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WestEnd 2017/1: Alexis de Tocqueville und die Paradoxien der Gleichheit

Neue Zeitschrift für Sozialforschung

VerlagCampus Verlag
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl226 Seiten
ISBN9783593436265
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis11,99 EUR
Die Idee demokratischer Gleichheit scheint mit einem eigentümlichen Paradox behaftet zu sein: Die angestrebte Gleichheit steht im Verdacht, die ihr zugrunde liegende Pluralität zu tilgen und die Einzelnen unter Konformitätsdruck zu setzen. Alexis de Tocqueville hat diese paradoxale Logik beschrieben und die These von einer 'Tyrannei der Mehrheit' entwickelt. Diese These betrifft nicht nur die Frage politischer Repräsentation, sondern auch die der kulturellen und sozialen Teilhabe.

WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung Herausgegeben vom Institut für Sozialforschung In Anlehnung an die berühmte »Zeitschrift für Sozialforschung« (1932 - 1941) verfolgt auch ihre seit 2004 halbjährlich erscheinende Nachfolgerin »WestEnd« den Anspruch einer kritischen Gesellschaftsanalyse. Zur Veröffentlichung kommen Aufsätze und Essays aus Soziologie, Philosophie, politischer Theorie, Ästhetik, Geschichte, Entwicklungspsychologie, Rechtswissenschaft und politischer Ökonomie. Neben den Rubriken »Studien« und »Eingriffe« behandelt jedes Heft ein Schwerpunktthema.

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Leseprobe
Meike Sophia Baader Pädosexualität. Kindheit und Geschlecht im wissenschaftlichen Diskurs der 1970er Jahre Einleitung und Ausgangspunkt Eine öffentliche Thematisierung sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen erfolgte in der Bundesrepublik in den letzten Jahren in mehreren Wellen. 2010 wurden in einer ersten Welle Missbrauchsvorfälle an katholischen Internaten und in der reformpädagogisch ausgerichteten Odenwaldschule öffentlich bekannt, wobei Letztere bereits Ende der 1990er Jahre erstmals publik gemacht wurden, was damals aber kaum auf Resonanz stieß. Im Bundestagswahlkampfjahr 2013 gerieten dann die Grünen anlässlich einer geplanten Preisverleihung an ihren Europaabgeordneten Daniel Cohn-Bendit ins Visier. Auslöser für die Vorwürfe gegen Cohn-Bendit war eine Schrift, die er 1975 veröffentlicht hatte und die eine anstößige Passage über seine Zeit in einem Frankfurter Kinderladen enthielt. Cohn-Bendits Beschreibung einer erotisierten Interaktion von Kindern und ihm als Erzieher erwies sich wohl als fiktiv; dennoch räumte er selbst ein, dass seine 'unerträgliche Provokation' ein Fehler gewesen sei (Denkler 2014). Diese öffentlich breit thematisierten Ereignisse zogen es nach sich, dass die Forschung sich seitdem ebenfalls verstärkt mit dem Thema befasste. Dabei spielte auch eine historische Dimension eine Rolle. Für den deutschsprachigen Raum liegt ein besonderer Akzent auf der Erforschung der Geschichte der Jugendbewegung und der Reformpädagogik. Eine geschlechtergeschichtliche Dimension wird dabei allerdings selten berücksichtigt (vgl. Baader 2012a und 2016b), auch wenn grundsätzlich die Macht von Geschlechternormen im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt in Institutionen betont wird (vgl. Mayer 2011). Thematisiert werden Aspekte geschlechtshomogener Sozialisation und hegemonialer Männlichkeit im Zusammenhang mit der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in katholischen Klosterinternaten (vgl. Mosser, Hackenschmied und Keupp 2016). Die Pädophilie-Debatte bei den bundesrepublikanischen Grünen ist in einer parteien- und politikgeschichtlichen Studie von 1968 bis 1989 erforscht worden (vgl. Walter, Klecha und Hensel 2015), auch hier wird keine geschlechtergeschichtliche Perspektive verfolgt. Ebenfalls untersucht wurde ein Projekt, das der Psychologe, Sozialpädagoge und Sexualwissenschaftler Helmut Kentler in den 1970er Jahren in Berlin durchgeführt hatte. Kentler, ab 1977 Professor für Sozialpädagogik an der Leibniz-Universität Hannover, hatte 13- bis 17-jährige Jungs, die in Berlin auf der Straße lebten, bei pädophilen Männern untergebracht, und der Berliner Senat hatte dies finanziert (siehe Institut für Demokratieforschung Göttingen 2016). Wie die Kategorie Pädophilie in aktuellen antifeministischen Diskursen angerufen wird, analysiert Kämpf (2015). Der Hauptfokus des vorliegenden Beitrags liegt darauf, wie die Erziehungs-, Sexual- und Sozialwissenschaften in pädosexuelle Positionen der 1970er bis 1990er Jahre und