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Um Leben und Tod

Wie weit darf man gehen, um das Leben eines Kindes zu retten? - Der Fall Jakob von Metzler - Protokoll eines Verbrechens

AutorBarbara Höhn, Ortwin Ennigkeit
VerlagHeyne
Erscheinungsjahr2011
Seitenanzahl272 Seiten
ISBN9783641039479
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis13,99 EUR
Ein Ermittler trifft die schwerste Entscheidung seines Lebens
Ein Kind ist verschwunden, und der Entführer weigert sich auch nach tagelangen Verhören, den Aufenthaltsort des Jungen zu verraten. Die Ermittler, die um das Leben des Kindes fürchten, drohen ihm schließlich Gewalt an, sollte er nicht endlich das Versteck preisgeben. Sie haben zwischen dem Recht des Opfers auf Leben und dem Recht des Täters auf körperliche Unversehrtheit abgewägt - und entschieden. Doch wie weit darf man gehen, um das Leben eines Kindes zu retten?
Noch nie hat es einen Fall wie diesen gegeben: Nach tagelangen Vernehmungen hatte Kriminalhauptkommissar Ortwin Ennigkeit auf Weisung des Frankfurter Polizeivizepräsidenten Wolfgang Daschner dem Entführer des elfjährigen Jakob von Metzler die »Zufügung von Schmerzen« angedroht, falls er nicht endlich das Versteck des Kindes verrate. Zur tatsächlichen Anwendung von Gewalt kam es nicht, die Drohung genügte. Doch die Hoffnung, den Wettlauf gegen die Zeit zu gewinnen und Jakobs Leben zu retten, erfüllte sich nicht: Magnus Gäfgen hatte den Jungen bereits unmittelbar nach der Entführung getötet. In der Folge entbrannte eine beispiellose rechtspolitische Diskussion über »Folter«: In wahren Leserbrieffluten wurden die Ermittler als Helden gefeiert, während sie sich vor Gericht wegen Verletzung der Menschenwürde verantworten mussten.
Zum ersten Mal erzählt der Ermittler Ortwin Ennigkeit von der schwersten Entscheidung seines Lebens: Was wiegt schwerer? Die Menschenwürde des Tatverdächtigen oder die Menschenwürde des entführten Kindes?


Ortwin Ennigkeit, Jahrgang 1953, ist seit 37 Jahren im Polizeidienst tätig, 10 davon als stellvertretender Kommissariatsleiter im K 12 (zuständig für Raub, Erpressung, Geiselnahme und Entführung) in Frankfurt. Nach seiner Verurteilung wegen Nötigung im Zusammenhang mit der Entführung des Bankiersohnes Jakob von Metzler wurde er mit anderen Aufgaben betraut: 2007 wurde er Leiter eines Kommissariates zur Bekämpfung der Eigentumskriminalität. 2010 wurde er mit dem Aufbau eines Kommissariates 'Operative Kräfte' beauftragt. Ortwin Ennigkeit wohnt in der Nähe von Gießen und hat vier Töchter.

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Leseprobe
(S. 32-33)

Es dämmerte. Es war einer dieser selten schönen Herbsttage gewesen. Sie hatte ihn keinen Moment genießen können, war aber dem Zufall dankbar. Sollte Jakob in einem Versteck im Freien festgehalten werden, würde die Wärme seine Überlebenschancen erhöhen. Sylvia von Metzler hatte sich jede mögliche Information über Entführungen besorgt, und sie wusste nun, dass die Angst, die Jakob ausstehen musste, seinen Körper extrem stressen und seine Abwehrkräfte schwächen würde. Ihr Blick streifte das Telefon. Nichts. Wenn doch endlich der erlösende Anruf kommen würde.

»Hier ist die Polizei, wir haben Jakob gefunden, ihm geht es gut.« Oder wenn wenigstens die Entführer anrufen, ein Lebenszeichen von Jakob geben würden, nur einen Augenblick seine Stimme hören! Nach dem Gespräch mit Hans-Joachim Wölfel wusste sie nicht mehr, wem sie trauen sollte. Es war furchtbar zu denken, dass eine Person, die sie kennen könnte, die vielleicht hier in ihrem Haus zu Gast gewesen war, ihrem Kind so großen Schaden zufügte.

Aus Geldgier. Aus Rache? Wer könnte es sein? Ob sie Jakob zu essen und zu trinken brachten? Ob er die Möglichkeit hatte, eine Toilette zu benutzen, oder musste er seinen Bedürfnissen in einer Kiste unter der Erde nachgehen? Hoffentlich würde die Polizei ihren Jakob bald finden. Die Chance, dieses Trauma ohne enormen psychischen Schaden zu überstehen, wuchs mit der menschenwürdigen Behandlung durch die Täter. Sie hoffte inständig, dass die Entführer dieses Wissen und Verständnis hatten. Hoffentlich gaben sie Jakob genügend Decken für die Nacht.

Der Mensch erfriert so schnell, und der wolkenlose Himmel verhieß eine kalte Nacht. »Nichts wird mehr sein, wie es vorher war«, so hatte Hans-Joachim Wölfel gesagt, »darauf müssen Sie sich vorbereiten! Ihr Sohn wird so voller Angst sein, dass Sie viel miteinander reden müssen und wahrscheinlich professionelle Hilfe benötigen werden.« Friedrich von Metzler nahm seine Frau in die Arme. Die Angst um ihren Sohn hatte in den Stunden des Wartens seine wunderbare und lebensfrohe Frau in einen Schatten ihrer selbst verwandelt. »Vor dem Essen mache ich noch ein paar Schritte mit Herrn Wölfel im Garten«, teilte er mit. »Gut, wir sehen uns dann alle in einer Stunde bei Tisch.«

Ihre Gedanken waren sofort wieder bei ihrem entführten Sohn. An sein ansteckendes Lachen zu denken, zauberte ein Lächeln auf ihr Gesicht. Friedrich von Metzler schrieb mit fester Hand die wenigen Worte für die Entführer: »Wir haben unseren Teil der Forderungen erfüllt, und wir hoffen, dass Sie Jakob gut behandelt haben und ihn morgen so schnell wie möglich nach Hause kommen lassen. Unsere Telefonnummer ist: xxxxxxxx.«

Um 18.00 Uhr fuhren Friedrich von Metzler und sein Begleiter die Strecke zur Geldablagestelle ab und überprüften alles. Der Polizeibeamte war als Fahrer gekleidet, Friedrich von Metzler saß hinten, er war vom Innenlicht beleuchtet und von weitem erkennbar. Die Vorbereitungen zur verdeckten Absicherung des Übergabeortes waren in vollem Gange. Im engeren Bereich wurden nur »schwache Kräfte« eingesetzt, das heißt, wenige besonders geschulte Polizisten, die sich versteckt hielten; im weiteren Umfeld waren zahlreiche Kolleginnen und Kollegen in Zivilkleidung an der Arbeit, teilweise zu Fuß, teilweise in Fahrzeugen.

Um 22.00 Uhr war offizieller Einsatzbeginn, alle Polizisten standen auf ihren Positionen, Hunderte von Reserveeinsatzkräften warteten auf der Wache oder in Fahrzeugen auf den Ausfallstraßen. Wir waren bereit. Jeder erdenkliche Fluchtweg der Geldabholer wurde so observiert, dass diese die Anwesenheit der Polizei nicht bemerken würden.
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