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Was Christen glauben

20 Antworten für kritische Zeitgenossen

AutorWolfgang Beinert
VerlagVerlag Friedrich Pustet
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl376 Seiten
ISBN9783791760209
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis19,99 EUR
Manche sind leicht gläubig. Die meisten aber erachten Glauben als schwieriges Unterfangen und stellen sich Fragen - untermauert durch die Theodizeeproblematik: Wie reimt sich die Hypothese 'Gott' mit der Realität 'Leid'? Woher kommt das Böse? Glauben ist jedenfalls zu bedenken, Christentum zu reflektieren. Mit umfassender sachlicher wie historischer Kenntnis stellt der Autor 25 Grundthemen vor, erörtert diese und liefert Denkanstöße. Stichworte sind z. B. Vernunft, Wunder, Welt, Kirche, Religionen, Trösten, Engel. Übersichten und ein Register ergänzen den Band.

Wolfgang Beinert, Dr. theol., geb. 1933, war Professor für Dogmatik an der Theologischen Fakultät der Universität Regensburg.

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2 WIRKLICHKEIT „Meinen Sie das wirklich?“ Diese Frage stellt einen fundamentalen Bezug her zwischen der vom Angefragten („Sie“) vertretenen These („das“) und der Wirklichkeit. Der Fragende unterstellt dem Dialogpartner die Ansicht, was er sage, das sei tatsächlich so – und lässt gleichzeitig anklingen, dass er selber dieses Urteil nicht zu teilen vermöge, jedenfalls im Augenblick nicht, da er das Wort ergreift. Er bezweifelt aus welchem Grund auch immer, „das“ sei so, wie es vom Gesprächspartner behauptet wird. Ein Dissens ist entstanden oder jedenfalls ist der Konsens suspendiert. Der Dialog soll dennoch weitergehen, sonst würde das Bedenken nicht in Frageform geäußert – wobei wir hier unsererseits annehmen, dass die Frage nicht bloß rhetorisch ist oder eine Verkleidung der Überzeugung, „das“ sei Un-Sinn. Gesucht wird mithin Übereinstimmung – die verschiedene Grade haben kann. Sie kann sich nur beziehen auf die zur Debatte stehenden Tatsachen. Zwischen ihnen und der Aussage (möglichst beider Gesprächsteilnehmer) soll Übereinstimmung herrschen. Die Angleichung der Aussage und der Wirklichkeit aber nennt man Wahrheit. Sie ist, so die mittelalterliche Terminologie, adaequatio intellectus et rei. Ist dieser Gleichklang bei den Disputanten nicht da, differieren sie entweder in der Wahrnehmung der Wirklichkeit (res) oder in der Kapazität ihres jeweiligen Verständnisses (intellectus). Damit aber erheben sich die Fragen:

  • Was ist Wirklichkeit?
  • Welche Kapazität hat der Verstand?

WAS IST WIRKLICHKEIT?


Die erste Frage soll hier besprochen werden, die zweite ist dem Folgekapitel vorbehalten. Was also ist Wirklichkeit? Das deutsche Substantiv kommt von wirken und bedeutet ursprünglich Tätigkeit, Einfluss, Aktivität10. Im 16. Jahrhundert nimmt es die Bedeutung an von tatsächliche Existenz, Realität. Dieses letzte Wort seinerseits hat die Wurzeln im Lateinischen: Realitas ist die Beschaffenheit, die wahrhaftige Tatsache. Abgeleitet ist die Vokabel von res = Sache. Im Begriff Wirklichkeit steckt also Potenz, Vermögen, Mächtigkeit und Wahrhaftigkeit, Verlässlichkeit, Existenz. Was wirklich ist, übt auf uns Einfluss aus, hat Schaffenskraft und ruft Wirkungen hervor. Dazu ist es fähig und geeignet, weil es existiert. Die Existenzaussage kann sich beziehen auf einzelne Seiende (diesen Tisch, das heutige Wetter) und auch auf das Sein als solches. Das Gegenteil von Wirklichkeit, die Unwirklichkeit, Irrealität, ist also entweder das Nichtseiende oder das Nichts schlechthin. Die Wirklichkeit ist, kurz gesagt, alles, was existiert. Und weil sie das allem Augenschein nach verlässlich tut, bildet sie den Rahmen unserer Existenz wie auch die Bedingung aller Tätigkeiten unseres Lebens. So wie die Dinge liegen, wäre es beispielshalber irreal, höchst gefährlich, ja lebensbedrohend, giftige Stoffe zu sich zu nehmen oder ungesichert von einer hohen Brücke zu springen. Die Dinge sind eben so, dass ein Mensch nur existieren kann, wenn er den biologisch-medizinischen Regeln und den Naturgesetzen gehorcht, die lebenserhaltend sind – also wenn er gesund lebt, und wenn er die physikalischen Bedingungen wahrt, die ihn einen Sprung unversehrt überstehen lassen.