damit auf einer disziplin-, wissenschafts- und wissensgeschichtlichen Ebene involviert waren. Dass nicht nur pädagogische Institutionen, sondern auch die Wissenschaften in ihrer Geschichte in Fragen sexualisierter Gewalt verwickelt waren, unterstreicht Hagner in seiner historischen Studie zum Fall des Hauslehrers Dippold, der aus einem reformpädagogischen Kontext kam und einen ihm anvertrauten Schüler 1903 zu Tode prügelte. Hagner zeigt, wie die (Sexual-)Wissenschaft um 1900 zur Legitimation von Gewalt in der Erziehung beigetragen und wie diese diskursive Struktur im Umfeld des betroffenen Jungen zur Zustimmung zu gewaltförmigen Praktiken geführt hatte (vgl. Hagner 2010: 36 ff.). Wenn aktuell die Aufforderung an die Erziehungswissenschaft ergeht, 'ihren eigenen Beitrag zur Aufarbeitung' von sexualisierter Gewalt 'noch zu leisten' (Andresen, Böllert und Wazlawik 2016: 621), dann ist dies nicht nur auf die verschiedenen pädagogischen Handlungsfelder, die Institutionen und die Professionellen zu beziehen (vgl. Fegert und Wolff 2006), sondern auch ganz unmittelbar und direkt auf die Disziplinen und auf wissenschaftsimmanente Positionen. Der vorliegende Text basiert auf einem von der DFG geförderten Projekt (BA 1678/6-1) und zeigt, dass sich auch die Wissenschaften in den 1970er Jahren in pädosexuelle Diskurspositionen verstrickten. Dies betrifft die Sexualwissenschaft, die Psychologie beziehungsweise Psychiatrie, die Philosophie, die Erziehungswissenschaft, aber auch die Kindheitsforschung. Beteiligt ist auch die Soziologie, insbesondere durch die Arbeiten von Rüdiger Lautmann (1994), was jedoch in diesem Text nicht thematisiert wird. Dem Beitrag liegt eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen Diskurspositionen und Vorfällen sexualisierter Gewalt zugrunde. In den Blick genommen werden ausschließlich Erstere. Unter pädosexuellen Diskurspositionen werden solche gefasst, die Pädosexualität legitimieren und für die Abschaffung von Schutzaltersgrenzen votieren. Mit welchen Legitimationsmustern und im Kontext welcher Diskurse dies erfolgte, ist Gegenstand des Beitrags, in dem der Begriff der Pädosexualität als analytisch angemessener Begriff verstanden wird. Er bezeichnet ein sexuelles Begehren, das sich auf Kinder richtet, unabhängig von einer Umsetzung in sexuelle Handlungen. Historisch tauchte er in Deutschland um 1980 auf. Die Dokumente, die im Beitrag analysiert werden, stammen vor allem aus den 1970er Jahren und sprechen zumeist von Pädophilie, was der damals geläufige Begriff war. Er geht auf das 19. Jahrhundert und den Psychiater und Rechtsmediziner Krafft-Ebing zurück, der 1896 die Kategorie paedophilia erotica einführte (vgl. Krafft-Ebing 1997 [1886]). Bis heute wird der Begriff 'Pädophilie' in der internationalen Klassifikation ICD-10 beziehungsweise DSM verwendet; dabei bezeichnet er ein grundsätzliches sexuelles Begehren, das sich auf präpubertäre Kinder oder Kinder im frühen Stadium der Pubertät richtet, unabhängig von sexuellen Handlungen. Kritisiert wird seine verschleiernde Konnotation (vgl. Becker 2017), weshalb der Begriff der Pädosexualität analytisch vorzuziehen ist. Bezogen auf Vorkommnisse sexualisierter Gewalt ist zu unterstreichen, dass die Mehrheit der Fälle von inner- und extrafamiliärer sexualisierter Gewalt nicht von Pädophilen im Sinne des ICD beziehungsweise DSM vorgenommen wird (vgl. ebd.). Die Annahme, dass sexualisierte Gewalt an Kindern in erster Linie von ihnen ausgehe, stellt nach Richards ein zentrales Missverständnis dar: '[N]ot all child offenders are paedophiles and conversely, not all paedophiles are child sex offenders [...].' (Richards 2011: 422) Neben einem diskursanalytischen und geschlechtergeschichtlichen Zugang verfolgt der Beitrag auch eine transnationale Perspektive (vgl. Paternotte 2014). Im Fokus stehen Diskurse und ihre Kontexte, weniger einzelne Akteure, gefragt wird insbesondere auch nach den spezifischen blinden Flecken im Pädophiliediskurs der 1970er Jahre. In einem ersten Kapitel werden sexual- und erziehungswissenschaftliche Diskurse dargestellt, die Pädophilie legitimierten. In einem zweiten Schritt werden kindheitstheoretische Positionen um 1970 diskutiert. Im Anschluss erfolgt ein Exkurs über die Kinderläden im Ausgang von 1968. Schließlich werden Defizite benannt und ein Resümee gezogen. Normalisierung von Pädophilie im sexual- und erziehungswissenschaftlichen Diskurs der 1970er Jahre 1973 erschien in der erziehungswissenschaftlichen