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WestEnd 2014/2: Neuroenhancement - Fantasien der Selbstoptimierung

Neue Zeitschrift für Sozialforschung

VerlagCampus Verlag
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl166 Seiten
ISBN9783593425696
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis11,99 EUR
In Anlehnung an die berühmte »Zeitschrift für Sozialforschung« (1932 - 1941) verfolgt auch ihre seit 2004 halbjährlich erscheinende Nachfolgerin »WestEnd« den Anspruch einer kritischen Gesellschaftsanalyse. Zur Veröffentlichung kommen Aufsätze und Essays aus Soziologie, Philosophie, politischer Theorie, Ästhetik, Geschichte, Entwicklungspsychologie, Rechtswissenschaft und politischer Ökonomie. Neben den Rubriken »Studien« und »Eingriffe« behandelt jedes Heft ein Schwerpunktthema.

Die Debatte über »Neuroenhancement« offenbart sowohl eine Faszination für leistungssteigernde Medikamente wie Ritalin als auch eine Kritik an der Wachstumsdynamik unserer Zeit. Der Konsum von Substanzen, die Motivation und Wachheit steigern, ist eine verlockende Vorstellung, wenn Deadlines eingehalten werden müssen. Doch kaum jemand möchte in einer tablettenabhängigen Gesellschaft leben. Die aktuelle Ausgabe von »WestEnd« erörtert Fantasien der Selbstoptimierung sowie die Kritik an Neuroenhancement aus historischer, philosophischer und soziologischer Perspektive.

