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Wenn Sport zur Sucht wird: Aspekte des Suchtverhaltens am Beispiel von Ausdauerbelastung

AutorInken Boeck
VerlagBachelor + Master Publishing
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl40 Seiten
ISBN9783955495626
FormatPDF
Kopierschutzkein Kopierschutz/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis14,99 EUR
Immer höher, immer schneller, immer weiter. Dies scheint nicht nur das Motto der Olympischen Spiele zu sein, sondern auch des Breitensports im 21. Jahrhundert. Der Übergang von einer 'gesunden' Sportbindung hin zu einer 'krankmachenden' Sportsucht scheint fließend zu sein. Zudem werden mit sportlicher Aktivität positive Attribute wie vital, jugendlich, gesund, fit und erfolgreich verbunden, was es so schwierig macht, das Sporttreiben im übermäßigen Maße als krankhaft und damit süchtig zu bezeichnen. Dieses Buch soll einen Eindruck über das Suchtverhalten von Sportsüchtigen vermitteln. Dabei wird sich hauptsächlich auf die Ausdauersucht (bzw. Laufsucht) und nicht auf die Risikosportsucht, Muskelsucht oder die Verbindung von Sportsucht und Magersucht (anorexia athletica) bezogen. Das Ursachengefüge wird analysiert und mögliche Therapiemöglichkeiten aufgezeigt.

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Leseprobe
Textprobe: Kapitel 3, Lauf- bzw. Ausdauersucht: Die Ausdauer wird als 'psychisch-physische Widerstandsfähigkeit gegen Ermüdung, die sowohl für die mentale Leistungsfähigkeit des Sportlers als auch für die Belastbarkeit des Organismus eine Rolle spielt' (Beckmann, J. et al., 2007, S. 37), definiert. Durch das Training dieser Fähigkeit wird u.a. das Herz-Kreislaufsystem gestärkt, das Immunsystem unterstützt, die Versorgung mit Sauerstoff gefördert und die Regenerationsfähigkeit nach einer Belastung trainiert (ebd., S. 37). Um die Ausdauer zu schulen, müssen Sportlerinnen und Sportler in einem regelmäßigen Training in kleinen Schritten über sich hinauswachsen. Dabei müssen sie Ermüdungstoleranz aufweisen, um über ihre persönlichen Grenzen zu gehen. Jedoch sollte ein gesundes Maß eingehalten werden, indem die absoluten Grenzen der Leistungsfähigkeit akzeptiert werden. Es sind allgemein vier Motive bekannt, weshalb Menschen Ausdauersportarten ausführen, obwohl sie viel mit Disziplin und Zeitaufwand zu tun haben. Dahingehend können psychologische Gründe (zum Beispiel Stressreduktion, Stärkung des Selbstwertgefühls), gesundheitliche Aspekte (zum Beispiel verordnet durch den Arzt, Steigerung der Fitness, Gewichtsabnahme), soziale Motive (Verbesserung der visuellen Attraktivität für Partner/in und/oder sonstiges Umfeld) und leistungsbezogene Gründe (Wettkampf) verantwortlich für das Ausführen einer Ausdauersportart sein (vgl. Egloff, 2000, S. 147). Die krankhafte, süchtige Ausführung des Sports ist allerdings nicht durch ein leistungsbezogenes Motiv zu begründen. Das heißt, dass die Sportsucht 'ein suchtartiges Verlangen nach sportlicher Betätigung ohne Wettkampfambitionen' (Autor unbekannt a, 2009, S. 1) darstellt. Um der Ausdauersucht nachzukommen, bedienen sich die Betroffenen in der Regel der Sportarten, die eine monotone, gleichbleibende Bewegungsabfolge besitzen, welche über Stunden hinweg wiederholt werden kann. Dafür bieten sich das Laufen, Fahrradfahren, Schwimmen (Triathlon), Walken und Skaten an (ebd., 2009, S. 1). Die Trainingseinheiten von Ausdauersüchtigen divergieren immens. Stern TV berichtete im November 2010 von der 20-jährigen Marie, die aufgrund ihrer Ausdauersucht die Schule abbrechen musste. Zu groß war aus ihrer subjektiven Sicht der Aufwand geworden, ihren sportlichen Aktivitäten gerecht zu werden. Die Konsequenz ist nachvollziehbar, wenn man ihr tägliches Sportprogramm betrachtet. Marie ist Mitglied in einem Schwimmverein, läuft Langstrecken, fährt Fahrrad und läuft