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E-Book

Utopie oder Untergang

Ein Wegweiser für die gegenwärtige Krise

AutorBenjamin Kunkel
VerlagSuhrkamp
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl240 Seiten
ISBN9783518738375
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis17,99 EUR
Mit dem Roman »Unentschlossen« machte sich Benjamin Kunkel auch in Deutschland einen Namen. Parallel zu seinem erzählerischen Werk verfasst Kunkel Essays für Magazine wie »n+1« und »The Jacobin«. Dieser Band versammelt seine wichtigsten Aufsätze über Autoren wie Fredric Jameson, David Graeber und Slavoj ?i?ek. Daraus ergibt sich nicht nur ein Panorama linken Denkens: Indem Kunkel das Gelesene mit eigenen Erfahrungen verknüpft, reflektiert er zugleich darüber, was es heißt, in neoliberalen Zeiten erwachsen geworden zu sein. Seine Jugend, so Kunkel, habe er großenteils während des Endes der Geschichte verbracht - das nun selbst an sein Ende zu kommen scheint.

<p>Benjamin Kunkel, geboren 1972, studierte in Harvard und an der Columbia University. Er geh&ouml;rt zu den Gr&uuml;ndungsherausgebern von <em>n+1</em>. In der edition suhrkamp gab er zuletzt die Anthologie <em>Ein Schritt weiter</em> mit heraus.</p>

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Leseprobe

Einleitung


Zur Enttäuschung jener Freunde, die lieber meinen nächsten Roman gelesen hätten – und meiner Agentin, die ihn lieber verkauft hätte –, bin ich offenbar ein marxistischer Intellektueller geworden. Und zu allem Übel beschränkte sich meine Leserschaft bislang auf die der Zeitschriften London Review of Books und n+1, wo mit einer Ausnahme alle in diesem Buch versammelten Essays erstmals erschienen sind; entsprechend bescheiden nahm sich meine selbst gewählte Rolle aus. Die Essays sind kein originärer Beitrag zum marxistischen (oder vielleicht treffender: von Marx inspirierten) Denken. Sie stellen lediglich mit einigen kritischen Anmerkungen gespickte Einführungen in das Denken einer guten Handvoll zeitgenössischer linker Intellektueller dar: dreier Marxisten – eines Geografen, eines Historikers und eines Kulturkritikers –, eines neoklassisch ausgebildeten Ökonomen, der marxistische Fragen aufwirft, eines Anthropologen mit anarchistischen Überzeugungen und zweier Philosophen, die man als Neokommunisten charakterisieren könnte. Diese Denker sind im Übrigen nur eine Auswahl aus den zeitgenössischen Persönlichkeiten, die mich besonders ansprechen und interessieren, und selbst wenn meine Erörterungen ihrer Arbeit einen Beitrag zur Erhellung der wirtschaftlichen und kulturellen Kennzeichen der aktuellen Krise des Kapitalismus leisten mögen, so kann diese Leistung über die offensichtlicheren Schwächen des Buches zweifellos nicht hinwegtäuschen. Die ökologische und politische Dimension der Krise, die sich 2008 urplötzlich in unser Gesichtsfeld drängte, wird in meinen Essays nur gestreift; ganz unter den Tisch fällt, wie ungleich sich diese Krise auf die verschiedenen Länder, Geschlechter, Generationen und Menschen unterschiedlicher Hautfarbe auswirkt.

Und doch ist der Zweck dieses bescheidenen, um Aufklärung bemühten Buches ein ganz und gar unbescheidener. Es möchte Hilfestellung bei der intellektuellen Orientierung geben und damit einen Beitrag dazu leisten, den einzig auf soziale Polarisierung, Aushöhlung der Demokratie und ökologische Zerstörung abzielenden Kapitalismus durch eine neue, bessere Ordnung abzulösen. Eine solche Ordnung wäre auf unser kollektives Überleben und Wohlergehen ausgerichtet und vom staatlichen Besitz wichtiger Wirtschafts- und Finanzinstitutionen, von nicht nur formeller, sondern echter Demokratie und von sozialer Gerechtigkeit geprägt – was, zusammengenommen, eine kulturelle Erneuerung in Aussicht stellen würde, im engeren, ästhetischen, wie im weiteren, anthropologischen, Sinn des Begriffs »Kultur«.

