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Vom Buch zum Hörbuch: Zur literarischen Produktion und Rezeption ausgewählter Krimis in der Vertriebsstaffel Buch-Hörbuch

AutorConny de le Roi
VerlagDiplomica Verlag GmbH
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl86 Seiten
ISBN9783842837782
FormatPDF
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis24,99 EUR
Das Hörbuch erfreut sich mindestens einer ebenso großen Beliebtheit wie das Buch. Das spiegelt sich auch im großen und beliebten Genre des Krimis wider. Kriminalliteratur ist so begehrt wie nie und kaum ein anderes Genre wird in solchen Massen produziert. Auf dem Hörbuchmarkt hat das Hörbuch andere Formate wie bspw. das Hörspiel bereits überholt. Dass es sich selten um die vollständige Lesung der literarischen Vorlage handelt, wirkt sich offenbar nicht negativ aus. Die vorliegende Untersuchung wird sich vor allem mit den Besonderheiten des Medientransfers vom Buch zum Hörbuch, aber auch mit denen des Literaturbetriebs befassen. Es ist zu klären, was ein Hörbuch ist und worauf beim Medientransfer vom Buch zum Hörbuch zu achten ist. Es werden Analysekriterien aufgestellt, die bei der Auseinandersetzung mit den ausgewählten Krimi-Hörbüchern herangezogen werden. Die Hörbücher Silentium! und Komm, süßer Tod von Wolf Haas sowie Tannöd von Andrea Maria Schenkel werden einem direkten Vergleich mit den als Vorlage dienenden Büchern unterzogen, der neben einer Analyse des Bearbeitungsgrades des Textes spezielle Thesen zur Sprecherwahl sowie eine Analyse der Sprecherleistung umfasst.

Conny de le Roi wurde 1980 in Prenzlau geboren. Ihr Studium der Germanistik an der Technischen Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig schloss die Autorin im Jahre 2011 mit dem akademischen Grad Master of Arts erfolgreich ab. Bereits während des Studiums beschäftigte sich die Autorin mit den Themen Medientransfer und Literaturbetrieb, insbesondere mit der Vertriebsstaffel Buch-Hörbuch-eBook-Film.

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Leseprobe
Textprobe: Kapitel 3.2, Der Radio-Tatort: Seit drei Jahren gibt es das Hörfunkprojekt Radio-Tatort. Jeden zweiten Freitag im Monat um 19:05 Uhr senden die beteiligten Sender der ARD in der Krimireihe regional verankerte und zeitbezogene Originalhörspiele bekannter Autoren. Dafür haben die Hörspielredaktionen der neun Landesrundfunkanstalten der ARD ein Krimikonzept entwickelt, bei dem stets ein Ermittler-Team aus dem jeweiligen Sendegebiet im Mittelpunkt steht. Der Juni-Radio-Tatort, produziert von RadioBremen, wurde am 15. Juni zuerst ausgestrahlt. Das Hörspiel wird an insgesamt sechs Sendetagen ausgestrahlt und steht einen Monat lang auf der Homepage zum kostenlosen Download zur Verfügung. John von Düffel ist der Autor dieses Radio-Tatorts mit dem Titel Wer sich umdreht oder lacht... . Die Länge der Radio-Tatorte beläuft sich in der Regel auf vierundfünfzig Minuten. Am Radio-Tatort lässt sich die Unterscheidung von Hörspiel und Hörbuch exemplarisch zeigen. Der Tatort spielt im Bremer Stadtteil Vahr. Hierbei handelt es sich eher um eine Großwohnsiedlung aus freistehenden Häusern und Reihenhäusern. In Bremen schätzt man dennoch die Anonymität der Großstadt und kümmert sich nicht um seine Nachbarn. Claudia Evernich und Kurt Gröninger bilden hier das Ermittlerduo. Kriminalhauptkommissarin Evernich ist seit achtzehn Jahren bei der Polizei, hat eine Ehe hinter sich, eine Tochter und ist vierzig Jahre alt. Sie ist sehr direkt und wirkt frigide. Freundliche Worte kommen ihr selten über die Lippen. Marion Breckwoldt setzt diese Eigenart sehr gut um. Die Stimme reicht von einem genervten Klang bis hin zu offensichtlichem Desinteresse, das sie ihrem Gegenüber ungeniert signalisiert. Evernich ist aufgrund dieser Eigenart nicht wirklich gut für eine Teamarbeit geeignet. Ihre verbalen Attacken machen es auch ihrem Teamkollegen Gröninger nicht immer einfach. Dr. Kurt Gröninger ist Staatsanwalt, alleinstehend