Zeitschrift betrifft:erziehung ein Themenheft mit dem Titel Pädophilie - Verbrechen ohne Opfer. Die Zeitschrift wurde Ende 1967 gegründet und war zu Beginn der 1970er Jahre das pädagogische Magazin in der BRD mit der höchsten Auflagenzahl. Es wies zahlreiche Autoren aus dem Umfeld des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung auf (vgl. Ostkämper 2008; Kalb 2010). Die Zeitschrift, ein Forum für eine jüngere Generation von kritischen Bildungsforscherinnen und -forschern sowie Bildungsreformerinnen und -reformern, ist an der Schnittstelle von Bildungsforschung, Bildungsreform und pädagogischen Aufbrüchen um 1970 anzusiedeln. Der Untertitel der Zeitschrift lautete Das aktuelle pädagogische Magazin. 1973 zählte zum neunköpfigen Redaktionsteam lediglich eine Frau, Lore Gerhard, Autorin einer Schrift zu Emotionen in der sozialen Arbeit (1979). Weitere Mitglieder waren die Erziehungswissenschaftler und Kindheitsforscher Jürgen Zinnecker und Jürgen Zimmer. Zimmer war seit 1965 Mitarbeiter bei Hellmut Becker, Leiter des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, der selbst immer wieder in betrifft:erziehung publizierte und dessen Rolle für die Bildungsgeschichte nach 1945 unter anderem in der aktuellen Forschung zur Odenwaldschule in den Fokus gerät (vgl. Brachmann 2016: 23, 158 f., 357 f.). Zimmer war ab 1971 am Deutschen Jugendinstitut in München für den Bereich der Vorschulerziehung zuständig. Das Heft zur Pädophilie umfasst sieben Beiträge aus verschiedenen Disziplinen zum Thema, die alle von Männern verfasst sind. Der zentrale Text unter der Überschrift Pädophilie - eine Krankheit? (1973) stammt von dem niederländischen klinischen Psychologen Frits Bernard und basiert auf seiner Studie Sex met kinderen (Sex mit Kindern) (1972). Bernard erklärt auf der Basis von 30 befragten Probanden: 'Die Häufigkeit psycho- und funktionell-neurotischer Beschwerden und das soziale Verhalten der Probanden mit pädophilen Kindheitserlebnissen weichen nicht vom Durchschnitt der niederländischen Bevölkerung ab' (Bernard 1973: 23). Bernards Position und Studie wird im Themenheft lediglich von zwei Beiträgen dezidiert kritisiert. Der eine argumentiert aus psychotherapeutisch-psychoanalytischer Perspektive (Hans Böhringer), der andere stammt aus der Feder eines Strafrechtlers (Günther Kaiser). Uneingeschränkt positiv äußert sich hingegen der Sexualwissenschaftler Eberhard Schorsch. Er beruft sich auf Daten zur Häufigkeit des Missbrauchs von Mädchen (24 Prozent) und interpretiert diese als Beleg dafür, dass ein 'gesundes Kind in einer intakten Umgebung nichtgewalttätige sexuelle Erlebnisse mit Erwachsenen ohne Folgen' verarbeite (Schorsch 1973: 24). Sowohl Bernard als auch Schorsch nehmen damit eine Normalisierung von Missbrauch unter Bezugnahme auf empirische Daten vor. Beide Autoren stehen für die empirische Wende in den Sexualwissenschaften, die seit Ende der 1960er Jahre zu verzeichnen ist und die die Ablösung von einer älteren völkischen und anthropologischen Orientierung markierte (vgl. Herzog 2017). Schorsch bezieht sich bei der Argumentation auf Daten aus den US-amerikanischen empirischen Studien von Kinsey und anderen (vgl. Kinsey et al. 1954 [1953]). Während Bernards Studie die Lebensgeschichten von Männern analysiert, nimmt Schorsch eine Normalisierung von Missbrauch an Mädchen vor, um damit insgesamt Pädophilie zu normalisieren und zu legitimieren. Der Sexualpädagoge Peter Jacobi, Mitautor der 1972 erschienenen Sexfibel (Jacobi et al. 1972), kritisiert in seinem Beitrag in betrifft:erziehung unter dem Titel Sexualpädagogische Bürgerhetze die Angstmacherei in sexualpädagogischen Werken und die dort beschworene Figur des Sittlichkeitsverbrechers. Er berichtet von einem eigenen positiven sexuellen Erlebnis als Jugendlicher mit einem Pädophilen und hält die psychische Gewalt in der Familie - 'ohrfeigen-, kochlöffel- und peitschentrauma' - für relevanter (Jacobi 1973: 26 f.). Ein Aufsatz des Journalisten Jürgen Roth, Zum Beispiel Kinderheime. Kindersexualität: Jagdszenen aus Westdeutschland, der in die Heimkampagne der 1970er Jahre einzuordnen ist, thematisiert die Einstellung zu Kindersexualität auf der Basis von 130 untersuchten Heimen und nimmt dabei - neben zahlreichen gewalttätigen Erziehungspraktiken - auch den Umgang mit Onanie von Kindern und Jugendlichen insbesondere in katholischen Heimen ins Visier. Er plädiert für mehr 'Zärtlichkeit, Schmusen, Kosen, Küssen, Hautkontakte, elementare zwischenmenschliche