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E-Book

Wider die Götter

Die Geschichte der modernen Risikogesellschaft

AutorPeter L. Bernstein
VerlagMurmann Publishers
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl472 Seiten
ISBN9783867745611
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis17,99 EUR
Der moderne Mensch, ob Politiker, Manager, Anleger, Wissenschaftler oder Glücksritter, steht ununterbrochen vor Alternativen und unter Entscheidungszwängen. Aus früherer Schicksalsgläubigkeit und Gottergebenheit wurde Risikomanagement. Aus Spiel Investition, aus Schicksal Geschicklichkeit. Peter L. Bernstein erzählt die Geschichte der Vision, die Zukunft in den Dienst der Gegenwart stellen zu können.

Peter L. Bernstein ist einflussreicher Analyst und Investmentberater in New York. Mehrere Jahre lehrte er an der dortigen New School for Social Research. 1974 gründete er das Journal of Portfolio Management. Er erhielt für seine Arbeit und seine Veröffentlichungen mehrere Preise, unter anderem die drei bedeutendsten Auszeichnungen der AIMR (Association for Investment Management & Research).

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Leseprobe

Einleitung


Worin besteht eigentlich der Unterschied zwischen den Jahrtausenden vergangener Geschichte und unserer Zeit, der Moderne? Die Beantwortung dieser Frage greift über alle Hinweise zum Fortschritt der Naturwissenschaften wie von Technologie, Kapitalismus und Demokratie hinaus.

Die ferne Vergangenheit war ja reich an brillanten Naturwissenschaftlern, Mathematikern, Erfindern, Technologen und politischen Denkern. Das Firmament war bereits Jahrhunderte vor Christi Geburt verzeichnet, die große Alexandrinische Bibliothek erbaut und die euklidische Geometrie unterrichtet worden. Das Interesse an technischen Neuerungen war im Hinblick auf die Kriegführung damals genauso unersättlich wie heute. Kohle, Öl, Eisen und Kupfer stehen bereits Tausende von Jahren im Dienst des Menschen, Nachrichtenverkehr und Reisen lassen sich bis zu den Ursprüngen der schriftlich überlieferten Kultur zurückverfolgen.

Das Revolutionäre, das die Neuzeit von historischer Vergangenheit trennt, ist die Vorstellung der Risikosteuerung, der Gedanke, dass die Zukunft nicht bloß den Launen der Götter entspringt und dass Männer wie Frauen der Natur nicht passiv gegenüberstehen. Zuvor war die Zukunft nur ein Spiegelbild der Vergangenheit oder das Halbdunkel der Orakel und Weissager, die das Vorherwissen von Ereignissen monopolisiert hatten.

In diesem Buch wird die Geschichte von Denkern und ihrer bemerkenswerten Vision erzählt, die Zukunft in den Dienst der Gegenwart stellen zu können. Indem sie der Welt zeigten, wie sich Risiko begreifen, messen und in seinen Konsequenzen abwägen lässt, konnte jene Bereitschaft zum Risiko entstehen, die ein wesentlicher Katalysator des Fortschritts der modernen westlichen Gesellschaft ist. Sie haben die Götter herausgefordert wie Prometheus und das Dunkel erforscht auf der Suche nach Licht, so dass die Zukunft nicht mehr feindliche Macht, sondern Chance bedeutete. Die Risikosteuerung, welche dadurch in Gang kam, hat die Spiel- und Wettleidenschaft des Menschen in wirtschaftliches Wachstum, verbesserte Lebensqualität und technologischen Fortschritt umgesetzt.

Diese Neuerer haben einen rationalen Umgang mit Risiken ermöglicht und damit den Schub für das Tempo, die Energie, den Kommunikationskreislauf und das hochdifferenzierte Finanzwesen erzeugt, die Wissenschaft und Wirtschaft zu den maßgeblichen Bereichen unserer Epoche machten. Ihre Entdeckungen zur Eigenart des Risikos, über die Möglichkeit von freier Wahl und Entscheidung und eines entsprechenden wissenschaftlichen Instrumentariums bilden den Kern der modernen Marktwirtschaft, der sich die Nationen weltweit eiligst anschließen möchten. Trotz aller damit verbundenen Probleme und Fallstricke hat die Marktwirtschaft mit der Freiheit der Wahl als Angelpunkt der Menschheit einen beispiellosen Zugang zu den guten und angenehmen Seiten des Lebens eröffnet.

Das Charakteristikum der modernen Gesellschaft besteht darin, dass sie festzulegen vermag, was in Zukunft möglich ist, und zwischen möglichen Alternativen wählen kann. Das Risikomanagement umfasst einen Riesenkomplex von Entscheidungsfindungen – von der Verteilung des Volksvermögens bis zur Sicherung des öffentlichen Gesundheitssystems, von der Kriegführung bis zur Familienplanung, vom Festlegen der Versicherungsprämien bis zum Anschnallen des Sicherheitsgurts in Auto und Flugzeug, vom Maisanbau bis zum Vermarkten von Cornflakes.

