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E-Book

Von Tieren und Menschen

Vollständige Ausgabe

AutorCarl Hagenbeck
VerlagJazzybee Verlag
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl199 Seiten
ISBN9783849626853
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis0,99 EUR
Carl Gottfried Wilhelm Heinrich Hagenbeck war ein Tierhändler, Völkerschauausrichter und Zoodirektor. Er revolutionierte und beeinflusste weltweit die Zooarchitektur durch die Erfindung naturalistischer Freigehege. Dies ist seine Autobiographie.

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Leseprobe

VI - Tierfang unter Nordlichtern und Tropengluten


 


 

Ist man geneigt, unserem schmunzelnden Philosophen Wilhelm Busch Glauben zu schenken, so werden Affen auf überzeugende Weise gefangen. Der eifrige Witzblattleser findet auch an anderer Stelle köstlich illustrierte Rezepte, wie man mit Salz, geleimten Stiefeln oder einem geschwind geschlagenen Schwanzknoten sich des grimmigen Leuen oder des munteren Affen bemächtigt. Leider haben meine Tierfänger mit diesen von den Humoristen erprobten Hausmitteln keine befriedigenden Ergebnisse erzielt, und so will ich denn verraten, wie unser schwarzer Geschäftsfreund Abdallah Okutt vom Stamme der Basas mit meinen Fängern zu Werke geht, ohne sich von den Pavianen seine Nase zur »Qualspirale« drehen zu lassen. Dieser alte Straußenfänger meldete sich wie üblich nach Ankunft meiner Expedition in unserer nubischen Station am Gasch am Fuße der Sahaney-Berge.

 

Unterhalb des Felsens glitzert wie Silber das trockene Flußbett des Gasch, der nur während einiger Monate im Jahr, in der Regenzeit, Wasser führt, aber den übrigen Teil des Jahres lediglich eine gewaltige Fläche blendenden Sandes bildet. Hier befanden sich in kurzen Abständen mehrere Wassertümpel, die von den Affen als Tränke benutzt wurden. Den ganzen Tag hörten wir das Streiten und Schnattern der Affen, das sich auch in der Nacht fortsetzte. Ganze Affenfamilien oder auch, wenn man will, ganze Haremswirtschaften knurrten auf dem Felsen, leise grunzend, immer mißtrauisch und auf der Hut vor ihrem ärgsten Feind, dem schleichenden Leoparden.

 

Hütet euch, arme Affen, jetzt naht Meister Abdallah Okutt, der für ein anständiges Bakschisch sofort bereit ist, für uns eine Anzahl der großen braunen Paviane (Cynocephalus doguera) zu fangen. Alles, was er zu diesem Zweck braucht, sind einige Äxte, eine Anzahl Stricke und Hilfe. Sogleich werden sämtliche Wasserlöcher des Gasch mit Dornbüschen verstopft – bis auf eins. Auf diese Weise sind die Paviane gezwungen, die gleiche Tränke mit unseren Tieren zu teilen.

 

Mit der größten Ungeniertheit nahmen die Affen unseren Vorschlag an, gewöhnten sich an unsere Nachbarschaft und hatten ihre Scheu so weit verloren, daß sie bald mit unseren Tieren zugleich nur fünfzig Schritt von uns entfernt ihren Durst löschten. Um die Affen noch sicherer und vertrauter zu machen, wurde in der Nähe des Wasserloches regelmäßig Durra1 gestreut, welches die großen Männchen mit Gier fraßen, wobei sie alle anderen beiseite stießen.

 

Während dieser heuchlerischen Freundlichkeit von unserer Seite wurde die Falle hergerichtet, unter der man sich keinen komplizierten Apparat vorstellen darf, denn sie besteht ganz einfach aus einer aus Baumzweigen geflochtenen Rotunde, die, durchsichtig wie ein Käfig, in ihrem Äußeren dem kegelförmigen Dach einer Eingeborenenhütte gleicht. Der ganze Kegel wird mit dünnen Zweigen und Stricken verflochten, die man aus der Rinde des Baobab2 dreht. Das ganze bildet dann einen soliden Käfig von ziemlichem Gewicht, den unsere Leute an der Tränke aufstellten. Unter die an der einen Seite hochgekanntete Falle wird einfach ein starker Knüppel gestellt. Zunächst geht es aber noch nicht an den eigentlichen Fang, sondern es wird weiter geheuchelt. Jetzt verstreute man die täglichen Durraportionen nicht mehr auf den Sand, sondern legte sie in die Falle. Erst als die Tiere auch hier seelenruhig ihr Futter holten, machte Abdallah Ernst.

 

Im Dunkel der Nacht knüpfte er einen langen Strick an den stützenden Knüppel, und nun kommt die Tragödie. Heiß brennt die Mittagssonne hernieder, als ein Trupp durstiger Paviane schnatternd zur gewohnten Tränke eilt. Einige der stärksten Männchen stürzen sich sofort über das Lockfutter ..., ein Ruck an dem Strick, die Falle schlägt zu Boden, und die Freibeuter sind gefangen. Die Szene, die nun folgt, ist urkomisch, fast dramatisch und spottet jeder Schilderung. Einen Augenblick sitzen die Überrumpelten wie erstarrt. In ihren Augen glüht das Entsetzen, und verzweifelt suchen die Gefangenen, sich wie Kreisel drehend, einen Ausweg. Die Herde draußen, nicht minder überrascht, ist im ersten Schrecken geflohen. Nun kehrt sie zurück und feuert die Gefangenen durch ohrenbetäubendes Grunzen und Schreien an, das Äußerste zu versuchen. Die Kühnsten springen dicht an die Falle heran und führen erregte Zwiegespräche mit den Eingesperrten. Die Jäger lassen es aber natürlich nicht einmal zu einem Versuch einer Selbstbefreiung kommen. Sobald die Falle zugeklappt ist, eilen sie aus ihren Verstecken herbei, und nun beginnt der schwierigste Teil des Geschäfts: das Herausnehmen der über große Körperkräfte und gefährliche Gebisse verfügenden Paviane. Die Jäger haben sich jeder mit einer langen gegabelten Stange, der »Scheba«, versehen. Mit dieser sucht man den Hals des Tieres zu erfassen, und wenn jeder Affe zu Boden gedrückt ist, kann der Käfig aufgehoben und der Gefangene mit starken, aus Dompalmenfasern geflochtenen Stricken gefesselt werden. Sicherheitshalber wird das Maul gut verbunden und der ganze Körper zur Sicherheit nochmals fest in ein Tuch gewickelt, so daß der arme Vierhänder schließlich aussieht wie eine zum Räuchern präparierte Wurst, die unsere Neger, an einer Stange aufgehängt, zu zweit fröhlich zur Station tragen.

