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Wenn andere uns die moralische Hintertür öffnen. Eine Untersuchung zu Vicarious Moral Licensing

AutorLucas Senzel
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl154 Seiten
ISBN9783668267442
FormatPDF/ePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis39,99 EUR
Diplomarbeit aus dem Jahr 2015 im Fachbereich Psychologie - Sozialpsychologie, Note: 1,0, Philipps-Universität Marburg (Psychologisches Institut), Sprache: Deutsch, Abstract: Der Effekt, dass Menschen infolge einer moralisch guten Tat vermehrt unmoralisch handeln, wird als Moral Licensing bezeichnet und durch eine Reihe empirischer Untersuchungen gestützt. Gleiches gilt für den entgegengesetzten Effekt, Moral Cleansing, der beschreibt, dass Menschen bestrebt sind, schlechte Taten durch symbolische Handlungen auszugleichen. Für die Übertragung beider Effekte von der individuellen auf die stellvertretende (vicarious) Ebene erschienen in jüngster Zeit Forschungsbefunde, die nahelegen, dass Moral Licensing und Moral Cleansing auch durch das Verhalten anderer Personen ausgelöst werden können. Entscheidend scheint dabei das Gefühl einer geteilten Identität zu sein, wodurch die beobachtete Handlung anderer Personen als selbstvollzogen erlebt wird. Um diese stellvertretende Beeinflussung auf das eigene [un]moralische Verhalten auszudrücken, spricht man in diesem Zusammenhang vom Vicarious Moral Licensing-Effekt und vom Vicarious Moral Cleansing-Effekt. Da es bisher nur wenige empirische Befunde zur Existenz beider Effekte gibt, war es das Ziel der vorliegenden Diplomarbeit, diese anhand eines experimentellen Paradigmas unter Verwendung eines echten Verhaltensmaßes zu erforschen und dabei zusätzlich potenzielle Moderatoren und Mediatoren zu analysieren.

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Leseprobe

3 Methoden


 

Der folgende Abschnitt dient dazu, das methodische Vorgehen zur Untersuchung der zuvor dargelegten Hypothesen zu beschreiben. Dabei werden zunächst die aus der Voruntersuchung gewonnenen Erkenntnisse vorgestellt. Im Anschluss wirddetailliertauf die Hauptuntersuchung eingegangen. Ferner werden neben potenziellen Störvariablen auch die Operationalisierungen der Konstrukte und die zugehörigen Messinstrumente vorgestellt. Das Ende des Abschnitts widmet sich den operationalisierten Hypothesenmitsamt der zu ihrer Überprüfung eingesetzten statistischen Testverfahren.

 

3.1 Voruntersuchung


 

Im Juni 2014 fand eine erste Voruntersuchung statt, welche als Onlinestudie konzipiertwurde. Primäres Ziel war es zu prüfen, ob die für die Hauptuntersuchung geplante Operationalisierung der unabhängigen Variable (UV) geeignet war, die angenommenen Effekte VML und VMC auszulösen. Als Operationalisierung der UVwurde die Darstellung desmoralischen Verhaltens der Gruppe der Deutschen im internationalen Vergleich manipuliert. Da Studienzeigen konnten, dass durch sportliche Großereignisse eine größere Identifikation mit der eigenen Nation erzeugt werden kann (z. B. Mutz, 2012), sollte sich insbesondere durch das positive Abschneiden der deutschen Fußballnationalmannschaft im Rahmen der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien ein substanzieller Anteil der Versuchspersonen mit der Gruppe der Deutschen identifizieren. Als abhängige Variable (AV) fungierte eine Losentscheidung anhand derer das Spendenverhalten der Versuchspersonen erfasst wurde (s. Anhang A.4k).

 

Die Rekrutierung der Versuchspersonen erfolgte vorrangig über den Bekanntenkreis des Autors. Die TeilnehmerInnen bekamen dabei per E-Mail einen Link (https://www.soscisurvey.de/Verst_wiss_Forschung/) zugesandt, welcher sie zu der mithilfedes Softwarepakets SoSci Survey (Leiner, 2014) erstellten Befragung weiterleitete. Insgesamt nahmen 36 Personen an der Untersuchung teil, wobei drei davon aufgrund vorzeitiger Beendigung ausgeschlossen wurden. Die verbleibende Stichprobe von 33 ProbandInnen setzte sich aus 20 Männern (60.61 %) und 13 Frauen (39.39 %) mit einem Altersdurchschnitt von 24.52 Jahren (SD = 3.26, Range: 19 - 34) zusammen. Mit einer Ausnahme gaben alle Versuchspersonen Deutsch als ihre Muttersprache an (s. Anhang A.1).

