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E-Book

VALSE MUSETTE

ROUEN en miniature

AutorGabriele Berthel
VerlagEDITION digital
Erscheinungsjahr2018
Seitenanzahl140 Seiten
ISBN9783956559358
FormatePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis10,99 EUR
In der Kunstszene von Schwerin waren ihre Namen so bekannt wie das Staatstheater, das Museum oder das Schloss dieser Stadt - Helga Kaffke, Malerin, Gabriele Berthel, Autorin. Das war in der letzten Hälfte des gewesenen Jahrhunderts. In den Kulturnachrichten der jetzigen Landeshauptstadt spielen ihre Namen keine Rolle. - Beide Künstlerinnen leben seit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr in Deutschland. Sie suchten ihren Lebensmittelpunkt zunächst in Frankreich und fanden ihn seit der Jahrtausendwende an der nordwestlichen Küste von Irland, in Mayo. Dort wurden sie sesshaft, heirateten, arbeiteten. Die Malerin Helga Kaffke ist im Winter 2017 gestorben. Ein Jahr vor ihrem Tod entstand das vorliegende Buch 'ROUEN en miniature', Aquarelle Helga Kaffke, Texte Gabriele Berthel. Erinnerungen der Künstlerinnen an ihre Zeit in der Wahlheimat Frankreich. - Helga Kaffke beweist mit den Altstadtbildern wieder einmal ihre große Meisterschaft im Aquarell. Mit Stoffstühlchen und Malblock, mit Farbkasten und Wasserglas sitzt sie in der Rue des bons entfants und malt - Balkone mit Begonien, Häuserfassaden, schwarze Vögel im durchsonnten Laub, eine alte Turmuhr. Altstadtmilieu. Wir können es hören und riechen. - Die wunderbaren Geschichten von Gabriele Berthel begleiten ihre Bilder. Sie erzählen vom Clochard, der durchs Motiv schlappt und als Farbklecks unsterblich wird. Oder von Wassili Wassiljewitsch, dem letzten sibirischen Tiger aus Pappmaché auf dem Podest des Kinderkarussells, der dem zärtlichen Musettewalzer entflieht, weil ihn die Taigasehnsucht packt ... Je vous demande beaucoup - versäumen Sie es nicht, mit den beiden Künstlerinnen durch die französische Altstadt zu wandeln!

Helga Kaffke Geboren 1934 in Leipzig. Fotolithografin. Studium und Diplom an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Malerin, Grafikerin. Seit 1959 freiberuflich tätig, zunächst in Leipzig, später in Schwerin. Studienreisen nach Bulgarien, Frankreich, Irland, Polen, Rumänien, Ungarn. Publikationen: 'Atelierbesuch bei Helga Kaffke' (1987, Aquarelle, Pastelle), 'Wer kämmt das Haar in der Suppe?' (2004, Illustrationen zu Texten von Gabriele Berthel), 'Leben, was sonst' (2010, Porträts mit Texten von Gabriele Berthel), 'VALSE MUSETTE. ROUEN en miniature' (2016, Aquarellminiaturen, mit Texten von Gabriele Berthel). 'WALKING TALKING. Unterwegs in Irlands wildem Westen' (2018, Aquarelle, mit Texten von Gabriele Berthel). 'WALKING TALKING. On the road in Ireland's wild west ' (2018, Aquarelle, mit Texten von Gabriele Berthel). Einzelausstellungen u.a. in Achim, Annaberg, Chemnitz, Clemenswerth, Eupen/Belgien, Flensburg, Geringswalde, Leipzig, Magdeburg, Parchim, Rostock, Schwerin, Sögel, Westport (Co. Mayo, Irland) sowie in verschiedenen Städten Frankreichs (Rouen, Yport, Sassetot le Mauconduit). Ausstellungsbeteiligungen u.a. in Berlin, Bremen, Dresden, Erfurt, Kiel, sowie in Frankreich, Irland, Italien, Polen, Russland, Schweden und der Schweiz. Lebte und arbeitete bis zu ihrem Tode Ende 2017 an der irischen Westküste. Gabriele Berthel Geboren 1948 in Schmölln. Werkzeugmacher. Studium an der Technischen Hochschule Karl-Marx-Stadt (Chemnitz). Diplomingenieur für Werkzeugmaschinenkonstruktion. Literaturfernstudium. Schriftstellerin, Collagistin. Bücher: 'Kurz und mündig" (Hrsg. 1989), 'Auszug der Wahrheit' (Lyrik, Prosa, Collagen, 1991), 'Die Teufelei geht weiter' (Collagen zu Aphorismen von K. Bernardt, 1992), 'Wer kämmt das Haar in der Suppe?' (2004, mit Illustrationen von Helga Kaffke), 'Leben, was sonst' (2010, Texte zu Porträts von Helga Kaffke), 'VALSE MUSETTE. ROUEN en miniature' (2016, Texte zu Aquarellminiaturen von Helga Kaffke). 'WALKING TALKING. Unterwegs in Irlands wildem Westen' (2018, Texte zu Aquarellen von Helga Kaffke). 'WALKING TALKING. On the road in Ireland's wild west ' (2018, Texte zu Aquarellen von Helga Kaffke). Lebt und arbeitet heute an der irischen Westküste.