und geht auf die vierzig zu. Er ist sehr zurückhaltend und kultiviert. Man könnte sagen, er stellt den Gegenpol zu Evernich dar. Während sie ständig aus ihrem reichen Erfahrungsschatz schöpft, kontert er mit Faktenwissen. Sie ergänzen sich in jeder Hinsicht. In Bremen-Vahr sorgt der Tod einer alten Dame für Aufregung. Er wird anfänglich als Unfall gesehen, entpuppt sich später jedoch als Mord. Während die Ermittlungen laufen, wird der Staatsanwalt Dr. Gröninger von einer Studentin, der Tochter der Toten, bestalkt. Sie versucht durch immer neue Anschuldigungen, den Verdacht auf ihren Bruder zu lenken. Kriminalhauptkommissarin Evernich ist bemüht, ihrem Kollegen die Augen zu öffnen, denn der sieht diese offene Bewunderung zunächst nicht als Gefahr. Schon zu Beginn des Hörspiels ist der Unterschied zum Hörbuch deutlich erkennbar. Der Grad der Inszenierung ist im Hörspiel sehr stark ausgeprägt. Der Hörer bekommt den Eindruck vermittelt, als wohne er gerade einer Vorlesung bei. Denn durch minimalen Hall und offenbar größere Entfernung des Sprechers zum Mikrofon wird eine Distanz hörbar gemacht. Zudem ist permanentes Rascheln, Flüstern und Husten aus einer näheren Entfernung zu hören. Die Geräusche sind also vordergründiger als die Stimme des Sprechers. Die Betonung und die Wortwahl entspricht der eines mündlichen Vortrags. Die Figur wirkt durch eine annähernd überhebliche Erzählweise selbstbewusst und selbstsicher. Nach dem Ende des Vortrags folgt das musikalische Thema dieser Tatort-Folge: auf einem Xylophon wird die Melodie des Kindersingspiels Der Plumpsack geht rum gespielt. Nach einer Pause, die den Schnitt und damit den Ortswechsel andeutet, sind Geräusche eines fahrenden Pkw zu hören. Fahrer (Claas) und Beifahrerin (Evernich) unterhalten sich, dann steigen sie aus. Die Geräusche von zuschlagenden Autotüren sind zu hören. Das gesamte Hörspiel weist eine deutlich dramatische Struktur auf. Es besteht aus Dialogen; jede Figur hat einen eigenen Sprecher. Zudem sind permanent Hintergrundgeräusche eingespielt, die den Kontext klären und die Figuren in der Handlung situieren. Die Wirkungsmittel des Hörspiels, wie sie Fischer (1964: 126-139) zusammenfasst, sind Wort, Ton und Geräusch, wenngleich diese nicht als gleichrangig betrachtet werden sollten. Ton (Musik) und Geräusch sollen hinter das gesprochene Wort zurücktreten, eher leitmotivisch wirken und Assoziationen fördern. Auch beim Radio-Tatort werden diese Grundregeln eingehalten. Es bedarf keines Erzählers, der beispielsweise beschreibt, dass sich Dr. Gröninger gerade im Hörsaal befindet und über Gerechtigkeit spricht, dass vereinzelt Studenten husten oder schnauben, oder dass die Kommissarin und ein Polizeibeamter ins Auto steigen und zum Tatort/Fundort fahren. Im Unterschied zu derartigen Hörspielen muss all das in einem Hörbuch entweder durch den Erzähler oder die Figuren verbalisiert werden. In guten Hörspielen sind die Dialoge lebendig und damit näher an einer realen Unterhaltung. Hier im Radio-Tatort wirken die Dialoge und damit generell die Figurenrede teilweise wie abgelesen. Die Informationen zum Making-Off auf der Homepage lassen allerdings darauf schließen, dass die Dialoge gemeinsam eingesprochen wurden. Bei einem Gespräch zwischen Gröninger und der Stalkerin konnten die Sprecher im Studio also tatsächlich den Dialog führen und mussten sich nicht nur den Dialogpartner vorstellen wie es bei der Aufnahme für ein Hörbuch der Fall ist. Hier gibt es in der Regel nur einen Sprecher, der alle Figuren spricht und deshalb in der Lage sein sollte, dennoch einen lebendigen Dialog zu schaffen. Auf Besonderheiten des Sprechens hinsichtlich der Hörbuchproduktion soll im Folgenden ausführlich eingegangen werden. 4. Besonderheiten des Sprechens: Während man bei der Lektüre eines Buches immer die Möglichkeit hat, zurückzublättern oder Seiten zu überspringen, bevorzugt man beim Anhören eines Hörbuchs die lineare Rezeption. Ebenso wie sich die Art der Lektüre verändert, verändert sich auch die Sprache. 