten selbst in die Sklaverei zu verkaufen, wenn er ihnen in die Hände fiele.“

Dem Baschi nach hat sich dieses Geschichtsbild der Turkmenen jedoch nur durchgesetzt, weil es als Voraussetzung für die russische Kolonialisierung notwendig war: „Fälschlicherweise haben sie die Nation der Turkmenen als Plünderer und Schlächter ohne Mitleid dargestellt und sie als eine wilde Gemeinschaft gezeichnet, die einander umbringen, in Zelten leben, als unwissende, ungebildete und nomadische Nation. Die falschen und ungerechten Behauptungen sind die politischen Tricks, die die legendäre Vergangenheit des Turkmenischen Volkes und ihres Beitrages zur Geschichte der Entwicklung der Welt während mehrerer Jahrhunderte auslöschen sollen.“

Dieses negative Geschichtsbild wurde den Turkmenen für die Wahrheit ausgegeben, und sie haben es für bare Münze genommen. Deshalb verloren sie die Orientierung in der Welt: „Wenn Sie sich die Geschichte anschauen, haben sich die Eigenschaften der Turkmenen in den letzten 300 Jahren geändert, ihre Macht und ihre Größe haben sich verringert, Konflikte haben Einigkeit und Zusammenarbeit ersetzt. … Ich lebte in der Sowjetzeit, und als ich jung war, fühlte ich und stellte ich das mangelnde Vertrauen in das Recht in den Rechtsstaat fest und ihre hoffnungslose Sicht in die Zukunft.“

Also keine Furcht Turkmenen! Der Baschi führt euch ins gelobte Land: „Wir haben geheiligte Länder, die die Augen derjenigen öffnen werden, die blind geworden sind vom Weinen über ihre verlorenen Länder. Wir haben wunderbare Lieder, die taube Ohren öffnen. Wie haben süß duftende Quellen, die Stille in Gesang ausbrechen lassen. Uns gehören diese schönen Länder. … In kurzer Zeit haben wir einen exzellenten und stabilen Staat eingerichtet und den ersten Schritt in unserem Fortschritt genommen. Der zweite Schritt liegt in unserem Bewusstsein, Herzen und Blut. Diese Transformation werden wir mit dem Buch, genannt Rukhnama, vollziehen.“

An turkmenischen Schulen ist das heilige Buch inzwischen zum Hauptgegenstand des Unterrichts geworden. Auch in Kindergärten wird es schon durchgepaukt. Aber nicht nur die Kinder haben ständig Unterricht über das Buch und werden oft darüber geprüft. Auch Lehrer, Ärzte, alle Beamten und Angestellte in den Staatsbetrieben müssen eine Prüfung darüber ablegen, bevor sie eingestellt werden. Täglich wird in den Betrieben und Amtsstuben daraus vorgelesen. Es liegt vor jeder Moschee aus, und die Gläubigen berühren es mit der Hand oder küssen es, bevor sie eintreten. Im Sermon des Imams müssen Passagen daraus vorgelesen werden.

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