Verhaltensformen' und klagt das Fehlen dieser Interaktionsformen körperlicher Nähe in der Pädagogik der Heime an (Roth 1973: 35). Zentrale Argumentationsfiguren für die Legitimation von Pädophilie in Texten der 1970er Jahre sind Einvernehmlichkeit, Gewaltlosigkeit und Unschädlichkeit sowie das Bestreben der Entkriminalisierung des Pädophilen (vgl. Baader 2017; Friedrichs 2017). Deutlich wird, dass einem Bild vom Sittlichkeitsverbrecher entgegengearbeitet wird, wie es für die 1950er bis in die 1970er Jahre hinein charakteristisch war. Dieses wurde etwa in einer Broschüre des Familienministeriums von 1968, Kinder in Gefahr, Sittlichkeitsverbrecher, und auch noch in der Informationsschrift Hab keine Angst. Broschüre gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern des Innenministeriums Baden-Württemberg aus dem Jahre 1976 beschworen. Die Figur des überall lauernden Sittlichkeitsverbrechers wird von Schorsch als Beispiel für die 'lustfeindliche Sexualideologie der Gesellschaft' gesehen, in der Sexualität dem Kind nur als Gefahr entgegentrete (Schorsch 1973: 25). Die Beiträge sind außerdem im Zusammenhang mit einer Diskussion um die Reform des Strafrechts zu sehen, die 1973 das Schutzalter für homosexuelle Kontakte von 21 auf 18 Jahre absenkte und damit weiterhin für homosexuelle Kontakte eine höhere Schutzaltersgrenze veranschlagte als für heterosexuelle. Für diese lag die Grenze in Deutschland seit Anfang des 20. Jahrhunderts bei 14 beziehungsweise 16 Jahren. Historisch steht diese Ungleichbehandlung im Zusammenhang mit der Geschichte des Paragrafen 175, der Homosexualität seit 1872 unter Strafe stellte. Bei der ersten Sexualstrafrechtsreform 1969 wurde die Schutzaltersgrenze für homosexuelle Kontakte auf 21 Jahre festgelegt. Eine endgültige Angleichung erfolgte erst 1994, nach der deutschen Vereinigung, verbunden mit der endgültigen Abschaffung des Paragrafen 175. Hinter der ungleichen Schutzaltersgrenze stand das Bestreben, die männliche Jugend angesichts einer impliziten Gleichsetzung von Homosexualität und Pädophilie vor Verführung zu schützen. Als Grund für die späte Angleichung kann der Schutz der männlichen Jugend gelten. Schließlich war das Hauptargument für das Festhalten am Paragrafen 175 in der Nachkriegszeit bis 1969 die homophobe Annahme, 'Männer seien generell bisexuell veranlagt und darum in ihrer Jugend besonders leicht zu homosexuellen Handlungen zu verführen' (Herzog 2013: 36). In der Beibehaltung eines höheren Schutzalters zeigt sich die Kontinuität dieser Argumentation auch nach den beiden Sexualstrafrechtsreformen von 1969 und 1973. Vorgebeugt werden sollte damit einer Entwicklung der männlichen Jugend zu heterosexueller Männlichkeit. Darin spiegelt sich eine gesellschaftliche Sorge um die heterosexuelle und damit hegemoniale Männlichkeit und um eine heteronormative Ordnung. Die Kritik an der ungleichen Schutzaltersgrenze eröffnete in den 1970er und 1980er Jahren einen diskursiven Raum für die Forderung nach deren Abschaffung, der über pädophile Netzwerke und dezidierte Interessengemeinschaften wie die 1979 gegründete Deutsche Studien- und Arbeitsgemeinschaft für Pädophilie (DSAP), die bis 1983 bestand, hinausging. Die ungleiche Schutzaltersgrenze ist auch ein Hintergrund für eine gewisse Affinität der Schwulenbewegung in den 1970er und 1980er Jahren zur Forderung nach Abschaffung des Schutzalters (vgl. Feddersen 2012). Die Beiträge von betrifft:erziehung zeigen zudem, dass die Diskussion um die Abschaffung der Prügelstrafe in pädagogischen Institutionen in die Debatte hineinspielte. Diese erfolgte 1973, während das Recht der Eltern auf körperliche Züchtigung beibehalten und nur schwere körperliche Gewalt der Eltern unter Strafe gestellt wurde. Vor dieser Folie vergleicht etwa Jacobi den Umgang eines Pädophilen mit einem Kind auf der einen Seite mit der Prügelpädagogik in der Familie auf der anderen Seite und bezeichnet Pädophilie als deutlich unschädlicher als körperliche Gewalt in der Familie, die traumatisierende Folgen zeitigte. Eine vergleichbare Kontrastierung erfolgte auch in einer Karikatur im gleichen Heft, in der ein Mann auf ein am Boden liegendes Kind einprügelt, dessen Gesicht schmerzverzerrt ist, während ein Mädchen auf dem Schoß eines Mannes sitzt, die Arme liebevoll um seinem Hals legt und er seine Hände auf ihren Knien und ihrem Hintern hat. Beide machen ein versonnenes Gesicht und haben die Augen geschlossen. Unter dem prügelnden Mann steht: '3 Monate