'Auch wenn kein Wort verändert wurde, ist das Verhältnis der Sprache zu ihrem medialen Kontext ein anderer. Ein und derselbe Wortlaut in geschriebener und gesprochener Form ist nicht dasselbe. Die ideale Lese-Sprache unterscheidet sich von der idealen Hör-Sprache.' (Häusermann 2010b: 144) Dies meint, dass die Texte, die sich insbesondere zum Hören eignen, mehr Redundanzen enthalten, als Texte, die für das reine Lesen konzipiert wurden. Häufige Wiederholungen oder das Verwenden von Synonymen wären beispielsweise solche Redundanzen. Natürlich gibt es aber auch Romane wie beispielsweise Terézia Moras Alle Tage oder die Romane von Norbert Zähringer, die viele Wiederholungen beinhalten, die sogar bis hin zur Wiederholung ganzer Sätze reichen können. Häusermann konstatiert, dass 'wörtliche Schriften gesprochener Sprache' schwieriger verständlich seien, 'weil sie typische Elemente enthalten, die im Schriftlichen nicht üblich sind', aber wenn sie gesprochen werden, sogar zu besserem Verständnis führen. (vgl. Häusermann 2010b: 144) Doch was geschieht beim Übergang vom Text zum Hörbuch eigentlich auf der sprecherischen Ebene? Zunächst einmal muss die Sprecherpersönlichkeit betrachtet werden, denn durch sie wird die 'unpersönliche graphische Form [...] mit der persönlichen Form einer einzigen Stimme verbunden.' (Häusermann 2010b: 144) Dies meint natürlich insbesondere den Klang der Stimme. Hierbei reichen die Beschreibungsmerkmale von hoch, mittel oder tief bis zur Sonorität (bei Männerstimmen) oder Behauchung (bei Frauenstimmen). Nach Häusermann ist die Variationsbreite bei ausgebildeten Sprechern größer als bei Amateursprechern. Bei der sprecherischen Gestaltung ist festzuhalten, dass jeder Text auf verschiedene Weise gesprochen werden kann. Durch Tempovariation kann beispielsweise 'die Gewichtung von Aussagen oder die Stimmung des Texts beeinflusst' (Häusermann 2010b: 144) werden. Aber es müssen auch graphische oder orthographische Besonderheiten, die bereits in der Textvorlage eine bestimmte Funktion erfüllen, durch den Sprecher interpretiert und adäquat gesprochen werden. Als Mittel der sprecherischen Gestaltung können also Stimmhöhenvariation, Tempovariation, Zäsuren, Aussprachevariation und Lautstärkenvariation betrachtet werden. Es ist auch möglich und in Hörbuchproduktionen durchaus üblich, eine gewisse Räumlichkeit zu erzeugen, indem Hall simuliert wird oder der Sprecher sich vom Mikrofon entfernt, um beispielsweise die Wirkung zu erzielen, aus dem Hintergrund zu sprechen und so die räumliche Distanz hörbar zu machen.
Blick ins Buch
Inhaltsverzeichnis
Vom Buchzum Hörbuch - Zur literarischen Produktion und Rezeption ausgewählter Krimis in der Vertriebsstaffel Buch-Hörbuch1
Inhaltsverzeichnis3
1 Einleitung6
2 Das Medium Hörbuch8
2.1 Die Produktion13
2.2 Möglichkeiten und Grenzen des Mediums Hörbuch14
3 Vom Hörfunk zum Hörbuch17
3.1 Die Entwicklung über den Rundfunk zum Hörbuch17
3.2 Der Radio-Tatort18
4 Besonderheiten des Sprechens22
4.1 Zur sprecherischen Gestaltung23
4.2 Kategorien der sprecherischen Analyse25
4.3 Der Sprecher26
4.4 Sprecherische Interpretation27
5 Sprecherwahl29
5.1 Irmgard Keun – Das kunstseidene Mädchen30
5.2 Ildiko von Kürthy – Mondscheintarif31
5.3 Ingeborg Bachmann – Simultan33
5.4 William Peter Blatty – Der Exorzist35
6 Zur Kürzungsproblematik38
7 Der Krimi40
7.1 Kriminalliteratur als Schemaliteratur42
7.2 Merkmale des Thrillers44
7.3 Der Thriller als Hörbuch46
8 Wolf Haas50
8.1 Komm, süßer Tod51
8.1.1 Inhaltsangabe51
8.1.2 Der Vergleich von Buch und Hörbuch52
8.2 Silentium!55
8.2.1 Inhaltsangabe55
8.2.2 Der Vergleich von Buch und Hörbuch56
8.2.3 Leser- und Hörerumfrage zu Wolf Haas – Silentium!59
9 Andrea Maria Schenkel – Tannöd64
9.1 Inhaltsangabe64
9.2 Vergleich von Buch und Hörbuch66
9.3 Vergleich von Film und Filmhörspiel (-buch)69
10 Schlussbetrachtung76
Literaturverzeichnis79
Anhang83

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