Inline-Skates. Darüber hinaus macht sie zum Ausgleich Ballett. So kommt die 20-jährige tagtäglich auf ein mindestens vierstündiges Fitnessprogramm (vgl. Neuland, 2010, S.1). Das Trainingspensum des jungen Mädchens kann jedoch nicht als repräsentatives Muster gelten, sondern nur als Fallbeispiel. Dies liegt daran, dass die Ursachen, Gründe und Krankheitsverläufe einer Ausdauersucht so vielschichtig sind, dass man eine Diagnose eines solchen Phänomens nicht an der Dauer bzw. Häufigkeit des Sportreibens allein festmachen kann (Kap. 2, s. Veale u. Kap. 3.2). Allgemein lässt sich jedoch feststellen, dass bezüglich der Ausdauersucht geschlechterspezifische - und altersbezogene Unterschiede bestehen. Während Frauen in der Regel in ausdauersuchtähnliche Zustände abgleiten, um ihr Idealgewicht zu erreichen und einen dem Schönheitsideal unterworfenen 'perfekten', jugendlichen Körper zu gewinnen, zielen Männer meist nicht auf einen schlankeren, sondern einen männlicheren Körper ab. Hier sind die Motive auch meist psychischer Natur (vgl. Autor unbekannt b, 2009, S. 1). Frauen sind besonders im Alter von 15 bis 25 Jahren gefährdet. Mit dem Eintritt der Pubertät und der damit einhergehenden Identitätsfindung verändern sich auch die Körperproportionen. Der kindliche Körper wird zu einem fraulichen Körper. Diese Entwicklung wollen viele Frauen durch Sport verlangsamen und verlieren dabei teilweise die Kontrolle über diesen Prozess. Einige erkranken zusätzlich an Magersucht (vgl. Pollmer, Frank & Warmuth, 2003, S. 19). Yates, Leehey und Shisslak (1983) vermuten hierbei einen gemeinsamen Ursachenkomplex beider Krankheitsbilder. So meinen sie, ähnliche Symptome und Denkweisen bei Magersüchtigen und Laufsüchtigen entdeckt zu haben. Diese Ähnlichkeiten macht Yates (1991) in der gleichnamigen These ('Yates-Hypothese') an der Missachtung körperlichen Schmerzes bei beiden Krankheiten fest. Zudem sei in beiden Fällen eine extreme Fixierung auf das Motiv Laufen oder Gewichtsreduktion zu erkennen. Diese Vermutung konnte in der Vergangenheit allerdings nicht ausreichend empirisch belegt werden, sodass wohl doch eine wechselseitige Beeinflussung beider Krankheiten als wahrscheinlich gilt (vgl. Alfermann & Stoll, 2010, S. 344). Slay, Hayaki, Napolitano und Brownell (1998) konnten jedoch auch eine Verbindung zwischen Laufsucht und Magersucht feststellen. Sie führten empirische Studien mit 240 Läufern und 84 Läuferinnen bezüglich der Laufsucht, Essstörung und Laufmotivation durch. Hierbei fanden sie heraus, dass zwanghafte Läuferinnen und Läufer zumeist negativ verstärkt werden (Kap. 2). Das heißt, das Motiv des Sporttreibens ist nicht auf einem Herbeiführen positiver Nebenerscheinungen begründet, sondern auf der Abwehr von negativen Gefühlen (Entzugserscheinungen). Darüber hinaus ist das Missachten körperlicher Signale (Krankheiten) spezifisch für beide Suchtverhalten. Interessanterweise konnte diese Arbeitsgruppe zudem eher eine Verbindung von Magersucht und Laufsucht bei Frauen feststellen. Daraus formulierten sie die Vermutung, dass bei laufsüchtigen Frauen ein erhöhtes Risiko der Magersucht besteht. Auch Fox, Temple und Wigley (1990) forschten über diesen geschlechterspezifischen Unterschied und kommen zu dem Ergebnis, dass besonders Läuferinnen (Mittel- bis Langstrecke) im Alter von 15 bis 25 Jahren gefährdet sind, an einer Essstörung zu erkranken. Darüber hinaus unterscheiden sie die Läuferinnen hinsichtlich ihrer Motive. So gibt es danach die 'Schönheitsläuferin', die läuft, um ihr Gewicht zu reduzieren und die 'Konkurrenzläuferin', die den Vergleich zu Gegnern sucht und einfordert. Sie ist gefährdet, an einer Magersucht zu erkranken, da sie mit der perfekten Figur einer Ausnahmesportlerin auch die Leistungen einer solchen Sportlerin verbindet. Im Gegensatz dazu wird bei der 