Gefängnis (mit Bewährung)', neben dem Mann mit dem Kind auf dem Schoß: '5 Monate Gefängnis (ohne)'. Insgesamt ist im Editorial von betrifft:erziehung die Perspektive eines endlich fälligen Tabubruchs bezüglich Pädophilie, ihrer Unschädlichkeit und der Rehabilitierung des Pädophilen leitend. Positiv aufgenommen wurde das Heft in den Niederlanden von Frits Bernard und in der deutschen Pädagogik von Ekkehard von Braunmühl in seinem Buch Antipädagogik. Studien zur Abschaffung der Erziehung (vgl. 1975: 258). Beide waren Mitglied in der DSAP. Normalisierung durch Naturalisierung und Orientalisierung im kindheitstheoretischen Diskurs Neben einem sexualwissenschaftlichen Diskurs, in dem Pädophilie in den 1970er und 1980er Jahren von männlichen Protagonisten wie Bernard, Schorsch, Borneman (vgl. Siegfried 2015) und Kentler legitimiert wird, bildet sich in den 1970er Jahren auch ein Diskurs der Legitimation von Pädophilie heraus, der eher kindheitstheoretisch argumentiert. Etwa zur selben Zeit gab es eine internationale und kritische Diskussion über das, was Kindheit ist und ausmacht. Ein wichtiger Impuls ging von der Studie des französischen Historikers Philippe Ariès (1975 [1960]) aus, die auf den historischen Wandel von Kindheit und auch auf ein anderes Verhältnis zur kindlichen Sexualität in der Frühen Neuzeit hinwies. Unter anderem anhand einer Quelle aus dem Leben Ludwig XIII. wird von Berührungen kindlicher Sexualorgane durch Erwachsene und dem Austausch von Zärtlichkeiten und Küssen nackter Kinder zum Amüsement von Erwachsenen berichtet. Kinder seien in die sexuellen Späße von Erwachsenen einbezogen worden (vgl. ebd.: 175 ff.), führt der französische Mentalitätshistoriker in seinem Kapitel 'Von der Schamlosigkeit zur Unschuld' aus, in dem er die Tabuisierung sexueller Kontakte und Berührungen von Kindern und Erwachsenen als Erfindung des bürgerlichen Zeitalters beschreibt. Der Erziehungswissenschaftler und Pädagoge Hartmut von Hentig unterstreicht in seinem Vorwort zu Ariès' Geschichte der Kindheit die Schilderungen des 'unbefangen exponierte[n] [...] Sexuallebens' (Hentig 1978: 14), und auch der Sexualwissenschaftler und Sozialpädagoge Kentler bezieht sich in seinem Einleitungsbeitrag zu dem von ihm herausgegebenen Sammelband Sexualwesen Mensch (1984) auf den Umgang mit dem Infanten, wie Ariès ihn schildert, und hebt ebenfalls den 'selbstverständlichen Umgang mit den Kindern als Sexualwesen' in der Vormoderne hervor, bevor das bürgerliche Zeitalter mit seiner Sexualfeindlichkeit und der 'rigorose[n] Bekämpfung der Onanie' (Kentler 1984: 23) in die Erziehung Einzug hielt. Und auch Der Spiegel bezog sich in seiner Rezension des Buches von Ariès im Jahre 1976 auf die Darstellung des frühneuzeitlichen Umgangs mit kindlicher Sexualität und notierte, 'dass es selbst am Königshof lockerer zuging als heute im Kinderladen' (Der Spiegel 1976: 177). An die Studie von Ariès schloss sich seit den 1970 Jahren ein internationaler kindheitstheoretischer Diskurs an, der dominante Kindheitsnormen und Aspekte der generationalen Ordnung und ihrer Altershierarchie in Frage stellte (vgl. Baader 2014 und 2016c). In diesem Diskurs ist auch der Sexualwissenschaftler Ernest Borneman präsent, der in der Zeitschrift päd. extra 1978 die Kindheit als Getto beschrieb und sich in diesem Zusammenhang wiederum auf Ariès und den anderen Umgang mit kindlicher Sexualität in der Vormoderne bezog (vgl. Borneman 1978a; Baader 2017). Päd. extra ist die erziehungswissenschaftliche Zeitschrift, in der die Debatte um 'das neue Interesse an Kindern' (Rutschky 1979) in der Bundesrepublik am stärksten geführt wurde. Borneman verantwortete zudem einen Beitrag im Handbuch Kritische Stichworte zur Kinderkultur (1978b), in dem Pädophilie sowohl mit Bezugnahme auf Praktiken des Umgangs mit Kindern in der Frühen Neuzeit unter Hinweis auf Ariès als auch in naturalisierender und orientalisierender Perspektive mit Verweis auf andere Kulturen, etwa im Südpazifik, mit Referenz auf die ethnologischen Forschungen von Bronislaw Malinowski und Margret Mead gerechtfertigt wird (vgl. Baader 2017). Auch Borneman ruft das Legitimationsmuster auf, dass Geschlechtsverkehr zwischen Kindern und Erwachsenen nicht per se schädlich sei, und bezieht sich dabei auf die Geschichte, die Anthropologie sowie die Kinderpsychiatrie unter Verweis auf empirische Daten (vgl. Borneman 1978b). Eine radikale Kritik am modernen Verständnis von Kindheit, Sexualität und Erziehung formulierte zudem