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Thailand fürs Handgepäck

Geschichten moderner thailändischer Autorinnen und Autoren. Mit Illustrationen. Bücher fürs Handgepäck

VerlagUnionsverlag
Erscheinungsjahr2019
Seitenanzahl224 Seiten
ISBN9783293301429
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Thailand gehört mit seinen schönen Stränden, seiner alten Kultur und seinen liebenswerten Menschen seit langem zu den beliebtesten Fernreisezielen. Diese Geschichten erzählen von Bergdörfern, Touristenzentren und dem Leben in Bangkok. Wir begegnen Fischerfamilien, Großstädtern und buddhistischen Mönchen. Die Autoren stellen sich der komplexen Gegenwart ihres Landes, viele von ihnen wurden mit Literaturpreisen ausgezeichnet. Dieser Band gehört zur Pflichtlektüre für Reisende, die Thailand kennenlernen wollen. Sila Khomchai steht in Bangkok im Stau Kanokphong Songsomphan beobachtet ein Fischerdorf im Wandel Phaithun Thanya wird Zeuge einer ungewöhnlichen Begegnung Win Liaowarin erzählt von einem, der das Leben neu lieben lernt Anchan erlebt die Angst einer Familie vor dem Vater Seksan Prasertkul sieht Bangkok aus der Sicht eines Bettlers Praphasson Sewikul schildert das Schicksal einer gehörlosen Frau Assiri Thammachot beschreibt die Nöte eines Melonenverkäufers Prichaphon Bunchuai denkt über den Wert des Lebens nach Dies und vieles mehr über Thailand ...

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Leseprobe

Begegnung auf der Brücke


Phaithun Thanya

Was für ein herrlicher Morgen, freute sich der Kuhhirte, als er zusammen mit einem jungen Bullen die Hütte, die ihnen als Schlafplatz diente, noch vor Sonnenaufgang verließ. Er trieb das Tier zur Bewegung an, fast zehn Kilometer sollten sie bewältigen, mal etwas langsamer, mal etwas schneller. Es gefiel ihm, dem jungen Bullen beim Laufen zuzusehen, wenn die starken Muskeln vor Kraft zitterten und deren Anspannung wellenförmig über den Körper verlief. Dieses Spiel der Muskeln zeigte seine Stärke wie bei einem Kickboxer, der bereit ist, seinen Gegner in einer so kurzen Zeit mit einem Faustschlag niederzustrecken, wie ein Spatz Wasser trinkt. Er genoss das frühmorgendliche Laufprogramm, und seit es seine Aufgabe war, hatte er es noch nie versäumt.

Jeden Morgen absolvierte er verschiedene Übungen mit dem Bullen – ein hartes Training für das junge Tier. Wetteinsätze bis zu dreihunderttausend Baht bei den Stierkämpfen waren es seinem Chef, dem Besitzer des jungen Kampfbullen, jedoch wert, diesem die beste Betreuung zukommen zu lassen. Er selbst war in Wirklichkeit nur der Pfleger dieses Bullen. Nie verdiente er mehr als dreißig Baht pro Tag. Manchmal – und das war eine Besonderheit – durfte er zur Feier eines Sieges an einem köstlichen Essen am Tisch seines Chefs teilhaben, aber auch nur dann, wenn sein Schützling den gegnerischen Kampfbullen tatsächlich besiegt hatte.

Er schlenderte gemächlich, den Bullen nicht weiter antreibend. Für diesen Morgen war das schnelle Lauftraining beendet, nur das Hin- und Hermarschieren im Sand stand noch auf dem Programm. Diese Übung diente sowohl der Stärkung der Gelenke des Bullen als auch seiner eigenen Muskelkraft. Er war inzwischen in der Lage, weit mehr als zehn Kilometer locker und ohne Pause zu bewältigen.

An Markttagen führte er seinen Bullen wie bei einem Schaulaufen quer über den Marktplatz, um ihn an große Menschenmengen zu gewöhnen. So würde dieser in der Kampfarena keine Scheu oder Angst zeigen, da Bullen in ungewohnter Umgebung leicht erschrecken und vor ihrem Gegner flüchten, wenn sie das Gejohle des Publikums hören. Der Spaziergang über den Markt gehörte damit zum Pflichtprogramm, das er fast jeden Morgen vollzog. Er liebte diesen Teil des Trainings, ein Glücksgefühl und unbändiger Stolz überfluteten ihn, wenn er mit dem Bullen vor der gaffenden Menge flanierte. In solchen Momenten fühlte er sich, als wäre er der wahre Besitzer des jungen roten Bullen.

