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Westrom

Von Honorius bis Justinian

AutorHenning Börm
VerlagKohlhammer Verlag
Erscheinungsjahr2018
Seitenanzahl250 Seiten
ISBN9783170332188
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis23,99 EUR
Der Westen des Imperium Romanum erlebte ab 395 n. Chr. eine Kette von dramatischen Ereignissen und Entwicklungen. 476 wurde der letzte Westkaiser abgesetzt, 554 schaffte Justinian auch den weströmischen Hof ab. Diese Vorgänge, die für Europa den Übergang von der Antike zum Mittelalter markieren, sind oft durch eine 'Völkerwanderung' erklärt worden. Der vorliegende Band rückt dagegen innerrömische Konflikte ins Zentrum: Westrom wurde nicht erobert. Seine Nachfolgereiche traten erst an die Stelle der kaiserlichen Regierung, als endlose Bürgerkriege zum Kollaps der römischen Herrschaft geführt hatten. Ein systematischer Überblick über Kaisertum, Verwaltung, Armee, Wirtschaft und Religion rundet die Darstellung ab.

Dr. Henning Börm ist Privatdozent für Alte Geschichte an der Universität Konstanz.

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Leseprobe

1          Einleitung


 

 

 

Dieses Buch hat die Geschichte des römischen Westens zwischen dem 3. und 6. Jahrhundert nach Christus zum Gegenstand, jene Phase also, in der die Welt des europäischen Mittelalters ihre Anfänge erlebte und die Zeit des antiken Imperium Romanum an ihr Ende gelangte. Wenngleich beide Aspekte untrennbar miteinander verknüpft sind, wird es auf den folgenden Seiten eher um Letzteres gehen.

Selbstverständlich kann dabei nur eine Skizze geboten werden, und da ein solches Vorhaben eine bewusste Schwerpunktsetzung unumgänglich macht, soll vor allem die politische Geschichte im Mittelpunkt der Darstellung stehen. Der kulturgeschichtliche Ansatz, der insbesondere dank der Arbeiten Peter BROWNS lange Zeit die Forschung zur Spätantike (284 bis 641) bestimmt hat und auch weiterhin nachhaltig prägt,1 wird dagegen ebenso wie auch die Sozialgeschichte notwendig in den Hintergrund rücken müssen. Der knappe systematische Abriss, den die letzten Kapitel bieten, ist dabei vornehmlich dazu gedacht, jene Strukturen deutlicher hervorzuheben, ohne die die politische Geschichte des römischen Westens schwer verständlich bliebe. Unvermeidlich wird nicht jeder Leser mit der dem begrenzten Raum geschuldeten Auswahl einverstanden sein.

Die Forschungsliteratur hat vor allem seit den 1980er Jahren einen unmöglich zu überblickenden Umfang angenommen. Historiker, Philologen und Archäologen auf der ganzen Welt beschäftigen sich intensiv mit der Spätantike. Gerade in den letzten Jahren ist die Diskussion darüber, ob das Weströmische Reich »gefallen« oder »transformiert« worden sei, neu entbrannt, und auch über die Gewichtung innen- und außenpolitischer Faktoren herrscht keineswegs Einigkeit.2 Es bleibt hier daher nur die Möglichkeit, auf solche modernen Arbeiten zu verweisen, die entweder besonders anregend gewirkt haben oder einen guten Ausgangspunkt für weitere, vertiefende Studien bilden.

Doch damit nicht genug der Hindernisse. Denn was ist eigentlich gemeint, wenn hier von »Westrom« oder vom »Weströmischen Reich« die Rede ist? Sowohl die zeitliche als auch die räumliche Eingrenzung des Gegenstandes fällt schwerer, als es zunächst den Anschein haben mag. Das ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass die antiken Quellen in aller Regel bis zuletzt von einem einzigen Imperium Romanum ausgehen, das zwar selbstverständlich über einen Osten und einen Westen (pars Occidentis) verfügte, aber eben doch im Zweifelsfall ein ungeteiltes Ganzes darstellte. Auch wenn Identitäten, wie sich zeigen wird, mitunter schillernd und schwer bestimmbar waren, wäre es doch, soweit man sieht, keinem Zeitgenossen der Ereignisse eingefallen, sich selbst als »Weströmer« zu bezeichnen. Allenfalls sprach man den Bewohnern des Ostens mitunter ihr Römertum ab und bezeichnete sie als »Griechen«, etwas, das diesen selbst kaum in den Sinn gekommen wäre.3

Die Zeugnisse, die einer Bezeichnung wie »Weströmisches Reich« am nächsten kommen, sind selten und spät; am prominentesten ist in diesem Zusammenhang wohl der Chronist Marcellinus Comes, der um 520 in einem wirkmächtigen Satz seines Werkes vom »Ende« des Hesperium Romanae gentis imperium, also des »westlichen Reiches des römischen Volkes«, im Jahr 476 spricht.4