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Leseprobe
VALSE MUSETTE Die Fliehkraft ist es, die ihn forttreibt: er hat es lange geahnt, er hätte es keinem erklären können, aber jetzt weiß er Bescheid. Ein geduldiger Vater hat es seinem Sohn erklärt, am Rand des Karussells, und er, Wassil Wassiljewitsch, der Unvergleichliche, der womöglich letzte sibirische Tiger aus Pappmaché, hat genau zugehört: wenn die Fliehkraft zu groß wird, sprengt sie den Kreis, und was sich darin befindet, verlässt den vorgegebenen Zirkel, das ist ein Naturgesetz. Ihn trifft also keine Schuld. Er muss es tun, und vor allem gleich, es ist die beste, und es ist, für heute, die letzte Gelegenheit. Noch trinkt Jean-Robert, der Besitzer des Fahrgeschäftes, seinen täglichen Vormittagskaffee, er sitzt mit dem Rücken zum Bistrofenster, und sein Pferdeschwanz wippt im Fensterglas, Wassil Wassiljewitsch kann das genau beobachten. Bevor Jean-Robert ins Bistro ging, hat er die rot-weiß gestreifte Plastikplane vom Karussell entfernt, damit seine Tiere aufwachen, damit sie sich ans Tageslicht gewöhnen. Tagsüber wohnt Jean-Robert in einem winzigen Schilderhäuschen, keine zwei Meter entfernt von seiner Reitschule, und rot-weiß gestreift auch das, wie die Plane, wie der Karussellsockel, wie das Karusselldach unterm goldenen Kränchen, Jean-Robert im Schilderhaus hat seine Lieben immer im Blick, und die Lieben, die auf seinen Lieben reiten, im Kreis zu zärtlichen Musettewalzern. Bis den Vätern, den Müttern das Geld ausgeht oder die Geduld oder sie müde werden, bis sie ihre Kinder aus den Sattelträumen heben, bevor der nächste Walzer beginnt. Vorzeiten hat Wassil Wassiljewitsch diese Musik geliebt, aber das ist lange her. Immer und immer im Kreis, mit so viel Kraft unterm Fell, das kann einen Tiger zum wilden Tier machen, im Kreis mit all der Sehnsucht nach Weite, nach sibirischen Wäldern, Taigasehnsucht, im Kreis, im Kreis, bis der Walzer, am Abend, ein letztes Mal aufschluchzt, bis er schlappmacht und sich feige zurückzieht, tief in den Lautsprecher kriecht, diesen lächerlichen Kasten aus Drähten und Blech, wohin er, Wassil Wassiljewitsch, einem Feind niemals folgen würde. Noch schweigt die Musik, aber er muss jetzt abspringen, endlich, denn gleich wird Jean-Robert im Bistro den unwiderruflich letzten Schluck seines Kaffees trinken, er wird aufstehen, und dann muss er, Wassil, die sieben Meter geschafft haben, ganz ohne Deckung bis hinüber zum Laden des blassen Chemisetteverkäufers, der früher so oft vor seine Tür trat, der seinen Hemden immer ähnlicher wurde, die noch jetzt auf einem Chromständer in der Sonne bleichen, Hemden mit zarten Karos oder Streifen oder einfach von einem verschossenen Grün. Der Tiger ist los, der Tiger ist los, könnte der Verkäufer in diesem Augenblick rufen, aber er zeigt sich nicht, wie schon in den letzten Tagen, und Wassil Wassiljewitsch hat es geschafft, er hat sich wirklich auf den Weg gemacht, er will wissen, wie es in den Straßen jenseits des Marktplatzes aussieht, Straßen, die sonstwohin führen und aus denen Menschen kommen zu einem Karussell, das sich im Kreis dreht. Das liegt jetzt hinter ihm, und er sieht sich nicht um. Heller Tag ist, die Stunde der leichtfüßigen Demoiselles, die grazil übers Kopfsteinpflaster schweben, grüne Hüte und rotes Haar, nichts sonst, und es ist die Stunde der verhuschten