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Tanzpädagogik: Tanz als Erfahrungs-, Lern- und Gestaltungsraum

gundlegende erlebnispädagogische Möglichkeiten unter Berücksichtigung der elementaren Bildungsinhalte in der Tanzpädagogik

AutorChristiane Helbig
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2006
Seitenanzahl132 Seiten
ISBN9783638582490
FormatPDF/ePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis34,99 EUR
Examensarbeit aus dem Jahr 2006 im Fachbereich Sport - Sportarten: Theorie und Praxis, Note: 1,0, Friedrich-Schiller-Universität Jena (Institut für Sportwissenschaften), 96 Quellen im Literaturverzeichnis, Sprache: Deutsch, Abstract: Tanzen macht Freude. Gemeint ist aber nicht der oberflächliche Spaß, sondern das ganzheitliche nachhaltige Vergnügen; die von innen, aus dem Herzen kommende Freude als Ergebnis des persönlichen Einsatzes, der tänzerischen Leistung, die motivierend wirkt. Ein solches Vergnügen beruht auf sozialer Sensibilität und ist aus der Stille geboren, aus dem inneren Lauschen und Erleben. Die Ursache des Tanzes sind Empfindungen. Das Handwerkszeug sind die Bewegungen und das Material für den Tanz ist der Körper selbst. Wo immer sich ein Körper bewegt oder steht, ist er von Raum umgeben. Der Raum ist der eigentlich Wirkungsbereich des Tanzenden, denn er vermag die Grenzen der Körperlichkeit aufzuheben. Das Erlernen von Tanz in unserer heutigen Zeit spielt sich nicht mehr in der Alltagswelt der Tanzenden ab, sondern in für den Tanz bereitgestellten 'Räumen', wie dem Erfahrungs-, Gestaltungs- und Lernraum. Tanz als sinnlicher Erfahrungsraum Gemeint ist das Wahrnehmen und Erleben mit allen Sinnen. Wir brauchen eine neue Vermittlungskultur und -pädagogik der Sinnlichkeit. Hierfür mag das Tanzen als uralte Muttersprache zwischen den Menschen als Modell dienen. Es geht um eine Erneuerung des elementaren, spontanen, sinnlichen Tanzens, um eine Alltagskultur des Tanzens, die von der künstlerisch-ästhetischen Ebene zur menschlichen Erfahrungs- und Erlebnisebene führt. Kinder können sich über das Tanzen ganz natürlich mitteilen mit all ihren Erfahrungen, Gefühlen und Wahrnehmungen und lernen dabei die Welt zu verstehen. Tanz als kognitiver Lernraum Gemeint sind: Tanzkurse jeder Art mit lebendiger Atmosphäre. Lektionen ohne Blick auf die Uhr. Lernorte als Werkstätten. Methoden, die Kreativität und Kommunikation fördern. Musik, die alle Sinnesorgane anspricht und koordinative Fähigkeiten, die geschult werden - Kinder lernen auf vielfältige Weise mit einer Didaktik, die das aktive Mitmachen ermöglicht. Tanz als kreativer Gestaltungsraum Immer wenn man Kindern zusieht, die sich völlig im Einklang mit sich selbst bewegen, die voller Freude loshüpfen oder vor Glück springen, erscheint dieser kindliche Bewegungsdrang in einem neuen Licht. Sollten wir mehr aus uns heraus spontan, unwiderstehlich und überaus lustvoll nicht auch ab und an einfach mal lostanzen? Warum nicht? Tanzen macht Spaß, denn es ermöglicht immer wieder, selbstbestimmt und eigenständig neue Bewegungsformen zu erforschen.

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Leseprobe

 

2

 

„Auf Vergangenes zurückblicken, es in der Erinnerung wieder erstehen zu lassen, heißt, es durch den Spiegel der Gegenwart zu schauen und es von hier aus ins Bild zu setzen.“

 

(Mary Wigman zit.  in Hubert 1993:91)

 

2 Geschichte des Tanzes


 

Der Tanz ist so alt wie die Menschheit selbst. Der primitive Mensch tanzte vor Freude, vor Trauer, vor Wut, dem Regen, der Götter, der Ernte und der Jagd wegen (Liechtenhan 2000:7). Und wenn die Ernte eingebracht und die Beute gefangen war, tanzte er wieder. Die Geschichte des Tanzes wird in der Literatur als ein in seiner Vielfalt einheitlicher Prozess dargestellt, dessen einzelne Etappen miteinander verbunden sind. Die Entwicklung beruht auf Tradierung sich entfaltender Formen und Systeme, die von Generation zu Generation weitergegeben werden.