 

Für die Voruntersuchung wurden drei Versuchsgruppen realisiert. Während den Versuchspersonen der ersten Experimentalgruppe (EG) die moralische Überlegenheit der Gruppe der Deutschensuggeriert wurde (s. Anhang A.4e), erhielten die ProbandInnen der zweiten EG die Rückmeldung, dass die Gruppe der Deutschen in Bezug auf moralische Verhaltensweisen unterlegen sei (s. Anhang A.4f). Weiterhin wurde eine neutrale Kontrollgruppe (KG)realisiert (s. Anhang A.4h).

 

Die Auswertung der im Rahmen der Voruntersuchung gewonnenen Daten erfolgte aufgrund der geringen Stichprobengröße rein deskriptiv und führte zu dem Schluss, die Operationalisierung der UV beizubehalten. In Abhängigkeit der jeweiligen Bedingungen zeigten sich die erwarteten Abweichungen (AV: MEG 1 <MKG<MEG 2) im durchschnittlichen Spendenverhalten der Versuchspersonen (s. Tab. 1). Somit wurde auch die Operationalisierung der AV, trotz der hohen Standardabweichungen, als für die Hauptuntersuchung geeignet eingestuft.

 

Tabelle 1Darstellung des durchschnittlichen Spendenverhaltens in Abhängigkeit der Versuchsgruppe

 

 

Um die Auswirkungen der experimentellen Manipulation auf die AV besser einordnen zu können, wurde für die Hauptstudie eine weitere Kontrollbedingung in das Designaufgenommen. Diese sollte wie in den beiden Experimentalgruppen (EGs), den Gruppenkontext und die Bereitschaft zu moralischem Verhalten thematisieren, ohne dabei das Spendenverhalten der Versuchspersonen zu beeinflussen.

 

3.2 Hauptuntersuchung


 

Durch den folgenden Abschnitt soll ein Überblick über die Datenerhebung im Rahmen der Hauptuntersuchung geliefert werden. Neben dem Untersuchungsdesign wird dabei auch auf die Rekrutierung der Hauptstichprobe eingegangen und der Untersuchungsablauf geschildert. Abschließend erfolgt sowohl die Beschreibung der experimentellen Bedingungen als auch der Operationalisierung der AVvorliegender Untersuchung.

 

3.2.1 Untersuchungsdesign


 

Das Experiment wurde als einfaktorielles Between-subjects-Design ohne Messwiederholung angelegt, wobei die interindividuelle Manipulation des Faktors moralischer Gruppenstatus invier Abstufungen erfolgte. Neben den beiden EGs, bei denen moralischer Gruppenstatus als moralisch überlegen (EG 1) vs. moralisch unterlegen (EG 2) induziert wurde, wurden ferner zwei KGseingeführt. Im Fall von KG 1wurde dermoralische Gruppenstatus als durchschnittlich dargestellt.Zudem wurde mit der KG 2 eine bezüglich des moralischen Gruppenstatus neutral gehalteneVersuchsgruppe realisiert. Diese diente in erster Linie dazu, die beidenentgegengsetzten Effekte VML und VMCim Rahmen der statistischen Analysen voneinander abgrenzen zu können. Folglich ergab sich ein Versuchsdesign mit vier Gruppen (s. Abb. 1).

 

Zur Stichprobenumfangsplanung wurde mithilfe des Computerprogramms G*Power 3.1 (Faul, Erdfelder, Buchner, & Lang, 2009) eine A-priori-Poweranalyse durchgeführt. Diese ergab, dass bei einer angenommenen mittleren Effektgröße (f) von.25, einem Signifikanzniveau (α) von .05 bei zweiseitiger Testung und einer Teststärke (1 - β) von .80 (Rasch, Friese, Hofmann, & Naumann, 2010) 45 ProbandInnen pro Bedingung untersucht werden sollten, um signifikante Befunde zu erhalten (s. Anhang A.2).

