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Wenn sie Mütter werden

Medea und die Frauen des Mittelmeeres

AutorRita El Khayat, Heike Baake, Pia Zschuckelt
VerlagVerlag Hans Schiler
Erscheinungsjahr2010
Seitenanzahl166 Seiten
ISBN9783899302998
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis4,99 EUR
Tragische Mütter der griechischen und römischen Mythologie, blutrünstige arabische Prinzessinnen der vorislamischen Ära, gewöhnliche beherrschende und kastrierende Mütter: Sie alle bergen mehr oder weniger symbolischen Fähigkeiten in sich, Schaden zu stiften und Tod zu bringen. Zwar finden sich diese Charakteristiken auch in anderen Kulturen, aber zwischen den Mittelmeerfrauen einerseits und asiatischen oder nordischen Frauen andererseits lässt sich nicht wirklich eine Gleichartigkeit herausstellen. Matriarchinnen, Stiefmütter, Matronen, Mannweiber und andere abscheuliche Repräsentationen des Weiblichen und Mütterlichen sind dort weit verbreitet. Die Frage liegt daher nahe, warum solche Figuren existieren, wenn Weiblichkeit und Mütterlichkeit doch eigentlich positive Gaben und erstrebenswerte Phänomene sind, die mit Milde und Zartgefühl assoziiert werden. Die Nachforschungen der Autorin münden in der Frage, ob es nicht immer von der Mutter und den Müttern, die voller mütterlicher "Kultur und Bildung" sind, abhängt, wie das Weibliche und sein Verhältnis zum Männlichen verstanden wird. War das von manchen ins Hypothetische verwiesene archaische Matriarchat nicht doch in der Zeit Realität, in der die biologischen Regeln der Befruchtung und der Reproduktion nicht bekannt waren? Immerhin stellen die ältesten bisher gefundenen Statuen, die vor 30.000 Jahren hergestellt wurden, schwangere Frauen und riesige weibliche Körper dar. Die beherrschenden Frauen beeinflussen als Mütter die Psyche der Söhne und Töchter in ihrem Mann- bzw. Frau-Werden stark. Die Mütter haben den Söhnen sowohl Gewalt als auch Hass eingeträufelt. Wie sonst wären Kriege, die die Menschheit vernichten, wie Folter, Vergewaltigungen, Gräueltaten, Morde möglich, die die Welt zerstören? Warum werden manche Menschen Tyrannen, Despoten, Verbrecher? Auch sie hatten eine Mutter. Was hat in der Beziehung zu ihr nicht funktioniert, so dass sie wahnsinnig, hasserfüllt, sadistisch und mörderisch wurden?

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Leseprobe
Die Zukunft der Menschheit (S. 140-141)

Zu jeder Zeit und an jedem Ort haben die Frauen die Gesellschaft erschaffen und zerstört und dennoch ist der fundamentalen Rolle, die die Frauen in dem Moment einnehmen, in dem sie Mütter werden, niemals das richtige Gewicht beigemessen worden. Sie haben durch Generationen und Zeiten hindurch eine natürliche und kulturelle Vermittlerfunktion für die Menschheit und gestalten die menschlichen Wesen genauso, wie wir sie heute beobachten können. Die mütterliche Lehre, die ignoriert und falsch verstanden wird, fällt in den Bereich dessen, was im Menschen animalisch, aber auch verbal, intellektuell, gefühlsmäßig und emotional ist. Kurz und gut ist ihr Kontakt kulturell und spirituell, ein Verhaltensunterricht, ein Erlernen ohne Grenzen in dem langen Prozess der Menschwerdung und Sozialisation des Neugeborenen und dann des kleinen Kindes.

Die Straße, die sie für ihre Nachkommen häufig bereitet, ist jedoch nicht die beste, weil sie zutiefst von ihrer Herkunft, ihrem Glauben und von ihrem physischen und psychischen Zustand beeinflusst ist. In den als traditionell" (ein Terminus, der nicht sehr bedeutungsvoll, aber für die Klassifikation funktional ist) definierten Gesellschaften entfernen sich die Frauen beim Großziehen und Erziehen ihrer eigenen Kinder sehr wenig von dem, was sie selbst als Mädchen erlebten. In den modernen oder postmodernen Gesellschaften hingegen haben 1die Mütter neue Modelle der Erziehung und Bildung der Neugeborenen und Kinder und kontinuierliche Innovationen in der Art, sie zu erziehen und in der Pflege, die sie ihnen zukommen lassen, eingeführt.

Und genau das ist es, was den enormen Unterschied zwischen den beiden Gesellschaftsformen ausmacht, wenn wir uns darauf beschränken wollen, was im Jahr 2006 in unserem Blickfeld ist. Die hier behandelten Themen, die um die literarische Gestalt der Medea kreisen, dienen dazu, die Rolle und das schwere Erbe der Mutter im Leben eines jeden Menschen zu unterstreichen. Es gibt viele Beispiele: Da ist die Mutter, die ihr Kind bei der Geburt aussetzt oder diejenige, die es weggegeben hat, um es von anderen großziehen zu lassen. Da ist diejenige, die gezwungen wurde, es zur Welt zu bringen.

Da ist diejenige, die alleinerziehend ist, weil sie sehr jung Witwe wurde. Da ist die Mutter, die das Kind zu sehr gewünscht hat und diejenige, die es gar nicht gewünscht hat. Die, die es natürlich und die, die es dank der neuen Technologien empfangen hat. Da ist die, die natürlich geboren hat und die Frau, die einem Kaiserschnitt unterzogen wurde. Und dann die Mutter, die es gezeugt hat, um sich einen Nachnamen, ein Vermögen oder eine königliche Familie zu sichern. Die Feststellung, dass die Mutterschaft eine Situation ist, die für immer andauert, bis zum Tod, ist nicht unerheblich.

Es ist eine neue Natur, die sich in den Körper einschreibt, ein neuer psychischer Zustand, der endgültig, irreversibel ist. Die Figur der Mutter ist im Leben eines jeden Individuums grundlegend. Vielleicht weil ich eine Frau bin, aber vor allem dadurch, dass ich als Psychiaterin, Psychoanalytikerin und ärztin Tausenden von Personen zugehört habe, was mich die Bedeutsamkeit des Körpers bei jedem psychischen Prozess berücksichtigen ließ, ist mir bewusst geworden, dass die Mütter den Kindern helfen oder ihnen schaden können. Sie können ihnen die Freiheit lassen, voll und ganz ihren Neigungen nachzugehen und ihre Fähigkeiten zu beweisen, oder sie behindern, weil sie eine dunkle Angst haben, sie zu verlieren.

Es ist unklar, warum die Männer, die die Medizin, die Psychiatrie, die Psychoanalyse und alle anderen Wissensdisziplinen begründet haben, den Einfluss der Frauen/Mütter auf die Menschheit nicht verstanden haben oder sich mit ihm nicht abfinden wollten. Ich frage mich, ob es der Misogynie, einem unbewussten Hass auf die Frauen oder vielleicht gerade einem Hass auf die Mütter geschuldet ist. Die Muslime tendieren dazu, diese Gegebenheit leichter zu akzeptieren: "Das Paradies ist unter den Fersen der Mütter", lautet eins ihrer Sprichwörter, auch die Erlösung der Seele der Kinder im Jenseits hängt von der Mutter ab, die ein göttliches Recht über sie ausübt, und das Verhältnis mit ihrer Nachkommenschaft verwaltet, so wie sie es für am besten hält. Die arabisch-islamischen Kulturen und Zivilisationen sind ausschließlich ein Produkt der Frauen/Mütter."
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