 

Im Folgenden soll das Wesen von Tanz in einer historischen Ursprungs- und Differenzierungsanalyse rekonstruiert und die besondere Bedeutung von tänzerischen Erscheinungsformen herausgearbeitet werden. Dabei ist es im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich, die Vielzahl und Vielschichtigkeit der Erscheinungsformen des Tanzes detailliert aufzuzeigen. Denn „selbst umfassenden Darstellungen wie Tanzgeschichten oder Tanzlexika gelingt nur ein annähernder Überblick über die Tanzwirklichkeiten und die zugrunde liegenden Theorien“ (Müller-Speer 1995:16). Auch wenn es Forschungen zum Tanz in den unterschiedlichsten Wissenschaften bereits gegeben hat, z.B. in der Kunst-, Musik-, und Theaterwissenschaft, so hat sich eine eigene Tanzwissenschaft, wie sie Junk bereits vor 70 Jahren fordert, bisher in Deutschland nicht etablieren können (Junk:1990:1). Auch Sachs veröffentlicht 1933 „Eine Weltgeschichte des Tanzes“, der in der Literatur viel Beachtung zukommt. Er versucht, die Vielfalt der Tänze nach Bewegungen, Formen und ihrer Musikbegleitung zu systematisieren, wie z.B. bildhafte und bildfreie Tänze oder körperunbewusste und körperbewusste Tänze (Sachs 1984:39). Erklärt wird die Vielfalt der Erscheinungsformen durch eine solche Systematik jedoch nicht.

 

„So sagen deren Ergebnisse doch nur, dass der Mensch auf der ganzen Erde die verschiedenen Teile seines Körpers […] zum Tanz verwendet und so auf verschiedene Weise zu ´tanzen´ versucht. Das wesentliche Moment der ursprünglichen Verschie-denheit wird dabei gar nicht berührt. Dabei kommt es gerade auf die Eigenart dieser Tänze in erster Linie an“ (Junk 1990:9).

 

Dennoch soll versucht werden, eine kleine Auswahl der Verschiedenheiten herauszuarbeiten, die sich an der geschichtlichen Dimension des Phänomens Tanz orientiert, auch um dessen Eigenwert als Bildungsinhalt hervorzuheben.

 

2.1 Naturvölker


 

Der Tanz als ausgeprägte gesellschaftliche Erscheinung hat seinen Ursprung in den Anfängen der Menschheitsentwicklung, wobei die Natur den Ausgangs-punkt bildet. Die spezifische menschliche Beziehung zur Natur bzw. die kollektive Aneignung der Natur in den Jäger- und Sammlergesellschaften findet vor allem im Arbeitsprozess ihren Ausdruck und erfolgt im Laufe der Zeit über die Vergegenständlichung. Hubert versteht unter diesem Vorgang die Verbes-serung und Produktion von Werkzeugen (1993:98). Dieser Prozess kenn-zeichnet eine wichtige Voraussetzung für die Weitergabe gesellschaftlicher Erfahrungen. Der Mensch malt oder ritzt seine Erlebnisse, seine Wirklich-keitsbilder an Wände oder in Stein. Damit ist der Grundstein für die Selbst-verwirklichung des Menschen als Gestaltung seines Lebens gelegt.

 

Die frühesten Dokumente solcher Reflexionen sind die im 19. Jahrhundert entdeckten Felsmalereien und Gravierungen u.a. in Frankreich und Spanien (Peters 1991:9, vgl. auch Liechtenhan 2000:7, Müller-Speer 1995:37f, Junk 1990:201). Sie zeigen nicht nur Jäger mit Pfeil und Bogen, sondern auch sesshaft gewordene Bauern, deren Jagd sich nur noch auf Kleintiere und Früchte konzentriert. Hubert betont, dass „die Tätigkeit der Menschen […] eine Erweiterung der Kenntnisse von den Dingen in ihren Zusammenhängen [bedingt]“ (1993:104). Durch das Erkennen der Naturkreisläufe und den erforderlichen Anpassungen im Anbau von Pflanzen entwickeln sich die ersten Fruchtbarkeitstänze (Hubert 1993:104f, vgl. Junk 1990:202). Über den Tanz versuchen die Naturvölker bestimmte Natur- und Wachstumsvorgänge zu beeinflussen und zu sichern. Die Formalität eines religiösen Ritus bekommt der Tanz, als gute und böse Geister beginnen, die Existenzverhältnisse zu lenken. „Der Naturmensch tanzt bei jedem Anlass, bei Geburt, Beschneidung, Mädchenweihe, Hochzeit, Krankheit und Tod, bei Häuptlingsfeier, Jagd, Krieg, Sieg, Friedensschluss, Frühling, Ernte und Schweineessen“ (Sachs 1984:38). In diesem Zusammenhang wird in der Literatur auch auf den Kult der Schamanenvölker verwiesen, deren Medizinmann in so genannten „Krampftänzen“ (Junk 1990:107, vgl. Liechtenhan 2000:7) die Jagd, die Ernte, den Kampf oder die Mannbarkeit vorherbestimmt. Die Ekstase wird durch Trommeln und monotonen Sprechgesang hervorgerufen, denn durch „rhythmische[s] Stampfen, Klatschen und Rufen“ (Peters 1991:10) ziehen sich die Muskeln zusammen und erschlaffen. Müller-Speer verweist auf die Systematisierung des tanzmagischen Handelns in Bezug auf Sachs, der die „Krampftänze“ in die Kategorie der „bildfreien“ Tänze einordnet, da der Tanzende körperentbunden und imaginär ein Ziel zu erreichen versucht (1995:31f). Der ekstatische Tanz ist daher ein Mittel zum Zweck, da er keinen ideellen Inhalt in sich trägt. Für Köllinger steht fest, dass nur Tanz als reine Kunst die Eigenschaft besitzt, eine Mitteilung über den Gegenstand an den Zuschauer oder den Tänzer selbst zu sein (1975:170f).

