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E-Book

Warum sie so seltsam sind

Gehirnentwicklung bei Teenagern

AutorBarbara Strauch
VerlagPiper Verlag
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl336 Seiten
ISBN9783492966856
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Das Teenagergehirn ist anders. Barbara Strauch bestätigt, was viele Eltern längst ahnten. Die Wissenschaft irrte, wenn sie bisher annahm, die entscheidenden Hirnstrukturen seien in diesem Alter bereits fertig ausgebildet: Das jugendliche Gehirn ist eine einzige Baustelle. Strauch illustriert die neuesten Entdeckungen an zahlreichen Fallbeispielen. Wir erfahren etwa, warum Teenager mehr Schlaf brauchen oder warum sie so leicht in Depressionen verfallen. Strauchs Buch bietet Eltern Hilfe - mit fundierten Informationen über das, was in den Gehirnen ihrer Sprösslinge vorgeht.

Barbara Strauch ist Wissenschaftsredakteurin der New York Times und schreibt regelmäßig über die neuesten Entwicklungen in der Neurologie sowie über andere Themen aus dem Bereich der Medizin und Verhaltensforschung. Sie studierte an der University of California in Berkeley und hat zwei Töchter.

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Leseprobe

Kapitel 1

Programmierte Verrücktheit

Die neue Wissenschaft vom Teenagergehirn

Teenager. Gehirn. Teenager. Gehirn. Ich gebe zu: Die Worte klingen eher nach einem Widerspruch, als dass sie zusammenpassten. Man braucht sie nur laut auszusprechen – und vielleicht noch zu erwähnen, dass man ein Buch über das Gehirn von Teenagern schreiben will –, und schon schießen Witze ins Kraut wie die Pickel vor dem Abschlussball.

»Wie bitte? So was haben die?«

»Das wird aber ein kurzes Buch.«

Steve, Vater zweier halbwüchsiger Jungen, schüttelte den Kopf und wünschte mir viel Glück. Was ihn angehe, so spielten die Teenagergehirne, die er kennt, seit kurzem auf unerklärliche Weise verrückt. »Ich kapiere es nicht«, sagte er. »Ganz plötzlich werden die Kinder, die wir bisher zu kennen glaubten, so seltsam. Es sind gute Kinder, kluge Kinder, aber neulich hat der eine in der Schule ein paar Taschenrechner geklaut und sie verkauft, und der andere kriegt seine Hausaufgaben nicht mehr geregelt. Schon die beiden morgens aus dem Haus zu bekommen, ist ein riesiger Akt. Was ist da bloß los?«

Denise, Schriftstellerin und Mutter von zwei wunderbaren Jungen im Teenageralter, war aufgebracht.

»Teenagergehirn? Ich erzähl Ihnen was vom Teenagergehirn«, sagte sie eines Morgens zu mir. »Kennen Sie meinen Dreizehnjährigen? Nun ja, er ging zum Schulball, und da ist es Vorschrift, dass man in der Halle bleibt und nicht weggehen darf. Aber er und seine Freunde kamen auf die Idee, das sei Freiheitsberaubung. Also liefen sie nach draußen und rannten rund um die Turnhalle. Keine Ahnung, was sie sich dabei gedacht haben. Jedenfalls hat der Rektor es mitbekommen und meinen Mann zu Hause angerufen. Am nächsten Tag haben wir geredet und geredet; wir haben ihm erklärt, dass er sich entschuldigen muss und dass er allen Unannehmlichkeiten bereitet hat. Aber er hat es einfach nicht kapiert. Er konnte sich nicht in andere hineinversetzen und die Sache nicht mit ihren Augen sehen.«

Und was kam als Nächstes von dem dreizehnjährigen Musterschüler, der zuvor noch nie einen Hauch von Schwierigkeiten gemacht hatte und der nach den Worten seiner Mutter »immer so übergenau, so ruhig und nett war«?

Als Denise eines Abends von der Arbeit nach Hause kam, fand sie drei Briefe vor: In dem ersten hieß es, ihr Sohn gehöre erwartungsgemäß zu den Besten seines Jahrgangs, aus dem zweiten erfuhr sie, man habe ihn ins Kreisjugendorchester aufgenommen, und der dritte besagte, er sei zeitweilig von der Schule suspendiert, weil man ihn beim Herumlungern in der Stadt erwischt hatte, während er eigentlich im Geschichtsunterricht sein sollte.