Theorien allein und das Schreiben über Theoretiker bringen uns dem Sieg nicht näher. Auch ist es keineswegs erforderlich, dass sich alle, die sich als Linke betrachten oder zusehends mit ihnen sympathisieren, auf eine einzige Sichtweise des »Spätkapitalismus« (im Sinne seiner jüngsten Ausprägung bzw. seines Niedergangs) verständigen, bevor wir etwas unternehmen können, um ihn zu einem »zu spät Gekommenen« zu machen (über den die Geschichte hinweggegangen ist). Lückenhaftes Verständnis ist das Los aller politischen Akteure. Doch seit mindestens einer Generation herrscht nicht nur in der breiten Öffentlichkeit, sondern auch bei vielen Radikalen Ungewissheit, ob die Linke überhaupt über eine grundlegende Analyse des zeitgenössischen Kapitalismus verfügt – von einem Plan für seine Ablösung ganz zu schweigen. Diese intellektuelle Verwirrung hat unsere Reihen gelichtet und unserer Unorganisiertheit Vorschub geleistet. Im gleichen Zeitraum hat ihre relative ideologische Geschlossenheit unseren neoliberalen Gegnern einen unschätzbaren Vorteil verschafft, wenn es darum ging, für breite Zustimmung zu ihrer Politik oder andernfalls für Resignation zu sorgen. Eine klarere Vorstellung vom derzeitigen System sollte es uns erleichtern, es infrage zu stellen und eines Tages zu überwinden. Meine Hoffnung ist, dass die in diesem schmalen Buch versammelten Essays über andere, zum Teil umfangreiche und komplexe Bücher zu diesem Projekt beitragen werden. Soziale Ungerechtigkeit und wirtschaftliche Unsicherheit – Begriffe, die dem Elend, das sich hinter ihnen verbirgt, in keiner Weise gerecht werden – ließen die Überwindung des Kapitalismus drängend genug erscheinen, selbst wenn das System auf einem tragfähigen ökologischen Fundament beruhte; das aber ist offensichtlich nicht der Fall.

Die politischen Erfolgsaussichten mögen im Augenblick nicht sonderlich rosig sein. Aber die Konstruktionsfehler des globalen Kapitalismus sind mittlerweile so deutlich zutage getreten – auch wenn ihre Ursachen vielen derzeit noch zu rätselhaft, ihre Auswirkungen zu unausweichlich vorkommen –, dass die Chancen besser zu sein scheinen als noch vor ein paar Jahren. Die Krise hat nicht nur die Sorgen größer werden lassen, sondern auch neue Hoffnungen genährt, besonders eindrucksvoll im Jahr 2011, das den Arabischen Frühling, riesige Mengen empörter Demonstranten auf den zentralen Plätzen europäischer Städte und die Occupy-Wall-Street-Proteste brachte. Zum Zeitpunkt, da ich diese Zeilen schreibe, im Sommer 2013, sind geistesverwandte Bewegungen auf den Straßen der Türkei und Brasiliens entstanden. Als Folge meiner eigenen politischen Begeisterung, einer Mischung aus Sorge und Optimismus, habe ich im Lauf der vergangenen Jahre ebenso viel über den globalen Kapitalismus nachgedacht wie über die fiktionalen Figuren, in deren Gesellschaft ich als Romanautor eigentlich erwartet hatte, den Großteil meiner Zeit zu verbringen. Das ist ein Grund für die Existenz dieses Buches.