der französische Philosoph René Schérer in Das dressierte Kind (1975 [1973]) gleichfalls unter dem Hinweis auf die Ethnologie und Anthropologie, insbesondere auf die Werke von Mead und Malinowski. Schérer setzt sich kritisch mit Rousseaus Emile aus dem Jahre 1772 auseinander, der für ihn das Verhältnis von Sexualität, Kindheit und Erziehung des bürgerlichen Zeitalters exemplarisch dargestellt hat. Das Kind Emile müsse - um ein zukünftiger Bürger zu werden - den 'Weg der Unschuld' gehen, 'die sich nur unter Verzicht auf die Spontaneität eines sinnlichen Verlangens halten kann' (ebd.: 29). Schérer kritisierte das psychoanalytische Modell kindlicher Sexualität, das Konzept der Latenz (vgl. ebd.: 82) und damit das zweizeitige Modell Freuds, das zwischen einer präpubertären und einer nachpubertären Entwicklung unterscheidet. 1973 hatte Borneman, der nicht nur Sexualwissenschaftler, sondern auch Anthropologe war, eine dreibändige Untersuchung, Studien zur Befreiung des Kindes, vorgelegt. Das Schlagwort von der Befreiung der kindlichen Sexualität spielte zudem in der westdeutschen antiautoritären Kinderladenbewegung eine zentrale Rolle (vgl. Sager 2008 und 2015; Baader und Sager 2010) und tauchte damit nicht nur auf der Ebene wissenschaftlicher Disziplinen, sondern zugleich in pädagogischen Handlungsfeldern des gegenkulturellen Milieus auf. Dies war auch der programmatische Hintergrund für einen Bericht aus dem Jahre 1969 über Sexualaufklärung aus der Berliner Kommune 2, in dem die Grenze zwischen kindlicher und erwachsener Sexualität im Kontext einer Aufklärungssituation zwischen einem männlichen Kommunarden und einem vierjährigen Mädchen überschritten wurde (vgl. Sager 2008). Der Text wurde erstmals unter dem Titel Kindererziehung in der Kommune (Kommune 2 1969) im Kursbuch veröffentlicht, einem Selbstverständigungsorgan der Neuen Linken. Er stammte nicht aus einem der Kinderläden, sondern aus deren Umfeld und wurde in den 1970er Jahren vielfach kontrovers diskutiert (vgl. Seifert 1970: 57). 1969 und 1971 erschien er unter dem Titel Versuch der Revolutionierung des bürgerlichen Individuums im Rahmen eines umfangreicheren Textes (siehe Kommune 2 1971 [1969]). Mit dem Titel wird unterstrichen, dass der Umgang mit Kindheit und Sexualität zugleich im Rahmen eines antibürgerlichen, revolutionären Projektes stand. 1984 wurde der Text schließlich in Helmut Kentlers Anthologie Sexualwesen Mensch erneut abgedruckt. Naturalisierung und Befreiung der kindlichen Sexualität in den Kinderläden Die antiautoritäre Kinderladenbewegung in der Bundesrepublik, die wir ebenfalls in einem von der DFG geförderten Projekt untersucht haben (BA 1678/4-1), zeichnete sich durch eine Vielzahl an Einrichtungen, große Heterogenität und eine Reihe von Konzepten aus, die sich in verschiedene Typen unterscheiden lassen (vgl. Baader, Ronneburger und Sager 2012; Baader 2014). Allein in West-Berlin existierten im Jahre 1974 über 300 Kinderläden. In vielen, insbesondere solchen, die dem Typus der psychoanalytischen Kinderläden entsprachen, kam der Sexualerziehung eine große Bedeutung zu. Sie gingen von der Existenz einer kindlichen Sexualität aus. Kinder hätten ein Recht darauf, diese auszuleben und eigene Erfahrungen zu sammeln, was in traditionellen Einrichtungen verhindert werde. Dabei bezogen sie sich weniger auf die Psychoanalyse Freuds, sondern schlossen eher an Wilhelm Reich an (vgl. Sager 2008; Kauders 2014). Dessen Begriff der 'Selbststeuerung' beziehungsweise 'Selbstregulierung' spielte eine zentrale Rolle für die Kinderladenkonzepte insgesamt - nicht nur in Bezug auf die Sexualität, sondern beispielsweise auch im Hinblick auf die Gestaltung der Räume, das Essverhalten und das Ausagieren von Aggressionen. Mit Reich und anderen gingen die Akteurinnen und Akteure der Kinderläden davon aus, dass die Unterdrückung der Sexualität in der frühen Kindheit zur Entwicklung und Herausbildung eines unfreien Menschen führe, und wollten deshalb das Ausleben der kindlichen Sexualität fördern. Eltern, Erzieherinnen und Erzieher wurden deshalb im Sinne der 'Therapeutisierung des Selbst' (Maasen et al. 2011) dazu aufgefordert, an ihren eigenen sexuellen Schwierigkeiten, Verklemmungen und unterdrückten Wünschen zu arbeiten. Dies sollte in einem permanenten Prozess der Auseinandersetzung im Kollektiv erfolgen (vgl. Seifert 1970: 55 f.). In diesem Kontext sind Texte entstanden, in denen darüber berichtet wurde, dass Kinder an ihren Genitalien berührt werden wollten, und die Erzieherinnen aufgefordert wurden, diesem Verlangen nachzugeben (vgl. Baader 2017), um eine vermeintlich natürliche Entwicklung der Sexualität nicht durch repressive Verbote einzuschränken. Auch die psychoanalytisch geschulte Begründerin der Frankfurter Kinderschule, Monika Seifert, die sich ebenfalls auf Reich berief, forderte die Erwachsenen zur kritischen Selbstreflexion und zur Arbeit an ihrer Sexualität auf. Sie bezog sich neben anderen auf den Reformpädagogen Alexander S. Neill. Dieser unterstrich gleichfalls die große Bedeutung eines freien Umgangs mit kindlicher Sexualität in der Erziehung. 