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E-Book

Therapeutisches Arbeiten mit Symbolen

Wege in die innere Bilderwelt

AutorBrigitte Dorst
VerlagKohlhammer Verlag
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl223 Seiten
ISBN9783170252608
FormatPDF/ePUB
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis26,99 EUR
Dieses Arbeitsbuch - basierend auf der Analytischen Psychologie C. G. Jungs - schafft Zugänge zur inneren Welt der Bilder und Symbole und zeigt, wie sie für Prozesse der Heilung und Selbstwerdung aktiviert werden können. Die Autorin gibt eine fundierte Einführung in das tiefenpsychologische Verständnis von Symbolen, ihre Bedeutungsvielfalt und ihre Wirkungen. Das Buch bietet zahlreiche Beispiele und methodische Anleitungen für die therapeutische Arbeit mit Träumen, Märchen, Bildern, Geschichten und Imaginationen sowie Übungen zur vertieften Selbsterfahrung. Ein besonderer Schwerpunkt ist die analytische Arbeit in und mit Gruppen. Die 2. Auflage wurde aktualisiert und erweitert um Themen wie die therapeutische Beziehung, Tier- und Zahlsymbolik und die Schattenproblematik.

Prof. Dr. Brigitte Dorst, Dipl.-Psych., approbierte Psychotherapeutin und Jung=sche Psychoanalytikerin, Professorin für Psychologie, Wissenschaftliche Leiterin der Internationalen Gesellschaft für Tiefenpsychologie, ist in den Bereichen Psychotherapie, Supervision, Beratung und in der Fort- und Weiterbildung tätig.

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Leseprobe

2


Alte und neue Symbole


Gültig ist eine Wahrheit auf die Dauer nur dann,

wenn sie sich wandelt und wiederum Zeugnis ablegt

in neuen Bildern, in neuen Zungen,

als ein neuer Wein, der in neue Schläuche gefasst wird.

C. G. Jung

2.1        Die Universalität von Symbolen


Alles kann für uns Menschen zum Symbol werden, die Welt der Formen: Kreis, Dreieck, Quadrat, Spirale; die Farben; die Elemente: Feuer, Wasser, Luft und Erde; Landschaften: Berge, Wüste, Küste und Meer; Tiere; Zahlensymbole und geheime Zahlenwerte, die Gnosis und Mystik beschäftigt haben; Körperteile und Organe des Menschen und nicht anders die Gegenstände unserer Umwelt.

Alles kann als Tatsache und etwas Reales angesehen werden, oder wir können auf das Geheimnisvolle achten, auf das mit Sinn und Bedeutung Verbundene, das uns immer wieder staunen macht – auf das, was ein Symbol zum Symbol macht. Aus verschiedenen Symbolbereichen sollen exemplarisch einige Symbole näher erläutert werden, um den symbolischen Blick für die therapeutische Arbeit mit Symbolen zu schärfen.

2.2        Symbole in der Alltagssprache


Schon unsere Alltagssprache ist reich an Symbolen, die wir auf selbstverständliche Weise entschlüsseln und verstehen können. Wir sagen z. B.:

•  »Ich zerbreche mir den Kopf darüber, wie das gehen könnte.«

•  »Der Vorschlag hat weder Hand noch Fuß.«

•  »Ich verstehe, wo ihn der Schuh drückt.«

•  »Das Herz rutschte mir dabei vor Angst in die Hose.«

•  »Wenn ich daran denke, koche ich vor Wut.«

•  »Dir ist wohl eine Laus über die Leber gelaufen?«

•  »Geschäftlich pfeift er aus dem letzten Loch.«

•  »Sie ist so verliebt, sie schwebt auf Wolke Sieben.«

Sprachsymbole lassen komplexe seelische Wirklichkeit in ihrer Bedeutungsvielfalt anklingen, wie ich am letzten Beispiel noch einmal verdeutlichen möchte: Wenn wir verliebt sind, fühlen wir uns weit über unsere Alltagswirklichkeit hinausgehoben, das Leben wird leicht, wir schweben durch die Tage. Diese Lebensleichtigkeit wird im Bild des Schwebens auf Wolken symbolisiert und die »Wolke Sieben« ist eine Anspielung auf den Siebten Himmel, das Paradies.

Die poetische Sprache der Gedichte hilft ebenfalls, unter die Oberfläche zu gelangen und sehr komplexe Themen menschlicher Erfahrung und Welt- und Daseinsdeutungen in wirkmächtigen Wortbildern und Sprachsymbolen zu vermitteln. Als Beispiel dafür mag ein Gedicht von Rilke stehen:

Ich lebe meine Leben in wachsenden Ringen,

die sich über die Dinge ziehn.

Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,

aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,

und ich kreise jahrtausendelang;

und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm

oder ein großer Gesang.

(Rilke, 1996, S. 199)

Als Schlüssel zum Verständnis der poetischen Sprache – und Kommentar zugleich – noch ein Wort von Rudolf Hagelstange:

»Die Dimension, in der Dichtung wohnt und sich entfaltet, ist nicht die Waagerechte der Oberfläche, sondern Vertikale des tiefen Himmels, der unendliche Raum der Freiheit« (1988, S. 8).

2.3        Das Labyrinth – ein altes Wegsymbol


Auch für heutige Menschen übt das universale Symbol des Labyrinths eine besondere Faszination aus. An vielen Orten wurden Labyrinthe wieder gebaut; sie laden ein zur Besinnung, werden rituell durchgangen und meditiert.

