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E-Book

Was ist den Menschen gemeinsam?

Über Kultur und Kulturen

AutorChristoph Antweiler
Verlagwbg Academic
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl391 Seiten
ISBN9783534704675
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis47,99 EUR
Was verbindet die Menschen unterschiedlicher Herkunft? Was wissen wir über die Charakteristika, die alle Kulturen miteinander teilen? Gibt es Universalien, also Eigenschaften oder Einstellungen, die immer und überall eine Bedeutung haben? Was kann eine interkulturell vergleichende Sicht für ein wissenschaftlich fundiertes Menschenbild leisten und wo sind ihre Grenzen? Das Buch bietet einen Überblick der Theoriediskussion und eine Zusammenschau der empirischen Kenntnisse über Universalien. Die Befunde insbesondere der Ethnologie als vergleichender Kulturanthropologie und dazu Erkenntnisse anderer Humanwissenschaften ergeben zusammengenommen ein Bild, das verdeutlicht, was Kultur jenseits von Differenz sein kann. Der interdisziplinäre Ansatz ermöglicht so eine neue Sichtweise auf alte philosophische Fragen, die im Zeitalter des ?Kampfes der Kulturen? hochaktuell sind.

Christoph Antweiler, geb. 1956, ist Professor für Ethnologie an der Universität Trier, verschiedene Publikation zu Ethnologie und Philosophie, z.B. zum Rationalitätsbegriff.

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Leseprobe

Einführung


Menschen sind vielschichtige Naturwesen in vielschichtigen Sozialgefügen.

Christian Thies, 2004

Zusammenfassung „in a nutshell“

Journalisten bitten Autoren oft, ihr Buch in einem Satz zusammenzufassen. Angesichts dieses umfangreichen Buchs gönne ich mir drei Sätze: Es existiert eine enorme Vielfalt zwischen und innerhalb der Kulturen der Menschen, aber es gibt dennoch viele Phänomene, die in allen Gesellschaften regelmäßig vorkommen. Diese Gemeinsamkeiten gründen teilweise in der Natur des Menschen; teils haben sie aber auch andere, soziale, kulturelle und systemische Ursachen. Wir brauchen Kenntnisse über die Universalien der Kulturen für eine empirisch fundierte Humanwissenschaft und dieses Wissen ist auch politisch relevant für realistische Lösungen menschlichen Zusammenlebens.

Universalien und Vielfalt

Universalien sind nicht einfach das Gegenstück zur Vielfalt der menschlichen Gesellschaften. Wirklich interessant werden Universalien erst, wenn man sie als Muster vor dem Hintergrund der Diversität menschlicher Daseinsgestaltung sieht. Die Erforschung von Universalien bietet eine besonders fruchtbare Perspektive auf die so genannte Natur des Menschen. Sie bietet einen Zugang, der den Mittelweg zwischen spekulativen Ansätzen und Wunschdenken einerseits und theorielosem Aufsammeln von vermeintlichen Ähnlichkeiten andererseits sucht. Mich interessiert ein nichtmetaphysischer Zugang zur Frage nach dem Menschen. Das leitende Credo ist, dass man erstens den Menschen weder auf Natur noch auf Kultur reduzieren kann und dass zweitens Kultur nicht auf Geistiges begrenzt werden kann, sondern etwas inhärent Soziales ist. Das Buch soll als Beitrag zu einer Anthropologie dienen, die einen kleinsten gemeinsamer Nenner für das Gespräch zwischen denjenigen Wissenschaften abgeben kann, die sich mit Menschen befassen. Anthropologie fasse ich auf als „… Frage nach den Möglichkeiten des Menschen – und nach seinen Grenzen im Menschenmöglichen.“ (Hauschild 2005b:61) So verstanden bietet Universalienforschung einen Beitrag zu einer Humanwissenschaft im umfassenden Sinn, zu einer empirisch orientierten, dabei aber theoriegeleiteten Anthropologie als Wissenschaft vom „ganzen Menschen“.

Ich glaube, dass die Faszination durch die Vielfalt der kulturellen Varianten dazu verführt, die Gemeinsamkeiten zwischen Kulturen auszublenden. Dies geht mir selbst so: Ich befasse mich hier mit menschlichen Universalien, aber mich beeindruckt nach wie vor zunächst die Vielfalt – sowohl die Vielschichtigkeit zwischen Personen und innerhalb der Individuen als auch das Kaleidoskop der Kulturen. Dieses Buch ist ein Plädoyer dafür, Menschenbilder explizit zu machen, sie empirisch zu untermauern und dafür Ansätze der Universalienforschung aus ganz verschiedenen Fächern zu nutzen. Das bedeutet nicht, sich selbst, andere Menschen oder Kulturen nur noch als Vertreter eines Allgemeinen zu sehen. Ich meine aber, dass die gegenwärtigen Geistes- und Kulturwissenschaften recht einseitig auf die Besonderheiten einzelner Kulturen oder Subkulturen konzentriert sind. Kulturelle Unterschiede, die oft einfach feststellbar sind, können blind machen für weniger offensichtliche Ähnlichkeiten, eine Gefahr, die Robin Fox treffend als „ethnographic dazzle“ bezeichnete (Fox 1980, nach Fox 2005:2,11). Eine ultrarelativistische Fokussierung auf kulturelle Unterschiede verabschiedet sich allzu leichtfertig vom Universalmenschlichen.