'Wir Erwachsenen wurden in der frühen Kindheit verdorben. Wir können in sexuellen Fragen nie frei sein. [...] Vielleicht gibt es für die Erwachsenen keine Rettung. Doch ist es auf alle Fälle möglich, unsere Kinder zu retten, wenn wir ihnen nicht jene schrecklichen Anschauungen über die Sexualität aufzwingen, die uns einst aufgezwungen worden sind.' (Neill 1969: 197; vgl. Baader 2016a) Neill führte wiederum Reichs Studie Charakteranalyse ins Feld (vgl. Neill 1969: 199). Für Neill ist das Verbot von heterosexuellen Spielen in der Kindheit zudem für die Entwicklung zur Homosexualität verantwortlich, über die er sich kritisch äußert (vgl. ebd.: 200). Auch in diesem Zusammenhang wird erneut die Anthropologie ins Feld geführt. 'Der bekannte Anthropologe Malinowski berichtet uns, dass es unter den Trobriandern keine Homosexualität gab, bis die schockierten Missionare getrennte Heime für Jungen und Mädchen einführten' (ebd.: 203). In den Kontext der Kinderladenbewegung mit ihren Bestrebungen, die kindliche Sexualität zu befreien, ist auch der Text des Politikers der Grünen und ehemaligen 68er-Aktivisten Daniel Cohn-Bendit einzuordnen (vgl. Baader 2012a), der 2013 zur Folge hatte, dass ihm der Theodor-Heuss-Preis, für den er vorgesehen war, nicht verliehen wurde. Diese Auseinandersetzungen führten dann dazu, dass die oben erwähnte Studie zur Pädosexualität bei den Grünen in Auftrag gegeben wurde (vgl. Walter, Klecha und Hensel 2015). In Frankreich hatte es bereits einige Jahre vorher eine Debatte über Daniel Cohn-Bendit und die Pädophilievorwürfe gegeben (vgl. Bourg 2010). Im Kapitel 'Little Big Men' seines autobiografischen Textes Der große Basar aus dem Jahr 1975 beschreibt Daniel Cohn-Bendit seine Zeit in einem Frankfurter Kinderladen, in dem er 1972 angefangen hatte zu arbeiten. 'Mein ständiger Flirt mit allen Kindern nahm bald erotische Züge an. Ich konnte richtig fühlen, wie die kleinen Mädchen von fünf Jahren schon gelernt hatten, mich anzumachen. Es ist kaum zu glauben, meist war ich ziemlich entwaffnet' (Cohn-Bendit 1975: 140). 'Es ist mir mehrmals passiert, daß einige Kinder meinen Hosenlatz geöffnet und angefangen haben, mich zu streicheln. Ich habe je nach Umständen unterschiedlich reagiert, aber ihr Wunsch stellte mich vor Probleme. Ich habe sie gefragt: ?Warum spielt ihr nicht untereinander, warum habt ihr mich ausgewählt und nicht andere Kinder?? Aber wenn sie darauf bestanden haben, habe ich sie dennoch gestreichelt. Da hat man mich der ?Perversion? beschuldigt.' (Ebd.: 143) Diese Textpassage, die der Autor schon vor der öffentlichen Debatte 2013 als 'schlechte Literatur' bezeichnet hatte (Kerstan 2010: 15), bedient wohl heteronormative Projektionen und Geschlechterklischees, ausdrücklich thematisiert oder legitimiert werden diese indes nicht. Darüber hinaus enthält Cohn-Bendits Text weitere Passagen zur Sexualerziehung im Kontext der Kinderläden, etwa wenn es darum geht, ob Kinder beim Sexualakt der Eltern anwesend sein können, ohne dadurch Schaden zu nehmen. Diese Frage wurde allgemein in den Kinderläden kontrovers diskutiert (vgl. Seifert 1970: 58). Im Rahmen der Kinderläden existieren viele Fotografien von nackten Kindern, die zu Ikonen der sexuellen Befreiung wurden. Eine Analyse dieser Fotografien, die Aufschluss über Kinder- und Kindheitsbilder der antiautoritären Erziehungsbewegung geben könnte, steht noch aus. Hier werden Kinder in einer Weise dargestellt, die an die wilden, nackten Kinder der Anderen, etwa bei den Trobriandern, denken lassen. Dies ist etwa der Fall in päd. extra 11/1980 (vgl. Jansen 2017). Die Bilder von nackten Kindern in Publikationen der emanzipatorischen Sexualaufklärung der 1970er Jahre weisen Geschlechterdifferenzen auf, die dem theoretisch postulierten Anspruch einer Gleichwertigkeit der Geschlechter entgegenstehen und das männliche Kind ins Zentrum