»Wenn man sie ansieht, dann sind sie manchmal so selbstbewusst, und sie wirken so erwachsen, dass man denkt, sie haben alles, was sie brauchen, aber oft stimmt das einfach nicht«, erklärte Denise. »Ich muss sagen, ich war so eingebildet und habe geglaubt, nur die Kinder von verantwortungslosen, selbstsüchtigen Typen könnten in Schwierigkeiten geraten. Aber irgendetwas passiert immer. Es ist erschreckend; es ist ärgerlich; es kann einen verrückt machen.«

Ich habe selbst zwei halbwüchsige Töchter und würde ihr nicht widersprechen. Es geschehen erschreckende Dinge. Es geschehen ärgerliche Dinge. Es kann einen wirklich verrückt machen.

Vor nicht allzu langer Zeit stand meine damals fünfzehnjährige Tochter um die Mittagszeit auf, und zu meiner Begeisterung räumte sie ganz von selbst – ohne Aufforderung! – ihr Zimmer auf; auch ihre Wäsche steckte sie in die Waschmaschine.

Aber dann, während der Spülgang lief und wir uns im Wohnzimmer unterhielten – ich erklärte ihr gerade, sie solle den neuen CD-Player nicht gerade in einen Freizeitpark mit Wildwasserbahn mitnehmen –, verwandelte sie sich plötzlich. Mit ausgeprägt pubertärem Imponiergehabe sprang sie vom Sofa auf, trampelte die Treppe hinauf und stieß über die Schulter den Kampfruf der Teenager-Kriegsgöttin, Jahrgang 2003, aus: »Du bist das Hinterletzte!«

Natürlich versucht alle Welt schon seit jeher, junge Leute zu verstehen. Ihr Verhalten verblüffte auch die größten Denker. Aristoteles schrieb, Heranwachsende seien »launisch in ihren Begierden«, die »ebenso heftig wie flüchtig« seien.1 Shakespeare bezeichnete das Jugendalter – von Romeo und Julia einmal abgesehen – als Zeit, in der man »den Dirnen Kinder schafft, die Alten ärgert, stiehlt und balgt«. Und wenn er überhaupt jugendliche Gehirne erwähnt – was selten vorkommt –, bezeichnet er sie als »Brauseköpfe«.2

Die ersten Anzeichen für diesen berauschten Geisteszustand sind oft schwach oder sogar gänzlich unscheinbar. Rhona, Mutter zweier halbwüchsiger Kinder in New Jersey, bemerkte nur an einem Zeichen, dass ihre Tochter Susannah in das schwierige Alter kam: Sie »ärgerte sich über die Musik, die ich im Auto laufen ließ«. Bill, Vater von zwei halbwüchsigen Töchtern in einer Kleinstadt im Staat New York, wusste Bescheid, als eines der Mädchen eine Woche lang kein Wort mit ihm sprach. Und Ron, der in Phoenix sogar vier Teenager hat, konnte immer genau sagen, wann wieder einer seiner Sprösslinge in die Pubertät kam, nämlich dann, wenn dieser plötzlich viel Zeit im Badezimmer verbrachte.

In anderen Fällen werden die ersten Anzeichen zu einem richtigen Erdbeben.

Ein Vater in Minneapolis war völlig entgeistert, als sein bis dahin so braver Sohn ertappt wurde, wie er Graffitis an eine Hauswand sprühte. Eine Mutter in Princeton wurde an einem Frühlingsnachmittag von der örtlichen Polizei angerufen, weil ihre wohlerzogene vierzehnjährige Tochter in einer Einkaufspassage ein T-Shirt gestohlen hatte. Und ein Elternpaar brach in Tränen aus, als ihre hübsche fünfzehnjährige Tochter mitten in der Nacht aus dem Fenster kletterte, um sich mit einem vierundzwanzigjährigen Mann zu treffen, den sie erst kurz zuvor kennen gelernt hatte.