grauen Gestalten, die keine Spur hinterlassen im Tag, für niemanden, grüne Demoiselles oder fremde Seligkeiten, oder eine verirrte Hoffnung, die Anschluss sucht, zäh wie die verblichenen Hemden des Chemisetteverkäufers, die ihren Platz in der Sonne nicht verlassen können. Lange schon hat der Herr der Hemden nicht mehr vor seinem Geschäft gestanden, die Straße hinauf, die Straße hinabblickend, vielleicht ist er ja tot, und es ist nur noch keiner gekommen, seinen Besitz in den Schatten zu tragen, den Laden zu schließen. Wassil, den Tiger, berührt das nicht, die Hemden machen keine Musik, spielen keine Walzer, sie können ihn nicht aufhalten, gelassen passiert er die schüchternen Winkversuche ihrer zartgestreiften Manschetten. Wie das fremdvertraute Wesen vor ihm, das rätselhafte, Bronzegesicht überm olivgrünen Kaftan, der ungebändigt sanft übers Pflaster schwingt, Pflaster aus Katzenköpfen, ein Geschöpf aus einem vergangenen Märchen, das vielleicht nur nicht stehenblieb, als jenes zu Ende ging, einfach weiterlief in dem jetzigen, in dem auch Wassil Wassiljewitsch unterwegs ist, fortzukommen hofft, beide übers Pflaster im Katzenschritt, das Bronzegeschöpf unbeirrt auf ein Ziel zu, das der Tiger nicht kennt, das schön sein muss. Grell stürzt das Licht der Welt übers Dach der Markthalle auf den Platz, so grell, dass die Menschen ganz fahl aussehen, wenn sie aus schattigen Läden auf die flirrende Straße treten, fahl wie die Hemden des verblichenen Chemisetteverkäufers, wie Wassil, der Entsprungene, in der Erinnerung der Mittagssonne, dessen Fell nur am Abend aufflammt, nur am Abend und nur selten: wie die Hoffnung, dieses wilde Tier aus Pappmaché, Hoffnung, die Karussell fährt. Und weiter unter klappernden Wasserspeiern, finstere Drachenköpfe ans Haus gefesselt bis ans Ende ihrer Tage, vorbei, vorbei, auch am Haus des Graveurs mit dem grandiosen Balkon, stummes Eisen zu musikalischen Schwüngen gebogen, vorbei, keine barmherzige Fee tritt an die prächtige Brüstung, um den Tiger willkommen zu heißen, hier, wo er vollkommen fremd, wo er vollkommen frei ist. Vollkommen frei. Dreihundert Meter noch bis zu den drei Polizeiwagen am Straßenrand, der Wachkette in Uniform, bis dorthin also, nicht weiter, wird sein Glück reichen, sie werden ihn stellen, im Kreis wird sein künftiges Leben verlaufen, im Kreis zu zärtlichen Musettewalzern, mit der verblichenen Hoffnung unterm Fell, diesem Zittern, das er so teuer wie möglich verkaufen will, aber er weiß es, es sind zu viele, sie werden ihn fangen. Unabwendbar, ohne Vorwarnung, treffen ihn die Gesänge. Ein Schmerz, der ihn anspringt und verwirrt, der sich langsam, ganz langsam wandelt zu einem pulsierenden Pochen, Hämmern, Klopfen, etwas, das ihm in den Hals steigt, das er nicht benennen kann. Wassil Wassiljewitsch weiß nicht, dass er dem Schlag seines eigenen Herzens zuhört, das soeben aufgewacht ist, geweckt von den Chorälen, die aus den Fenstern der Synagoge dringen, tief und klagend, aber nicht verloren, die Hoffnung selber klingt vielleicht so, wenn sie, bevor es endgültig zu spät ist, noch einmal ein Lied findet. Ganz still steht er, der Verzauberte, kein einziges seiner Schnurrbarthaare zittert, wenn er Atem holt, in diesem Moment, dem Moment des Tigers, in dem er ganz deutlich spürt, dass er am Leben ist, lebendig und ausgeliefert an eine Schönheit jenseits der