 

Resümierend ist festzuhalten, dass mit Hilfe des Tanzes die Naturvölker ihre gesellschaftlichen Lebensanforderungen bewältigen, wobei Magie und Religion immer eng miteinander verknüpft sind.

 

2.2 Kulturvölker des Mittelmeerraums


 

Mit dem Bevölkerungswachstum und den damit verbundenen Ansprüchen der Menschen auf Land und Lebensmittel kristallisiert sich immer forcierter ein Spannungsverhältnis heraus: Wachsende ökonomische Mittel werden für Raub und Krieg eingesetzt, wodurch sich die Interessenkonflikte zwischen den Menschen nach innen und außen manifestieren. Die Wende komplettiert sich mit der Ausbildung einer veränderten sozialen Ordnung, der Klassenge-sellschaft (Hubert 1993:108ff). Durch die Herausbildung von Privateigentum und klassenspezifischen Differenzierungen behält auch der Tanz keine Monofunktion mehr. Hubert spricht von Tanzformen, in denen der zentrale Aspekt des Klassenverhältnisses zum Tragen kommt.

 

„Während die Herrschenden […] Tanz zu einer eigenständigen von Arbeit gelösten, systematisierten Tätigkeit und Kunstform entfalten können, entwickelt sich der Tanz der unterdrückten und fremdbestimmten Menschen weiterhin auf eine eher volkstümliche Art und Weise […]“ (Hubert 1993:114).

 

Mit dem Ende der Blütezeit höchster Kunst und Lebenskultur 1800 v. Chr. in den Kerngebieten der Hochkulturen zwischen Euphrat und Tigris beginnt sich eine weitere Entwicklung im Tanz zu vollziehen. So wird ab 1550 v. Chr. bei den Ägyptern der Tanz nicht mehr nur zu Ehren der Götter dargebracht, sondern dient auch dem weltlichen Vergnügen (Liechtenhan 2000:9f). In diesem Zusammenhang äußert sich auch Peters, der die Abgrenzung zwischen sakralem und profanem Tanz in den späten modernen abend-ländischen Kulturen mit der Aufführung von verschiedenen Tanzformen, wie dem Erntetanz, Fruchtbarkeitstanz, Nackttanz, Akrobatischen Tanz, Bauchtanz und Schau- und Unterhaltungstanz, bekräftigt (1991:12). „Tanz wird [so] von einer elementar-notwendigen magischen Handlung zu einer sozio-kulturellen und individuellen Handlung neben anderen“ (Müller-Speer 1995:36). Mit der Loslösung von den religiösen Inhalten hin zu sinnlich-ästethischen Wirkungen der Bewegungen wird der Grundstein des Gesellschaftstanzes gelegt.

 

Sowohl Müller-Speer (1995:46) als auch Liechtenhan (2000:11) gehen davon aus, dass bei den Griechen der Tanz eine zentrale Bedeutung erhält. Der Tanz im antiken Griechenland wird von Müller-Speer als Wert charakterisiert, „aus denen der Mensch Erfahrung schöpft“ (1995:46). Er fördert die Entfaltung körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit, dient der Gesunderhaltung und begünstigt die Persönlichkeitsbildung.

 

„Die vielfach dem Staat überlassene Erziehung der Kinder machte den Tanzunterricht...

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