In früheren Epochen waren die Werkzeuge und Methoden für Ackerbau, Warenerzeugung, Betriebsführung, Verkehr und Kommunikation einfach. Es gab oft Pannen, doch für Reparaturen brauchte es weder Klempner noch Elektriker und Computerfachleute – genauso wenig wie Buchhalter und Investmentberater. Die Folgen von Störungen in einem Sektor wirkten sich auf andere Bereiche unmittelbar und direkt aus. Heutzutage funktioniert alles nur dank hochkomplizierter Instrumentarien, und Pannen können Katastrophen mit weitreichenden Folgen auslösen. Wir müssen uns der Wahrscheinlichkeit von Funktionsstörungen und -fehlern ständig bewusst sein. Ohne Zuhilfenahme der Wahrscheinlichkeitstheorie und anderer Methoden zur Risikosteuerung hätten Ingenieure nie die großen Brücken zu planen vermocht, die selbst breiteste Flüsse überspannen, würden die Wohnungen immer noch mit Kaminen oder Zimmeröfen geheizt werden müssen, würde es keine Nutzung von Elektrizität geben, die Polio nach wie vor Kinderlähmung verursachen, kein Flugzeug fliegen und Weltraumreisen ein bloßer Traum geblieben sein.*

Ohne das Versicherungswesen würden junge Familien nach dem Tod ihres Ernährers verhungern oder auf Nächstenliebe angewiesen sein; würden noch viel mehr Menschen ohne medizinische Versorgung auskommen müssen, und nur die Reichsten könnten sich ein Eigenheim leisten. Wenn Bauern ihre Produkte nicht schon vor der Erntezeit zu Festpreisen verkaufen könnten, würden erheblich weniger Nahrungsmittel erzeugt.

Wenn es keine Kapitalmärkte gäbe, die Sparern ein Diversifizieren der Risiken gestatteten, und wenn Investoren (wie in der Frühzeit des Kapitalismus) auf eine Aktie beschränkt blieben, wären die großen innovativen Unternehmen unseres Zeitalters eventuell nie entstanden. Die Möglichkeit der Risikosteuerung und die dadurch gegebene Risikobereitschaft mit dem Willen zu zukunftsorientierten Entscheidungen setzt die Energien frei, die unser Wirtschaftssystem antreiben.

DIE WURZELN DES modernen Risikoverständnisses liegen im hindu-arabischen Zahlensystem, das vor achthundert Jahren die westliche Welt erreichte. Die eigentliche Risikoforschung begann jedoch erst in der Renaissance, als der Mensch sich von den Fesseln der Vergangenheit befreite und tradierte Meinungen und religiöse Vorstellungen offen in Frage stellte. Es war dies eine Epoche, in der weite Teile der Erde überhaupt erst entdeckt wurden und die Ausbeutung ihrer Schätze begann. Es war ein Zeitalter religiöser Umbrüche, der ersten Anfänge des Kapitalismus und einer entschiedenen Hinwendung zu Naturwissenschaft und Zukunft.

1654, in der Blüte der Renaissance, forderte der Chevalier de Méré, ein französischer Edelmann mit einem Faible für Glücksspiele und Mathematik, den berühmten französischen Mathematiker Blaise Pascal auf, ein Rätsel zu lösen: Wie sind die Wetteinsätze eines angelaufenen Glücksspiels zwischen zwei Spielern aufzuteilen, von denen einer führt? An dieser Aufgabe waren alle Mathematiker gescheitert, seit der Mönch Luca Pacioli sie rund zweihundert Jahre zuvor gestellt hatte; Pacioli war es übrigens auch gewesen, der das System der doppelten Buchführung für Kaufleute entwickelt und Leonardo da Vinci im Gebrauch der Multiplikationstafel unterwiesen hatte. Pascal suchte die Mithilfe des Juristen Pierre de Fermat, der auch als Mathematiker brillant war. Das Ergebnis ihrer Gemeinschaftsarbeit war geistiges Dynamit. Was wie ein Vorläufer des Spiels »Trivial Pursuit« anmuten könnte, führte zur Entdeckung der Wahrscheinlichkeitstheorie und damit zum mathematischen Kern des Risikobegriffs.

Die Lösung dieser Aufgabe versetzte den Menschen in die Lage, mit Hilfe von Zahlen Entscheidungen zu treffen und die Zukunft vorherzusagen. Natürlich hatte er auch vorher schon – im Mittelalter, in der Antike, sogar in der Agrargesellschaft vor Erfindung der Schrift – Entscheidungen getroffen, Interessen verfolgt und Handel getrieben, doch ohne wirklich eine Vorstellung von Risiko oder Entscheidungsfindung zu haben. Wenn wir uns heute weniger auf Aberglauben und Tradition verlassen als unsere Vorfahren, so nicht etwa, weil wir rationalere Menschen wären, sondern weil wir dank des Risikobegriffs auf rationalem Wege Entscheidungen zu treffen vermögen.

Der Durchbruch zur Wahrscheinlichkeitstheorie erfolgte in einer Zeit außerordentlich starker Innovations- und Forschungsschübe. Bis 1654 hatte es sich als gesichertes Wissen durchgesetzt, dass die Erde rund ist; waren riesige neue Länder entdeckt worden; legte das Schießpulver die Burgen des Mittelalters in Schutt und Asche; war der Buchdruck mit beweglichen Lettern voll etabliert, Künstlern das perspektivische Zeichnen vertraut geworden; wurde Europa reich; florierte die Amsterdamer Börse. Der berühmt gewordene Zusammenbruch der holländischen Tulpen-Spekulation in den 1630er Jahren folgte auf die Ausgabe von Optionen, welche die ausgereiften Finanzierungsinstrumente unserer Tage im Wesentlichen vorwegnehmen.

Diese Entwicklung machte dem Obskurantismus Beine. Martin Luthers Einfluss hatte sich breit durchgesetzt; in der künstlerischen Darstellung von Dreifaltigkeit und Heiligen war der Glorienschein zumeist verschwunden. William Harveys Entdeckung des Blutkreislaufs warf die bisherige medizinische Lehre über den Haufen – und Rembrandt malte Die Anatomie des Dr. Tulp mit dem kalten, weißen, nackten menschlichen Körper. Wenn der Chevalier de Méré mit der erwähnten Denksportaufgabe nicht an Pascal herangetreten wäre, hätte in solch einem geistigen Umfeld bestimmt ein anderer die Wahrscheinlichkeitstheorie erfunden.

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