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Unser Kind ist tot

Mütter und Väter erzählen von Verlust, Schmerz und Hoffnung

AutorDona Kujacinski
VerlagBastei Lübbe AG
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl224 Seiten
ISBN9783838758824
Altersgruppe16 – 99
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis13,99 EUR
Ein Kind stirbt. Die Welt der Eltern zerbricht. Nichts wird mehr so sein wie früher. Nie mehr. Wie soll da ein Weiterleben möglich sein? Dona Kujacinski lässt Mütter und Väter zu Wort kommen, die dieses Schicksal ertragen, den Schmerz über den Tod ihres Kindes aushalten müssen. Da ist beispielsweise die 15-jährige Jacqueline, die beim Amoklauf an einer Schule in Winnenden erschossen wurde. Jenny Böken, die als 18-jährige Marine-Kadettin über Bord der 'Gorch Fock' ging und ertrank. Oder der 23 Jahre alte Giuseppe, der in Berlin von einem Auto überfahren wurde, als er vor U-Bahn-Schlägern flüchtete. Die zurückgelassenen Eltern erzählen von ihrer Trauer, ihrer Verzweiflung und Hilflosigkeit, ihrer Wut auf das Schicksal. Aber sie berichten ebenso von der Unterstützung durch die Familie oder Freunde. Und von der leisen Zuversicht, ja der Hoffnung, dass das eigene Leben vielleicht doch wieder lebenswert wird.

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Leseprobe

Markus Matthes


Geboren am 28. Mai 1977 in Berlin, gefallen am 25. Mai 2011 nahe Kundus in Afghanistan

Uns hilft die Liebe zueinander. Ohne ihre Kraft würden wir den Tod unseres Sohnes nicht aushalten.

Silvia und Joachim Matthes, 64 und 74 Jahre alt

Er war ein absolutes Wunschkind und ein Einzelkind. Er war höflich, zuvorkommend, charmant, intelligent und stets hilfsbereit. Und er starb früh oder, um es mit den Worten des englischen Schriftstellers Oscar Wilde zu sagen: »Wen die Götter lieben, den lassen sie jung werden.« Für seine Eltern ist das kein Trost. Markus, ihr Sohn, war ihr Engel, ihr Augenstern. Die Taliban töteten ihn in Afghanistan.

Kurz vor dem Abitur bekommt Markus Matthes die Einberufung zur Bundeswehr und verpflichtet sich, nach bestandener Prüfung dorthin zu gehen. Seinen überraschten Eltern erklärt er diese Entscheidung mit den Worten des ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy: »Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst.« Dreizehn Jahre später ist Hauptmann Markus Matthes tot. Gefallen nahe Kundus in Afghanistan, bei einem Sprengstoffanschlag während einer Patrouille. Eine der Minen, die ihn zerfetzen, detoniert direkt unter seinem Sitz in dem Fuchspanzer, in dem er unterwegs ist. Markus Matthes ist 33 Jahre alt.