Was vorhin schon anklang, tritt jetzt deutlich in unser Gesichtsfeld: Wirklichkeit hat etwas zu tun mit Verlässlichkeit und Wahrheit. Wenn man also sicher sein und sicher gehen will, muss man sorgsam erkunden, was wirklich wirklich ist. Täuschen wir uns über die Wirklichkeit, ist das sehr gefährlich; das Leben kann daran hängen. Man benötigt daher ein Instrument der Überprüfung, eine Nachweismöglichkeit, dass jemand sein Vertrauen darauf setzen kann, etwas (oder alles sogar) sei real, bzw. möglicherweise damit rechnen muss: Etwas real Scheinendes ist es nicht. Am nächstliegenden dünkt es uns zu sein, sich auf das zu verlassen, was die Sinne uns an Erkenntnismaterial liefern und was wir dann mittels des Verstandes objektivieren, interpretieren und verifizieren können. Dann kann man etwa feststellen: „Was hier vor mir liegt, ist ein Karton, der 98 cm lang, 50 cm breit und 15 cm hoch ist; er ist gefertigt aus Pappe und von mittelbrauner Farbe“. Dieser konkrete singuläre Gegenstand wird der Sachgruppe Karton zugeordnet – womit eine ganze Menge Aussagen vorausgesetzt sind (z. B. dreidimensional, von bestimmter Stabilität, Gebrauchsgegenstand, Verpackungsmaterial usw.) – und spezifiziert durch Angaben über Größe, Material und Farbe, die auf einen bestimmten, nicht auf jeden Karton zutreffen. Jedermann kann sich von der Richtigkeit der Angaben überzeugen, indem er sich erst einmal aufgrund seiner Erfahrung und Kenntnis der Feststellung anschließen kann, dieses hier sei ein Karton, und indem er dann mittels Maßband, Materialprüfung und einer Farbskala nachprüft, dass die Spezifikationen der Fall sind. Dann kann er bestätigen: Ja, das hier ist ein Karton, der die angegebenen Eigenschaften besitzt. Natürlich nicht immer unter Anwendung so pedantischer Akribie, aber im Prinzip leben wir nach diesem Muster und vergewissern uns so, dass es so ist, wie es ist, dass wir also in der Wirklichkeit leben. Wirklichkeit ist in diesem allgemeinen und ersten Verständnis die empirische Realität von Raum und Zeit, sofern sie vom Verstand mit einem objektiven Urteil erfasst und bestätigt wird.