 

Die Zuweisung der TeilnehmerInnen auf die Experimental- und Kontrollbedingungen erfolgte randomisiert. Die unterschiedlichen Gruppengrößen resultieren aufgrund zufälliger Zuteilung durch das verwendete Computerprogramm (s. Abb. 1). Als AVwurde das Spendenverhalten der Versuchspersonen erfasst. Die genaue Operationalisierung der experimentellen Bedingungen sowie der AV wird in den Abschnitten 3.2.4 und 3.2.5beschrieben.

 

 

Abbildung 1.Darstellung der randomisierten Zuweisung der Versuchspersonen auf die einzelnen Versuchsgruppen; EG = Experimentalgruppe, KG = Kontrollgruppe.

 

3.2.2 Rekrutierung und Beschreibungder Hauptstichprobe


 

Zur Rekrutierung einer möglichst heterogenen Stichprobe wurde über verschiedene soziale Netzwerke, wie z. B. Facebook, E-Mail-Verteiler und Internetforen auf die Untersuchung aufmerksam gemacht. Um über das eigentliche Forschungsinteresse der Studie hinwegzutäuschen und somit einem möglichen verzerrenden Einfluss auf die Ergebnisse entgegenzuwirken, wurde als Ziel der Studie „die Verständlichkeit und persönliche Relevanz empirischer Forschungsergebnisse“ angegeben. Zur Erhöhung der Teilnahmemotivation wurde den Versuchspersonen der Gewinn eines Amazon-Gutscheins im Wert von 150 Euro in Aussicht gestellt (s. Anhang A.4a bis A.4c). Dieser wurde nach Ablauf der Untersuchung unter allen TeilnehmerInnen verlost.

 

Insgesamt nahmen 281 Personen an der Studie teil. Von 38 Versuchspersonen (13.52 %) wurde der Fragebogen noch vor Erhebung der AV abgebrochen. Weitere sechs ProbandInnen (2.14 %) beendeten die Untersuchung vorzeitig, sodass vollständige Datensätze von insgesamt 237 Personen (Hauptstichprobe)vorlagen.

 

Die Hauptstichprobe setzte sich somit aus 83 Männern (35.02 %) und 153 Frauen (64.56 %) zusammen. Eine Versuchsperson machte keine Angabe in Bezug auf ihr Geschlecht (0.42 %). Das durchschnittliche Alter der teilnehmenden Personen betrug zum Testzeitpunkt 30.30 Jahre (SD = 12.41, Range: 15 - 73). Eine detaillierte Auflistung der soziodemografischen Merkmale der Hauptstichprobe ist dem Anhang unter A.3 zu entnehmen.

 

3.2.3 Untersuchungsablauf


 

Die Datenerhebung der Hauptuntersuchung fandin der Zeit vom 25.08.2014 bis 29.09.2014 mithilfe des speziell für wissenschaftliche Onlinebefragungen konzipierten Softwarepakets SoSci Survey (Leiner, 2014) statt. Den Onlinefragebogen konnten die TeilnehmerInnen über den Link https://www.soscisurvey.de/Senzel/erreichen. Im Anhangbefinden sich Screenshots der einzelnen Seiten, um den Ablauf der Erhebung nachvollziehen zu können (s. Anhang A.4).

 

Nach Aufruf des Webdokuments wurde den TeilnehmerInnen ein kurzerEinleitungstext angezeigt, auf dem das Ziel der Untersuchung vermerkt war. Über den Weiter-Button gelangten sie dann zur eigentlichen Begrüßung der Studie, die wichtige Hinweise bezüglich der Dauer, der Gewinnmöglichkeit eines Amazon-Gutscheins im Wert von 150 Euro und der Anonymität im Rahmen der Erhebung und Auswertung der Daten enthielt. Weiterhin wurden die Versuchspersonen angehalten, die Fragen vollständig und so ehrlich wie möglich zu beantworten. Auf der nachfolgenden Seite konnten detaillierte Informationen zum Studienhintergrund und -ablauf eingeholt werden. Den ProbandInnen wurde als Cover Story mitgeteilt, dass die Untersuchung aus zwei aufeinanderfolgenden, thematisch jedoch nicht miteinander zusammenhängenden Teilen bestand. Während das Primärinteresse...

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