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Leseprobe
Talbot Brewer
Entfremdete Emotionen
Emotionen liefern uns das Material, das wir benötigen, um einen eigenen Bewertungsstandpunkt zu entwickeln.1 Drücken unsere Emotionen unsere jeweilige Haltung manchmal auch beredt und präzise aus, so wallen sie doch meistens auf nur halb artikulierte Weise in uns auf. In solchen Fällen stehen wir vor der Aufgabe, uns diese unfertige Haltung eindeutiger und transparenter zu machen. Emotionen stehen dabei in einer zweifachen Beziehung zum Selbst. Sie drücken seine präreflexive bewertende Haltung zur Welt aus und liefern unverzichtbares Rohmaterial für die lebenslange Aufgabe, diese erste Haltung zu einer reifen, differenzierten Perspektive auf die Werte auszuarbeiten, die in unseren sich verändernden Lebensumständen zum Tragen kommen.
Mein Ziel ist es, Wesen und Einsatz der Trennung des Selbst von seinen Emotionen zu beleuchten, zu der es kommt, wenn die Emotionen ihm als etwas Fremdes gegenüberstehen. Fremd können Emotionen entweder in einem objektiven oder einem subjektiven Sinn sein. Objektiv fremd sind sie, wenn sie nicht die Bewertungsperspektive der Person ausdrücken, in der sie entstehen, sondern die eines anderen. Subjektiv fremd sind sie, wenn die Person, in der sie entstehen, sich weigert, die darin implizierte Bewertungsperspektive als die eigene anzuerkennen. Wenngleich entfremdete Emotionen in vielen verschiedenen Kontexten auftreten können, werde ich mich besonders auf diejenigen konzentrieren, die durch Arbeit im Dienstleistungssektor ausgelöst werden. Das tue ich deshalb, weil das Anwachsen des Dienstleistungsgewerbes die Zahl der Angestellten ungemein vergrößert hat, die den Ausdruck ihrer Gefühle - oder sogar ihre Emotionen selbst - tagtäglich Zwecken und Interessen unterordnen müssen, die nicht die ihren sind. Ich hoffe, etwas Licht darauf zu werfen, was es bedeuten kann, diese persönlichste aller Arbeitsformen - Emo­tionsarbeit, wie man sie inzwischen nennt - für Geld zu verkaufen. Ich behaupte, dass diese Form der Entfremdung eine lebenslange, für ein gelungenes Leben wesentliche Aufgabe tendenziell unterbricht oder entstellt: die Aufgabe der Selbstausarbeitung.
Entfremdete Arbeit in der industriellen Produktion
Bevor wir in der Untersuchung entfremdeter Emotionsarbeit voranschreiten, sollten wir uns zunächst den allgemeineren Begriff entfremdeter Arbeit etwas klarer machen, der erstmals im Frühwerk von Karl Marx auftaucht. Es ist banal festzustellen, Arbeiter_innen in einer kapitalistischen Wirtschaft seien von ihrer Arbeit insofern entfremdet, als sie deren Nutzung für bestimmte Zeitspannen an ihre Arbeitgeber_innen verkaufen. Marx erkannte aber, dass diese einfache Form der Entfremdung im Kontext industrieller kapitalistischer Arbeit noch eine ganze Reihe anderer, schwierigerer Formen mit sich bringt. So wird der Arbeiter nicht nur von seiner täglichen Arbeit und den damit hergestellten Gütern entfremdet, sondern auch von dem, was Marx sein Gattungswesen nennt.2
Marx zufolge verwirklichen Menschen ihr Gattungswesen nur, wenn sie frei und selbstbewusst zur Schaffung eines angemessenen Umfelds für menschliches Leben beitragen. Menschen sind nicht die einzigen Lebewesen, die auf nichtorganische Natur einwirken, um für sich eine geeignete Umwelt herzustellen. Auch Bienen, Biber und Ameisen tun das. Doch diese anderen Lebewesen, so stellt Marx fest, vollbringen solche Arbeit nur gemäß eines instinkthaft festgelegten Plans, während Menschen in der Lage sind, die Art und Weise, wie sie die Welt umbilden, abzuändern, um neue Lebensformen auszuprobieren (vgl. Marx 1968 [1932]: 517). Ein dramatisches Beispiel für diesen Prozess ist der Aufstieg des Internets: Es verdankt seine Existenz einer breitangelegten, koordinierten Anstrengung, unsere Umwelt auf eine Weise umzugestalten, die den Menschen dauerhafteren und produktiveren Austausch untereinander ermöglicht. Es bietet seinen Nutzer_innen eine Art geistige Prothese, die eine nie dagewesene Fülle von Informationen, Fehlinformationen, Geschimpfe, Träumereien, Bildern, Überlegungen etc. unmittelbar verfügbar macht. Während wir das Internet gestalten, prägen wir der natürlichen Welt kollektiv unsere überlappenden Vorstellungen davon auf, welche Arten von Gesprächen und Informationen Menschen überhaupt führen und haben sollten.
Wichtig ist nun, dass die menschliche Arbeit für Marx von sich entwickelnden Ideen des menschlichen Guten vorangetrieben wird und sie diese Ideen zugleich verfeinern sollte. Sie sollte sich in einem Kreislauf bewegen, in dem man zuerst eine Vorstellung davon artikuliert, wie die Welt zugunsten wertvollerer Tätigkeiten verändert werden könnte, sie dann entsprechend umgestaltet und schließlich aus der Erfahrung mit dieser neu geformten Welt zu einer neuen, besseren Vorstellung davon gelangt, wie sie erneut verändert werden könnte. Nennen wir das den marxistischen oder materialistischen Begriff menschlicher Selbstausarbeitung. Gleich werden wir einen anderen, eng verwandten Begriff der Selbstausarbeitung betrachten - einen, dem es um die Neugestaltung nicht der materiellen Umwelt, sondern der Psyche geht.
