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E-Book

Theorien Sozialer Bewegungen

Eine Einführung

AutorHeiko Beyer, Annette Schnabel
VerlagCampus Verlag
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl226 Seiten
ISBN9783593428505
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis17,99 EUR
Soziale Bewegungen haben eine lange Tradition als Agenten des sozialen Wandels. In den vergangenen Jahren haben sie wieder eine besondere öffentliche Sichtbarkeit erlangt, etwa durch den Arabischen Frühling, Occupy Wall Street oder Pegida. Die Sozialwissenschaften beschäftigen sich schon seit ihren Anfangstagen mit der Frage, unter welchen Umständen Soziale Bewegungen entstehen und erfolgreich sind. Dieser Band stellt einen Überblick der Theorien über Soziale Bewegungen zur Verfügung und bietet damit einen konzeptuellen Werkzeugkasten, mit dem sich aktuelle Phänomene erfassen, beschreiben und erklären lassen. Seine theorievergleichende Perspektive ermöglicht, nicht nur Soziale Bewegungen selbst, sondern auch ihre sozialwissenschaftliche Konzeptualisierung im Wandel der Zeit zu beobachten und zu verstehen.

Heiko Beyer, PD Dr., ist Akademischer Oberrat auf Zeit am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Düsseldorf. Annette Schnabel ist Professorin für Soziologie an der Universität Düsseldorf.

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Leseprobe

2.Die Geburt der Bewegungsforschung aus dem Geist des Marxismus


Während die Geschichte Sozialer Bewegungen, in einem engeren Sinn des Konzepts, bis vor das 18. Jahrhundert zurückreicht (Tilly 2004), beginnt ihre theoretische Aufarbeitung erst mit dem Aufkommen der europäischen Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert. Die Arbeiterbewegung ist zwar weder die erste noch die einzige Soziale Bewegung jener Zeit. Initiativen gegen die Abschaffung der Sklaverei in Großbritannien und den USA oder für politische und soziale Rechte von Frauen formierten sich teilweise früher als die Arbeiterbewegung und ihre Organisationsformen fungierten mitunter sogar als Vorbild für letztere (ebd.). Keine dieser Bewegungen erreichte jedoch jenen gesamtgesellschaftlichen Einfluss, der in Karl Marx’ und Friedrich Engels’ berühmtem Satz aus dem Kommunistischen Manifest zum Ausdruck kommt: »Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus.« (Marx/Engels 1972 [1848]: 461)

Bei den ersten sozialwissenschaftlichen Erklärungen für die Entstehung und Durchsetzung Sozialer Bewegungen handelt es sich dementsprechend nicht um allgemeine wissenschaftliche Theorien, sondern um spezifische, politisch motivierte Untersuchungen zu den Erfolgsaussichten der Arbeiterbewegung. Sozialistische, anarchistische und kommunistische Theorien stritten darum, welche Strategien die Arbeiterklasse wählen und welches genaue Ziel sie anstreben sollte. Dieses ideengeschichtliche Konkurrenzverhältnis stellt den historischen Kontext der Schriften von Karl Marx dar, der rückblickend zusammen mit Gustave Le Bon (siehe Kapitel 3) als wichtigster Ideengeber der späteren Bewegungsforschung gelten kann.3 Im Folgenden werden daher die für das Thema relevantesten Schriften Marx’ kurz erläutert sowie drei der wichtigsten ›Multiplikatoren‹ des Marxismus vorgestellt: Wladimir Iljitsch Lenin, der den sowjetmarxistischen Diskurs über seinen Tod hinaus prägte, Georg Lukács, dessen Marx-Interpretation in Geschichte und Klassenbewußtsein einen der wesentlichen Anknüpfungspunkte für den westlichen Marxismus der Frankfurter Schule bildet, sowie das Konzept der kulturellen Hegemonie von Antonio Gramsci, das für die in den 1980er Jahren aufkommende und bis heute andauernde postmarxistische Diskussion bezüglich der Rolle der Zivilgesellschaft in Demokratien eine große Bedeutung besitzt. Beschäftigen wir uns aber zunächst mit den originären Gedanken von Marx.

2.1Karl Marx’ Theorie(n) sozialen Wandels


Die Marx’schen Überlegungen zu Klasse, Arbeiterbewegung und Revolution sind in ein umfassendes Modell sozialen Wandels eingebettet und müssen auch in diesem Zusammenhang nachvollzogen werden. Zunächst ist dabei zwischen Früh- und Spätwerk zu unterscheiden. Im Mittelpunkt des Frühwerks steht vor allem die Entwicklung einer ›materialistischen Geschichtsauffassung‹, die unter kritischer Bezugnahme auf Ludwig Feuerbach die idealistische Dialektik Georg Wilhelm Friedrich Hegels und der Linkshegelianer vom »Kopf […] auf die Füße« zu stellen gedachte, wie Friedrich Engels (1975 [1886]: 293) sich ausdrückte. Im Spätwerk löst sich Marx zunehmend von geschichtsphilosophisch-teleologischen Grundannahmen und formuliert stattdessen eine ›Kritik der politischen Ökonomie‹, in der die Grundparadoxien der kapitalistischen Moderne und daraus resultierende Krisentendenzen entfaltet werden.