 

Die großen Affen haben starke Nerven – kein Wunder, sie rauchen, trinken und arbeiten nicht und leben immer in der Sommerfrische. Nach einer kurzen Erschöpfung erholen sich die Tiere nach einigen Ruhetagen so völlig, daß ihre angeborene Frechheit wieder die Oberhand gewinnt. Wütend springen sie jeden an, der nur von ferne dem Käfig naht. Die großen Männchen, ihrer Paschawürde entkleidet, müssen in Einzelhaft gehalten werden, denn sie sind herrisch und unverträglich. Gibt man ihnen Gesellschaft, so endet die Kameradschaft nach einem erbitterten Kampfe mit dem Tode des Schwächeren. Selbst Weibchen, die man ihnen zur Gesellschaft gibt, gehen ein, da der ungalante Pascha das ganze Futter allein frißt. Dieser Futterneid, der bei Pavianen stark ausgeprägt ist, bildet auch die Ursache, daß meistens die stärksten Männchen gefangen werden. Keinem Untergebenen, allerhöchstens seiner Favoritin, gibt so ein Haremstyrann die Erlaubnis, ihm in die Falle zu folgen und schüchtern einige Brocken aufzulesen.

 

Menges, der viele solcher Affenstationen geleitet hat und dessen Berichte ich hier folge, machte dabei einige interessante Beobachtungen. Ein junges Weibchen, mit einer starken Narbe an der Nase als besonderem Kennzeichen, wurde dreimal gefangen, und jedesmal natürlich in Gesellschaft eines anderen Gebieters. Die Schwarzen begrüßten die Sitt (Frau) schließlich als eine alte Bekannte. Bei der dritten Begegnung verlor Meister Abdallah seine ganze männliche Galanterie, gab der Dame einen Denkzettel mit der Nilpferdpeitsche und entließ sie mit einer ernsten Verwarnung. Ich weiß nicht, ob man aus diesem Vorkommnis auf mangelnde Intelligenz der Paviane schließen kann. Jedenfalls war die junge Dame in Affenkreisen wohl sehr begehrt, denn zweimal wurde die Witwe sofort von einem neuen Pascha zu seiner Geliebten erkoren. Ihm mußte sie folgen, und wer Affen beobachtet hat, der weiß, wie sklavisch unterwürfig die Äffinnen ihrem gestrengen Herrn sind. Ungehorsam wird streng bestraft. Ging der Gebieter in die Falle – so mußte sie ihm folgen.

 

Hat der Pavianfang auch seine komischen Seiten, so ist er für die Fänger keineswegs lustig und auch nicht ohne Gefahr. Ohne in die Enge getrieben zu sein, greift auch das stärkste Pavianmännchen zwar kaum einen Menschen an. Der Umgang mit den frischgefangenen Tieren ist aber voller Gefahr. Ihre mächtigen Zähne messen sich mit denen der Leoparden, und ihre Körperkraft ist ganz gewaltig. Ernste Verwundungen der Fänger sind an der Tagesordnung. Die halbwilden Basas, deren hoffnungsvoller Sproß unser Abdallah ist, kümmern sich indes nicht viel um die Gefahr, spielt doch der Pavian auf ihrer Speisekarte eine große Rolle. In acht Tagen hatte er uns zweiundzwanzig große Männchen eingefangen, die des öfteren von ihren Gefährten besucht wurden. Nach der mittäglichen Tränke zogen ganze Herden von Pavianen nach der Seriba, bestiegen die Palmen und riefen unseren Gefangenen unverständliche Worte zu, die darauf mit Klagetönen antworteten. Zuletzt artete die Unterhaltung in ein ohrenzerreißendes Konzert aus. Eines Tages sprang ein besonders Beherzter über den Dornverhau in das Lager und eilte auf den Käfig zu, in welchem vielleicht sein Bruder, Vater oder Onkel saß. Unsere Eingeborenen jagten den Eindringling aber rasch hinaus, während die »Zuschauer« rings auf den Bäumen ein wütendes Geheul über diese Unhöflichkeit anstimmten.

 

Zuweilen verwandelt sich der Schauplatz des Affenfanges auch in ein Schlachtfeld, besonders wenn es sich um eine Expedition gegen die großen silbergrauen Hamadrias handelt. Diese sind sehr angriffslustig und, da sie in ungeheuren Herden auftreten, auch sehr gefährlich. Ernst Wache, einer meiner jüngeren Reisenden, erzählte von einer Hamadriasschlacht in Abessinien, an welcher annähernd 3000 Affen teilnahmen. Schon die Art, wie diese Tiere den Kampf einleiten, hat etwas Schreckenerregendes. Sie sträuben die Mähne,...

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