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Verhaltenssucht

Diagnostik, Therapie, Forschung

AutorCarolin Nastasja Thalemann, Sabine M. Grüsser
VerlagHogrefe AG
Erscheinungsjahr2006
Seitenanzahl293 Seiten
ISBN9783456942506
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis26,99 EUR
Das Buch eignet sich gleichermaßen als Nachschlagewerk für den praktizierenden Arzt und Psychotherapeuten, als auch für interessierte Leser als Einstiegsliteratur.

Kauf-, Sex-, Spiel-, Arbeits-, Sport- und Computersucht sind Formen der «Verhaltenssucht», von denen weltweit Millionen Menschen betroffen sind. Im vorliegenden Buch werden die Entstehung und das Erscheinungsbild der verschiedenen Süchte wissenschaftlich fundiert, aber auch für interessierte Laien verständlich dargestellt. Neben den aktuellen Forschungsergebnissen zu Phänomenologie, Ätiologie, Epidemiologie und Komorbiditäten wird jede Verhaltenssucht anhand eines Fallbeispiels illustriert und die Diagnosestellung erläutert.

Anschließend werden die neuesten Erkenntnisse aus den verschiedenen Disziplinen der Psychologie, Psychiatrie und Neurobiologie zu dieser Thematik komprimiert wiedergegeben. Weitere Fragestellungen aus den angrenzenden Fachgebieten werden anhand von Exkursen erläutert.

In einem gesonderten Therapiekapitel gehen die Autoren auf die aktuellen Möglichkeiten einer therapeutischen Intervention ein und diskutieren die Behandlung in Anlehnung an gängige Suchttherapiekonzepte. Zahlreiche Abbildungen und Tabellen gestalten das Buch anschaulich. Das Werk füllt damit eine bislang bestehende Lücke in der aktuellen Suchtliteratur. Mehr Informationen zur Forschungsgruppe finden Sie unter http://verhaltenssucht.de  

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Kapitelübersicht
  1. Inhaltsverzeichnis und Vorwort
  2. 1. Einleitung
  3. 2. Erklärungsansätze der Entstehung und Aufrechterhaltung von Abhängigkeit
  4. 3. Erklärungsansatz für die Entstehung und Aufrechterhaltung von Verhaltenssucht
  5. 4. Kaufsucht
  6. 5. Sportsucht
  7. 6. Glücksspielsucht
  8. 7. Arbeitssucht
  9. 8. Computersucht
  10. 9. Sexsucht
  11. 10. Diagnostik
  12. 11. Therapie
  13. Ausblick und Autorenregister
Leseprobe
9. Sexsucht (S. 189-190)

9.1 Einleitung und Definition

Das menschliche Sexualverhalten ist einer der intimsten Bereiche des Lebens, in welchem sich jedes Individuum durch bestimmte Präferenzen und Fantasien auszeichnet, die äußerst unterschiedliche Formen annehmen können. Eine offen gelebte und befriedigende Sexualität stellt einen bedeutenden Faktor im seelischen und körperlichen Wohlbefinden eines jeden Individuums dar. Im 19. Jahrhundert wurde jede Frau, die außerehelichen Geschlechtsverkehr hatte oder masturbierte, der Nymphomanie bezichtigt. Obwohl sich seit damals die Moralvorstellungen wesentlich verändert haben, werden auch heute noch Mädchen und Frauen, die vorehelich sexuell aktiv sind, mitunter als Nymphomaninnen, Schlampen und Huren bezeichnet oder mit anderen diskriminierenden Ausdrücken bedacht. Die Tatsache, dass einem Mann mehr Verständnis für das Sammeln von (zahlreichen) Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht und somit von vorehelichen (und auch außerehelichen) sexuellen Kontakten entgegengebracht wird, ist nach wie vor in vielen Kulturen verbreitet.

