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E-Book

Vom Sinn getragen

Ein Leben für die Logotherapie

AutorElisabeth Lukas
VerlagKösel
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl160 Seiten
ISBN9783641092108
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis11,99 EUR
Die große Schülerin Viktor E. Frankls erzählt anschaulich aus ihrem Leben, das geprägt ist vom Einsatz für die Logotherapie. In persönlichen Erinnerungen und Fallbeispielen aus ihrer Praxis wird diese wohltuende Methode lebendig. Wir können, auch in schweren Phasen, Sinn entdecken, der unser Leben trägt.


Dr. Elisabeth Lukas, geb. 1942, ist approbierte Psychotherapeutin und Viktor E. Frankls bekannteste Nachfolgerin. Vorträge an mehr als 50 Universitäten und Bücher in 16 Sprachen. Ausgezeichnet mit dem großen Preis des Viktor-Frankl-Fonds der Stadt Wien.

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Leseprobe

Das Klavier: Schatz meiner Jugend

Das Zwiegespräch meiner Großeltern

Da meine Großeltern mütterlicherseits ausgebombt waren, wohnten sie bei uns in der Zweizimmerwohnung meiner Eltern. Nun gab es in jener Nachkriegszeit hie und da am Nachmittag einen kleinen Disput zwischen meinen Großeltern, der die Familie zu erheitern pflegte. Es war kein Ehestreit, keineswegs, meine Großeltern waren einander bis zu ihrem Tod von Herzen zugetan. Aber gerade dieses Einander-zugetan-Sein bewirkte den Disput. Es ging nämlich darum, dass manchmal vom Frühstückskaffee eine Tasse voll übrig geblieben und zum Aufwärmen für den Nachmittag aufgehoben worden war. Dann ging das Zwiegespräch los.

Mein Großvater sagte zu meiner Großmutter: »Hier, trink deinen Kaffee, der wird dir guttun!« Woraufhin prompt meine Großmutter widersprach: »Nein, nein, trink nur, ich bin nicht durstig.« Großvater ließ dies nicht gelten. »Trink du ihn«, beschwor er meine Großmutter, »du brauchst ihn mehr als ich.« »Mir geht es prima«, wies Großmutter ihn erneut zurück, »du würdest mir wirklich einen Gefallen tun, wenn du ihn trinken würdest.« So ging das Spielchen weiter, mitunter so lange, bis der aufgewärmte Kaffee wieder kalt geworden war. Einer drängte dem anderen die übrig gebliebene Tasse Kaffee auf, wohl wissend, dass das bisschen Koffein, sofern überhaupt eines darinnen war, dem unterernährten Körper des anderen die Kraft geben würde, sich bis zum Abend aufrecht zu halten.

Das war die Generation meiner Großeltern, die Generation, in deren Kindertagen sich eine Psychologie entwickelt hat, die die Parole ausgab: »Du musst auch einmal an dich selber denken und dir etwas Gutes gönnen!« Recht hat sie gehabt, diese Psychologie von damals, die den Menschen vor seiner eigenen »Aufopferungswut« bewahren wollte.

Wenden wir uns jetzt der Gegenwart zu. Vor einigen Monaten führte ich ein Beratungsgespräch mit den Eltern von zwei Kindern, einem 1-jährigen und einem 3-jährigen Kind. Der Konflikt bestand in der unterschiedlichen Urlaubsplanung beider Elternteile. Die Mutter sagte zum Vater: »Ich habe die Kinder das ganze Jahr über daheim, deshalb will ich wenigstens drei Wochen abschalten. Nimm du die Kinder und lass mich wegfahren.« »Kommt gar nicht infrage«, antwortete der Vater, »ich arbeite das ganze Jahr lang für euch, aber wenn ich Urlaub habe, will ich mich ohne Kindergeschrei erholen!« »An mich denkst du überhaupt nicht«, schrie die Mutter zurück, »wenn du mir die Kinder anhängst, wo bleibt dann meine Erholung?« »Das weiß ich nicht«, zuckte der Vater mit den Achseln, »aber mir hängst du sie jedenfalls nicht an …«