'Schönheitsläuferin' vermutet, dass schon vor dem Ausbruch der Sportsucht bestimmte Neigungen zu einer Magersucht bestehen, diese aber durch den Sport nun anders begründet werden (vgl. Alfermann & Stoll, 2010, S. 344; Knobloch, Allmer & Schack, 2000, S. 197). Auch wenn bis heute die genaue wechselseitige Beeinflussung von Laufsucht und Magersucht nicht erklärt werden kann, ist doch sicher, dass ein direkter Zusammenhang zwischen beiden Suchtverhalten besteht. Darum prägten Pugliese, Lifshitz, Grad, Fort und Marks-Katz (1983) den Begriff 'Anorexia athletica', um das Stadium zu kennzeichnen, in dem beide Krankheitsbilder vorhanden sind. Männer zeigen sich hingegen besonders anfällig für die Erkrankung der Ausdauersucht im Alter von 40 bis 50 Jahren. In dieser Phase des mittleren Lebensalters stehen die Männer meist vor der Herausforderung, nun alleinverantwortlich für eine Familie zu sein. Eventuelle Probleme im Beruf und die damit verbundene Gefährdung dieser verantwortungsvollen Aufgabe können zu Lebenskrisen führen (vgl. Knobloch, Allmer & Schack, 2000, S. 196). Frauen wie Männer haben in den jeweiligen Lebensphasen zumeist ein geringes Selbstwertgefühl, was sie durch das exzessive Laufen, Schwimmen oder Fahren versuchen auszugleichen (ebd., S.196). Mit der Laufsucht wird meist auch der Begriff 'runner´s high' in Verbindung gebracht. Er bezeichnet einen rauschähnlichen Zustand, welcher beim Sportler während oder nach einer Ausdauerbelastung das Gefühl der Schwerelosigkeit und Selbstwirksamkeit hervorruft (ebd., S. 190). Das 'runner´s high' ist aber keineswegs nur bei Sportsüchtigen vorzufinden, sondern auch bei Sportlern, die sich durch den Sport extremen Qualen aussetzen, jedoch keine Abhängigkeit danach verspüren. Somit kann man bei Gelegenheitsläufern nicht von dieser Euphorie des 'runner´s high' sprechen. Hier trifft wohl eher das Gefühl der Entspannung zu (vgl. Pollmer, Warmuth & Frank, 2003, S. 337). Es ist in diesem Zusammenhang also von zwei unterschiedlichen Phänomenen zu sprechen. Pargman (1980) erklärte sich das Phänomen des 'runner´s high' durch die körpereigene Endorphinausschüttung (Opiate) bei der Ausdauerbelastung, welche für das geringere Schmerz- und Belastungsempfinden verantwortlich sei und weiterhin einen rauschähnlichen Zustand auslösen könne. March (2004) und Knobloch, Allmer und Schack (2000) schreiben jedoch, dass eine Ausdauerbelastung keine Erhöhung des Endorphinspiegels zur Folge habe. Vielmehr sei zu beachten, dass das 'runner´s high' öfter in Wettkämpfen als in Trainingssituationen und hier auch eher in Zielnähe sowie nach Wettkämpfen auftrete. Dies weise auf eine Verknüpfung des 'runner´s high' mit motivationalen, kognitiven und emotionalen Prozessen hin (vgl. March, 2004, S. 254-255; Knobloch, Allmer & Schack, 2000, S. 190-191). Das Gefühl der Entspannung bei Gelegenheitsläufern erklären sich Pollmer, Warmuth und Frank (2003) durch die Tageslichtabsorbtion. Die stimmungsaufhellende Wirkung des Sonnenlichtes sei nicht nur anhand ausführlicher Studien zur Winterdepression nachgewiesen, sondern führe auch bei Sportlern zu einem entspannenden Gefühl. Demnach habe das Sporttreiben in Fitnessstudios nicht den selben Effekt. Es sei nämlich nicht nur die Helligkeit, die zu diesem Gefühl führe, sondern auch die Zusammensetzung der Spektralfarben, die eine stimmungsaufhellende Wirkung habe. Dies gelinge durch die Verknüpfung der Augen mit dem Hypothalamus, welcher für zahlreiche Prozesse und Regulierungen (zum Beispiel Schlaf-Wach-Rythmus, Herz-Kreislaufsystem etc.) verantwortlich sei. So leite dieser die ankommenden Lichtreize u.a. an die sogenannte Zirbeldrüse weiter und hemme auf diese Weise den Serotoninabbau, welcher maßgeblich Auslöser für Depressionen sei (vgl. Pollmer, Warmuth & Frank, 2003, S. 337-339).
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