An einem Spätnachmittag sitzen seine Eltern Silvia und Joachim Matthes in der Küche ihrer Berliner Altbauwohnung und erinnern sich an ihr Kind. Sprechen über die wunderbaren Zeiten, die sie zusammen hatten, und über ihr leeres Leben nach seinem Tod. Die Mutter: »Mein Mann wollte unbedingt einen Sohn haben, kein Mädchen. Als Markus drei war, ging er in den kirchlichen Kindergarten, anschließend auf die Scharmützelsee-Grundschule, danach besuchte er das Walther-Rathenau-Gymnasium in Grunewald. Als er in die elfte Klasse kam, entschloss er sich nach Amerika zu gehen, um dort ein Jahr lang die Schule zu besuchen. Nach seiner Rückkehr musste er die elfte Klasse wiederholen, weil man hier in Berlin die Ausbildung in den USA nicht anerkannte. Dafür war er ab diesem Zeitpunkt in Englisch perfekt in Wort und Schrift. Als er uns mitteilte, nach dem Abi Berufssoldat werden zu wollen, haben wir ihn wenig begeistert angeschaut.« Trotz der Bedenken und ihrer Angst, Markus würde unterschreiben müssen, dass er gegebenenfalls an Auslandseinsätzen teilnimmt, unterstützen die Eltern seine Entscheidung. Mit dem Auto fährt er am 1. Juli 1998 nach List auf Sylt, da er sich für die Marine entschieden hat. Dass diese Fahrt der Beginn einer großen Karriere bei der Bundeswehr sein wird, daran denkt an diesem Tag keiner der drei. Den Grundstein dafür legt Markus Matthes an dem Tag, an dem er sich entschließt, bei der Bundeswehr zu studieren. Einziger Wermutstropfen: Er kann das nicht bei der Marine tun, weil das die kleinste Einheit ist. Er muss zum Heer wechseln, tut das und wird zu den Panzergrenadieren nach Munster in der Lüneburger Heide versetzt. Danach geht es mit seiner Karriere stetig steil bergauf. Im Panzergrenadierlehrbataillon 92 kommt er zu den Fernspähern, wechselt im Frühjahr 2003 in die Fernspäherlehrkompanie 200 in Pfullendorf bei München. Im Herbst desselben Jahres beginnt er an der Bundeswehrhochschule in München ein Maschinenbaustudium. 2007 kehrt er als Diplom-Ingenieur in Maschinenbau und Waffentechnik zu seiner Kompanie zurück und schließt wenig später auch seine Ausbildung zum Fernspäher ab. Doch dieser Erfolg reicht dem ehrgeizigen jungen Mann noch nicht. Er geht nach Bonn zu einer Spezialeinheit und später in den Stab der Division Spezielle Operationen in Stadtallendorf. Mitte 2010 bekommt er den Einberufungsbefehl nach Afghanistan. Markus Matthes ist zu diesem Zeitpunkt bereits Hauptmann. Am 21. März 2011 kommt er als Auswerteoffizier zu der Division Spezielle Operationen/ISAF nach Kundus und wird in den nächsten Wochen ganz wesentlich dazu beitragen, dass die Truppe über geheime Informationen ihrer Gegner verfügt. Um an diese Informationen zu kommen, trifft er sich bei Patrouillen gelegentlich auch mit afghanischen Informanten.

Die Eltern versuchen, sich ihre Angst um ihren Sohn nicht anmerken zu lassen. Sie wollen ihn nicht beunruhigen und schon gar nicht, dass er sich Sorgen um sie macht. Wenn sie mit ihm telefonieren, machen sie ihm Mut, geben sich burschikos, erzählen ihm von ihrem Leben in Berlin. Dann kommt der 3. Mai 2011. Markus ist mit Soldaten und einem Übersetzer auf Patrouille, als sie Ziel eines Sprengstoffanschlags werden. »Was da genau passiert ist«, erzählt die Mutter, »wissen wir aus Geheimhaltungsgründen nicht ganz genau. Markus hat uns nur kurz angerufen und gesagt, er sei bei einer Patrouille verletzt worden, dass wir uns aber keine Sorgen machen müssten. Er hätte nur eine kleine Verletzung am Kinn, die genäht worden wäre. Später erfuhren wir, dass er danach sofort wieder aus dem Militärkrankenhaus rauswollte, sein Vorgesetzter konnte ihn nur mit Mühe davon abhalten. So war unser Sohn: pflichtbewusst durch und durch und immer für andere da, egal wie gut oder wie schlecht es ihm ging. Ein Kamerad, der mit ihm in Kundus war, hat mir berichtet, Markus hätte nach diesem ersten Anschlag zu ihm gesagt: ›Keiner kann mich hindern, so schnell es geht wieder rauszufahren. Ich bin für meine Männer da, bis zum letzten Tag. Alles andere ist mir egal.‹ Dass es bis zu seinem letzten Tag nicht mehr lange dauern sollte, konnte keiner ahnen.«