2.1.1Das Frühwerk


Das Frühwerk Marx’ kann als eine Suchbewegung hin zur berühmten Erkenntnis des historischen Materialismus, dass es »nicht das Bewußtsein der Menschen [ist], das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt« (Marx 1971 [1859]: 9), gelesen werden. Ludwig Feuerbach hatte in Das Wesen des Christentums zunächst gezeigt, dass es sich bei der Figur Christus’ um eine Projektion menschlicher Eigenschaften auf das Reich der Religion handelt. Nachdem Marx 1843 mit dieser Waffe der Feuerbach’schen Religionskritik noch die Hegel’sche Rechtsphilosophie angegriffen hatte (Marx 1976 [1843]), distanzierte er sich zwei Jahre später mit seinen elf Thesen über Feuerbach (1969 [1845]) von dem einstigen Ideengeber. In der sechsten Feuerbachthese heißt es dazu prägnant: »Feuerbach löst das religiöse Wesen in das menschliche Wesen auf. Aber das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.« (ebd.: 534)

Auf der Suche nach der genaueren Bestimmung dieser gesellschaftlichen Verhältnisse stieß der junge Marx auf die Nationalökonomie. Denn in den 1840er Jahren erkannte er, dass »die Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft in der politischen Ökonomie zu suchen sei« (Marx 1971 [1859]: 8). Eine seiner ersten ökonomischen Schriften bilden die 1844 verfassten und Fragment gebliebenen Ökonomisch-Philosophischen Manuskripte (auch ›Pariser Manuskripte‹; Marx 1968 [1932]). Dort skizzierte Marx seine Überlegungen zu einer Theorie der Geschichte als Geschichte der Arbeit. Der Begriff der Arbeit hat dabei eine allgemeine, anthropologische und ontologische Bedeutung: Er bezeichnet den notwendigen Akt der instrumentellen Naturaneignung durch den Menschen. In diesem Sinne sei Arbeit eine ›Gattungstätigkeit‹: »Das produktive Leben ist […] das Gattungsleben. Es ist das Leben erzeugende Leben. In der Art der Lebenstätigkeit liegt der ganze Charakter einer species, ihr Gattungscharakter, und die freie bewußte Tätigkeit ist der Gattungscharakter des Menschen.« (ebd.: 516)

Arbeit existiere in der auf Privateigentum basierenden modernen Ökonomie jedoch nur in ›entfremdeter‹ Form. Marx unterschied dabei zwischen vier miteinander verknüpften Aspekten: Der Arbeiter sei entfremdet von seinem Produkt, vom Akt der Produktion, von der Gattung und von seinen Mitmenschen (ebd.: 516ff.). Obwohl die Arbeit also prinzipiell den Menschen erst zu dem mache, was er ist – zum ›Gattungswesen‹ – und die verwandelnde Aneignung der Natur der Verwirklichung des Menschen dienen sollte, führe die Arbeit in ihrer historischen Form als kapitalistische Lohnarbeit gerade zum Gegenteil: zur zunehmenden Verelendung des Arbeiters.

Diese ›Verkehrung‹ kann Marx zufolge erst mit der Abschaffung des Privateigentums durch eine kommunistische Bewegung aufgehoben werden. Im Kommunismus werde die Arbeit aus ihrem entfremdeten (»bornierten«; ebd.: 542) Zustand befreit und damit schließlich »Gattungstätigkeit« (ebd.: 557). Die historische Entwicklung wird von Marx als Weg hin zu dieser Befreiung des Menschen aufgefasst. Ihre Voraussetzung ist die vollkommene Entfaltung des Privateigentums, die vollkommene Verkehrung. »Erst auf dem letzten Kulminationspunkt der Entwicklung des Privateigentums tritt dieses sein Geheimnis wieder hervor, nämlich einerseits, daß es das Produkt der entäußerten Arbeit, und zweitens, daß es das Mittel ist, durch welches sich die Arbeit entäußert, die Realisation dieser Entäußerung.« (ebd.: 520) Der Kapitalismus produziere demnach aus sich heraus die Bedingungen seiner eigenen Aufhebung.

In den zwei Jahren nach der Niederschrift der Pariser Manuskripte machte Marx eine fundamentale Wandlung durch, die ihre Gründe unter anderem in dem geschilderten Bruch mit der Feuerbach’schen Philosophie hatte. Dokument dieser Wandlung ist die zusammen mit Engels verfasste Schrift Die Deutsche Ideologie. Hier werden Begriffe wie Gattung und Entfremdung als »spekulativ-idealistisch« (Marx/Engels 1969 [1932]: 37) oder »philosophisch« (ebd.: 82) verspottet und durch eine historisch-materialistische Geschichtsauffassung ersetzt: »Diese Geschichtsauffassung beruht […] darauf, den wirklichen Produktionsprozeß, und zwar von der materiellen Produktion des unmittelbaren Lebens ausgehend, zu entwickeln […].« (ebd.: 37f.) Ausgangspunkt der Analyse ist also ebenfalls die Arbeit (bzw. der Produktionsprozess), aber nicht wie in den Pariser Manuskripten als anthropologische Konstante, sondern als historisch spezifische Tätigkeit. Unter diesen Vorzeichen entwarfen Marx und Engels die Geschichte der Arbeitsteilung, angefangen bei der ursprünglichen Trennung von Stadt und Land am Beginn der Zivilisation bis hin zur...

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