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Unversöhnbarkeit. Hegels Ästhetik und Lukács' Theorie des Romans. (Aus der Reihe: ESS-KuLtur. Essener Schriften zur Sprach-, Kultur- und Literaturwissenschaft. Band 2)

AutorNiklas Hebing
VerlagUVRR Universitätsverlag Rhein-Ruhr
Erscheinungsjahr2009
Seitenanzahl161 Seiten
ISBN9783940251657
FormatPDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis20,99 EUR

Seit seiner literaturgeschichtlichen Herausbildung im 18. Jahrhundert ist immer wieder versucht worden, den geistigen Ursprung und das signifikante Wesen des modernen bürgerlichen Romans zu bestimmen. Der die frühe Debatte zusammenfassende und fortführende Philosoph G.W.F. Hegel verortet ihn im Ganzen seiner kunstphilosophischen Bestimmungen und untersucht ihn unter Bezug auf historische, politische und gesellschaftliche Verhältnisse. Dieser große Wurf der Romantheorie bleibt über Jahrzehnte hinweg tonangebend für die theoretische Durchdringung der Gattung und wird im frühen 20. Jahrhundert von Georg Lukács durchstrukturiert und ausgebaut. Als erste ausführliche Untersuchung zu diesem Problemhorizont beschäftigt sich Niklas Hebings Buch nicht nur mit Lukács’ produktiver Anbindung an Hegel, sondern unternimmt auch eine ausführliche Auseinandersetzung mit Hegels Ansatz selbst. 

Die Untersuchung wendet zudem die literaturgeschichtsphilosophischen Erkenntnisse beider Denker auf die Analyse konkreter Romanwerke an und macht sie für die Literaturanalyse und -geschichte fruchtbar. Hebing interpretiert Lukács’ Romantheorie als Anverwandlung der Hegelschen Ästhetik, fragt nach der theoriegeschichtlichen Bedeutung, leistet einen notwendigen Beitrag für die Romantheorie insgesamt und diskutiert vor allem die Übereinstimmungen und Differenzen beider Positionen vor dem Hintergrund des Terminus der ‚Unversöhnbarkeit‘, der erst im Durchgang durch das System aller romantheoretischer Explikationen Hegels und Lukács’ tiefgehend verstanden werden kann: Ist die angenommene Möglichkeit einer Versöhnung von Ich und Welt, Individuum und Gesellschaft, Romanheld und Handlungszusammenhang, ästhetischer Form und substantieller Totalität in Wahrheit eine Unmöglichkeit?

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Leseprobe

1. Einleitung: Hegel, Lukács und die kurze Geschichte der Romantheorie (S. 16-17)

‚Unversöhnbarkeit‘ – welche Bedeutungsschichten werden beim Lesen oder Aussprechen dieses Wortes assoziativ freigelegt? Anders gefragt: Welcher reiche Bodenschatz verbirgt sich unter der bescheidenen Oberfläche dieser Laut- und Zeichenfolge? Unversöhnbar sind nicht zu überbrückende Unterschiede, zu keiner Einigung kommende Gegner oder Streitpartner, die tiefe Kluft zwischen einander ausschließenden Positionen sowie die Widersprüche divergenter Prinzipien. Im Resultat sind aufgrund der Unversöhnbarkeit Frieden, Verständigung, Einvernehmen, Übereinkunft, Nivellierung oder Harmonie nicht zu erreichen. In Anbetracht dieser semantischen Assoziationen stellt sich die Frage nach der gemeinsamen Essenz in den angeführten Formulierungen. Was lässt sich allgemein, unabhängig von einzelnen Verwendungsweisen, unter der Unversöhnbarkeit begreifen? Als eine Negation stellt dieser Begriff zunächst klar, dass die Option einer Versöhnung nicht gegeben ist. Doch diese Feststellung verweist auf die Notwendigkeit einer tiefergehenden morphologischen Betrachtung, die zum Wesen des Wortes vordringen kann.