Die frühe Sonne schien warm und mild. Der Bullenpfleger schritt ohne Eile vorwärts. Den gut aufgelegten Bullen ließ er vor sich her trotten, die Führung würde er in der Nähe der Brücke wieder übernehmen. Der Sandstrand, auf dem er die Übung zur Festigung der Gelenke absolvierte, lag am anderen Ufer des Flusses. Er musste, um dorthin zu gelangen, mit dem Bullen eine enge Brücke überqueren, die gerade breit genug für ein einziges Tier war. Kein anderer Kuhhirte würde seine Herde dort hinüber führen, da es sich nicht um eine gewöhnliche Brücke handelte, sondern um eine sogenannte Affenbrücke. Sie bestand aus zwischen den Ufern gespannten starken Drähten und in Abständen montierten Holzplanken, zwei weitere dicke Drähte dienten zum Festhalten. Sobald ein Mensch hinüberging, geriet die Brücke beängstigend heftig ins Schaukeln, von einem Bullen, der es wagte, sie zu betreten, ganz zu schweigen. Ein ungeübter Mensch müsste sie wohl kriechend überqueren, doch sein Bulle spazierte würdevoll über sie hinüber. Dies war eine weitere knifflige Trainingseinheit, und er glaubte, dass wahrscheinlich niemand sonst solch eine schwierige Aufgabe bewerkstelligen konnte.

Der Hüter des Bullen tastete sich rückwärts auf die Brücke. Diese begann mit den ersten Schritten von Mann und Tier zu schaukeln. Es erstaunte ihn etwas, dass die Brücke viel stärker als gewöhnlich in Bewegung geriet. Gleichzeitig schnaubte sein Bulle laut durch die Nase und stellte seine Ohren steil auf, als sähe er einen gegnerischen Kampfbullen. Im selben Moment konnte er hinter sich das Geräusch eines anderen Bullen hören. Argwöhnisch drehte er sich um und sah mit Erschrecken, dass ein Mann gerade dabei war, einen Bullen über die enge Brücke zu führen … und zwar ebenfalls einen Kampfbullen.

In der Mitte der Brücke standen sich beide Männer schließlich gegenüber und beide hielten sie das Seil, an dem sie ihre Bullen führten, in der Hand. Die zwei Kampfbullen hinter ihnen begannen sich gegenseitig zu provozieren – welch fatales Zusammentreffen an solch einem Morgen!

Die Brücke schwang gewaltig, als die Tiere versuchten, ihre Besitzer zur Seite zu drängen, um aufeinander loszugehen. Sie waren nur noch sechs, sieben Meter voneinander entfernt.

Der Kuhhirte war äußerst irritiert; niemals hätte er gedacht, dass ein Anderer den Mut aufbrächte, ihn herauszufordern. Er betrachtete dies als Herabsetzung seiner Würde, und das war eine Sache, die er nicht so einfach hinnehmen konnte.

»Verschwinde mit deinem Bullen«, rief er gereizt, während er mit den Händen seinen drängelnden Bullen am Vorwärtsgehen hinderte.

»Geh du doch«, erwiderte der Neuankömmling, dessen Gesicht keinerlei Angst erkennen ließ. Sein Bulle war elfenbeinfarben, die Hörner geschwungen und spitz wie Dornen.

»Du wirst gehen …«, sprach der Trainer des roten Bullen, »ich war zuerst auf der Brücke. Du kamst später, also gehst du zuerst.«

»Wer sagt denn, dass ich später kam? Du gingst rückwärts, wie kannst du gesehen haben, dass ich später kam?«, widersprach der Führer des hellen Bullen, um gleich darauf sein Tier mit lauter Stimme vom weiteren Drängeln abzuhalten. Er konnte den Bullen nicht einen Schritt nach hinten schieben. Dieser war sehr aufgeregt, weil das Überqueren einer Affenbrücke eine ungewohnte Angelegenheit für ihn bedeutete. Der Mann aber musste ihn auf die andere Seite führen, weil er sich dort mit einem Dorfvorsteher zur Begutachtung seines Bullen verabredet hatte.