25. Mai 2011, 13 Uhr, eine Kurklinik in Oberstaufen. Im Zimmer von Joachim Matthes klingelt sein Handy. Am anderen Ende ist General Peter Braunstein, der dem Vater mitteilt, dass er ihm leider die traurige Mitteilung machen müsse, sein Sohn sei um acht Uhr dreißig deutscher Zeit gefallen. Was Joachim Matthes geantwortet hat, weiß er nicht mehr. Nach dem Telefonat nimmt er sein Handy und geht zu seinen Freunden, die bereits beim Mittagessen sitzen: »Ich war total neben der Spur und erinnere mich nur noch, dass ich geschrien habe, nachdem ich aufgelegt hatte. Und geweint, was ich, Gott sei Dank, bis heute immer mal wieder kann. Na ja, auf jeden Fall bin ich dann raus aus meinem Zimmer und dachte, nimm mal lieber das Handy mit. Vielleicht ruft ja deine Frau an oder die Nachbarin, die sie ins Krankenhaus gebracht hat. Ich selber wollte Silvia nicht anrufen, die am Morgen eine Hüftoperation gehabt hatte. Auf jeden Fall bekam ich irgendwann die Information, ich bräuchte mir keine Sorgen zu machen, wie ich nach Berlin zurückkäme, noch am gleichen Tag würde mich ein Oberstabsfeldwebel abholen und nach Hause begleiten. Danach habe ich meine Koffer gepackt und Bescheid gesagt, dass ich früher abreise.« Das nächste Telefonat führt Joachim Matthes mit seinem Bruder, der verspricht, sofort zu ihm zu kommen, wenn er in Berlin angekommen ist. Danach trifft er sich mit seinem Freund Dieter, mit dem er bis zu seiner Abreise zusammensitzt und redet und weint.

Am Abend fliegt der Vater in Begleitung des Oberstabsfeldwebels zurück nach Berlin. »Als ich gegen 22 Uhr in die Ankunftshalle kam, stand die ganze Generalität herum, und die anderen Fluggäste haben bestimmt gedacht: ›Was ist denn das für ein Heini?‹ Egal. Ich hatte überhaupt keine Nerven mehr, rief nur noch meinen Bruder an, der gleich losfuhr und bei mir blieb, bis mich die Leute von der Bundeswehr am nächsten Morgen um neun Uhr wieder abgeholt und zu meiner Frau ins Krankenhaus gefahren haben, die ja noch von nichts wusste. Mein Bruder ist nicht mitgefahren, und den Herren von der Bundeswehr habe ich gesagt, ich würde Silvia die Nachricht vom Tod unseres Sohnes selbst und allein überbringen.«

Dass seine Frau nichts ahnt, hat sie der Umsicht von Schwester Christiane zu verdanken. Als in den Fernsehnachrichten bekannt gegeben wird, ein dreiunddreißigjähriger Hauptmann sei in Afghanistan gefallen, nimmt sie ihr vorsichtshalber sofort die Kopfhörer weg, was Frau Matthes kaum mitbekommt, sie ist durch die Narkose noch zu benommen. Eine kluge Entscheidung. Silvia Matthes: »Die ganze Station hat Bescheid gewusst, weil bald nach den Nachrichten ein Oberstabsfeldwebel angerufen hat, der mich sprechen und mir sagen wollte, was passiert ist. Das haben die ihm natürlich nicht erlaubt. Am nächsten Morgen hat Schwester Christiane dann meine Zimmernachbarin in ihrem Bett aus dem Zimmer geschoben, unter dem Vorwand, sie müsse zu einer Untersuchung. Davor hat sie mich noch gestreichelt, was mich nicht wunderte, das hat sie häufig getan. Und dann steht auf einmal mein Mann vor mir.« Das Erste, was sie denkt ist: »Warum hat er eine Sonnenbrille auf? Das macht er eigentlich nie. Und warum ist er heute schon zurückgekommen? Eigentlich ist seine Rückreise doch erst für Sonntag geplant.« Sie sagt: »Du musstest doch meinetwegen nicht extra zwei Tage früher zurückfahren. Ich liege hier warm und trocken und mir tut keiner was. Da kam er auf mich zu und sagte: ›Unser Sohn ist tot.‹ In diesem Moment fing ich so an zu schreien, dass die Kranken in den Zimmern rechts und links von mir sicher aus den Betten gefallen sind. Ich habe geschrien wie eine Wahnsinnige. Der Arzt, der schon draußen vor der Tür mit einer Beruhigungsspritze bereitstand, hat hinterher gesagt, das sei gut so gewesen. Das Letzte, was ich sah, bevor das Mittel wirkte, waren der Pfarrer und der Kapitän zur See von der Familienbetreuung der Bundeswehr. Dann war da nichts mehr.«

Als sie wieder halbwegs denken kann, bittet...

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