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Was Google wirklich will

Wie der einflussreichste Konzern der Welt unsere Zukunft verändert - Ein SPIEGEL-Buch

AutorThomas Schulz
VerlagDeutsche Verlags-Anstalt
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl336 Seiten
ISBN9783641174309
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Exklusive Einblicke in den mächtigsten Konzern der Welt
Ob Smartphone, Internetsuche oder Navigation - Google ist unser Tor zur Welt. Zugleich gilt Google als übermächtig und unersättlich. Vor allem in Deutschland kämpft der Konzern mit Imageproblemen, nun will auch die EU gegen ihn aktiv werden. Doch Google hat begonnen, sich zu wandeln. Die Konzernführung glaubt fest daran, die Welt durch Technologie zum Besseren verändern zu können, und baut das Unternehmen Schritt für Schritt zu einer Zukunftsmaschine um. In den Laboren und Forschungsabteilungen wird an selbstfahrenden Autos, Quanten-Computern, Krebstherapien und einem Drohnen-Lieferservice aus der Luft gearbeitet. Google-Software wird bald nicht mehr nur Smartphones, sondern auch Autos, Haushaltsgeräte und sogar selbst entwickelte Roboter steuern. Satelliten und Ballons an der Weltraumgrenze sollen den ganzen Planeten mit Internet versorgen.
Thomas Schulz, der Silicon-Valley-Korrespondent des SPIEGEL, liefert in seinem Buch eine einmalige Nahaufnahme des mächtigsten Konzerns der Welt. Er verfügt über exklusive Zugänge in das sonst so verschwiegene Unternehmen und bietet Einblicke in dessen Geheimlabors und die Denkweise der Unternehmensführung. Sein Buch ist ein dringend nötiger Beitrag zu einer hochbrisanten, oft emotional geführten Debatte um unsere Daten und die digitale Zukunft.


Thomas Schulz, geboren 1973, berichtete fast ein Jahrzehnt als Korrespondent für den SPIEGEL aus den USA: Zunächst ab 2008 aus New York, bevor er 2012 nach San Francisco wechselte, um die SPIEGEL-Redaktionsvertretung im Silicon Valley aufzubauen. Als SPIEGEL-Reporter schreibt Schulz seit dem Frühjahr 2018 über Risiken und Chancen des Fortschritts sowie die Auswirkungen der digitalen Revolution auf Gesellschaft, Politik und Kultur. Er ist ausgezeichnet mit dem Henri-Nannen-Preis, dem Holtzbrinck-Preis für Wirtschaftspublizistik sowie als Reporter des Jahres. Bei DVA erschien 2015 sein vielbeachteter und hoch gelobter Wirtschaftsbestseller »Was Google wirklich will«.

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Leseprobe

1
Die Grundlagen: Aus dem Studentenwohnheim zur Supermacht

Das Hauptquartier von Google liegt im Zentrum des Silicon Valley, nur wenige hundert Meter von der Bucht von San Francisco entfernt, am Rande der Kleinstadt Mountain View. Die Firmenzentrale ist umgeben von – nichts. Das Silicon Valley hat keinen Mittelpunkt, keine zentrale, pulsierende Energie. Es ist das Gegenteil der gleißenden Fassaden von Shanghai, der beeindruckenden Skyline des Finanzviertels von Manhattan und all den anderen Machtzentren der Welt, wo es selbstverständlich ist, dass Geld und Einfluss so eindrucksvoll wie möglich präsentiert werden: mit hochaufragenden Bürotürmen, mit Trutzburgen aus Marmor, mit riesigen, bewachten Anlagen aus Glas und Stahl. Das Silicon Valley dagegen wirkt oft wie ein Gewerbegebiet in Süd-Hannover. Nicht wenige Besucher, die zum ersten Mal zum Google-Hauptquartier kommen, fragen sich, ob sie am falschen Ort gelandet sind, bei einem Außenposten vielleicht, in einer unwichtigen Zweigstelle. Denn erwartet wird zwangsläufig Gigantisches, eine Zentrale, so überbordend wie der Einfluss und die Ambitionen des Konzerns, zumindest aber repräsentativ für die sich anhäufenden Milliardengewinne. Stattdessen aber besteht das Google-Hauptquartier aus einigen Dutzend gesichtsloser Glas- und Betonwürfel, keiner höher als drei, vier Stockwerke. Es ist eine Ansammlung von nichtssagenden, kastenförmigen Gebäuden, architektonisch höchst trivial. Es gibt keine imposante Auffahrt, keinen Haupteingang oder eine zentrale Lobby, noch nicht einmal ein großes Schild, an dem sich erkennen ließe: Hier geht es rein. Auch eine Sicherheitszone fehlt: Tore und Schranken, Wächter und hohe Zäune, wie man sie von nahezu jedem Weltkonzern kennt, sind nirgends zu finden.