Musettewalzer, eine Schönheit von Gesängen, die er niemals vergessen wird. Vergessen, für den Augenblick, sind nur die Uniformen am Straßenrand, die Polizisten, auch wenn sie noch da sind, aber nicht bestellt, ihn zu fangen, es ist nichts, nur Sabbat, und die Synagoge arbeitet, und die Polizisten arbeiten, weil die Synagoge arbeitet, weil Sabbat ist, auch sie können, was man ihnen nicht ansieht, den Gesang hören, die Polizisten, die nicht bestellt sind, den Tiger zu fangen, alles ist, wie es sein soll, alles ist gut. Bis auf die schlechten Nachrichten vielleicht, die immer öfter, und auch aus anderen Städten kommen, in denen Synagogen stehen, aber was bedeuten schlechte Nachrichten, solange es gute Polizisten gibt, und überhaupt sind Nachrichten womöglich nicht viel mehr als Gerüchte, und was ist schon ein Gerücht: ein verlorenes Bonbonpapier, ein kurzes Rascheln in der Kehrmaschine. Eventuell gerade in der, die jetzt um die Ecke biegt am Rand des Trottoirs, für Minuten ist nichts zu hören als das ruppige Kehrgeräusch, und es lässt, als es sich entfernt, auch nichts zurück, keine Papierschnipsel im Rinnstein, nicht einmal einen ausgespuckten Kaugummi, aber auch das Wunder der fremden Gesänge haben die rotierenden Bürsten, scheint es, mitgenommen, die Fenster der Synagoge schweigen, und schweigend steigen die Polizisten in ihre unauffälligen Wagen, die ohne Signal davonfahren. Nur Wassil Wassiljewitsch steht noch und träumt, die allerletzte Strophe des letzten Chorals, er kann sie nicht zusammenbekommen, es hat keinen Sinn, sich länger in Geduld zu fassen, das Wunder wird sich nicht wiederholen, nicht sofort, er wird gehen müssen, heimkehren zu Jean-Robert, zu seinen Freunden, die auf ihn warten. Es ist Sabbat, und die Welt ist, wie sie ist, leichtfüßig läuft die Straße unter Wassil dahin, kaum dass er sie berührt, der Chor in der Synagoge hält nicht mehr Wacht, die Polizisten haben ausgesungen, Bonbonpapiere schwirren und grüne Hüte in der Luft, feurige Demoiselles und ein olivfarbener Kaftan, und finstere Drachenköpfe aus löchrigem Zinn bedeuten den Polizisten, nach Hause zu gehen. Und die Polizisten tun es, und Wassil tut es - der Tiger ist wieder an seinem Platz, und er wird es bleiben, anmutig dreht er sich im Kreis zu den betörenden Klängen des letzten Walzers, so ist das Leben, die Welt ist, wo sie ist, sie vergisst nichts, aber trägt alles, jedenfalls solange sie kann, schlechte Nachrichten und Gerüchte und Kehrmaschinen, die verblassten Hemden des Chemisetteverkäufers, alle verblichenen Hoffnungen, jedes noch so verschossene Grün, und erst recht trägt sie, es ist ja nicht schwer, das winzige Karussell mit dem verlorenen Sohn, Sabbat ist, und alles ist gut, er ist heimgekehrt, der Papiertiger mit der Taigasehnsucht, aber er wird sich erinnern, lange noch, an die fremden Straßen, das Katzenkopfpflaster, die schmiedeeisernen Schwünge im Balkongitter am Haus des Graveurs, und das Beste gehört ihm ohnedies für immer: er hat sie nicht wirklich verlassen, die klagenden, hoffnungsvoll gesungenen, ohne Hoffnung bewachten Choräle, sehr deutlich, als stünde er noch unter den Fenstern der Synagoge, kann er jede einzelne Strophe hören, nur die letzte nicht, und darunter als Rhythmus seinen Herzschlag - leise natürlich, denn sein Herz ist ja aus Pappmaché.
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