‚Unversöhnbarkeit‘ – dies ist ein Terminus, der als das Werk einer komplexen Wortschöpfung bezeichnet werden kann: Den semantischen Kern bildet dabei das Verb ‚versöhnen‘, das mittelhochdeutsch zurückgehend auf das Substantiv ‚Sühne‘ in der allgemeinen Bedeutung von ‚Beschwichtigung‘ oder ‚Beruhigung‘ den Ausgleich zweier zuvor in Ungleichheit gesetzter Parteien bedeutet. Das angehängte und Potenzialität anzeigende Suffix ‚-bar‘ markiert die hoffnungsvolle Aussicht, dass diese Schlichtung und Vermittlung zumindest möglich ist. Durch ein zweites Suffix wird das singuläre Adjektiv in ein generelles Abstraktum überführt und somit die Semantik zu einem Prinzip erhoben. Doch diesem Abstraktum ist ein negierendes Präfix vorangestellt. Die Möglichkeit einer Versöhnbarkeit ist tatsächlich eine Unmöglichkeit – die Hoffnung bleibt vergebens. Unversöhnbarkeit ist schließlich die Einsicht, zu der eine temporäre, aber letztlich unhaltbare Zuversicht auf Versöhnung gelangen muss. Angesichts des Vorhabens, diese Wortkomposition als Zentralbegriff einer romantheoretischen Untersuchung abzuhandeln, bleibt im Anschluss an diese morphologischen Bemerkungen jedoch offen, in welchem Zusammenhang die Unversöhnbarkeit mit der philosophischen und Daraus ergibt sich auch eine nähere Bestimmung, welche Prinzipien, Seiten oder Entzweiungen hier überhaupt unversöhnt bleiben müssen.

‚Unversöhnbarkeit‘ ist kein Begriff, der im Zentrum der formbezogenen Debatte um eine angemessene theoretische Durchdringung des neuzeitlichen Romans steht. ‚Unversöhnbarkeit‘ ist ein Begriff, der vor allem im Rahmen der vorliegenden Untersuchung – allerdings in Anschluss an eine Reihe von romantheoretischen Ansätzen – geprägt wird. In diesen Theorien selbst spielt der Begriff an sich eine untergeordnete oder sogar keine Rolle; das, was er im Kontext der Untersuchung beschreiben soll, ist darin aber dennoch von zentraler Bedeutung. Wirklich maßgebende Relevanz gewinnt der Begriffsumfang jedoch vor allem in einer ganz bestimmten romantheoretischen Tradition, die als ‚hegelianisch‘ bezeichnet werden kann. Das darin entworfene Verständnis der Gattung unterscheidet sich deutlich von anderen Zugangsweisen. Wenn Goethe noch in den Maximen und Reflexionen schreibt, der Roman sei „eine subjective Epopee, in welcher der Verfasser sich die Erlaubnis ausbittet die Welt nach seiner Weise zu behandeln“, um nachzuschieben, es frage sich dabei nur, „ob er eine Weise habe, das andere [werde] sich schon finden“, kann es im Zusammenhang dieser Position überhaupt keinen unversöhnbaren die Form betreffenden Konflikt an sich geben. Besitzt der Autor nicht nur eine nachvollziehbare Einheit seiner Romandichtung, sondern auch die uneingeschränkte Souveränität über diese Einheit, kommt es lediglich darauf an, ob er die Vielheit in eine Harmonie mit ebendieser bringen kann. Gelingt es ihm, die Teile in ein zweckmäßiges und organisches Ganzes zu überführen, ist er ein vernünftiger und begabter Herrscher über sein selbstgeschaffenes Allgemeines, gelingt es ihm nicht, scheitert er an seinen Aufgaben.

Blick ins Buch
Inhaltsverzeichnis
Inhalt10
Vorwort12
1. Einleitung: Hegel, Lukács und die kurze Geschichte der Romantheorie16
2. Vertiefung: Brüche, Übergänge – Lukács zwischen Kant und Hegel22
2.1. „die Dinge hängen sehr stark zusammen“ – Zur Frühgeschichte einer verkannten Rezeption22
2.2. „echte Ästhetik“ – Die marxistische Perspektive29
3. Darstellung: Hegels Romantheorie – ein Rekonstruktionsversuch40
3.1. „das Ganze einer Welt“ – Bestimmungen des Epos44
3.2. „Die Kunst ist an bestimmte Zeiten gebunden“ – Der systematische Übergang vom Epos zum Roman50
3.3. „bis sich zuletzt der Roman an die eigentliche Stelle des Epos setzt“ – Hegels geschichtsphilosophische Theorie des Romanhaften63
3.4. „das läßt sich nicht mehr singen, das läßt sich nur noch sagen“ – Romantheorien der Zeit zwischen Hegel und Lukács93
4. Gegenüberstellung: Lukács’ Romantheorie in der Theorie des Romans102
4.1. „Kontingente Welt und problematisches Individuum“ – Die Geschichtsphilosophie der epischen Formen102
4.2. „Epopöe der gottverlassenen Welt“ – Die gattungsgeschichtliche Entfaltung des Romans115
5. Vergleich: Versöhnung im Zeichen der Entzweiung? – Konvergenzen und Divergenzen in Lukács’ romantheoretischer Hegel- Rezeption134
Literaturverzeichnis148
a) Quellen148
b) Forschungsliteratur:153

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