Ellen, Mutter von Zwillingsbrüdern in New York City, erlebte den Beginn des schwierigen Alters bei ihren Söhnen als plötzlichen, schnellen, »entsetzlichen« Umschwung. Er kam ungefähr zu der Zeit, als ihre Söhne in der siebten Klasse waren. »Es war wie ein Rückfall ins Trotzalter«, erklärte sie mir. »Wutausbrüche, Herumgetrampel, Türenknallen, Streit, Flüche, das ganze tierische Verhalten. Plötzlich entwickelten sie ein ausgezeichnetes Vermeidungsverhalten; sie wurden Experten für Geheimniskrämerei. Ihre Zimmer waren ein einziges Durcheinander, und obwohl sie täglich duschten, ließen sie überall ihre schmutzige Wäsche herumliegen. Sie waren auf einmal sehr rücksichtslos und so selbstbezogen, dass es einem die Sprache verschlug. Es war ein weltverachtender Narzissmus, nicht mehr und nicht weniger.«

Ein Sohn schlich sich nachts aus der elterlichen Wohnung und fuhr mit Freunden nach New Jersey. Der andere – beide Jungen sind sehr intelligent – wurde gefasst, nachdem er sich nachts Zugang zum Computernetz einer Universität verschafft hatte. Und einer der beiden schaffte es, im Chemie-Labor seiner Schule LSD herzustellen.

»Es war eine harte Zeit, das können Sie mir glauben«, sagte Ellen. »Ich wusste genau darüber Bescheid, wie Teenager angeblich sind, und dennoch machte es mich fertig.«

Häufig sind die jungen Leute selbst überrascht, wie schnell ihre Welt sich in jeder Hinsicht verändert.

Die vierzehnjährige Lisa aus Minneapolis – sie spielt Lacrosse und hat sogar Spaß am Lateinunterricht – erklärte mir: »Meine Stimmung geht ganz plötzlich den Bach runter. Manchmal wächst es mir ganz einfach über den Kopf, der ganze Kram mit Freundinnen und Schule und wie ich aussehe und mit meinen Eltern. Dann gehe ich einfach in mein Zimmer und mach die Tür zu. Meine Eltern wollen mit mir reden, und eigentlich will ich nicht fies sein, aber manchmal muss ich einfach abhauen und mich erst mal beruhigen.«

Das heißt nicht, dass alle Jugendlichen gleich wären. Viele Eltern bestätigen, dass zumindest eines ihrer Kinder – oder, wenn die Götter es gut mit ihnen meinen, auch mehrere – die schwierigen Jahre ohne größere Probleme hinter sich gebracht hat. Aber bei den meisten Teenagern, die mit einer gesunden Neugier ausgestattet sind und sowohl emotional als auch körperlich und hormonell Neuland betreten, geschieht in der Regel irgendetwas – nichts Schlimmes, nichts Kriminelles, aber etwas, das zu spüren ist.

»Ich streite mich jetzt viel öfter, aber eigentlich meine ich es gar nicht so«, sagte der fünfzehnjährige Martin. »Ich vergesse, zu Hause anzurufen. Keine Ahnung, warum. Ich hänge bloß mit meinen Freunden herum, unterhalte mich mit ihnen und vergesse es einfach. Dann drehen meine Eltern durch, anschließend drehe ich durch, und das Ganze ist ein einziger Kuddelmuddel.«

Was ist eigentlich los?

Was passiert da eigentlich? Wie kommt es, dass ganz normale, wohlerzogene Teenager sich schmollend in ihr Zimmer zurückziehen, nachts aus dem Fenster steigen, laut herumtrampeln oder im Schullabor LSD herstellen? Seit Jahren schien es darauf eine einfache Antwort zu geben: Hormone, die Hormonwallungen der Pubertät.

Ich weiß noch, wie ich vor nicht allzu langer Zeit – meine Tochter kam in die sechste Klasse – zu einem Elternabend in die Schule ging. Der weißhaarige Rektor erntete herzliches Gelächter, als er den nervösen Eltern, die auf Klappstühlen vor ihm saßen, erklärte: »Keine Angst, wir wissen ganz genau, dass das Wachstum in den Mittelstufenjahren weitergeht – vom Hals an abwärts.«

Damit hatte er nur teilweise Recht. Die Entwicklung vom Hals an abwärts ist bei Teenagern nicht zu übersehen, keine Frage. Das Testosteron bricht sich männliche Bahn,...

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