Die Zeiten haben sich gewandelt, neue Generationen sind herangewachsen. Und ohne dass ich behaupten möchte, das soeben erwähnte Elternpaar sei repräsentativ für den modernen Menschen schlechthin, muss doch zugegeben werden, dass »Aufopferungswut« mittlerweile rar geworden ist. Was aber geschieht, wenn die Psychologie weiterhin ihre alten Sprüche klopft? Wenn sie etwa den urlaubshungrigen Eheleuten aus dem obigen Beispiel nichts anderes anbietet als den antiquierten Rat, sie mögen an sich selber denken und sich etwas Gutes gönnen? – Heute brauchen wir eine andere Handelsmaxime. Die Psychologie hat nicht zuletzt ungesunde Extreme auszugleichen und muss sich daher in Erfüllung dieser Aufgabe stets aufs Neue fragen, welche ungesunden Extreme in den Strömungen der Zeit gerade die meisten Turbulenzen verursachen, um sie dann möglichst zu entschärfen.

aus: »Auf dass es dir wohl ergehe«, München 2006, S. 11ff.

Himmlisches Beschütztsein

Als »Kriegskind« habe ich die ärmliche Nachkriegszeit im zerbombten Wien hautnah erfahren. Aus gegenwärtiger Sicht, und das heißt, durch die Augen einer klinischen Psychologin und Psychotherapeutin mit mehr als 30-jähriger Berufspraxis und mitten im Wohlstand des beginnenden 21. Jahrhunderts lebend gesehen, muss ich jedoch sagen, dass ich in einer »himmlischen« Beschütztheit und Abgeschirmtheit aufgewachsen bin, die mir eine psychische Stabilität gewährte, die mich bis heute durch alle Fährnisse hindurch trägt. Es ist absolut paradox, dass die Kargheit und Armseligkeit meiner Kindertage meinen wahren Reichtum ausmacht, wohingegen mir die Kinder unserer modernen Gesellschaft in ihrer Überreiztheit und ihrem Überfluss unendlich leidtun, weil sie so entsetzlich strampeln müssen, um nicht in der Flut sie umbrandender materieller und potenzieller Verlockungen unterzugehen.

Ich kannte (außer einem Ball) keine Spielsachen, und das war die Basis meiner Kreativität. Ein Blatt Papier und ein Bleistift genügten mir, um schon als Achtjährige Gedichte und Geschichten zu verfassen. Unser alter Radioapparat, dessen Akku regelmäßig aufgeladen werden musste, war meistens kaputt, wodurch ich eine köstliche Stille bei den Hausaufgaben genoss. Dafür saß ich jede freie Stunde an unserem sich ständig verstimmenden Klavier, das mein Vater draußen auf dem Feld in Regen und Schnee gefunden hatte, weil irgendeine Flüchtlingsfamilie es nicht mehr hatte mitschleppen können, und das er auf geheimnisvolle Weise in den dritten Stock des aufzuglosen Mietshauses hinaufgeschafft hatte, in dem wir wohnten. Das Klavierspiel wurde zur größten Wonne meiner Jugend und abends, wenn sich mein Vater (nach wieder einmal erfolgter mühsamer Stimmung der Saiten) selbst daran entspannte, durfte ich im Nebenzimmer bei sanfter Klaviermusik einschlafen. Heute noch wünsche ich mir, sollte ich mein Leben dereinst in einem Pflegeheim beenden, bei den Klängen einer Klaviermusik von einer CD in eine andere Welt hinübergleiten zu dürfen.

Ich kann mich nicht erinnern, dass es bis zu meiner Pubertät anderes als Für-die-Schule-Lernen und Klavier-Spielen gegeben hätte, und beides tat ich leidenschaftlich gern. Die geliehenen Schulbücher musste ich seufzend an jedem Schuljahresende zurückgeben, aber bis dahin kannte ich sie fast auswendig. Die antiquarischen Klaviernoten (ein Heft war jeweils ein Weihnachtsgeschenk) wurden hundertfach gespielt und fielen total auseinander, aber sie wurden als Schätze gehütet. Meine alte Klavierlehrerin, eine Rentnerin, die sich mit Stundengeben über Wasser hielt, wurde von mir tief verehrt, und sie verdiente es auch. Nicht selten wurde ich Zeuge, wie ein Kind weinend vor ihrer Türe stand und stammelte, dass seine Mutter keine zwei Schillinge für die Klavierstunde mehr hatte. Immer durften solche Kinder trotz leerer Hände zu ihr hineinkommen und erhielten Unterricht, obwohl die alte Frau nicht genug Geld für Heizmaterial besaß und wir im Winter in unseren Mänteln in ihrem Zimmer hockten. Wir Kinder liebten sie unbändig, und es gelang ihr ausnahmslos, uns die Liebe zur Musik ein für alle Mal ins Herz zu pflanzen.