Die geographische Eingrenzung wird dadurch noch weiter erschwert, dass die Gefahr besteht, die Bedeutung sichtbarer, oft militärisch überwachter Grenzen (limites) zu überschätzen. Bekanntlich waren viele Römer der Ansicht, ihnen sei ein imperium sine fine verliehen worden;5 und auch wenn man zwischen diesem Anspruch und der Realität in aller Regel sehr wohl zu unterscheiden wusste, bleibt es dennoch richtig, dass die Grenzen römischen Einflusses und kaiserlicher Macht oft viel schwerer bestimmbar waren, als man angesichts historischer Atlanten oder der Ruinen spätantiker Grenzkastelle meinen könnte. Dies gilt auch für die Zuschreibung ethnischer Identitäten, wenngleich im Folgenden die entsprechenden Bezeichnungen, die sich in den Quellen finden, bis zu einem gewissen Grad übernommen werden sollen. Wie problematisch Begriffe wie »Römer«, »Barbar«, »Gote« oder »Vandale« sind, hat die Forschung der letzten Jahrzehnte klar herausgestellt.6

Als Grundlage für die folgenden Ausführungen sei der geographische Rahmen dennoch wie folgt bestimmt: Westrom umfasste Britannien bis zum Hadrianswall, Gallien einschließlich der beiden »germanischen« Provinzen, Hispanien mit den Balearen, die Provinzen an der Oberen Donau, also insbesondere Raetia, Noricum und Pannonia, sowie das westliche Nordafrika und natürlich Italien mit Korsika, Sardinien und Sizilien. Das Illyricum war zwischen Ost und West, zumindest anfänglich, umstritten. Man könnte allerdings auch einen anderen Ansatz wählen, der die Fluktuation und Flüchtigkeit der Verhältnisse vor allem im 5. Jahrhundert stärker betont: Zu Westrom gehörten demnach jene Gebiete, die der tatsächlichen, wirksamen Kontrolle des in Italien residierenden Hofes unterstanden.

Kaum weniger problematisch ist die Bestimmung des zeitlichen Rahmens. Traditionell wählt man zwei Daten als Epochengrenzen, nämlich zum einen das Jahr 395, als nach dem Tod des Kaisers Theodosius I. sein junger Sohn Honorius die Herrschaft über den römischen Westen übernahm, und zum anderen das Jahr 476, als der Heerführer Odoaker den Romulus Augustulus absetzte. Dieser gilt gemeinhin als der letzte weströmische Kaiser, denn Odoaker verzichtete demonstrativ darauf, für ihn einen Nachfolger zu bestimmen. Vielmehr schickte er den kaiserlichen Ornat nach Konstantinopel, unterstellte sich dem dortigen Augustus und scheint zudem erklärt zu haben, der Westen benötige keinen eigenen Kaiser mehr.7 Dessen Position sollte damit also abgeschafft werden.8

Beide Daten, sowohl 395 als auch 476, sind als mögliche Epochengrenzen durchaus diskussionswürdig, und gegen beide kann man auch gewichtige Einwände vorbringen. Wenn im Folgenden die Zeit zwischen Honorius und Justinian, der 554 einen Schlussstrich unter der weströmischen Geschichte zog, in den Mittelpunkt gestellt wird, obwohl der Darstellung ein Überblick über die Vorgeschichte des Jahres 395 vorangestellt werden soll, so ist dies letztlich vor allem dem roten Faden geschuldet, der sich durch die Darstellung ziehen soll.

Dieses Leitthema, das den Stoff ordnen und eine Interpretation der oft chaotisch anmutenden Ereignisse ermöglichen soll, ist das letztlich vergebliche Ringen der weströmischen Reichszentrale um Handlungsspielräume und um die Kontrolle des Imperiums. Es ist eine Geschichte davon, wie dem Zentrum im Zuge von endlosen internen Machtkämpfen und Bürgerkriegen9 die Herrschaft über die Peripherie entglitt, und wie schließlich andere Mächte an seine Stelle traten. Auch die Geschichte der »barbarischen« gentes bzw. Verbände wird in diesen Kontext eingeordnet werden. Denn dass äußerer Druck auf das Reich eine erhebliche, wenngleich erstaunlich schwer bestimmbare und wohl oft überschätzte Rolle spielte, soll nicht bestritten werden. Leider wird es sich nicht vermeiden lassen, dabei recht viele handelnde Personen einzuführen, denn die Zahl derer, die prominent an den Ereignissen beteiligt waren, ist groß.

Jeder Historiker erzählt seine Geschichte bis zu einem gewissen Grad notwendig stets vom Ende her und konstruiert Kausalitäten. Was folgt, ist dennoch keine Dekadenzerzählung, keine Geschichte vom unausweichlichen Niedergang des Römischen Reiches. Vielmehr sollten zwei Fragen im Hintergrund stets mitgedacht werden: Welche Mechanismen und Strukturen lassen sich als die Entwicklung mitprägende Faktoren benennen, die ihrerseits überhaupt erst die Voraussetzung dafür bildeten, dass zufällige Ereignisse weitreichende Folgen haben konnten? Und ab welchem Zeitpunkt war der Machtverlust der kaiserlichen Zentrale des Westens wirklich irreversibel geworden?

Die Annahme, dass dieser langwierige Prozess im 4. Jahrhundert einsetzte – wobei entscheidende Voraussetzungen bereits zuvor geschaffen worden waren – und erst um die Mitte des 6. Jahrhunderts endgültig unumkehrbar geworden war, bestimmt den Rahmen der folgenden Darstellung.

1     Verwiesen sei hier nur auf die grundlegende Arbeit Brown 2003 sowie zuletzt Brown 2012.

2     Vgl. Rutenburg/Eckstein 2007; Ando 2009.

3     Die...

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