rücken und ihm eine überlegene Stellung zukommen lassen (vgl. Sager 2015: 150-155). Blinde Flecken Die blinden Flecken, durch die sich die genannten Diskurse und Dokumente auszeichnen, lassen sich analytisch präzisieren (vgl. Baader 2012a, 2016b und 2017). Die Rhetorik von der einvernehmlichen Sexualität zwischen Kindern und Erwachsenen ignoriert das Machtverhältnis zwischen den Generationen. Dies räumte selbstkritisch der Sexualwissenschaftler Günter Amendt ein, Autor von Sexfront (1970), der sich bereits in den 1970er Jahren von eigenen früheren Positionen distanzierte. Er übernahm Argumente der Frauenbewegung, insbesondere von Alice Schwarzer, mit der er eine Zeit lang zusammen arbeitete (vgl. Amendt 2010; Baader 2012a). Aber auch der Gewaltbegriff in den analysierten Texten ist verkürzt. In der Sexualwissenschaft und im Pädophilie-Heft von betrifft:erziehung dominierte ein enger Gewaltbegriff, der Gewalt mit sichtbarer physischer Misshandlung gleichsetzte. Dieser strukturierte den Diskurs, indem die Verbreitung körperlicher Gewalt von Eltern an Kindern hervorgehoben (vgl. Amendt 1970: 171 f.) und mit der angeblich gewaltlosen Einvernehmlichkeit im Falle von Pädophilie verglichen wurde. Im kindheitstheoretischen Diskurs, der Zwang und Gettoisierung beklagte, herrschte hingegen ein weiter, aber gleichfalls undifferenzierter Gewaltbegriff vor, wenn es etwa heißt: 'In einer Welt jedoch, deren strukturelle Gewalt sich auch gegen Kinder richtet, muss man die Pädophilen in Schutz nehmen, weil sie die Kinder lieben' (Döpp 1979: 59). Darüber hinaus fällt auf, dass Sexualität und körperliche Berührung in den analysierten Dokumenten für Kinder stets positiv erscheinen und in binär codierten Argumentationsmustern der herrschenden Sexualfeindlichkeit und körperfeindlichen Erziehung der 1950er und frühen 1960er Jahre - auch im Rahmen der Heimerziehung - gegenübergestellt werden. Im analysierten Diskurs der 1970er Jahre existiert keine Diskursposition, die Kindern ein Nein zur Sexualität einräumt, obwohl das Nein-Sagen in einer Pädagogik, die auf Kritik und 'Erziehung zum Ungehorsam' (Bott 1970) setzte, wie etwa in den Kinderläden, hoch im Kurs stand. Dies wird etwa im NEIN-Buch für Kinder (Stiller und Kilian 1973; vgl. Baader 2016c) entfaltet und richtet sich dort gegen das Verhalten eines 'Musterknaben' (Stiller und Kilian 1973: 93), ein 'Nein' zur Sexualität kommt jedoch nicht vor - zu stark wurde die kindliche Sexualität in diesem Kontext naturalisiert und in ihrer befreienden Wirkung als Voraussetzung für eine soziale Revolution überhöht. Darüber hinaus fällt auf, dass die Dokumente, die sich für die Legitimität einer einvernehmlichen Sexualität zwischen Kindern und Erwachsenen aussprechen, extrem vage hinsichtlich der Altersangaben der Kinder bleiben. Ob von Dreijährigen oder von Dreizehnjährigen die Rede ist, b
Blick ins Buch
Inhaltsverzeichnis
Inhalt3
Studien5
Meike Sophia Baader: Pädosexualität. Kindheit und Geschlecht im wissenschaftlichen Diskurs der 1970er Jahre5
Frederick Neuhouser: Drei Farben: Rot. Kie?lowski mit Rousseau23
William E. Scheuerman: Digitaler Ungehorsam53
Stichwort: Alexis de Tocqueville und die Paradoxien der Gleichheit Hg. von Axel Honneth, Judith Mohrmann, Juliane Rebentisch und Felix Trautmann73
Claude Lefort: Die Drohung, die auf dem Denken lastet77
Judith Mohrmann: Die Stille nach dem Schuss – Paradoxien revolutionärer Befreiung bei Tocqueville und Michael Walzer85
Juliane Rebentisch und Felix Trautmann: Zerrbilder der Gleichheit. Demokratie und Massenkultur nach Tocqueville101
Nadia Urbinati: Demokratischer Individualismus121
Johannes Voelz: Wendungen des Neids. Tocqueville und Emerson zum Paradox einer demokratischen Leidenschaft143
Eingriffe157
Peter Wehling, Anastassija Kostan und Clément Dréano: Anlageträger-Screening. Die narrative Legitimierung einer neuen genetischen Diagnostik157
Axel Honneth: Workingman’s Blues #2. Ein Literaturessay zu Didier Eribon und Arlie Hochschild171
Felix Trautmann: Anthropologie moralischer Ökonomien. Ein Porträt Didier Fassins anlässlich der Adorno-Vorlesungen 2016189
Archiv207
Skadi Siiri Krause: Tocqueville zur französischen und englischen Kolonialpolitik. 2 Briefe207
Mitteilungen aus dem IfS223
Peter Wagner: Schulden: Zur Historisierung der Beziehung Europas zum »Süden«. Forschungsvorhaben im Rahmen des Konsortiums »Humanities in the European Research Area« (HERA)223
Autorinnen und Autoren227

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