Unter kapitalistischen Arbeitsbedingungen, so Marx, ist der eigentliche Zyklus aus praktischem Denken und Arbeit unterbrochen; die Arbeit hört auf, ein Modus der Selbstausarbeitung zu sein. Der Arbeiter hat die Pläne anderer einfach umzusetzen. Für ihn gibt es keine Möglichkeit, seine Arbeit in Übereinstimmung mit seinen sich entwickelnden Vorstellungen über den möglichen Nutzen des Produkts für das Leben der Menschen umzuformen - oder gemäß seinen Vorstellungen, wodurch menschliches Leben nicht verschlechtert, sondern verbessert würde. Das Produktdesign wird genauso Spezialisten übertragen wie die Festlegung von Produktionstechniken. Um die Herstellungskosten zu minimieren, wird der Produktionsprozess in einfache Bestandteile aufgelöst, die ein einziger Arbeiter an der Fertigungslinie jeweils endlos wiederholen kann. Das steigert tenden­ziell die Produktionsgeschwindigkeit; gleichzeitig erlaubt es dem Arbeitgeber, Geld zu sparen, indem er qualifizierte Handwerker durch ungelernte Arbeiter und Arbeiterinnen ersetzt.3 Der Kunde freut sich über niedrigere Preise. Der Arbeiter aber wird nicht mehr als denkendes, urteilsfähiges Wesen eingestellt, sondern nur noch in seiner Eigenschaft als ungewöhnlich geschickte, wenn nicht vollständig zuverlässige Maschine. Er wird also von seiner eigenen Tätigkeit entfremdet, insofern diese von einem anderen bestimmt wird, der daran interessiert ist, sie möglichst geistlos und monoton zu gestalten.
Der Aufstieg der Dienstleistungswirtschaft
In den ein, zwei Generationen nach Marx reifte in manchen Denkerinnen und Denkern die Hoffnung heran, technologische Fortschritte könnten dem Problem industrieller Arbeit bald den Stachel nehmen, indem dadurch sehr viel weniger Lebenszeit für Arbeit aufgewandt werden müsste. Edward Bellamy formulierte diese Hoffnung in Looking Backward, einem Buch, das bei seinem Erscheinen 1888 eine landesweite utopisch-sozialistische Bewegung beflügelte.4 Bellamy nahm den Rückblick vom Jahr 2000 aus vor, und wir können heute sagen, dass der Terminplan nicht eingehalten wurde. Überraschenderweise zeigt die neuere Geschichte, dass gestiegene Produktivität insgesamt nicht zu weniger Arbeit führt. Wie Juliet Schor in The Overworked American bemerkt, hätten die materiellen Konsumraten des Jahres 1948 in den 1990er Jahren selbst dann noch aufrechterhalten werden können, wenn jeder einzelne Arbeiter sich jedes zweite Jahr freigenommen hätte. Und doch steuerte die durchschnittliche amerikanische Familie 1988 etwa 16 Wochen mehr zur formellen Wirtschaft bei als noch 1967 (Bluestone und Rose 1997).
Zwanzig Jahre nach Bellamy wagte der große deutsche Soziologe Georg Simmel einen glaubwürdigeren, weniger utopischen Ausblick. Er erkannte, dass Fabrikarbeit nicht ganz verschwinden und wahrscheinlich in hierarchisch organisierten Institutionen unter der Leitung einer Managerklasse fortgeführt werden würde. Dennoch sah er Grund zur Hoffnung, dass dies bald auf eine Weise geschehen könnte, in der jeder Arbeiter in der Lage wäre, 'das definitiv entscheidende Gefühl von Würde und sich selbst gehörendem Leben' (Simmel 1908: 171) zu genießen. Der Weg, der laut Simmel zur Wiederherstellung menschlicher Würde führen sollte, lag interessanterweise darin, die von Marx am stärksten abgelehnten Eigenschaften der Fabrikarbeit nicht zu mildern, sondern auszubauen. Wenn die Arbeit immer geistloser und mechanischer werde, so Simmel, dann werde das dem Arbeiter wenigstens ermöglichen, sie auch nur mechanisch auszuführen und dabei das Wertvollste an seiner Menschlichkeit zurückzuhalten und im Kern unberührt davon zu bleiben.
Wie reizvoll man Simmels Vision auch finden mag, ihre Voraussagekraft können wir heute gut beurteilen, und sie scheint die tatsächlichen Entwicklungen der Geschichte nicht besser zu treffen als die Bellamys. Am Ende hat dieselbe historische Verschiebung der Arbeitswelt die Hoffnungen beider Denker zunichtegemacht. Die Mechanisierung der Produktion hat nicht zum Absterben der Arbeit geführt, sondern zu einer radikalen Ausweitung des Dienstleistungssektors, und den darin Beschäftigten ist es normalerweise keineswegs möglich, ihre wertvollsten und menschlichsten Eigenschaften aus der Arbeit herauszuhalten.
Ist das nun ein Segen oder ein Fluch? Meiner Meinung nach wäre jedes Generalurteil in dieser Sache verfehlt. Die Arbeit im Dienstleistungssektor kann den Einzelnen sowohl die Ausübung respektabler Berufe und die Übernahme anregender sozialer Rollen ermöglichen als auch abstumpfend und erniedrigend sein. Entfremdet allerdings kann sie im Allgemeinen zumindest nicht auf dieselbe Weise sein wie Fabrikarbeit. Normalerweise lassen sich Dienstleistungen nicht in einfache, mechanische Bewegungen aufteilen, die kein Nachdenken erfordern. Gedankenloser und mechanischer Service ist suboptimaler Service. Außerdem wird das Produkt der Dienstleistungsarbeit den Beschäftigten nicht komplett aus der Hand genommen und einem weit entfernten Käufer übergeben. Dienstleistungsarbeit verlangt von den Arbeitenden häufig auch Arbeit am eigenen Verhalten und die schrittweise Umgestaltung ihres emotionalen Registers. Aus diesem Grund kann es im Dienstleistungssektor zu einer ganz eigenen und besonders perfiden Form der Entfremdung kommen: der Entfremdung von jenen Teilen der eigenen Psyche und Selbstpräsentation nämlich, die ge­mäß der Profitinteressen des Arbeitgebers umgearbeitet wurden.
Blick ins Buch
Inhaltsverzeichnis
Inhalt3
Studien5
Entfremdete Emotionen5
Test Drive Your IQ. Zur populärkulturellen Steuerung von Diskursen über Intelligenz und deren Steigerung33
Oligarchische Ungleichheit. Winner-take-all-Positionen in der (obersten) Oberschicht53
Stichwort: Neuroenhancement. Fantasien der Selbstoptimierung67
Psychostimulanzien steigern nicht die kognitive Leistung. Lehren aus der Geschichte71
Warum immer besser werden? Blinde Flecken des bioethischen Diskurses über Neuroenhancement83
Neuroenhancement in der Kritik. Normative Deutungen von Studierenden in Frankfurt und New York93
Neuroenhancement als Biokapital107
Eingriffe123
Habermas, die Demokratie, die Ökonomie123
Einfallstor Schule. Wie Unternehmen und Stiftungen mit Unterrichtsmaterialien werben143
Imaginäre Juden157
Autorinnen und Autoren167

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