»Was ist los? Warum gehst du nicht?« Der Pfleger des roten Bullen bemühte sich um einen normalen Tonfall.

»Ich sagte doch bereits, dass du umdrehst. Was fragst du denn noch?«, brüllte der andere zurück. Sein Bulle wurde immer unruhiger.

Die beiden Männer konnten sich nicht einigen. Ihre Bullen blickten sich direkt an und versuchten, ihre Führer weiter nach vorn zu schieben. Ihr Schnauben klang immer bedrohlicher, ihre Augen weiteten sich vor Zorn.

Die Brücke knarrte laut. Keiner der Männer machte Anstalten, sich zu bewegen, und die Geräusche der Bullen schwollen zu einem todesmutigen Schnauben an.

»Schnell, geh schnell weg! Oder siehst du nicht, dass die Bullen sich gleich gegenseitig aufspießen?«, schrie der Hüter des Roten mit schriller Stimme, denn er konnte seine Wut nicht länger unterdrücken.

»Du willst andere Leute zu etwas zwingen? Wenn du Angst hast zu sterben, dann geh zurück. Ich kann nicht!«, rief sein Kontrahent äußerst verärgert. Sein Atem ging ebenso stoßend wie der seines Bullen.

»Ich zwinge dich doch gar nicht. Aber stimmt es denn nicht, dass du zuerst zurückweichen müsstest? Du hast mich rückwärts auf die Brücke gehen sehen, warum hast du nicht sofort etwas gesagt? Du wolltest mich provozieren, nicht wahr!?«, beschwerte er sich in einem ähnlich aufgebrachten Tonfall. Er wurde immer wütender.

»Hör auf, nach etwas zu suchen. Ich wollte dich nicht herausfordern. Du hast überhaupt nicht aufgepasst, hast dich nicht einmal umgeschaut, und jetzt willst du anderen die Schuld geben«, antwortete der Besitzer des Beigefarbenen mit dem Finger auf sein Gegenüber zeigend. Er ging noch einen Schritt weiter und sein unruhiger Bulle folgte ihm auf dem Fuße.

»Herausforderung oder nicht.« Der Mann mit dem roten Bullen ließ nicht locker. »Ich führe meinen Bullen jeden Tag hier entlang, und nie ist etwas passiert. Nur heute macht es uns jemand nach.«

»Heh, das ist zu viel. Du sagst, ich mache es dir nach. Jeder Bulle kann auf diese Brücke, du glaubst wohl, deiner ist besonders schlau. Haltet euch nicht für einzigartig, diese Brücke gehört schließlich nicht deinem Vater. Warum sollte ich sie nicht überqueren können?«

»Du bringst tatsächlich meinen Vater mit ins Spiel? Das ist ja wohl das Allerletzte. Auch wenn mein Vater nicht der Eigentümer ist, deine Mutter hat sie auch nicht gebaut«, gab der Hüter des Roten zitternd vor Wut zurück.

Die beiden Bullen scharrten stärker mit den Hufen. Sie waren erregt, wollten in ihrer Wildheit aufeinander losgehen, sodass beide Männer ihre ganze Kraft aufbieten mussten, um sie zurückzuhalten. Die Brücke schlingerte stärker, die Drähte ächzten durchdringend und unten wirbelte das grüne Wasser fast flehentlich; bereit, alle Körper zu verschlucken, die herunterfallen.

Ohne dass einer nachgab, starrten sich die beiden Männer in die Augen. Der nervöse rote Bulle versuchte, ohne Furcht zu zeigen, seinen Betreuer weiter vorzuschieben. Der helle Bulle machte es genauso. Auch er drückte seinen Besitzer ständig vor, bis dieser ihm einen klatschenden Schlag verpasste. Die Brücke vibrierte und schaukelte so sehr, als würde sie gleich umschlagen. Bei beiden Männern und ihren Tieren begann sich das Entsetzen auf den Gesichtern zu zeigen.

»Sollen wir alle sterben? Geh du zuerst zurück, geh schnell!...

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