In der Mitte der Anlage liegt dafür zwischen einigen Gebäuden ein kleiner Platz mit Sonnenschirmen, bunten Stühlen und einem Beach-Volleyballfeld, auf dem schon morgens um acht Uhr reger Betrieb herrscht. Es ist der einzige Indikator, dass hier irgendwie das Zentrum sein muss. Die Anlage, genannt Googleplex, verteilt sich über mehrere Straßenzüge, sie ist so weitläufig, dass die Fußwege zwischen einzelnen Gebäuden mitunter eine halbe Stunde betragen. Deswegen parken vor allen Eingängen bunte Hollandräder in den Google-Farben: Den ganzen Tag über strampeln Mitarbeiter über das Gelände von Meeting zu Meeting. Zur Mittagszeit drängen Tausende hinaus in die kalifornische Sonne, ein dichtes Gewusel fast ausschließlich junger Menschen, kaum jemand scheint älter als 40. Sie sammeln sich unter Wacholderbäumen und Palmen, sitzen in frisch gemähtem Gras. Im Silicon Valley fühlt sich auch der Januar nach Frühling an. Salzige Meeresluft weht aus der Bucht herüber. Manchmal vermischt mit dem Geruch von Marihuana. Das vermeintliche finstere Zentrum des digitalen Kapitalismus fühlt sich manchmal an wie linksalternativer Unicampus.

In den Büros hängen Plakate von Tierschutzverbänden an den Wänden. Zum Mittagessen gibt es Tofu, und dabei wird diskutiert, wie sich die Welt verbessern lässt. Eine Zeitlang fingen Meetings immer um sieben nach der vollen Stunde an, so wie an den Universitäten Vorlesungen immer erst einige Minuten nach der vollen Stunden beginnen. Auf der Herrentoilette hängen über den Pissoirs in Augenhöhe kurze Programmier-Tipps oder Denksport-Aufgaben. Wer im Anzug oder, noch schlimmer, mit Krawatte auftaucht, wird sofort als ahnungsloser Besucher aus Europa oder Banker identifiziert. Die Bürouniform besteht aus T-Shirt, Fleecepulli und Turnschuhen, gerne auch aus Barfuß-Laufschuhen oder Flip-Flops.

Oft wird vergessen, dass der Aufstieg der heute wichtigsten Silicon-Valley-Unternehmen zu globalen Riesen zumeist erst nach der Jahrtausendwende begann. Lange fehlten den Unternehmen nicht die Ambitionen, sondern Geld und Zeit, um sich repräsentative Hauptquartiere zu bauen. Das ändert sich gerade. Apple-Gründer Steve Jobs etwa gab wenige Wochen vor seinem Tod noch ein letztes Wunderwerk in Auftrag. Er wusste, es würde sein Vermächtnis sein, ein Symbol seines Wirkens und Ausdruck kreativer Weltherrschaft: ein neues Hauptquartier für Apple, entworfen von Stararchitekt Norman Foster. »Das beste Bürogebäude der Welt«, verkündete Jobs bei der ersten Präsentation der Pläne vollmundig, »ein bisschen wie ein Raumschiff.« Es wird zumindest wohl der teuerste jemals gebaute Firmensitz der Welt sein, ein gigantischer kreisrunder Monolith für fünf Milliarden Dollar, kostspieliger als der zehn Jahre währende Wiederaufbau des World Trade Centers in New York. Ende 2016 soll das Gebäude fertig sein.

Mark Zuckerberg, Facebook-Chef mit der Vision, die ganze Menschheit online zu vernetzen, beauftragte den nicht minder berühmten Architekten Frank Gehry, ein neues Hauptquartier zu schaffen. Natürlich ist auch dies nicht irgendein Gebäude, sondern »die größte offene Bürofläche der Welt«, wie Zuckerberg sagt, ein immenser Raum für 3400 Facebook-Mitarbeiter. Das Gebäude selbst verschwindet in der Landschaft, bedeckt von Bäumen und Wiesen. »Von außen soll es aussehen wie ein Hügel in der freien Natur«, sagt Zuckerberg über die im Frühjahr 2015 eröffnete Erweiterung. Nvidia, einer der wichtigsten Chip-Hersteller der Welt, konstruiert einen enormen Firmensitz, halb Fußballstadion, halb Flughafenterminal: zwei Dreiecke aus Glas und Stahl, der Computerchip dient als Vorlage. Amazon-Chef Jeff Bezos, ebenfalls wirtschaftlichen Weltherrschaftsplänen nicht abgeneigt, lässt unterdessen das erste Biosphären-Hauptquartier der Welt errichten: drei Kuppeln aus Glas und Stahl, jeder ein künstliches Ökosystem mit eigenem Mikroklima und entsprechender botanischer Zone. Die Biosphären-Büros, erstellt vom preisgekrönten Architekturbüro NBBJ, werden im Schatten eines dazugehörigen Wolkenkratzers in Seattle stehen, der künftig die Skyline der Stadt dominieren soll.