Wie bei nahezu allen Verhaltensweisen kommt es jedoch auch im Bereich der Sexualität zu behandlungswürdigen Abweichungen vom «normalen» Verhalten. So wird z. B. in populären Medien häufig über das ausschweifende Liebesleben von Prominenten berichtet, und des Öfteren fällt in diesem Zusammenhang der Begriff Sexsucht. Dabei wird außer Acht gelassen, dass eine offen gelebte Sexualität nicht mit dem behandlungsbedürftigen Krankheitsbild des «exzessiven sexuellen Verhaltens» bzw. einer Sexsucht gleichzusetzen ist. Letzteres ruft mit seinem schädigenden Potenzial bei den Betroffenen großes Leiden hervor. Der krankhafte Zustand der «Hypersexualität» ist bislang wissenschaftlich kaum erforscht und wird auch häufig nicht als behandlungsbedürftige Störung anerkannt. Exzessives, übermäßiges sexuelles Verlangen und Verhalten ist jedoch kein neues klinisches Phänomen. So wird in der Literatur bereits 1886 sexsüchtiges Verhalten bei Krafft-Ebing und Moll (1896) mit dem Begriff «sexuelle Hyperästhesie» beschrieben. Exzessive sexuelle Fixierung und Verhaltensweisen wurden früher oft als Symptome mannigfacher psychiatrischer Störungen verstanden. Der Begriff Sexsucht wurde in den 1930er-Jahren in den USA im Zuge einer sich verändernden Sichtweise, Süchte (insbesondere den Alkoholismus) als Krankheit zu betrachten, geprägt.

Bislang gibt es für exzessives sexuelles Verhalten, dass bei dem Betroffenen ein Leiden hervorruft, keine einheitliche Definition. In der Vergangenheit wurde ein derartiges Verhalten sowohl den Monomanien (Bloch, 1907), den Perversionen (von Gebsattel, 1954) als auch den Tätigkeitssüchten (Gabriel, 1962) zugeordnet. Die bislang andauernde Zuordnungsproblematik und die damit verbundene unklare Therapieindikation wird auch in neueren Veröffentlichungen thematisiert (Lehmann, Rosemeier, & Grüsser, 2004; Mäulen & Irons, 1998). So besteht innerhalb der wissenschaftlichen Forschung kein Konsens bezüglich einer einheitlichen adäquaten Bezeichnung des Störungsbildes. Symptombeschreibungen erscheinen unter «sexueller Sucht» (Carnes, 1992; Lehmann et al., 2004; Roth, 1992, 2000), «sexueller Kompulsivität» bzw. «Störungen der Impulskontrolle» (Barth & Kinder, 1987; Coleman, 1991; Raymond, Coleman, & Miner, 2003), «exzessivem sexuellen Verhalten» (Kafka, 1997) und «zwanghafter sexueller Betätigung» (Kuiper, 1973). Die Einordnung von gesteigertem sexuellen Verhalten ist oft schwierig, da gerade bei der Bewertung von Sexualität individuelle und gesellschaftliche Maßstäbe eine große Rolle spielen. Moralische Argumente gegen das Konstrukt Sexsucht zielen auf die Möglichkeit ab, dass Personen ihre exzessive sexuelle Aktivität als Sucht erklären und somit keine Verantwortung für ihr Verhalten tragen müssen.