Doch damit haben wir noch nicht den Gesamtbereich des Wirklichen ausgemessen. Ganz augenscheinlich gibt es Wirklichkeit(en), auf welche diese Definition nicht passt, die aber unbestrittene Wirklichkeit(en) ist (sind). Der Redner in einem Saal sieht sicher seine Hörerinnen und Hörer und kann eine ganze Menge von treffenden Aussagen über sie machen, er weiß aber überhaupt nicht, was sie denken, was sie von seinen Ausführungen halten, ob ihre Gedanken gar ganz woanders sind. Allenfalls merkt er es am Schluss am Applaus oder dem Scharren des Auditoriums. Mit dem Sehen hört die Empirie auf – alles andere ist mit keinem materiellen Instrument direkt und ganzinhaltlich zu registrieren. Doch es ist wirklich! Mehr noch: Ein Zuhörer könnte mit seinen Gedanken beim letzten Urlaub weilen und sieht vor seinem geistigen Auge den herrlichen Strand mit Palmen am blauem Meer, in welchem er gebadet hat. Eine Zuhörerin beschäftigt sich damit, was sie heute noch einkaufen muss und geht vielleicht in Gedanken die Regalreihen des Supermarktes ab, wo die nötigen Waren liegen. In diesen Fällen handelt es sich um Dinge, welche als Vergangene nicht mehr (Urlaub) oder als zukünftige noch nicht (Einkauf) empirisch überprüft werden können – doch auch sie sind wirklich. Eine wichtige Erfahrung „unwirklicher“ Wirklichkeit, die wohl alle Menschen in größerer oder geringerer Intensität erleben, ist die Liebe. Im Hörsaal sitzt ein junges Mädchen, das immer wieder abgelenkt wird: Gern wollte es hören, was der Referent Spannendes verbreitet, aber dann steht ihm sein Freund vor Augen; die junge Frau kann nicht anders und nichts anderes als an ihn zu denken, an die Freude der letzten Begegnung und die Verheißung der heutigen … Nichts Wirklicheres gibt es für sie – aber überprüfbar ist gar nichts im Moment des Vortrags. Je genauer wir uns mit der Wirklichkeit beschäftigen, umso dringender verschafft sich die Frage Geltung: Was alles ist wirklich Wirklichkeit?

Nach den eben angestellten Betrachtungen steht fest: Wirklichkeit ist mehr als das nur empirisch Wahrnehmbare. Die Feststellung wird noch plastischer, wenn wir an die dynamische Komponente denken: Wirklichkeit ist Wirkendes. So verstanden ist Wirklichkeit alles das, was auf den konkreten Menschen ändernden, aktiven, lebendigen Einfluss ausübt, weshalb wir dann, mit anderen Worten, sagen können, dass er ein realistischer Mensch ist. Das aber ist weitaus mehr als das den Sinnen direkt oder indirekt Vorhandene und Zugängliche. Dieses Mehr ist aber beileibe nicht nur die (erinnerte) Vergangenheit und die (projektierte) Zukunft. Das sind z. B. auch geistige Beziehungen (Vorbildpersönlichkeiten), für die eigene Existenz übernommene Wertvorstellungen (das Gute tun, das Böse lassen), kulturelle Prägungen (Musik, Kunst), individuelle Vorlieben (Hobby). Was nicht vergessen werden darf: Wir haben überdies Erfahrungen der Unbedingtheit, des Ursprungs, der Existenzerschließung, der angenommenen Geborgenheit, der fraglosen Sinnhaftigkeit in offenkundiger Sinnlosigkeit, der Unverbrüchlichkeit, der Verlässlichkeit … Sie kommen darin überein, dass der sie Erfahrende sie wahrnimmt als etwas die Empirie vollständig Übersteigendes, als metaempirische Transzendenz, und als etwas Absolutes, als unbegründet Allbegründendes. Man muss solche Erfahrungen nicht immer haben. Man braucht sie auch bis zu diesem Moment noch nicht gehabt zu haben. Vielleicht macht man sie erst in einer Lebensstunde, die noch nicht gekommen ist. In der griechischen Philosophie sprach man von tà metà tà physiká, von den Dingen, die hinter den empirischen Dingen sind – woraus im Deutschen die Metaphysik geworden ist. Das metá bezog sich auf das Übersteigende. Man kann es aber auch einmal so deuten: Das Metaphysische ist das, was dergestalt hinter der Empirie steckt, dass es diese oft verbirgt, versteckt, unsichtbar werden lässt – manchmal meint man, es sei nur eine Chimäre, also letztendlich bar der Wirklichkeit, unwirklich. Doch das scheint...

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