Wo sind sie geblieben, die Kinder, die weinen, weil ihre Eltern eine Klavierstunde nicht bezahlen können? Wo sind sie geblieben, die Lehrer, die (selbst darbend) großzügig unbezahlte Stunden verschenken? Heute weinen die Kinder eher, weil sie Klavier üben sollen und nicht wollen. Heute beklagen sich die Lehrer eher darüber, dass sie »Knochenarbeit« bei guter Bezahlung leisten müssen.

Dass meine Familie zu fünft in einer engen Zweizimmerwohnung hauste, hat mich als Kind nie gestört. Es hat mir ein warmes Nest vermittelt, in dem ich nie allein war. Drei Generationen um einen Wohnzimmertisch versammelt (das Schlafzimmer war mit fünf Betten vollgestopft) vertrugen sich blendend, und die Tatsache, dass dieser Tisch früh, mittags und abends für das Essgeschirr abgeräumt werden musste, lehrte mich früh, nichts darauf liegen zu lassen, kein Schulheft, keinen Radiergummi, kein gepresstes Blütenblatt, kein Kettchen aus aufgefädelten Knöpfen und kein aus Kastanien und Zahnstochern gebasteltes Männchen. Heute noch erachte ich es als einen Segen, dass ich so vieles kann: in einem Team kooperieren, Ordnung halten und vor allem eines: mit wenig Dingen glücklich sein. Nein, mir fehlte nichts als Kind, ich war rundum zufrieden und konnte meine Persönlichkeit ungehindert entfalten.

Idealisiere ich etwas? Ich prüfe mich streng, aber das Ergebnis lautet: Nein. Ich hatte alles, was die positive Entwicklung eines Kindes vorantreibt: die Zuwendung meiner Eltern und Großeltern in fragloser Zusammengehörigkeit, Schlichtheit und Stille, schulische Anregungen und musikalische Frühförderung, einfaches Essen, harmonische Abende, Zeit zum Denken, Fühlen, Träumen und Selbstwerden. Ich besaß zwei Röcke, eine Bluse, vier Pullover, zwei Paar Schuhe, einen Mantel, eine Mütze, ein Paar Handschuhe … und war unsagbar reich.

Es ist klar und richtig, dass sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt. Keinem Land der Erde ist ein Krieg zu wünschen und also auch keine Nachkriegszeit mit den zahllosen Halbwaisen, deren Väter im Krieg gefallen sind, und mit den vielen Schutthaufen eingestürzter Häuser und verminter Bombengräben ringsum, wie ich sie noch erlebt habe. Gott sei gedankt, dass uns seit Jahrzehnten Frieden und eine blühende Wirtschaft beschert ist. Gott sei gedankt, dass unsere Jugend mit unvergleichlich mehr Entwicklungsmöglichkeiten ausgestattet ist, als meine Generation es damals war. Und dennoch wohnt das Glück nicht da, wo es eigentlich wohnen müsste. Es ist ausgezogen »in ein fernes Land, unnahbar euren Schritten«, wie es in Lohengrins Gralserzählung anschaulich heißt. Etwas ist passiert. Die Nester sind gebrochen – manchmal meine ich, wir haben derzeit mehr Scheidungswaisen als es vor rund 70 Jahren Kriegswaisen gab. Wiederum fehlen die Väter, aus anderen Gründen, aber sie fehlen, und niemand kann sie ersetzen. Die Nester sind sogar an mehreren Seiten eingebrochen. Wo berufstätige gestresste Mütter...

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