Die Anonymen Alkoholiker (www.sexaa.org) haben einen Aphorismus geprägt: «The alcoholic is not responsible for his disease, but he is responsible for his recovery.» (Der Alkoholiker ist nicht für seine Krankheit verantwortlich, gleichwohl trägt er die Verantwortung für seine Heilung). Demnach können Sexsüchtige nicht für ihre Gefühle, Fantasien und Impulse zur Verantwortung gezogen werden – genauso wie Substanzabhängige nicht für ihre Abhängigkeit verantwortlich gemacht werden – jedoch sind sie für ihre Verhaltensweisen als Reaktion ihrer Fantasien und Impulse und die damit verbundenen Konsequenzen für sich selbst und andere verantwortlich. Auch wenn die Veränderungen in der Biochemie der Gefühle viel erklären, entbinden sie niemanden von der Verantwortung für sein Handeln.
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis8
Vorwort12
1. Einleitung14
1.1 Zum Suchtbegriff16
1.2 Definition und Klassifikation von Abhängigkeit18
1.3 Definition und Klassifikation von Verhaltenssucht20
1.4 Literatur26
2. Erklärungsansätze der Entstehung und Aufrechterhaltung von Abhängigkeit30
2.1 Lerntheoretische Erklärungsansätze31
2.2 Integrativer psychobiologischer Erklärungsansatz35
2.3 Kognitive Erklärungsansätze40
2.4 Das Konzept des Drogenverlangens50
2.5 Exkurs Belohnungssystem58
2.6 Exkurs Begriffsklärung und Definition von Impulsivität61
2.7 Literatur63
3. Erklärungsansatz für die Entstehung und Aufrechterhaltung von Verhaltenssucht72
3.1 Begriffsklärung Trieb und Homöostasemodell des süchtigen Verhaltens77
3.2 Literatur79
4. Kaufsucht82
4.1 Definition und Phänomenologie82
4.2 Epidemiologie84
4.3 Stellenwert des Geldes für Kaufsüchtige85
4.4 Komorbiditäten85
4.5 Fallbeispiel87
4.6 Exkurs Horten90
4.7 Literatur93
5. Sportsucht98
5.1 Definition und Phänomenologie98
5.2 Begrifflichkeiten103
5.3 Ätiologie103
5.4 Entzugssymptome105
5.5 Epidemiologie107
5.6 Komorbiditäten107
5.7 Fallbeispiel107
5.8 Literatur110
6. Glücksspielsucht114
6.1 Definition und Phänomenologie114
6.2 Epidemiologie121
6.3 Komorbiditäten und Aspekte der Entstehung und Aufrechterhaltung von Glücksspielsucht123
6.4 Fallbeispiel129
6.5 Exkurs Lotto und Wetten131
6.6 Literatur134
7. Arbeitssucht144
7.1 Einleitung144
7.2 Definition145
7.3 Diagnose Arbeitssucht im beruflichen Alltag151
7.4 Epidemiologie153
7.5 Komorbiditäten und Folgen153
7.6 Erklärungsansätze zur Entstehung von Arbeitssucht155
7.7 Arbeitssucht als Suchtverhalten159
7.8 Fallbeispiel161
7.9 Literatur164
8. Computersucht168
8.1 Definition und Phänomenologie168
8.2 Epidemiologie171
8.3 Wirkung und Komorbiditäten173
8.4 Das Suchtpotenzial von Computer- und Videospielen175
8.5 Computernutzung bei Kindern176
8.6 Fallbeispiel180
8.7 Exkurs "Sensation Seeking" und Medienkonsum183
8.8 Literatur185
9. Sexsucht190
9.1 Einleitung und Definition190
9.2 Prävalenz193
9.3 Klassifikation193
9.4 Differenzialdiagnostik und Komorbiditäten197
9.5 Fallbeispiel201
9.6 Exkurs Internet und exzessives sexuelles Verhalten204
9.7 Exkurs Liebessucht und Hörigkeit207
9.8 Literatur214
10. Diagnostik218
10.1 Kaufsucht218
10.2 Sportsucht221
10.3 Glücksspielsucht224
10.4 Arbeitssucht230
10.5 Computersucht234
10.6 Sexsucht238
10.7 "Fragebogen zur Differenzierten Anamnese exzessiver Verhaltensweisen" (FDAV)239
10.8 Diagnostische Merkmale für Verhaltenssucht240
10.9 Literatur241
11. Therapie248
11.1 Einleitung248
11.2 Therapieimplikationen aus Theorie und Praxis bei einzelnen Formen der Verhaltenssucht257
11.3 Literatur276
12. Ausblick282
Autorenregister284

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