Universalien und kosmopolitischer Humanismus

Wissenschaftler erforschen bestimmte Phänomene nicht nur aus dem Motiv, etwas wissen zu wollen, sondern ihre Erkenntnisinteressen gehen weiter. Daher gibt es auch außerwissenschaftliche Motive, die einen Autor in Fallen tappen lassen können; und davon hält das Thema Universalien einige bereit. Wenn man Gleichheiten oder Familienähnlichkeiten zwischen Kulturen findet, besteht die Möglichkeit, auf dieser Basis gezielt weitere Gemeinsamkeiten auszubilden (Welsch 2006:122). Eine Gefahr liegt hier aber darin, bestimmte Universalien herbeizuwünschen statt sie nachzuweisen. Für politische Institutionen kann die Idee, die Menschheit als kosmopolitische Interessensgemeinschaft zu begreifen, verführerisch sein. Ein Beispiel hierfür ist das gerade in der deutschen Entwicklungspolitik so gängige Motiv der „Einen Welt“, das als humanistische Version einer Ethik der planetaren Verantwortung durchaus als Handlungsanweisung wirksam wird. Angesichts der Sorge vor kultureller Zersplitterung und der Problematik einer galoppierenden Globalisierung ist die Suche nach Universalien, die Argumente gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus liefern, nur zu verständlich. Wenn weltweit eine Ideologie des Individualismus und der Konkurrenz verbreitet wird, besteht bei Kritikern die Tendenz, gegenläufige Normen oder Motive universell unbedingt nachweisen zu wollen. Gesucht wird dabei vor allem nach positiv bewerteten Eigenschaften des Menschen oder aller Kulturen, wie Sozialität und Altruismus.

Universalien und Ethnologie

Als Fach entstand die Völkerkunde um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Wissenschaftsgeschichtlich geht sie vor allem zurück auf die seit der Aufklärung virulent gewordene Frage, wie man die Vielfalt der Kulturen auf nichttheologische Weise erklären kann. Auch im Mittelpunkt der heutigen Ethnologie als moderner Völkerkunde steht zunächst die Vielfalt menschlicher Kulturen. Nach wie vor ist das Fach primär mit kulturellen Besonderheiten und kultureller Diversität befasst. Angesichts der in vielen Fächern und Medien verbreiteten Spekulationen über Universalien kann die Ethnologie demzufolge eine kritische und empirische Perspektive auf das Thema bieten und Behauptungen über Universalien mit kulturvergleichend geschulter Brille prüfen.

Im deutschen Sprachraum widmeten sich im 19. Jahrhundert und noch bis zum Zweiten Weltkrieg etliche Größen der Ethnologie dem Thema Universalien, z.B. Adolf Bastian (1826-1905) und Wilhelm E. Mühlmann (1904-1988). Heutzutage gibt es dagegen nur sehr wenige deutsche Ethnologinnen und Ethnologen, die sich mit Universalien befassen oder befassten, etwa Andreas Bruck, Thomas Hauschild, Hans-Jürgen Hildebrandt, Jürgen Jensen, Klaus E. Müller, Joachim W. Raum, Wolfgang Rudolph, Justin Stagl und Peter Tschohl. Die wenigen neueren Studien befassen sich mit Universalien zumeist im Zusammenhang mit einer Kritik an allzu konsequenten bzw. extremen Formen des Kulturrelativismus. Das einzige mir bekannte größere Forschungsprojekt zu Universalien in der Ethnologie in Europa war ein zweijähriges österreichisches Projekt „Menschliche Universalien und Kulturgeschichte“, das von Karl R. Wernhart geleitet und von Marie-France Chevron bearbeitet wurde (Chevron & Wernhart 2000/2001, Chevron 2004: bes. 398-422).

Eine Fokussierung auf kulturelle Besonderheiten und methodisch auf Fallstudien, eine Essentialisierung von Differenz, ist für die klassische Ethnologie kennzeichnend. Die Präponderanz kultureller Unterschiede gilt nicht nur für die deutschsprachige Ethnologie, sondern kennzeichnet das internationale Erscheinungsbild des Fachs. Diese Haltung erschwert innerhalb der Ethnologie eine so breit angelegte Studie. Völkerkundler haben immer wieder universalistische Interessen gezeigt und der Kulturvergleich, der sich für das Aufspüren von Universalien hervorragend eignet, war von Anbeginn eine Säule der Disziplin. Im Alltagsgeschäft ist das Fach aber auf partikularistische Fragestellungen konzentriert, die mit einem „mikroskopischen“ Methodenansatz untersucht werden. Die partikularistische Sicht enthält aber uneingestanden selbst schon die Suche nach allgemeinen Mustern, da Ethnologen primär nicht an Details als solchen, sondern an Mustern und Regelhaftigkeiten interessiert sind, wenn auch auf der Ebene einzelner Gesellschaften (Fox 2005:9ff.). Selbst Beschreibungen einzelner Kulturen sind implizit komparativ und beschäftigen sich damit indirekt mit Universalien, indem sie Lebensweisen in bestimmten (fremden) Kulturen den Mitgliedern anderer, meist westlicher, Kulturen erklären (Peacock 2001:96).

Die Fixierung auf Partikuläres und auf kulturelle Unterschiede prägt auch die Wahrnehmung des Fachs in der Öffentlichkeit. In Medien und Populärkultur steht die Ethnologie fast ausschließlich für Fremdes, Befremdendes und Exotik (Antweiler 2005a:4652, Schönhuth 2005:83-88). Das gilt...

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