Auch Google will seinen Campus nun erheblich erweitern und gleich neben dem aktuellen Googleplex auf knapp 25 Hektar eine Firmenzentrale mit mehr Symbolwert errichten. Im Frühjahr 2015 präsentierte Google den Entwurf für ein radikales Design der Architektenfirmen Bjarke Ingels Group und Heatherwick Studio, das »Bloomberg Business Week« als »gigantisches menschliches Terrarium« bezeichnete. Dabei sollen quasi alle grundlegenden architektonischen Konzepte, von Wänden über Treppen bis hin zu Dächern neu gedacht werden. Vier Zirkuszelt-ähnliche, modulare Gebäude mit riesigen Glasfassaden, gestützt auf hohe Stahlsäulen sollen zehntausend Mitarbeitern auf enormen, offenen Flächen Platz bieten. Höhenunterschiede sollen über Rampen überwunden werden, damit man mit dem Fahrrad bis zum Schreibtisch fahren kann. Nebenan sollen mehrere tausend Wohnungen entstehen.

Erst zu Beginn des nächsten Jahrzehnts werden all die neuen Hauptquartiere fertig sein. Aber die Details und Designs sind dank städtischer Planverfahren öffentlich einzusehen, illustriert mit genauen Computersimulationen, Kostenaufstellungen und Blaupausen. Dabei wird schnell klar: Für die Zukunft werden es die einfachen Betonwürfel nicht mehr tun. Erwünscht sind architektonische Techno-Visionen als Reflexion der digitalen Dominanz, Ausdruck der ökonomischen und kulturellen Vormachtstellung, die das Silicon Valley und seine Anführer immer offener für sich beanspruchen.

Für Google liegt die Symbolik allerdings nicht in Marmor und Eleganz, sondern in maximaler Effizienz. Der Konzern trifft keine Entscheidung ohne aufwendige Datenanalyse, auch nicht in der Frage, wie Büros und Arbeitsumfeld strukturiert sein müssen. Die Daten zeigen etwa, dass Wolkenkratzer schlecht für die Produktivität sind. Stattdessen sollten Bürogebäude sich stets in die Breite und nicht in die Höhe erstrecken. Nur so kann die perfekte Ideenschmiede entstehen, die optimale räumliche Umgebung für den möglichst produktiven digitalen Arbeiter, der weltverändernde Erfindungen am laufenden Band produziert. Denn die Daten zeigen, dass nur wer kollaboriert, wirklich kreativ ist. Also müssen möglichst alle Abgrenzungen verschwinden, seien es Stockwerke oder Wände. Einzelbüros gibt es kaum noch, nicht einmal für Führungskräfte. Die offene Spiel- und Denkfläche ist die dominierende Grundform der Digitalwirtschaft. »Das alles beruht auf Verhaltenswissenschaft«, sei belegt durch zahlreiche Studien, sagt Hao Ko, Design-Direktor im Architekturbüro Gensler und zuständig für die neue Nvidia-Zentrale. Es geht darum, »eine Umgebung herzustellen, in der man sich ständig begegnet, spontane Unterhaltungen entstehen«, in der sich Manager nicht hinter verschlossenen Türen verstecken können. Mitarbeiter auf derselben Etage sähen sich praktisch jeden Tag, sagt Ko. Bei unterschiedlichen Stockwerken so gut wie nie.

Also wird die traditionelle Arbeitswelt auf den Kopf gestellt: Nicht Meetings müssen organisiert werden, sondern Privatsphäre. Dauerhafte Interaktion ist der Standard. Wer ungestört sein will, muss sich darum bemühen. »Jeder sitzt draußen im Offenen mit Schreibtischen, die schnell verschoben werden können, je nachdem, welche Teams sich gerade um Projekte formen«, sagt Everett Katigbak, Design-Manager bei Facebook. Google hat Kaffeeküchen und Aufenthaltsräume in seinen Gebäuden strategisch so verteilt, dass sich Mitarbeiter aus verschiedenen Abteilungen zwangsweise mehrmals täglich über den Weg laufen und sich dann austauschen und hoffentlich neue Ideen entwickeln.

Wer will, kann diese totale Nähe, die fehlenden Barrieren, die Auflösung der individuellen Rückzugsräume als Ausdruck der zweischneidigen digitalen Kultur interpretieren: Das Internet schafft einerseits neue...

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