Das Labyrinth verdeutlicht Menschheitserfahrungen, wie verschlungen Wege und Suchbewegungen sein können und wie doch ein Weg zur Mitte, zum Zentrum, führt. Das Labyrinth ist, von außen betrachtet, ein spiralförmig verlaufender Weg zur Mitte. Durch Umschreiten des gesamten Innenraums gelangt man auf vielen Umwegen zum Zentrum. Es gibt einen ständigen, pendelartigen Wechsel der Bewegungsrichtung, und die Form erscheint zunächst unübersichtlich und geheimnisvoll. In einem Ein-Weg-Labyrinth hat man allerdings keine Irrwege vor sich; es gibt nur den einen Weg, der nach vielen Kehren und Umwegen zum Zentrum führt. Wer ins Labyrinth eintritt, durchläuft einen vorgezeichneten Weg und wird von ihm zur Mitte geführt.

Das universale Symbol des Labyrinths ist seit der Frühzeit in allen Kulturen der Welt zu finden und ist weit verbreitet: im Mittelmeerraum, in asiatischen Ländern, in frühen Felsritzungen in der Sahara; auch in Amerika und in den nordischen Ländern wurden sie entdeckt. In alten vorgeschichtlichen Hochkulturen sind Labyrinthe vom sog. kretischen Typ gefunden worden. Das Christentum hat das Labyrinth früh in seinen Symbolschatz übernommen. Die christliche El-Asuam-Basilika in Algerien hat ein großes Bodenmosaik mit einem Labyrinth aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. In zahlreichen Kirchen und gotischen Kathedralen sind Labyrinthe zu finden. Eines der berühmtesten ist sicher das Labyrinth von Chartres.

Labyrinthe wurden in Felsen gemeißelt oder Ton geritzt, auf Keramik gemalt, als Mosaik in Böden ausgelegt, auf Vasen und Grabstellen abgebildet, auf Münzen gepresst, in Tempeln und Kirchen innen und außen angebracht. In Skandinavien, Russland und Nordamerika wurden sie häufig mit Steinen ausgelegt, in England finden wir noch heute große Labyrinthe in Rasenflächen gestochen. Labyrinthe waren Orte für Einweihungsrituale und jahreszeitliche Feiern. Sie dienten als Schutzmagie an Türschwellen, Eingangstoren und Stadttoren zur Abwehr böser Geister; auch als Tätowierungsmuster sollten sie Schutz bieten. Bei den Frühlingsfeiern wurden sie getanzt, wie z. B. beim Jungfrauentanz in Skandinavien. Bei besonderen Anlässen, wie z. B. Stadtgründungen, wurden Labyrinthe in feierlichen Prozessionen gegangen oder als Reiterspiele aufgeführt. Im Labyrinth der Wallfahrtskirche in Chartres wurden in früheren Zeiten in der Osternachtsliturgie Labyrinth-Tänze der Kleriker zur Feier der Auferstehung aufgeführt. Auch die Pilger konnten das Labyrinth durchschreiten, das mit seinem Durchmesser von zwölf Metern eine Weglänge von 294 Metern aufweist. Der ankommende Pilger konnte sich im Durchschreiten des Labyrinths »konzentrieren«, in der Mitte ankommen, und erst dann sich nach vorne zum Hochaltar ausrichten.

Das Labyrinth symbolisiert eine kosmische Ordnung. Als Labyrinth wurde wohl kulturgeschichtlich ursprünglich der Ort bezeichnet, an dem Riten gefeiert und rituelle Kreistänze getanzt wurden, die die Ordnung und Harmonie des Kosmos, das Kreisen der Gestirne, darstellten. Aus der Fixierung der Tanzlinien entstanden vermutlich die ersten Steinlabyrinthe. Wo der Raum durch Markierungen und Wegbegrenzungen geteilt und geordnet wird, entsteht aus ungeordnetem Chaos Kosmos. So wurde das Labyrinth zum universalen Symbol einer geordneten Welt. Jill Purce beschreibt dies mit den Worten: Das Labyrinth »ist der Kosmos, die Welt, das individuelle Leben, der Tempel, die Stadt, der Mensch, der Schoß – oder die Gedärme – der Mutter Erde, die Gehirnwindungen, das Bewußtsein, das Herz, die Pilgerfahrt, die Reise und der Weg« (1988, S. 29).

Eine der berühmtesten Mythen des Altertums bezieht sich auf das Labyrinth von Kreta. Die Theseus-Sage erzählt, dass die Athener nach einem verlorenen Krieg dem kretischen König Minos tributpflichtig waren und alle neun Jahre sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen nach Kreta schicken mussten. Diese wurden dann in ein Gewölbe unterhalb des Palastes geführt, in ein Labyrinth, in dessen Mitte der sogenannte Minotaurus lebte, ein Wesen, halb Stier, halb Mensch. Dort im Labyrinth fanden dann alle den Tod.

Dem Königssohn Theseus gelang es, durch die Hilfe der kretischen Königstochter Ariadne, die ihm ein besonderes Schwert gegeben hatte, den Minotaurus im Kampf zu besiegen und mit Hilfe eines Fadens, des Ariadnefadens, wieder den Weg aus dem dunklen Labyrinth herauszufinden und so sich und seine Gefährten und Gefährtinnen zu retten. Dieser Mythos erzählt in seiner bildhaften Sprache, wie gefährlich oft der Weg eines Menschen ins eigene Innere ist, dass der Mensch sich dort verirren und ungeheuerlichen Gefahren begegnen kann. Er trifft dort z. B. auf seine eigene Triebnatur – verdeutlicht im Bild des halbmenschlichen Stiers. Und nur mit Hilfe findet er den Weg zurück aus dem labyrinthischen Weg in der dunklen Tiefe.

Das Labyrinth ist ein Ursymbol des Weges. Es führt von außen nach innen, zur Mitte,...

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