»Dann bist du jetzt also ein autodidaktischer politischer Ökonom?«, wurde ich kürzlich von einem Bekannten gefragt. Ich bin alles andere als ein Ökonom, und doch weist die Frage in die richtige Richtung. 2005, mit der Veröffentlichung meines ersten Romans, war ich von heute auf morgen plötzlich ein »erfolgreicher« junger Schriftsteller, inklusive begeisterter Rezensionen, eines kurzen Gastspiels auf den Bestsellerlisten, Übersetzungen in ein Dutzend Sprachen und eines großzügigen Angebots von einem Hollywood-Produzenten. Diese hochwillkommenen Entwicklungen fielen mit der schwersten depressiven Phase meines Erwachsenenlebens zusammen. Was ihr Auslöser war, kann ich nicht sagen, aber ich weiß noch, dass mir damals eine Gedichtzeile von Philip Larkin in den Sinn kam, die das plötzliche Ankommen »am trostlosen Gipfel der Erfüllung« beschreibt.

Warum hätte ich Trostlosigkeit empfinden sollen? Hatte ich mir nicht immer gewünscht, Romane zu schreiben? Jetzt hatte ich die besten Voraussetzungen, genau das weiterhin zu tun. Zum Teil lag es wahrscheinlich daran, dass mit unserer eigenen Erfüllung nicht die unserer Mitmenschen einhergeht, was auch die eigene stark einschränkt. Zum anderen spielte sicherlich eine Rolle, dass selbst die von mir in jüngeren Jahren besonders verehrten sogenannten »systems novelists« das wichtigste System, das ökonomische, eher andeuteten, als dass sie es beschrieben oder erklärt hätten: Ein Charakteristikum ihrer Bücher, das mich im Lauf der Zeit immer ratloser und enttäuschter zurückließ – ohne dass ich gewusst hätte, wie ich es in meinen eigenen anders machen könnte. Für den Augenblick mag es genügen, wenn ich gestehe, dass ich es vorziehen würde, in einer erfüllenderen Gesellschaft oder Zivilisation als einer selbstzerstörerisch kapitalistischen zu leben (in der zufälligerweise Selbstmord mittlerweile eine der häufigsten Todesursachen bei Männern mittleren Alters aus dem reichsten Land der Welt ist), und dass diese Essays für mich unter anderem eine Möglichkeit waren, das zum Ausdruck zu bringen. Wenn ich sie in der Hoffnung, ein Scherflein zum linken Projekt beizutragen, hier in Buchform veröffentliche, so vermutlich aus dem Wunsch heraus, jenseits der Kunst eine Art künstlerische Befriedigung darin zu finden, eine Sorge zu äußern, die so tief ist, dass man ihren Ursprung nicht benennen kann.

 

Dass ein Autor mit einem literarischen Hintergrund Essays wie diese schreibt, hat aber auch noch andere Gründe. Erstens: Im gleichen Maße, in dem meine Überzeugung gewachsen ist, dass Laien etwas so Komplexes wie den Kapitalismus verstehen können, ist mein Respekt für die orthodoxe Sichtweise dahingeschmolzen. So etwas wie ein Linker bin ich, seitdem ich erwachsen bin, ich hatte aber nicht immer den Mut, offen für meine Überzeugungen einzustehen. Jahrelang ließ ich mich von der enormen, beiläufigen Autorität einschüchtern, mit der der journalistische Mainstream, professionelle Ökonomen und wohlhabende männliche Verwandte die unübertrefflichen Vorzüge des Kapitalismus priesen – ein individuelles Problem, das mir nicht der Erwähnung wert erschiene, wenn ich nicht den Verdacht hätte, dass ich mit meiner Ängstlichkeit alles andere als allein stand. Die neunziger Jahre waren nicht gerade das ideale Jahrzehnt, um den Sozialisten in sich zu entdecken.

Bereits im ungeschickt gewählten Jahr 1993 – die Sowjetunion war soeben aufgelöst worden, und ob des Sieges des liberalen Kapitalismus wurde allenthalben das Ende der Geschichte ausgerufen – verkündete ich meinen Eltern, als sie mich nach meinem ersten Jahr auf dem College besuchen kamen, ich sei ein Sozialist. Ein demokratischer Sozialist, fügte ich hinzu, von dem sie keine Einweisung in ein Umerziehungslager zu befürchten hätten. Die Nachricht wurde mit konsternierter Nachsicht aufgenommen. Meine Mutter wollte schon immer, dass ich glücklich bin (und wenn ich dazu ein Sozialist werden musste: bitte), und mein Vater bat mich lediglich, das Wort...

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